Volkswagen: Betriebsrat übernimmt Schlüsselrolle beim Konzernumbau

Von Dietmar Henning
14. April 2018

Der Volkswagen-Konzern leitet den größten Umbau seiner Geschichte ein. Massive Einsparungen bei Arbeitsplätzen und eine Verschärfung der Arbeitsbedingungen werden die Folge sein. Der VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh wird die zentrale Rolle dabei spielen, dies gegen die 640.000 VW-Beschäftigten in aller Welt durchzusetzen.

Am Montag hatte VW in einer Ad-Hoc-Meldung für die Börsenaufsicht gemeldet, dass ein Konzernumbau und „eine Weiterentwicklung der Führungsstruktur für den Konzern, die auch mit personellen Veränderungen im Vorstand“ verbunden sei, bevorstehe. Das solle in der kommenden Aufsichtsratssitzung, die für Freitag geplant war, beschlossen werden.

Daraufhin überschlugen sich die Nachrichten und die Aufsichtsratssitzung wurde auf Donnerstag vorgezogen. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch teilte anschließend mit, dass der Vorstandsvorsitzende des Gesamtkonzerns, Matthias Müller, mit sofortiger Wirkung seinen Posten räumen wird. Sein Nachfolger ist der bisherige VW-Markenchef Herbert Diess.

Müller hatte den Posten erst vor zweieinhalb Jahren von Martin Winterkorn übernommen, der wegen des Diesel-Abgasbetrugs zurücktreten musste. Mit Müller gehen auch der im Vorstand für den Einkauf zuständige Francisco Garcia Sanz und Personalvorstand Karlheinz Blessing. Sanz Position soll zunächst von Ralf Brandstätter übernommen werden. Dieser ist bislang Einkaufschef der VW-Kernmarke und damit enger Vertrauter von Diess.

Der frühere Porsche-Chef Müller hatte kurz nach Bekanntwerden des Abgasskandals im Herbst 2015 den langjährigen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn abgelöst. Er wickelte mehrere Schadensersatzprozesse ab und brachte den Volkswagen-Konzern wieder in die Spur.

Es handle sich um einen „Rauswurf de luxe“, berichten Medien. Sein Vertrag bis 2020 werde ausgezahlt. Das dürften um die 20 Millionen Euro sein, da Müller 2017 rund 10 Millionen Euro verdiente. Laut Bild-Zeitung kassiert er danach eine Betriebsrente von 62 Prozent seines Grundgehalts – das sind 3600 Euro pro Tag. Insgesamt hat VW demnach rund 30 Millionen Euro für ihn zurückgelegt. Auch Ex-Einkaufschef Sanz soll eine vergleichbare „Rente“ erhalten, und der ehemalige IGM-Funktionär Blessing wird ebenso eine hohe Millionen-Abfindung kassieren.

Auf einer gestrigen Pressekonferenz gab Diess als neuer VW-Chef die kommende Konzernstruktur bekannt. Der Konzern werde in sechs Bereiche aufgeteilt, die unter dem Dach einer Holding stehen sollen, die Region China werde gesondert geführt. Die zwölf Fahrzeugmarken werden dabei in drei Markengruppen gebündelt.

VW, Skoda und Seat sollen zu einer Volumengruppe zusammengefasst werden, der Diess persönlich vorstehen wird. Zudem wird eine „Premium“-Gruppe, geleitet von Audi-Chef Rupert Stadler, sowie eine „Superpremium“-Gruppe, geleitet von Porsche-Chef Oliver Blume, gebildet werden. Blume rückt dafür auch in den Konzernvorstand auf und verantwortet die konzernweite Produktion. In der Gruppe „Truck & Bus“ hatte VW bereits zuvor sein Nutzfahrzeuggeschäft gebündelt. Dieses soll an die Börse gebracht werden. Diess wird zudem für die Fahrzeug-IT und die Entwicklung verantwortlich sein.

In einem Brief an die Belegschaft erklärt Diess, dass dies zu „Synergien“ und einem „schlankeren Konzern“ führen werde, eine beliebte Umschreibungen für Arbeitsplatzabbau und eine Erhöhung der Arbeitshetze.

„Wir müssen Tempo machen und deutliche Akzente setzen“, schreibt Diess. „Mit der gestern vom Aufsichtsrat beschlossenen Weiterentwicklung unserer Führungs- und Konzernstruktur sind die Voraussetzungen geschaffen – für einen schlanken Konzern, der starke Marken führt. Die Arbeit in neuen Markengruppen bzw. Einheiten wird dafür sorgen, dass wir schlagkräftiger und effizienter werden. Und wir nutzen Synergien konsequenter als bisher.“

Diess, der sich seinen Ruf des knallharten Sanierers und Kostensenkers bei BMW verdient hatte, war 2015 vom Konkurrenten geholt worden, um die Kernmarke VW wieder fit zu machen.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh sagte dem Handelsblatt im Sommer 2015, Diess sei „sein Mann“. An seiner Berufung war Osterloh nach eigenen Aussagen maßgeblich beteiligt. Damals hatte das Handelsblatt geschrieben, von Diess und Osterloh hänge ab, „wie der große VW-Konzern durch die nächsten Jahre kommt“. Die Wirtschaftswoche titelt nun angesichts der Inthronisierung von Diess: „Ein Vorstandsvorsitzender von Osterlohs Gnaden“.

In den folgenden zweieinhalb Jahren haben die beiden eng zusammengearbeitet, um die „notwendigen“ Umbauten einzuleiten. Das erste Ergebnis war der so genannte Zukunftspakt, der den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen beinhaltet. Die ersten Leidtragenden waren wie immer und überall die Leiharbeiter.

Auch das jetzige Umbau-Konzept geht auf Osterlohs „Mann“ zurück. Überlegungen zu Markengruppen habe es schon länger gegeben, betonte Diess gestern. Die finale Strategie habe er in einem „engen Kreis mit den Stakeholdern“ entwickelt. Die Stakeholder, das sind die beiden Familienclans Porsche und Piëch sowie der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) für das Bundesland.

Wie groß der Einfluss Osterlohs auf den gesamten Konzern ist, zeigt auch die Personalie Gunnar Kilian, der die Nachfolge von Karlheinz Blessing als Personalvorstand antritt. Dabei wird Blessing nicht nur die von ihm verantwortete Gehaltskürzung Osterlohs von 750.000 Euro auf „nur“ noch 100.000 Euro im Jahr zum Verhängnis geworden sein. Anders als Blessing ist IGM-Mann Kilian seit 18 Jahren fast ununterbrochen im Unternehmen und eng vernetzt mit den Eigentümerfamilien.

In einem Brief an die Belegschaft schreibt Osterloh, dass er diese Personalie lange im Betriebsrat und mit der IG Metall besprochen habe. Zum Schluss sei er gemeinsam mit der Kapitalseite zur „Überzeugung gelangt, dass es in dieser herausfordernden Phase für die Automobilindustrie und der anstehenden Transformation wichtig ist, einen Personalvorstand zu haben, der nicht nur die Marke Volkswagen, sondern auch den Konzern bestens kennt“. Als bisheriger Generalsekretär im Betriebsrat fungiert Kilian als rechte Hand Osterlohs.

Der 43-Jährige begann bereits 2000 in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit am VW-Stammsitz in Wolfsburg. Von 2003 bis 2006 war Kilian dann Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl (SPD), ehe ihn der VW-Konzernbetriebsrat als Pressesprecher wieder zurückholte. Damals war der Skandal um illegale Lustreisen von Betriebsräten auf Firmenkosten noch relativ frisch. Osterloh übernahm zu dieser Zeit den Vorsitz im Betriebsrat, weil der damalige Vorsitzende Klaus Volkert seinen Hut nehmen musste.

Kilian mischte sich Medienberichten zufolge „schon früh auch in strategischen Fragen mit und wurde dafür Geschäftsführer im Konzernbetriebsrat“. Später war er für die VW-Belegschaftsstiftung weltweit unterwegs und knüpfte Kontakte in die einzelnen Vertretungen. 2012 bis 2013 zog Kilian dann nach Salzburg und leitete dort das Büro des langjährigen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch, „eine Schlüsselposition im innersten Machtzirkel der Kontrolleure und Eigentümerfamilien Porsche/Piëch“ schreibt die Welt.

Anschließend holte ihn Osterloh zurück und machte ihn zum Generalsekretär und Geschäftsführer des Betriebsrats für den Gesamtkonzern. Osterloh zieht die Strippen, Kilian, der auch in mehreren Aufsichtsräten sitzt, ist der Mann fürs Operative. Die Deutsche Welle schreibt nicht unberechtigt: „Mit Gunnar Kilian rückt ein langjähriger, enger Mitstreiter des allmächtigen Betriebsratschefs Bernd Osterloh in den Vorstand auf. Als Aufpasser für Diess?“

Osterloh selbst hat in Interviews und in seinem Brief an die Belegschaft klar gemacht, dass er nicht nur den kommenden Konzernumbau sondern auch die Personaländerungen voll unterstützt. „Beides hat die volle Unterstützung der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat.“

Die Veränderungen würden auch seinen langjährigen Forderungen entsprechen. „Wir als Betriebsrat hatten bereits 2014 neue Konzernstrukturen gefordert. Erst Teile wurden damals auch bereits umgesetzt. Jetzt folgen die weiteren Schritte.“ Auch Osterloh schwärmt von „Synergien“, „damit wir unnötige Kosten vermeiden, wie sie etwa bei paralleler Entwicklungsarbeit anfallen“. Der zwischenzeitliche Disput zwischen ihm und Diess wegen des „Zukunftspakts“ sei „längst ausgeräumt“. Vielmehr sei nun die Umsetzung dieses Pakts „ein voller Erfolg“. Mit Diess habe man für Synergien „den Richtigen an Bord“.

Die enge Symbiose zwischen Betriebsrat, IG Metall und dem VW-Konzern war schon bislang beispiellos. Die Gewerkschaftsvertreter haben in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass jede Krise des Konzerns zu Lasten der Belegschaften bzw. derjenigen bei den Zulieferern gelöst wurde. Nun hat Osterloh seine Macht mit den neuesten Änderungen strategisch und personell noch weiter ausgebaut. Er wird gemeinsam mit der IGM, den Betriebsräten und Diess die kommenden Angriffe ausarbeiten und umsetzen.

Um Diess, der jetzt viele Verantwortlichkeiten in seiner Hand konzentriert, zu entlasten, soll ein neuer „Chief Operating Officer“ (COO) eingesetzt werden. Eine „rechte Hand“ für Diess mit der Aufgabe, dem Konzernchef das Tagesgeschäft abzunehmen, sozusagen der „Mann fürs Grobe“. Die Stelle wolle man intern besetzen, betonte Diess am Freitag. Wer das sein wird, ist bislang unklar. Auch wenn Osterloh diesen Posten nicht übernimmt, fungiert der Betriebsratschef bereits als Chief Operating Officer.

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