Ryanair vor neuen Streiks

Von Marianne Arens
8. August 2018

Wegen Streiks in Irland, Spanien, Portugal und Belgien musste Ryanair, Europas größte Billigfluggesellschaft, in den letzten Tagen trotz Hochsommerzeit europaweit über 600 Flüge streichen. Für kommenden Freitag sind weitere Streiks von Piloten und Kabinen-Crews in mehreren Ländern geplant.

In der letzten Woche stimmten Ryanair-Piloten in Urabstimmungen in Deutschland und den Niederlanden geschlossen für Streikmaßnahmen. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hat dem Management daraufhin eine Frist bis am letzten Montag gestellt, um ein verbindliches Angebot über einen Gehaltstarifvertrag vorzulegen. Ryanair hat diese Frist verstreichen lassen, und VC will am heutigen Mittwoch in Frankfurt bekanntgeben, wie es weitergeht.

Für kommenden Freitag, den 10. August, haben bereits die Ryanair-Flugkapitäne in Belgien, Irland und Schweden einen weiteren 24-Stundenstreik angekündigt, an dem sich die deutschen Piloten voraussichtlich beteiligen werden. Auch die Stewards und Stewardessen sind offenbar in mehreren Ländern kampfbereit und werden an den Streiks bei Ryanair teilnehmen.

Der Streik ist Ausdruck der enormen Wut der Beschäftigten über die extrem schlechten Arbeitsbedingungen der Billigfluglinie. Ryanair hat auf dem gesamten Kontinent neue Maßstäbe der Ausbeutung in der Flugindustrie geschaffen. Gerade deshalb streben die Arbeiter immer stärker zu gemeinsamen, internationalen Formen des Widerstands.

Doch die Gewerkschaften setzen alles daran, einen ernsthaften, internationalen Kampf zu unterdrücken. Ihnen geht es nicht darum, die Arbeitsbedingungen der Arbeiter zu verbessern, sondern selbst als Verhandlungspartner in die Ausbeutung der Beschäftigten eingebunden zu werden. Sie nutzen die Streiks in anderen Ländern jeweils nur als Druckmittel, um im eigenen Land als Verhandlungspartner anerkannt zu werden.

Deshalb verhandelt VC auch ausdrücklich nur um die Akzeptanz von Vergütungs- und Manteltarifverträgen, ohne sie öffentlich mit konkreten Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen zu unterfüttern. Ihr wichtigstes Ziel ist es, mit Ryanair rasch ins Einvernehmen zu kommen. Wie VC-Präsident Martin Locher dem Portal Airliners.de erklärte: „Unser Ziel ist es ja nicht, zu streiken, sondern einen Tarifabschluss zu erzielen.“

Die Gewerkschaft bietet sich im Wesentlichen an, die bisherigen ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in die Form eines Tarifvertrags zu gießen. Dadurch wird sich nicht die soziale Lage der Arbeiter verbessern, sondern wird die Kontrolle der Gewerkschaften über die Belegschaft gestärkt.

Dabei sind die Arbeiter schon jetzt mit beispielloser Arbeitshetze konfrontiert. Das Geschäftsmodell von Ryanair-Vorstandschef Michael O’Leary, laut Forbes einer der reichsten Millionäre der Welt, beruht auf Billiglohnarbeit und Unterdrückung der Piloten und Flugbegleiter. O’Leary hat Mitte Juli für über 10 Millionen Euro in Palma de Mallorca einen Stadtpalast erworben. Aber die Ryanair-Beschäftigten sind europaweit mit Zeitarbeit, Scheinselbständigkeit und ungesicherten Arbeitsverhältnissen konfrontiert.

Das bestätigte am 6. August der Luftverkehrsexperte Heinrich Großbongardt im Deutschlandfunk. Er erklärte, dass viele Piloten gar nicht bei Rynair festangestellt seien, „sondern über irgendwelche Vermittler … dort als letztendlich selbständige Unternehmer angestellt sind“. Auf die Frage: „Teilweise müssen Piloten sogar zahlen dafür, dass sie fliegen dürfen?“ bestätigte Großbongardt dies mit den Worten, es habe „noch vor relativ kurzer Zeit Fälle gegeben, wo eben junge Piloten bei Ryanair gezahlt haben, dass sie als Copiloten fliegen durften, um Stunden zu sammeln, damit sie dann überhaupt für andere Fluggesellschaften attraktiv wurden“.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet ein Mitarbeiter, der vor einigen Jahren als „Kontrakt-Pilot“, also als Scheinselbstständiger eingestellt worden war, dass er damals sogar für sein Vorstellungsgespräch eine „Bewertungsgebühr“ von 300 Euro zu entrichten hatte. „Als Mitarbeiter hat man den Eindruck, dass man von diesem Unternehmen von vorne bis hinten verarscht wird. Du musst selbst hinter allem her sein und dich wehren. Sonst wirst du andauernd über den Tisch gezogen“, resümiert er.

Im Spiegel berichtet eine Stewardess, dass sie gleich nach ihrer Einstellung aufgefordert worden sei, 3000 Euro für ein sechswöchiges Training zu bezahlen. Ryanair stellt Stewardessen auch ohne Vorbedingungen und Sprachkenntnisse ein und verlangt lediglich Grundkenntnisse in Englisch. Sie erhalten dann intern eine äußerst harte Ausbildung im Schnelldurchlauf, die sie bis vor kurzem noch selbst bezahlen mussten. Erst vor wenigen Wochen hat Ryanair dieses System umgestellt.

Die Stewardess wurde, wie fast alle Flugbegleiter, über eine Leiharbeitsfirma angestellt. Generell fangen Flugbegleiter bei einer Arbeitsagentur wie Crewlink oder Workforce an, nicht bei Ryanair selbst. Sie erhalten einen Arbeitsvertrag nach irischem Recht, auch wenn sie in Deutschland arbeiten und leben.

So auch die Interview-Partnerin des Spiegel, deren Nettoverdienst sich infolgedessen auf 700 bis 1300 Euro beläuft. „Es dauert Jahre, von diesem Geld die angehäuften Schulden zu begleichen, wenn man keine Unterstützung von seiner Familie hat. Und in den vergangenen fünf Jahren ist mein Gehalt nicht gestiegen“, so die Flugbegleiterin. Sie kann sich nicht dagegen wehren, dass sie seit fünf Jahren immer nur befristet beschäftigt ist und kein festes Grundgehalt bekommt.

Den Flugbegleitern werden nur die Stunden, die sie tatsächlich fliegen, bezahlt, aber nicht die Tätigkeiten, die außerhalb der Flugzeit anfallen, wie zum Beispiel das Reinigen des Flugzeugs. „Alle Vorbereitungen, die vom Boden aus getroffen werden, und auch der Anfahrtsweg werden nicht bezahlt.“ Sie erhält weder Bezahlung bei Flugausfällen oder Verspätungen, noch werden die Überstunden vergütet, und sie bekommt auch keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Hinzu komme, berichtete sie, dass Ryanair offenbar eine Statistik über die Fehlzeiten führe, und dass das Management die Mitarbeiter unter Druck setze, wenn sie zu oft krank seien.

Die junge Frau berichtete wahre Horrorszenarien. So erhalten die Mitglieder der Crew keine Verpflegung, sondern müssen für Essen und Getränke selbst zahlen oder sich das Nötige mitbringen. Und bei der Kleidung seien die Vorgaben so streng, dass eine Kollegin, die wegen Thrombosegefahr beim Fliegen Stützstrümpfe tragen müsste, erlebte, dass ihr dies vom Vorgesetzten verboten wurde. „Aus Angst, ihren Job zu verlieren, trägt sie nun die von Ryanair gewünschten Strumpfhosen – trotz des Gesundheitsrisikos.“

Die Frau, die dem Spiegel dieses Interview gab, erklärte zum Schluss, sie bleibe bei Ryanair, weil sie „etwas verändern“ wolle. Sie sagte: „Ich möchte helfen, das Unternehmen zu verbessern, für mich und für nachfolgende Generationen von Flugbegleiterinnen. Mittlerweile sind die Angestellten bei Ryanair gut vernetzt und organisiert. Ich wünsche mir sehr, dass die Streiks etwas bewirken.“

Doch die Gewerkschaften setzen alles daran, eben das zu verhindern und die Streiks zu isolieren. Ihnen geht es darum, die üblen Arbeitsbedingungen tariflich festzuschreiben und nicht sie abzuschaffen.

Die World Socialist Web Site ruft die Beschäftigten bei Ryanair – wie überhaupt die Arbeiter aller Konzerne weltweit – dazu auf, Basiskomitees aufzubauen, die unabhängig von den Gewerkschaften arbeiten. Die WSWS schreibt: „Immer mehr Arbeiter verstehen, dass es notwendig ist, gegen global organisierte Konzerne global koordinierte Arbeitskämpfe zu führen … die Arbeiter bei Ryanair, Amazon und anderen großen Konzernen müssen ihren Kampf als politische und organisatorische Rebellion gegen die Gewerkschaften auffassen, denn deren Rolle besteht ausschließlich darin, den Klassenkampf zu sabotieren.

Die Arbeiter müssen unabhängige Basiskomitees aufbauen, die sie weltweit mit ihren Kollegen verbinden und ihren Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung auf der Grundlage eines anti-kapitalistischen und sozialistischen Programms koordinieren.“

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