Fünf Jahre Warnstreiks bei Amazon – Zeit für eine Bilanz

Von Marianne Arens
6. April 2018

Mehr als tausend Amazon-Beschäftigte legten am Dienstag nach Ostern in Leipzig und Bad Hersfeld erneut die Arbeit nieder. Sie kämpfen gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen, gegen ständige Überwachung und für mehr Lohn.

Mit 600 Beschäftigten nahmen diesmal in Bad Hersfeld mehr als üblich am Streik teil. Er begann um Mitternacht mit Beginn der Nachtschicht und dauerte 24 Stunden. An einer Streikversammlung im Zentrum von Bad Hersfeld beteiligten sich 500 Arbeiter. Auch in Leipzig streikten etwa 500 Mitarbeiter am Dienstag und Mittwoch bis zum Ende der Spätschicht. Schon vor Ostern hatten Amazon-Mitarbeiter in Graben, Rheinberg, Leipzig und Bad Hersfeld die Arbeit niedergelegt.

Am 21. und 22. März fand auch in Spanien ein Arbeitskampf bei Amazon statt. Die Arbeiter legten das spanische Logistikzentrum San Fernando de Henares bei Madrid zwei Tage lang komplett lahm.

Die Streiks sind Teil des aktuellen Aufschwungs von Arbeiterkämpfen auf der ganzen Welt. In Berlin protestieren die Feuerwehrleute, im ganzen öffentlichen Dienst streiken Pfleger, Busfahrer, Kita-Erzieherinnen und viele weitere Beschäftigte. In Frankreich hat ein Streik der SNCF-Eisenbahner gegen die Macron-Regierung begonnen, und in den USA weitet sich ein Lehrerstreik seit Wochen aus.

Allerdings sorgt bei Amazon die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi dafür, dass die Streiks fein säuberlich voneinander isoliert bleiben: Es gehe darum, „mit vereinzelten Streiks immer wieder Nadelstiche zu setzen“, wie es ein Verdi-Funktionär vor kurzem in Leipzig ausdrückte. Seit fünf Jahren führt Verdi die Streiks nun schon mit dieser Taktik. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen.

Im Frühjahr 2013 wurde die Gewerkschaft bei Amazon Deutschland erstmals aktiv. Vorausgegangen war ein Skandal, als Amazon um die Weihnachtszeit 2012 über zehntausend ausländische Leiharbeiter nach Deutschland gelockt hatte. Sie schufteten unter sklavenartigen Bedingungen in mehreren Logistikzentren, die meisten von ihnen in Bad Hersfeld, dem ältesten deutschen Versandlager.

Die damaligen Leiharbeiter waren junge Arbeiter aus Spanien, Rumänien oder Ungarn, die mit falschen Lohnversprechen über Vermittler-Firmen angeheuert worden waren. Bei Amazon standen sie unter extremem Druck, da sie trotz härtester Arbeit von heute auf morgen gekündigt werden konnten. Wohnen mussten sie in überfüllten Quartieren, wo sie von neofaschistischem Wachpersonal kontrolliert und schikaniert wurden.

Als eine ARD-Reportage im Februar 2013 diese Zustände öffentlich machte, drohte die Situation bei Amazon zu eskalieren. Genau an diesem Punkt griff Verdi ein und nahm ihre Arbeit bei den Versandhäusern auf, um der Entwicklung spontaner Streiks zuvorzukommen. Im April 2013 führte die Dienstleistungsgewerkschaft eine Urabstimmung durch, bei der fast 98 Prozent der Amazon-Beschäftigten für Streik stimmten, und dann organisierte sie den ersten Streik in Bad Hersfeld und Leipzig.

Das Hauptziel von Verdi bestand von Anfang an darin, die Amazon-Geschäftsführung von ihrer Nützlichkeit als Partner und Co-Manager zu überzeugen. Die Gewerkschaft forderte Amazon auf, mit ihr einen Tarifvertrag nach den Regeln des Einzel- und Versandhandels abzuschließen. Die Löhne würden dadurch minimal erhöht, das Unternehmen hätte den großen Vorteil, dass für die Laufzeit des Vertrages Tariffrieden, das heißt Streikverbot besteht.

Doch der global agierende US-Konzern weigert sich konstant, Verdi als Verhandlungspartner anzuerkennen und setzt stattdessen auf eigene Methoden, die Ausbeutung zu intensivieren. Amazon behauptet, schon bisher „faire“ Löhne zu bezahlen. Dabei betont der Konzern, dass die aktuellen Amazon-Löhne in etwa dem Tarifvertrag für die Logistikbranche entsprächen, der ja ebenfalls von Verdi ausgehandelt und unterschrieben worden sei.

Seit fünf Jahren führt nun Verdi seine ritualisierte Nadelstich-Streiktaktik durch, mit Trillerpfeifen-Kundgebungen und radikalen Sprüchen gegen die Superausbeutung bei Amazon. Dabei achtet die Gewerkschaft sorgfältig darauf, die Geschäftsinteressen von Amazon nicht wirklich zu tangieren. Die Arbeitsniederlegungen haben kaum je dazu geführt, dass Lieferungen deutlich verspätet waren oder gar nicht ankamen.

Es ist Amazon ein Leichtes, über sein weit verzweigtes europäisches Logistiknetzwerk die vereinzelten Tagesstreiks auszugleichen. Die Streiks haben den Amazon-Konzern in den ganzen fünf Jahren niemals daran gehindert, seine Profite weiter zu mehren.

Vor wenigen Tagen berichtete die Hessenschau: „Die Rechnung ist einfach. Auf rund 120 Milliarden US-Dollar wird das Vermögen von Amazon-Chef Bezos aktuell beziffert. 104 Millionen Dollar sollen pro Tag hinzukommen, macht gut 72.000 Dollar (58.000 Euro) die Minute. Zum Vergleich: Etwa 2040 Euro brutto verdient ein Logistik-Mitarbeiter nach mindestens zweijähriger Beschäftigung derzeit bei Amazon in Bad Hersfeld – pro Monat, versteht sich.“

Ungeachtet der Verdi-Streiks hat Amazon seine Geschäftstätigkeit in Deutschland systematisch ausgeweitet. Mittlerweile gibt es Logistikzentren in Bad Hersfeld, Leipzig, Graben bei Augsburg, Rheinberg (NRW), Werne (NRW), Pforzheim, Koblenz, Brieselang (Brandenburg) und Winsen (Sachsen), und noch in diesem Jahr kommen weitere Zentren in Frankenthal und Mönchengladbach hinzu.

Die Bilanz der Verdi-Streiks ist eindeutig: Sie haben dem Konzern nicht geschadet, aber einen gemeinsamen wirklichen Arbeitskampf der Amazon-Beschäftigten an allen Standorten verhindert. Und genau diese Botschaft versucht Verdi der Konzernleitung zu vermitteln.

In den ganzen fünf Jahren wurde die Amazon-Belegschaft niemals an allen deutschen Standorten gemeinsam zum Streik aufgerufen, geschweige denn zu gemeinsam Aktionen mit den Kollegen in den übrigen europäischen Zentren. Europaweit unterhält Amazon über 60 so genannte Fulfillment Centers in Deutschland, Polen, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien und der Slowakei. Weltweit sind es über 400 Zentren, die meisten davon in den USA.

In allen Versandlagern herrschen praktisch die gleichen üblen Bedingungen. Aus diesem Grund müssen sich die Amazon-Arbeiter im Kampf gegen diesen Weltkonzern international organisieren.

Das erfordert einen bewussten Bruch mit den reaktionären Konzepten der Sozialpartnerschaft von Verdi. Arbeiter dürfen sich nicht länger von Gewerkschaftsfunktionären gängeln lassen, die als Berater und Partner des Managements fungieren. Es ist notwendig, unabhängige Arbeiterkomitees aufzubauen, die Kontakt zu den Beschäftigten aller anderen Werke aufbauen, und international koordinierte Streiks und Arbeitskampfmaßnahmen vorzubereiten und zu organisieren.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und die World Socialist Web Site haben die Plattform International Amazon Workers Voice gegründet, damit sich Amazon-Arbeiter aller Länder untereinander vernetzen können. Das IKVI und die WSWS kämpfen für die internationale Einheit aller Arbeiter und für ein sozialistisches Programm, das die Wirtschaft nach den Bedürfnissen der Menschen, und nicht nach den Profiten der Banken und Milliardäre organisiert.