Deutsche Bank: Mehr als 10.000 Stellen in Gefahr

Von Gustav Kemper
30. Mai 2018

In den letzten zweieinhalb Jahren kürzte die Deutsche Bank bereits 6000 Stellen und schloss 188 Filialen. Jetzt soll die weltweite Belegschaft von 97.000 auf „deutlich unter 90.000“ gesenkt werden, verkündete der neu ernannte Vorstandschef des Finanzinstituts, Christian Sewing, auf der Aktionärsversammlung in der vergangenen Woche.

Manche Aktionäre wiesen darauf hin, dass die vergleichbare Konkurrenz „mit der Hälfte der Mitarbeiter“ auskomme, und erwarteten weitere Entlassungen. „Hinter vorgehaltener Hand wird eher eine Zahl um die 85.000 genannt“, beruft sich das Handelsblatt auf interne Quellen des Hauses.

Nach der am Wochenende juristisch vollzogenen Fusion des Privat- und Firmengeschäfts von Deutscher Bank und Postbank werden weitere Stellenstreichungen erwartet. Die neue Gesellschaft mit dem Firmennamen „DB Privat- und Firmenkundenbank AG“ wird damit in der Frankfurter Zentrale beginnen. In Finanzkreisen wird ein Abbau von 15 Prozent des Personals erwartet.

Bereits beschlossene Sache ist der jährliche Abbau von 1500 Arbeitsplätzen bei der Postbank in den nächsten vier Jahren. Über Abfindungsprogramme und natürliche Fluktuation sollen die Angestellten in den nächsten vier Jahren zur „freiwilligen“ Aufgabe ihrer Arbeitsplätze gedrängt werden. Da Mitte 2021 der vertraglich vereinbarte Kündigungsschutz ausläuft, gleicht das Programm eher einer Erpressung.

Ein großer Teil der Entlassungen soll auch im Investmentbanking erfolgen, aus dem sich die Deutsche Bank nach Neuausrichtung ihrer Strategie teilweise zurückziehen will. In den vergangenen sieben Wochen verließen bereits 600 Investmentbanker in den USA das Unternehmen. Dort gibt es keinen Kündigungsschutz. Insgesamt wird das Bankhaus im laufenden Jahr 800 Millionen Euro für Abfindungen bereitstellen.

Für den Stellenabbau bekam der neue Chef auf der Hauptversammlung Beifall von allen Aktionären. Alle waren sich einig, dass er notwendig und überfällig sei, auch hinsichtlich der zunehmenden Digitalisierung der Finanzindustrie, bei der die Deutsche Bank Aufholbedarf habe.

Die Gewerkschaft Verdi, deren Vertreter im Aufsichtsrat der Deutschen Bank 2017 Bonuszahlungen von 2,2 Mrd. Euro für Top-Investmentbanker zugestimmt hat, wiegelte hinsichtlich des bevorstehenden massiven Stellenabbaus ab. In solchen Gesprächen seien „zwingend die Betriebsräte zu beteiligen“, twitterte Jan Duschek, der Bundesfachgruppenleiter Bankgewerbe der Gewerkschaft. Was davon zu halten ist, zeigt der Stellenabbau, der in den vergangenen Jahren mit Zustimmung von Betriebsräten und Gewerkschaft stattgefunden hat.

Seit dem Beginn der Finanzkrise vor elf Jahren befindet sich die Deutsche Bank im ununterbrochenen Krisenmodus. Der Aktienkurs sank alleine in diesem Jahr um 35 Prozent. Vor Beginn der Finanzkrise im Jahre 2007 schwankte der Kurs noch um 91 Euro. Am gestrigen Montag fiel er unter die psychologisch wichtige Schwelle von 10 Euro. Seit dem Jahr 2015, das die Deutsche Bank mit einem Rekordverlust von 6,8 Mrd. Euro abschloss, wurden jährlich Verluste eingefahren.

Als der Gewinn der Bank im ersten Quartal 2018 gegenüber dem Vorjahr um 80 Prozent einbrach, wurde der bisherige Vorstandsvorsitzende John Cryan geschasst und Christian Sewing, der bisherige Chef des Privatkundengeschäfts, als neuer Chef verpflichtet. Dieser kündigte auf der Hauptversammlung einen Strategiewechsel an und die „nötigen harten Maßnahmen“, um ihn durchzusetzen.

Kommentare in Wirtschaftszeitungen suchten die Schuldigen für die Krise bei früheren Vorständen: Josef Ackermann sei es gewesen, der in seiner Zeit als Chef der Deutschen Bank das Investmentbanking zu stark und unkontrolliert ausgeweitet habe, oder sein Nachfolger Anshu Jain, der illegale Transaktionen und Absprachen toleriert habe, und nicht zuletzt der im April geschasste Vorstandsvorsitzende John Cryan, der zwar ein gute Analyst sei, aber die harten Maßnahmen einer Neuausrichtung zu langsam angepackt habe.

Tatsächlich handelt es sich nicht einfach um die Fehler von einzelnen Managern, sondern um die Krise des gesamten Finanzsektors, in dem Banken weltweit mit allen, auch kriminellen Mitteln um Marktanteile kämpfen. Als sich seit Ende der 1970er Jahre Gewinne schneller durch Spekulation auf den Finanzmärkten als durch Investitionen in der Industrie erzielen ließen, folgte die Deutsche Bank diesem Trend und gab ihr altes Geschäftsmodell, das unter dem Markenzeichen des „Rheinischen Kapitalismus“ bekannt wurde, auf.

Die frühere enge Verflechtung von Banken- und Konzernvorständen, die sich gegenseitig kontrollierten und schützten, wurde aufgelöst. Statt dessen bestimmten von nun an die Börsen über die Strategie der Konzerne. Mit der Übernahmen der Londoner Investmentbank Morgan Grenfell im Jahr 1992 sowie der New Yorker Bankers Trust Company sieben Jahre später wollte die Deutsche Bank mit den größten amerikanischen Investmentbanken um Weltmarktführung konkurrieren.

Dabei beteiligte sich die Deutsche Bank wie andere Finanzinstitute an kriminellen Hypothekengeschäften, Libor-Zinsmanipulation, Geldwäsche für russische Oligarchen und anderen Machenschaften. Nach einer Studie der Londoner CCP Research Foundation musste die Deutsche Bank in den Jahren 2010 bis 2014 Strafgelder in der Höhe von mehr als 14 Mrd. Dollar zahlen. Noch immer stehen mehr als 7000 Rechtsstreitigkeiten zur Entscheidung aus. Allein im letzten Jahr mussten dafür insgesamt 3,2 Mrd. Euro zurückgestellt werden.

Der Versuch, sich mit den großen Investmentbanken zu messen, ist „krachend gescheitert“, urteilen Finanzanalysten. Auch die Zukunft birgt eine Fülle von weiteren Gefahren. Der wachsende Handelskrieg zwischen den USA, Europa und China, die Krisen im Mittleren Osten, in Nord-Korea und der Ukraine, ein harter Brexit oder Zinserhöhungen können die Bankenkrise des Jahres 2008 in weitaus schärferer Form wieder aufleben lassen.

Deutsche Industriekreise sehen diese Entwicklung mit großer Besorgnis. Schon vor zwei Jahren warnte die Frankfurter Allgemeine, das Sprachrohr der deutschen Wirtschaft: „Die deutschen Unternehmen wollen sich nicht nur auf amerikanische Investmentbanken verlassen. Bei Übernahmen im Ausland wollen sie einen verlässlichen Partner aus dem Heimatmarkt an ihrer Seite wissen. Diese Rolle können andere deutsche Banken wie die Commerzbank nicht übernehmen. Die deutsche Wirtschaft wünscht sich eine gesunde Deutsche Bank.“

Auch die Bundesregierung sorgt sich um die Krise der Deutschen Bank. Für ihre Zielsetzung, Deutschland wieder zu einer hegemonialen Rolle in Europa und der Welt aufzubauen, braucht sie einen „Global Player“, wie SPD-Finanzminister, Olaf Scholz, gegenüber der Presse betonte.

Diesen versprach der Deutsche Bank-Chef auf der Aktionärsversammlung zu schaffen. Eine „Bank for Germany“ solle die Deutsche Bank nun werden, auf die man wieder stolz sein könne. Die Kosten bezahlen die Beschäftigten.

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