Karl Marx: Vier Ausstellungen in seiner Geburtsstadt Trier

Von Marianne Arens
24. Mai 2018

Karl Marx-Ausstellungen in Trier (5.Mai – 21.Oktober 2018):
Rheinisches Landesmuseum: „Leben. Werk. Zeit“
Stadtmuseum Simeonsstift: „Stationen eines Lebens“
Museum Karl-Marx-Haus: „Von Trier in die Welt“
Museum am Dom: „LebensWert Arbeit“

Karl-Marx-Statue, Wu Weishan 2018 (Geschenk der Volksrepublik China an die Stadt Trier)

In Trier würdigen gleich vier verschiedene Museen den 200. Geburtstag des größten Sohns der Stadt, Karl Marx, mit einer Ausstellung. Ihretwegen lohnt sich trotz Vorbehalten ein Besuch der alten Moselstadt.

„Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Marx auf dem Gebiet der Philosophie, der Ökonomie, der Geschichtsschreibung, der Gesellschaftstheorie und der Politik die bedeutendste Gestalt der Neuzeit ist“, erklärte David North am 1. Mai. „Kein anderer Denker hatte einen so großen, bleibenden und fortschrittlichen Einfluss auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Bewusstseins der großen Masse der Menschheit und auf ihren Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung.“

Karl Marx, Bronze, um 1950 (geschaffen von Karl-Jean Longuet, seinem Urenkel)

Die Besucher der Trierer Ausstellungen spüren und würdigen offensichtlich diese Bedeutung von Marx und seine Aktualität für heute. Das belegen die kurzen Kommentare, die alle Besucher beim Verlassen des Rheinischen Landesmuseums aufschreiben können, um auszudrücken, was Marx für sie bedeutet:

„Ein Freund“, „Einer, der mir Bewusstheit vermittelt – DANKE!“, „Mein Vorbild“, „Er ist wieder da!“, „Un communiste plein d’idées modernes en 2018“, „Ein Denker“, „Ein politischer Flüchtling“, „The Greatest Interpreter of Reality ever!“, „cool“, „Marx steht für die Menschheit“, „Wir sind Karl Marx“, „Eine mutige Persönlichkeit“, „(Leider) SEHR aktuell!“, „Ein Mensch, der uns die Augen öffnen kann“, „Freiheitskämpfer“, „Befreier der Menschheit“, „Ein Vorreiter“, „Ein Vordenker – denken wir auch selbst?“ „Denken, Erkennen, Handeln – Fortschritt“, „Es lebe die Revolution!“ – lautet eine kleine Auswahl von hunderten ähnlichen Kommentaren.

Um es vorweg zu sagen: Diesem Besucheranspruch wird das Ausstellungsprogramm in Trier nicht gerecht. In allen vier Museen wird Karl Marx zwar als bedeutende Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts gewürdigt, aber die Ausstellungsmacher reduzieren ihn konsequent auf den Journalisten und Ökonomen. Sie ignorieren bewusst seine Rolle als sozialistischer Revolutionär, wie auch die große und wachsende Bedeutung, die der Marxismus für die aktuellen politischen Kämpfe hat. Das wohl meistangeführte Zitat von Marx lautet, er habe betont, er sei selbst „kein Marxist“.

Dieses Zitat hat auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), Schirmherr der Ausstellungen, in seinem „Grußwort“ bemüht: Marx selbst habe „stets verneint, Marxist zu sein“. Steinmeier fügte hinzu: „Auch wissen wir inzwischen, dass Marx‘ Prognose zur Revolutionsdynamik historisch nicht eintraf.“ – Beides ist falsch. Die Ausstellung selbst widerlegt Steinmeiers Aussage und beweist (wo immer sie an die Dinge ehrlich herangeht) die enorme „Revolutionsdynamik“ der historischen Entwicklung.

Friedrich Engels, Bronze, Gerhard Thieme, 1970 (Copyright Karl-Marx-Landesausstellung 2018, Trier)

Was das vielzitierte, angebliche Marx-Zitat betrifft, so distanziert es Marx von Pseudomarxisten, und nicht von seiner eigenen Lehre. Es stammt in Wirklichkeit von Friedrich Engels, der sich 1890 in einem Brief über die „Studenten, Literaten und andere junge, deklassierte Bürgerliche“ auslässt, die sieben Jahre nach Marxens Tod ohne jede Kenntnis seiner Theorien in die Partei drängten. Engels schrieb: „Diese Herren machen alle in Marxismus, aber sie gehören zu der Sorte (…) von denen Marx sagte: ‚Alles was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!‘ Und wahrscheinlich würde er von diesen Herren das sagen, was Heine von seinen Nachahmern sagte: ‚Ich habe Drachen gesät und Flöhe geerntet‘.“ (MEW, Bd. 37, S.450)

Allerdings ist aus den Ausstellungen alles verbannt, was heute noch politisch brisant sein könnte und was Besucher und junge Arbeiter dazu anregen könnte, ihren eigenen Kampf gegen das archaische, spätkapitalistische Profitsystem im größeren historischen Zusammenhang zu verstehen. Insbesondere wurden die Pariser Kommune von 1871 und die Lehren, die Karl Marx daraus zog, in den hintersten Winkel verbannt und verfälscht. Völlig unterschlagen wird die Rolle, die Marx und Engels für das enorme Heranwachsen der SPD zur ersten marxistischen Massenpartei der Welt spielten.

„Die schlesischen Weber“, Carl Wilhelm Hübner, 1844 (Copyright Karl-Marx-Landesausstellung 2018, Trier)

Dennoch sind die Ausstellungen interessant und sehenswert. Das gilt vor allem für die zwei zusammengehörigen Ausstellungen im Rheinischen Landesmuseum und im Simeonsstift. Sie befassen sich mit der Epoche von 1835 bis etwa 1867, als der erste Band des Hauptwerks „Das Kapital“ erschien.

Die Zeitspanne umfasst den schlesischen Weberaufstand (1844), den „Vormärz‘“ und die 1848-er Revolutionen, den „Kommunistenprozess zu Köln“ und den Staatsstreich Louis Bonapartes von 1852, bis hin zum Krimkrieg (1853–56) und der Börsenkrise in New York (1857). Zu dieser Epoche werden hunderte Exponate gezeigt, welche die Entwicklung dieser Ereignisse historisch anschaulich beleuchten. Dazu werden die Originalausgaben der wichtigsten Werke präsentiert, in denen Marx, bzw. Marx und Engels zusammen, die Ereignisse aufgriffen, erläuterten und die Lehren daraus zogen.

Zum Weberaufstand von 1844 gibt es einen Heimwebstuhl, Garnwaagen und Handspindeln, dazu das große Wandbild „Die schlesischen Weber“ von Carl Wilhelm Hübner, von dem Engels sagte, es sei „wirksamer als hundert Flugschriften“. Daneben prangt Heinrich Heines „Weberlied“ von 1845 („Im düsteren Auge keine Träne …“ – „Deutschland, wir weben dein Leichentuch!“). Weitere Gemälde zeigen den bärtigen „Arbeiterkopf“ (Adolph von Menzel, 1844), ein etwa dreizehnjähriges Mädchen am Webstuhl („La nena obrera“) und vieles mehr.

„La nena obrera“, Joan Planella i Rodriguez, 1885 (Copyright Karl-Marx-Landesausstellung 2018, Trier)

In diese Epoche fallen die Auseinandersetzung mit Hegel und Feuerbach und der Beginn der engen Zusammenarbeit von Marx mit Friedrich Engels. Dessen erstes Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, liegt in Originalausgabe aus, ebenso Karl Marxens Antwort auf Pierre-Joseph Proudhon, „Das Elend der Philosophie“.Zu sehen sind weiter ein Ölportrait Proudhons von Gustave Courbet, Zensurakten des Geheimen preußischen Staatsarchivs gegen Marxens Rheinische Zeitung, sowie eine Reihe von Karikaturen.

Eine Lithographie von 1843 zeigt „Karl Marx als rheinischen Prometheus“, an eine Druckmaschine gekettet und gepiesackt von einem gekrönten preußischen Adler. Auf einem Ölbild von Wilhelm Kleinenbroich („Rekruten vor der Schenke“, 1843) sieht man junge Männer, welche herausfordernd die verbotene Rheinische Zeitung hochhalten.

Auch die 1848er Revolution wird höchst anschaulich in Szene gesetzt. Eine interaktive Graphik veranschaulicht die Ausbreitung der Revolution von Paris über den Badischen Aufstand, München, Wien, Prag, Berlin, bis nach Venedig und Rom. Die Ausstellung zeigt die ersten Daguerreotypien (frühe Fotographien) von den Barrikaden im Juni 1848 in der Rue Saint-Maur in Paris.

Eindrucksvoll ist die „einzige noch erhaltene handschriftliche Seite des Kommunistischen Manifests“ von 1847/48, die wie andere Dokumente aus dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam stammt. „Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern“, heißt es dort. „Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

„Karl Marx als rheinischer Prometheus“, Lithographie nach W. Kleinenbroich, 1843

Von der bürgerlichen Revolution bis ins Mark erschüttert, lässt der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 18. März 1848 eine 10.000-köpfige Menge mit Waffengewalt vom Schlossplatz zu Berlin vertreiben. Über 200 bleiben auf der Strecke. Ein sprechendes Bild dazu ist Adolph Menzels „Aufbahrung der Märzgefallenen auf den Stufen des Deutschen Doms“. Die Ausstellung zeigt auch Waffen und Uniformen aus der damaligen Zeit, darunter ein so genanntes „Kartätschengeschoss“, wie es gegen die Menge eingesetzt wurde.

Über den Dokumenten des Kommunistenprozesses zu Köln, einschließlich der Verteidigungsschrift von Karl Marx, prangt die Schrift: „Die Presse hat aber nicht nur das Recht, sie hat die Pflicht, die Herren Volksrepräsentanten aufs Genaueste zu überwachen.“ Dieses Zitat hat, wie praktisch alle Marx-Zitate in den Ausstellungen, heute wieder brandaktuelle Relevanz: Man denke nur an den Fall Julian Assange.

Marx und andere Oppositionelle mussten das Land verlassen, ihre Zeitungen wurden verboten. Zu sehen ist die letzte Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 19. Mai 1848 – vollständig in Rot gedruckt! Daneben seltene und damals verborgen gehaltene Bilder aus der Zeit, z.B. ein Gemälde von Honoré Daumier, das politische Flüchtlinge zeigt, die nach 1848 Paris verlassen müssen, um nicht nach Cayenne deportiert zu werden.

« Les fugitifs (ou les émigrants) », Honoré Daumier, 1857 (Copyright Karl-Marx-Landesausstellung 2018, Trier)

Im Zusammenhang mit der Entstehung des „Kapitals“, Marxens Hauptwerk, tritt mit Dampfmaschine, Eisenbahn, Fotographie und Telegraph-Kabelnetz die Industrialisierung rasant auf den Plan. Bergwerke, Stahlhütten und Fabriken wie die Borsig-Werke in Berlin und die Krupp’schen Gussstahlwerke in Essen kontrastieren mit beredten Zeugnissen der Massenverarmung, Kinderarbeit, Verwahrlosung, Verkrüppelung und von Unfällen im Bergwerk oder in der Fabrik.

Im Jahr 1867 erscheint „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Band 1“. Ihm wird ein ganzer Saal gewidmet. Weiter sind Artikel zu sehen, die Marx für die New York Daily Tribune verfasste. Die moderne Technik revolutioniert auch das Journalistenwesen, und mit dem Telegraph können Nachrichten in wenigen Minuten übermittelt werden.

Anschaulich dokumentieren die ausgestellten Originaldokumente Marxens Arbeitsweise. Beispiele aus seinen insgesamt 220 Notizbüchern enthalten neben Text in seiner kleinen, dichten Schrift auch Zeichnungen, mathematische Formeln, Tabellen, Skizzen, Statistiken und eingeklebte Zeitungsausschnitte. Ein Notizbuch trägt den Titel „Book of the Crisis“ und behandelt ausführlich die Börsenkrise, die 1857 in New York ausbricht.

All das ist anschaulich und interessant dargestellt.

Umso größer die Enttäuschung, dass an dieser Stelle die detaillierte Präsentation gleichsam abbricht. Über die letzten Jahre bis zu Marxens Tod im März 1883 gibt es nur vereinzelte, ärmliche Spuren. Vor allem die Pariser Kommune von 1871 wird in die hinterste, dunkelste Ecke verbannt. Manch ein Besucher wird sie glatt übersehen. Sie wird nur mit drei (!) Exponaten gewürdigt: Einer Lithographie von Edouard Manet, „La Barricade“ von 1871, einer Allegorie der Kommune von Théophile-Alexandre Steinlen, die 1885 entstand, sowie mit einem Exemplar von Marxens „Bürgerkrieg in Frankreich“ hinter Glas. Das ist alles.

Es kommt noch schlimmer: Im Kommentar an der Wand steht außer den Daten der Kommune (18. März – 28. Mai 1871) zunächst eine falsche Zahl von 17.000 Opfern. In Wirklichkeit wurden über 30.000 Menschen von der Konterrevolution hingemetzelt. Dann heißt es lapidar, Karl Marx habe „ungeachtet der Gräueltaten der Kommunarden“ in der Pariser Kommune den Beginn der Revolution gesehen.

Die Ausstellungsmacher wiederholen hier die Gräuelpropaganda der damaligen Konterrevolution, gegen die Marx eine seiner wortgewaltigsten Schriften verfasst hat. Nur zwei Tage nach der blutigen Niederschlagung der Kommune publizierte der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation unter dem Titel „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ eine Würdigung aus Marxens Hand. Friedrich Engels schrieb 1891, dass darin „die geschichtliche Bedeutung der Pariser Kommune in kurzen, kräftigen, aber so scharfen und vor allem so wahren Zügen dargestellt ist, wie dies in der gesamten massenhaften Literatur über den Gegenstand nie wieder erreicht worden“.

„Le Capital“, Karl Marx, Titelseite mit Widmung von 1872 für „mon ami Lissagaray“

Mit unverhülltem Zorn schildert Marx den Verrat der französischen Bourgeoisie und ihres Führers Adolphe Thiers – „ein Meister kleiner Staatsschufterei, ein Virtuose des Meineids und Verrats, ausgelernt in allen den niedrigen Kriegslisten, heimtückischen Kniffen und gemeinen Treulosigkeiten des parlamentarischen Parteikampfs“ –, die Paris lieber an die preußische Armee auslieferten, als es durch die bewaffneten Arbeiter verteidigen zu lassen.

Marx begrüßte die Kommune als ersten Versuch des Proletariats, die Macht zu übernehmen, und verteidigte sie bedingungslos. Die Kommune war, so Marx, „die wahre Vertreterin aller gesunden Elemente der französischen Gesellschaft, und daher die wahrhaft nationale Regierung“, und gleichzeitig war sie, „als eine Arbeiterregierung, als der kühne Vorkämpfer der Befreiung der Arbeit, im vollen Sinn des Worts international“.

In scharfen Worten verurteilt Marx die rücksichtslose Welle der Gewalt, mit der die französische Bourgeoisie im Bündnis mit Bismarck die Kommune im Blut ertränkte, und verteidigt die revolutionären Maßnahmen, mit denen sich die Kommunarden widersetzten: „Dieser ganze Verleumdungschor, den die Ordnungspartei in ihren Blutfesten nie verfehlt, gegen ihre Schlachtopfer anzustimmen, beweist bloß, dass der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherrn ansieht, der jede Waffe, in seiner eignen Hand, für gerechtfertigt hielt gegenüber dem Plebejer, während irgendwelche Waffe in der Hand des Plebejers von vornherein ein Verbrechen ausmachte.“

An einer andern Stelle in der Ausstellung heißt es, Marx habe seit seiner Emigration aus Deutschland 1849 bis zum Lebensende „arm und politisch resigniert“ in London gelebt. Diese Version der Geschichte wird besonders in der taz kolportiert, deren Marx-Jubiläumsausgabe überall in Trier ausliegt. Dort betont Ulrike Hermann, das „Proletariat“ (das sie als Marxens „dialektische Erfindung“ und „idealistische Kopfgeburt“ bezeichnet) habe als „Treiber der Geschichte“ versagt: „Es kam anders als von Marx erwartet: Die Proletarier schüttelten nicht ihre Ketten ab, die Revolution scheiterte in ganz Europa. Spätestens ab Juli 1849 saßen die Monarchen überall wieder fest auf ihrem Thron (…) Marx war Realist. Er ging ins Londoner Exil und erwartete fortan nicht mehr, dass es zu einer neuen Revolution in Europa kommen würde.“

Zu dieser Sichtweise passt natürlich weder die Pariser Kommune von 1871 noch ihre Reflektion in der Arbeit von Marx und Engel oder die Auswirkungen, die sie auf die Sozialdemokratie hatte. In Wirklichkeit war der alte Marx alles andere als ein resignierter, politisch isolierter Greis. Wie Peter Schwarz in seiner Kritik am ZDF-Dokudrama „Karl Marx – der deutsche Prophet“ betont, blieb er seinen revolutionären Grundsätzen bis zum Lebensende treu und konnte noch erleben, wie die Ideen, die er und Engels unter großen Entbehrungen ausgearbeitet hatten, die Massen ergriffen und zur materiellen Kraft wurden.

Das Marx-Programm in Trier umfasst noch zwei weitere Partner-Ausstellungen: eine im Museum am Dom und die andere in Marxens Geburtshaus an der Brückenstraße. Im Grundsatz sind sie sich alle einig, dass Marx eine zerrissene Figur des 19. Jahrhunderts gewesen sei und kaum oder gar keine Relevanz für das 20., geschweige denn für das 21. Jahrhundert habe.

Die Ausstellung des Bistums Trier „LebensWert Arbeit“ im Museum am Dom ist fast zum Lachen. Sie stellt dem Kommunisten Karl Marx den Jesuiten Oswald von Nell-Breuning, Nestor der katholischen Soziallehre und Berater mehrerer deutscher Nachkriegsregierungen, entgegen. Ihm ist ein ganzer Raum gewidmet. Allerdings präsentiert diese katholische Ausstellung auch die verheerenden Auswirkungen der globalen kapitalistischen Anarchie. Diese werden von mehreren heutigen Künstlern ohne Scheuklappen in Szene gesetzt. Dazu gehört zum Beispiel das meisterhafte Foto Kai Löffelbeins aus Ghana: „Waste export to Africa“, das von Unicef zum Foto des Jahres 2011 erklärt wurde.

„Ghana: Waste export to Africa“, Kai Löffelbein, 2011, aus der Reihe "Ctrl-X, a topography of e-waste" (Copyright Karl-Marx-Landesausstellung 2018, Trier)

Am stärksten von bürgerlichen Vorurteilen überlagert ist die Ausstellung im Karl-Marx-Haus, das der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gehört. Sie trägt den Titel: „Von Trier in die Welt. Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute.“ Die Ausstellungsmacher gehen so weit, Karl Marx als Zeugen gegen den Kommunismus aufzurufen. So lautet eine Überschrift zu Dissidenten in der Sowjetunion und der DDR wie Andrej Sacharow und Robert Havemann: „Mit Karl Marx gegen den Kommunismus“.

Das ist gleich doppelt falsch. Erstens wandten sich Sacharow und Havemann nicht gegen den Kommunismus, sondern gegen dessen Totengräber, den Stalinismus. Und zweitens waren beide weniger Marxisten als bürgerliche Liberale.

Auch in dieser Ausstellung beginnt die Fälschung mit der Unterdrückung der Pariser Kommune. Sie kommt praktisch nur in einem Nebensatz vor, und die Oktoberrevolution von 1917 wird als „Putsch“ bezeichnet. Über Lenin heißt es: „Lenin konstruiert seinen eigenen ‚Marx‘ und spitzt seine Thesen zu, um den Umsturz in Russland zu begründen.“ Ein Schaubild über Russland im Jahr 1917 trägt den Titel: „Von der Revolution zum Putsch“, und der Kommentar dazu lautet: „Ende des Jahres putschen sich Lenin und die Bolschewiki in der Oktoberrevolution an die Macht. Sie schrecken dabei nicht vor Gewalt und Terror zurück.“

Im Gegensatz dazu werden die deutschen Sozialdemokraten als besonnene Politiker dargestellt, welche die Gewalt abgelehnt und sich für „Demokratie“ entschieden hätten: „Die einen gehen den Weg in die Diktatur, die anderen setzen auf die parlamentarische Demokratie.“

Verschwiegen wird die Rolle, welche die SPD 1918/19 bei der Niederschlagung der proletarischen Revolution in Deutschland spielte. Die SPD-Regierung von Friedrich Ebert und seinem „Bluthund“ Gustav Noske verbündete sich damals mit der Obersten Heeresleitung und mobilisierte die Freikorps, um revolutionäre Arbeiter und Soldaten zu terrorisieren und ihre Führer, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zu ermorden. Die SPD ist dafür verantwortlich, dass 1919 die Revolution in Deutschland erschlagen und in Russland isoliert wurde. Mit der Mobilisierung der Freikorps, aus denen die Sturmabteilung (SA) der Nazis hervorging, legten sie den Grundstein für den späteren Aufstieg Hitlers. Hätte Marx noch gelebt, er hätte Ebert und Noske nicht weniger scharf gegeißelt als Adolphe Thiers.

Davon natürlich kein Wort in der Ausstellung des SPD-eigenen Karl-Marx-Hauses zu Trier. Die Schau repräsentiert das ideologische Weltbild der heutigen Regierungs- und Staats-Politiker, die als Teil der Berliner Großen Koalition eine Politik der Kriege und des Sozialkahlschlags verfolgen. Für sie war Lenin der erste unter vielen machtgierigen Putschisten, die den „Marxismus-Leninismus“ angeblich zur Rechtfertigung ihrer „kommunistischen Diktaturen“ erfunden haben. Folgerichtig wird im Karl-Marx-Haus kein Unterschied zwischen „Kommunismus“ und „Stalinismus“ gemacht. Lenin steht in einer Reihe mit Stalin, Mao und Pol Pot. Leo Trotzki, der wohl größte Marxist des 20. Jahrhunderts, kommt so gut wie gar nicht vor.

Ein einziges Bild zeigt Trotzki. Es trägt den gehässigen Kommentar: „Lenin und Leo Trotzki, hier 1920 am Jahrestag der Oktoberrevolution, verkehren die ‚Diktatur des Proletariats‘ in ihr Gegenteil. Bei den Bolschewiki ist diese nicht mehr eine revolutionäre Übergangsphase, sondern ein Herrschaftssystem. Die Minderheit einer Parteielite herrscht über die Mehrheit.“

Was Leo Trotzki 1939 über die „von den Ideen der Bourgeoisie durchdrungenen Wissenschaftler“ schrieb – sie seien, verglichen mit Karl Marx, „auf dem Gebiet der Soziologie nur hoffnungslose Scharlatane“ –, das ist für diese Ausstellungsmacher noch zu gut. Im Karl-Marx-Haus zeigen sie sich als bewusste und offene Geschichtsfälscher.

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