Air France-Beschäftigte widersetzen sich Gewerkschaften und lehnen Tarifvertrag ab

Von Alex Lantier
9. Mai 2018

Die streikenden Air France-Beschäftigten haben die Tarifvereinbarung, den ihnen Vorstandschef Jean-Marc Janaillac und die Gewerkschaften am 16. April vorgelegt hatten, mit einer Mehrheit von 55 zu 45 Prozent abgelehnt. Über 80 Prozent der Beschäftigten beteiligten sich an der Abstimmung.

Der Tarifvertrag, den Janaillac mit stillschweigender Unterstützung der Gewerkschaften vorgelegt hatte, war eine Beleidigung für die Belegschaft. Während sich das Air France-Management letztes Jahr eine zweistellige Gehaltserhöhung von bis zu 67 Prozent genehmigte und Rekordgewinne von über einer Milliarde Euro bekanntgab, sieht der Tarifvertrag für die Belegschaft nur eine Lohnerhöhung von sieben Prozent über vier Jahre vor. Zudem basieren die Gewinne der Fluggesellschaft zum großen Teil darauf, dass Personal zu schlechteren Löhnen in Tochtergesellschaften verlagert und so das gesamte Lohnniveau deutlich gedrückt wurde.

Die Arbeiter lehnten den Vorschlag ab und trotzten dabei nicht nur den Drohungen des Air France-Managements und der französischen Regierung, sondern auch denen der Gewerkschaftsbürokraten. Letztere hatten sie die Beschäftigten angegriffen, weil sie gegen den Tarifvertrag protestiert hatten. Sie forderten sie auf, dafür zu stimmen

Berichten zufolge haben die Piloten größtenteils für den Vertrag gestimmt, während Flugbegleiter und Bodenpersonal ihn größtenteils ablehnten. Das Unternehmen beschäftigt 3.500 Piloten, dazu 13.000 Beschäftigte in der Kabine und 32.000 als Bodenpersonal. Während die Piloten als Fachkräfte ein gutes Gehalt beziehen, ist die große Mehrheit der Arbeiter schlecht bezahlt. Das durchschnittliche Bruttomonatseinkommen liegt bei nur 2.981 Euro für männliche und 2.066 Euro für weibliche Mitarbeiter.

Eine Woche vor der Abstimmung über den Tarifvertrag hatte der Generalsekretär der Gewerkschaft CFDT Laurent Berger den Air France-Piloten in einem Interview mit dem Radiosender Europe 1 vorgeworfen, sie würden „uns alle in Geiselhaft nehmen“ und dem Unternehmen „ganz große Probleme“ bereiten. Berichten zufolge hat Air France bereits Verluste von 300 Millionen Euro gemacht, und an jedem Streiktag kommen 26 Millionen Euro dazu.

Die Gewerkschaften hatten ernsthaft erwartet, sie könnten den Tarifvertrag einfach durchsetzen, wenn sie nur ein paar eintägige Streiks organisierten und den Arbeitern keine Perspektive für einen Kampf gegen die Drohungen des Air France-Managements und der Regierung gäben. Die Vertreter des Managements und der Gewerkschaften, die sich zur Bekanntgabe des Ergebnisses der Abstimmung versammelt hatten, staunten nicht schlecht, als dabei genau das Gegenteil herauskam.

Ein anonymer Gewerkschaftsfunktionär berichtete auf France Télévisions über die Szene: „Ich sah die Zahl von 55 Prozent. Zuerst dachte ich, das wäre für 'Ja', aber dann war es für 'Nein'. Alle haben eine ganze Minute lang konsterniert geschwiegen.“ Dann schrie ein Vertreter von Air France: „Dieses Unternehmen kann man nicht managen!“

Ein Gewerkschaftsbürokrat, der Streiks organisiert und sich öffentlich gegen den Tarifvertrag ausgesprochen hatte, obwohl er fest mit dessen Inkrafttreten rechnete, erklärte bei dem Treffen: „Das Management hat sich solche Mühe gegeben, dass ich mir sicher war, es würde erfolgreich sein.“

Die Gewerkschaft hatte nicht einmal Flugblätter, mit denen sie die Arbeiter über das Ergebnis der Abstimmung informieren konnten. Sie war sich so sicher, dass die Arbeiter mit „Ja“ stimmen würden, dass sie nur Flugblätter drucken ließ, auf denen die Annahme des Abkommens verkündet wurde. Auf ein „Nein“ war sie nicht vorbereitet. Als sich ihre Mitglieder widersetzten und den Tarifvertrag ablehnten, stand sie mit leeren Händen da.

Janaillac kündigte daraufhin sofort seinen Rücktritt an und erklärte: „Ich übernehme die Verantwortung für die Folgen aus dieser Abstimmung und werde in den kommenden Tagen meinen Rücktritt aus dem Vorstand von Air France und Air France-KLM einreichen. Diese Abstimmung zeigt, dass Unruhe herrscht. Sie fordert tiefgreifende Veränderungen.“ Weiter äußerte er die Hoffnung, sein Rücktritt ermögliche „einen kollektiven Mentalitätswandel und schafft die Bedingungen für eine Erholung.“

Der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire drohte den Air France-Beschäftigten, der Staat werde nicht „die Schulden von Air France zusammenkehren“ und belehrte sie arrogant, ihre Lohnforderungen seien „ungerechtfertigt“.

Am Montag sank der Aktienkurs von Air France-KLM nach Janaillacs Rücktritt um dreizehn Prozent. Investoren befürchten, dass der Streik den Milliardenprofit schmälern könnte, den das Unternehmen erwirtschaftet. Finanzanalysten erklärten gegenüber Le Figaro: „Damit hat das Unternehmen in einem anhaltenden Tarifkonflikt keinen Vorstandschef.“

Der mutige Widerstand der Air France-Beschäftigten gegen den Tarifvertrag ist Teil eines weltweiten Auflebens von Kämpfen der Arbeiterklasse gegen die Forderungen der Finanzaristokratie. Diese Welle von Widerstand der Arbeiter bringt die Arbeiterklasse auch in offenen Konflikt mit den Gewerkschaftsbürokratien.

In den USA streiken und protestieren die Lehrer in mehreren Bundesstaaten gegen den Willen der Gewerkschaften. Während die Arbeiter bei Air France den Tarifvertrag ablehnten, streikten nicht nur die Lehrer in Colorado, sondern auch zehntausende von Universitätsbeschäftigten in Kalifornien und Schulbusfahrer in Los Angeles. Gleichzeitig finden auch in vielen weiteren Ländern von Großbritannien bis nach Sri Lanka Streiks von Lehrkräften statt.

In Europa gab es seit Beginn des Jahres Streiks in der deutschen Auto- und Metallindustrie sowie im öffentlichen Dienst, zudem der britischen Bahnarbeiter; der osteuropäischen Autoarbeiter und der türkischen Metallarbeiter.

In Frankreich nimmt die Arbeiterklasse den politischen Kampf gegen den Spar- und Kriegskurs von Präsident Emmanuel Macron auf. Die Bahnarbeiter streiken gegen Macrons geplante Privatisierung der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF, auch im Gesundheitswesen und dem öffentlichen Dienst findet ein Streik statt. Studenten besetzen ihre Universitäten. Macron versucht, starke Kürzungen der Löhne und Sozialleistungen durchzusetzen, um die Militärausgaben um 300 Milliarden Euro zu erhöhen. Gleichzeitig unterstützt Frankreich den Kriegskurs der USA im Nahen Osten, bombardiert Syrien und droht dem Iran mit Krieg.

Wenn diese Streiks erfolgreich enden sollen, müssen die Arbeiter sie der Kontrolle den korrupten Gewerkschaftsbürokratien entreißen und unabhängige Basisorganisationen aufbauen, um die Streikenden mit der Arbeiterklasse im Rest der Welt zu verbinden.

Die Streiks bei Air France in den letzten Jahren waren ein besonders offensichtliches Beispiel dafür, wie die Gewerkschaften Maßnahmen zustimmen, die den Interessen der Arbeiter direkt zuwiderlaufen. Den Gewerkschaften geht es hauptsächlich darum, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu steigern.

Im Jahr 2014 kam es bei Air France zu einem eindrucksvollen Streik der Piloten gegen Pläne, die Beschäftigten in Tochtergesellschaften zu verlagern, in denen niedrigere Löhne gezahlt werden. Das Management von Air France machte Verluste in dreistelliger Millionenhöhe und wurde finanziell in die Knie gezwungen. Doch als der Sieg der Streikenden schon zum Greifen nahe war, brachen die Gewerkschaften den Arbeitskampf plötzlich ab und erklärten in einer Stellungnahme: „Es ist unsere Pflicht, die Zukunft unseres Unternehmens zu sichern und seine Wunden zu versorgen, bevor nicht wiedergutzumachende Schäden entstehen.“

Die Gewerkschaften hatten keine Einwände gegen ein deutliches Absinken des Lohnniveaus ihrer Mitglieder. Sie befürchteten, ein Sieg im Streik könnte die Unternehmensprofite verringern und weitere Streiks in Frankreich und der gesamten europäischen Luftfahrtbranche auslösen. Deshalb waren sie entschlossen, diesen Sieg zu verhindern. Diverse pseudolinke Parteien des begüterten Kleinbürgertums wie die Nouveau Parti anticapitaliste (NPA) oder Lutte Ouvrière (LO) feierten sie für ihre Rolle beim Abwürgen des Streiks.

Die Air France-Beschäftigten müssen das Ergebnis des Streiks von 2014 heute als ernste Warnung verstehen. Die Gewerkschaften werden vor nichts haltmachen, um den Tarifvertrag in der einen oder anderen Form durchzusetzen. Sie werden alles in ihrer Macht stehende tun, um den Sieg in eine Niederlage zu verwandeln.

Obwohl die Streiks andauern, konnten sich die Gewerkschaften bei ihrem Treffen am Montagabend nicht darauf einigen, wie es weitergehen soll. Ein anonymer Gewerkschaftsfunktionär erklärte gegenüber Le Figaro: „Wir wollen unser Verantwortungsbewusstsein zeigen und nicht sofort weitere Streiks fordern.“

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