Ryanair: Auch Piloten in Deutschland streikbereit

Von Marianne Arens
1. August 2018

Nach den Ryanair-Streiks in Irland, Portugal, Spanien und Großbritannien haben nun auch die rund 400 in Deutschland stationierten Ryanair-Piloten einem Arbeitskampf mit überwältigender Mehrheit zugestimmt.

Jeder einzelne Pilot, der in der Urabstimmung seine Stimme abgab, hat für Streik gestimmt. Weil die Gewerkschaft alle nicht-abgegebenen Stimmen als Nein wertete, und vier Prozent ihrer Mitglieder, aus welchen Gründen auch immer, nicht an der Abstimmung teilnahmen, gab die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) eine Zustimmung von 96 Prozent zum Streik an.

Auch in den Niederlanden stimmten am Dienstag die Ryanair-Piloten mit 99,5% praktisch geschlossen für Streikmaßnahmen. Diese enorme Streikbereitschaft in Deutschland wie Holland ist Teil einer europaweiten und anwachsenden Kampfbereitschaft und Streikwelle bei Ryanair.

Letzte Woche legten bei Ryanair Piloten in Irland und Flugbegleiter in Spanien, Portugal, Belgien und Italien die Arbeit nieder. Die irischen Ryanair-Piloten, die jahrzehntelang nicht streikten, haben schon am 13., 20. und 24. Juli gestreikt und für den kommenden Freitag, den 4. August, einen weiteren 24-Stunden-Streik angekündigt.

Die irische Billigairline war gezwungen, mehr als 500 Flüge zu stornieren und insgesamt mehr als 100.000 Passagiere umzubuchen. Hinzu kamen am letzten Montag weitere Ausfälle und massive Verspätungen in Großbritannien, die Ryanair der „höheren Gewalt“, nämlich heftigem Sturmwetter und Verzögerungen bei der Luftfahrtkontrolle (ATC), zuschrieb.

Der Hauptgrund für die Störungen des Ryanair-Flugbetriebs ist jedoch die abgrundtiefe Unzufriedenheit des Personals. Das Geschäftsmodell des Billigfliegers beruht auf schlechter Bezahlung und Unterdrückung der Beschäftigten. Wer bei Ryanair anheuert, ist europaweit mit Zeitarbeit, Scheinselbständigkeit und ungesicherten Arbeitsverhältnissen konfrontiert.

Darüber hinaus sind die Bedingungen bei Ryanair auch hinsichtlich der Arbeitssicherheit, der Freizeit und der Aufstiegsmöglichkeiten in höhere Gehaltsklassen völlig inakzeptabel.

Ein großer Teil der Piloten, die bei Ryanair fliegen, ist nicht fest bei dem Konzern angestellt, sondern gezwungen, eine Ich-AG zu gründen. Das Online-Magazin Airliners.de schreibt, laut Ryanair beträfe dies „weniger als 50 Prozent“ der eigenen Piloten, aber: „vor einigen Jahren lag der Satz noch bei rund 30 Prozent“. Das heißt, die Zahl der nicht fest bei Ryanair angestellten Piloten hat sich in den letzten Jahren weiter erhöht.

Auch unter den Crew-Mitgliedern herrscht das „Contractor-Modell“ flächendeckend vor. Bei Ryanair sind nur die Kabinenchefs fest eingestellt; alle andern Flugbegleiter werden von der Billigfluglinie nur über Zeitarbeitsfirmen wie Crewlink angeheuert.

In der Folge beträgt das Einkommen für den größten Teil der Ryanair-Belegschaft zwangsläufig nur einen Bruchteil dessen, was Piloten und Stewardessen bei anderen Fluglinien verdienen, und die Arbeitssicherheit bleibt auf der Strecke.

Eine zentrale Forderung der europäischen Crews sieht vor, dass Ryanair künftig das Arbeitsrecht des jeweiligen Landes zugrunde legt und nicht per se das irische Arbeitsrecht, das in sehr vielen Fällen unter den Standards anderer Länder liegt. Derzeit sind alle Flugbegleiter von Ryanair nach irischem Recht beschäftigt.

Der Ryanair-Chef, der irische Multimillionär Michael O'Leary, geht mit harten Konsequenzen gegen die Streiks vor und will zur Bestrafung schon im kommenden Winter einen Teil der Ryanair-Basis am Flughafen Dublin nach Polen verlagern. Von 30 Flugzeugen sollen sechs zu der polnischen Charter-Tochter Ryanair Sun wechseln, wodurch in Irland die Arbeitsplätze von 300 fliegenden Mitarbeitern, 100 Piloten und 200 Flugbegleitern gefährdet sind.

Dies zeigt deutlich, wie notwendig ein europaweites gemeinsames Vorgehen ist: Um Ryanair in die Knie zu zwingen, braucht es koordinierte internationale Streikmaßnahmen aller Ryanair-Beschäftigten und ein sozialistisches Programm. Dass das Potential dafür vorhanden ist, das zeigt sich am gleichzeitigen Arbeitskampf der Ryanair-Belegschaften in mehreren europäischen Ländern und an der allgemein sehr hohen Streikbereitschaft.

Die Belegschaften erkennen immer deutlicher die Notwendigkeit, aber auch die reale Möglichkeit, die Arbeitsplätze und den Lebensstandard gemeinsam zu verteidigen. Doch in diesem Kampf sind sie sofort mit den Gewerkschaften konfrontiert, die die Interessen der Unternehmen gegen die Arbeiter durchsetzen. Dies kann an der deutschen Vereinigung Cockpit besonders anschaulich gezeigt werden.

Momentan verhandelt die VC ausdrücklich nur um die Akzeptanz von Vergütungs- und Manteltarifverträgen, ohne sie öffentlich mit konkreten Forderungen zu unterfüttern. VC hat die Tatsache, dass Ryanair seit 2017 sowohl Cockpit als auch die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft Verdi als Verhandlungspartner anerkennt, als großen Sieg bejubelt.

In Wirklichkeit hat sich Ryanair vor dem Hintergrund eines gnadenlosen Konkurrenzkampfs in der europäischen Luftfahrtbranche dazu entschlossen, mit den Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, um sie als Kontrollorgane in den bevorstehenden explosiven Klassenauseinandersetzungen zu nutzen.

Die VC-Führung übernimmt diese Rolle sehr bewusst. In einem Interview erklärte VC-Präsident Martin Locher: „Es ist deutlich zu erkennen, dass das Ryanair-Management gar kein Interesse hat, mit uns tatsächlich Tarifverträge zu vereinbaren, sondern eher auf Zeit spielt.“ In der Frage der Bedingungen für die Mitarbeiter strebe Ryanair „überhaupt keine Verbesserungen“ an, sondern wolle in einem Tarifvertrag „weitestgehend nur den Status-Quo“ darstellen.

Nichtsdestotrotz setzt die VC alles daran, doch noch zu einer Einigung mit Ryanair zu kommen. Die Gewerkschaft hat noch keinen Termin für einen ersten Streik festgesetzt, sondern teilt fast verzweifelt mit: „Wir geben Ryanair eine allerletzte Frist bis zum 6. August 2018, um doch noch ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen.“ Im Interview mit Airliners.de ließ VC-Präsident Martin Locher wissen: „Unser Ziel ist es ja nicht, zu streiken, sondern einen Tarifabschluss zu erzielen.“

Cockpit richtet sich gegen jede Form eines gemeinsamen Streiks, der die Grenzen von Unternehmen und Ländern überwindet. Stattdessen arbeitet sie eng mit den großen Konzernen und insbesondere Lufthansa zusammen, um sie gegen die internationale Konkurrenz auf Kosten der Arbeiter in Stellung zu bringen.

Schon im März 2017 hat VC mit Lufthansa eine langfristige Vereinbarung getroffen, in der sie sich bis Juni 2022 zum Streikverzicht verpflichtet hat. In dieser Vereinbarung sichert VC der Lufthansa ausdrücklich „strukturell nachhaltig verbesserte Cockpitpersonalkosten zu“.

Vereinigung Cockpit mit Lufthansa-Vorstand am 30.11.2016 vor Streikversammlung. (Von links nach rechts: Lufthansa-Personalvorstand Dr. Bettina Volkens, damaliger VC-Vorsitzender Ilja Schulz, Eurowings-Vorstandschef Karl Ulrich Garnadt, VC-Tarifvorstand Ingolf Schumacher und Lufthansa-Vorstandsmitglied Harry Hohmeister)

Zum Ende ihres letzten Streiks holte die VC-Führung Ende November 2017 drei Top-Manager von Lufthansa auf die Bühne einer Piloten-Kundgebung. Die Manager durften dort zu den Streikenden sprechen, und Lufthansa-Vorstandsmitglied Harry Hohmeister beschwor die „Einheit von Lufthansa“ gegen ihre Gegner, die „nicht im Vorstand, sondern in der Konkurrenz“ sitzen würden, namentlich Ryanair. Dazu sagte der damalige VC-Vorsitzende Ilja Schulz: „Der Feind sitzt außen – da gebe ich Ihnen Recht! Deshalb müssen wir zusammenrücken.“

Um ihre Interessen gegen die großen Konzerne durchzusetzen, müssen die Arbeiter aller Fluglinien mit dieser nationalen Perspektive brechen und von den Gewerkschaften unabhängige Betriebskomitees aufbauen, die unmittelbar Kontakt zu den Belegschaften anderer Linien und anderer Länder aufnehmen, um einen gemeinsamen Kampf gegen die immer schärferen Ausbeutungsbedingungen aufzunehmen.

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