„Ich musste mein Handy verkaufen, um Lebensmittel zu bezahlen“

Spanien: Amazon-Arbeiter wegen Verletzung entlassen – jetzt ohne feste Bleibe

Von Eric London
14. August 2018

José Antonio Rueda Bermudez, ein ehemaliger Amazon-Mitarbeiter im Auslieferungszentrum San Fernando de Henares bei Madrid, wird den Tag nie vergessen, als er nach Hause kam, und die Möbel der Familie auf der Straße standen.

Als José nach Hause kam, standen die Möbel auf der Straße

Der World Socialist Web Site erklärte Rueda: „Ich musste sogar mein Handy verkaufen, um Lebensmittel bezahlen zu können. Wir mussten Freunde und Verwandte anrufen und sie bitten, unsere Möbel und unserer Sachen für uns aufzubewahren. Wir standen auf der Straße und brauchten ein Dach über dem Kopf.“

Familienangehörige und Freunde haben Rueda, seiner Frau und seiner Tochter geholfen, ein Apartment zu mieten. Er weiß jedoch nicht, wie lange er dort bleiben kann. Rueda erklärte: „Wir werden wohl nicht lange bleiben können. Es ist sehr schwer, etwas Festes zu finden, aber auf der Straße können wir nicht leben.“

Rueda war über die amerikanische Zeitarbeitsfirma Manpower als Vertragsarbeiter im Amazon-Auslieferungszentrum beschäftigt. Im Jahr 2015 verletzte er sich am Arbeitsplatz. Ruedas Job war es, täglich Hunderte von schweren Kisten zu heben und zu transportieren – eine äußerst belastende Tätigkeit, die noch dazu schnell erledigt werden muss. Das Management beobachtet die Arbeiter ständig und drängt auf maximale Geschwindigkeit und Effizienz.

Eines Tages im Juli transportierte Rueda eine Kiste, als ein unerträglicher Schmerz durch seinen Körper fuhr. Er war zu dieser Zeit erst 28 Jahre alt. Die Ärzte erklärten ihm später, dass er an einem chronischen Hexenschuss und einer chronischen Sacroiliitis leide, einer entzündlichen Veränderung der Wirbelsäule, die ihn voraussichtlich sein ganzes Leben lang begleiten wird. Seine Chancen auf einen Job sind sehr beschränkt, weil er nicht mehr längere Zeit stehen kann.

José Antonio Rueda Bermudez an seinem früheren Arbeitsplatz, dem Amazon-Zentrum San Fernando de Henares bei Madrid

Im Juni 2017 sprach die World Socialist Web Site zum ersten Mal mit Rueda. Damals berichtete die WSWS, dass Amazon Rueda wegen seiner Berufsverletzung gefeuert und ihm selbst dafür die Verantwortung zugeschoben habe. Er erklärte: „Sie sagten mir, an meiner Verletzung sei ich selbst schuld.“ Obwohl er einen gesetzlichen Anspruch darauf hatte, weigerte sich Amazon, für die medizinische Behandlung aufzukommen. „Ich bekomme nicht einen einzigen Euro – nicht für Medizin, für nichts ... Amazon hat mein Leben zerstört.“

Zur Zeit unseres ersten Interviews wartete Rueda auf eine Gerichtsverhandlung im Februar 2018 und hoffte, der Richter werde Amazon dazu verurteilen, die Kosten für die Verletzung zu übernehmen. Außerdem hatte Ruedo ein YouTube-Video erstellt, das er an die Medien verschickte. Er glaubte, damit die Aufmerksamkeit der Presse auf den Fall zu lenken. In der Hoffnung, die UGT, CCOO und Podemos würden ihn verteidigen, nahm er Kontakt zu den verschiedenen politischen Parteien und Gewerkschaften auf.

Heute berichtet Rueda, dass alle diese Organisationen seine wiederholten Bitten um Hilfe ignoriert und ihm erklärt haben, dass sie „nichts tun können“.

Er erklärte: „Die Gerichte, die Medien und die Gewerkschaften sind wie die Mafia. Meiner Meinung nach ist das eine große Schande.“

Er fuhr fort: „Ich habe Pablo Iglesias und Íñigo Errejon [beides Podemos-Führer] mein Video geschickt. Keiner von beiden hat etwas unternommen. Neulich habe ich gesehen, dass Iglesias in dem Fulfillment Center war, in dem ich gearbeitet hatte, und mit Arbeitern posierte. Mir hat er jedoch nicht geantwortet. Sie haben nichts unternommen.“

Auch an die Gewerkschaften hat Rueda sein Video geschickt: „Die Gewerkschaften haben mir ausdrücklich gesagt, die Führer hätten mein Video angeschaut. Sie ließen mir jedoch mitteilen, sie könnten mir nicht helfen. Auch die Gewerkschaften sind nichts weiter als eine Mafia – und zwar alle. Die UGT rief mich an, und ich besuchte sie in ihrem Büro. Sie erklärten, sie würden mir helfen, aber sie haben nichts unternommen. Rein gar nichts.“

Im Juli organisierten die Gewerkschaften einen dreitägigen Streik an Amazons „Prime Day“ in dem Werk, in dem Rueda gearbeitet hatte. Während des Streiks sagte der CGT-Führer Marc Balmes der Presse, die Gewerkschaften hätten Amazon einen Monat Zeit eingeräumt, damit sie ihren Warenvorrat aufstocken und die Auslieferung um den Streik herum organisieren konnten.

Obwohl die allermeisten der 2.000 Arbeiter im Werk San Fernando de Henares ernsthaft kampfbereit waren, erkannten viele Arbeiter, was der Streik wirklich war: eine Farce, die nicht zum Ziel hatte, die Produktion zu stoppen oder Amazons riesige Profite zu schmälern. Das hielt die Polizei nicht davon ab, die Streikenden mit extremer Brutalität zu behandeln: Polizisten schlugen die Arbeiter mit Knüppeln, und ein Arbeiter trug eine offene Platzwunde am Kopf davon. Drei Streikende wurden verhaftet.

Amazons Fulfillment Center San Fernando de Henares

„Während des Streiks bin ich zum Auslieferungslager gegangen. Telemadrid und eine Reihe andere Fernsehsender waren dort, und sie machten ein Interview mit mir über meinen Fall. Ich erzählte ihnen von meiner Verletzung, und dass Amazon jede Unterstützung wegen der arbeitsbedingten Erkrankung eingestellt hat.

Als die Gewerkschaftsvertreter sahen, dass ich mit den Medien sprach, kamen sie zu mir und sprachen mich an. Sie standen herum und beobachteten mich, um sicherzugehen, dass ich nichts Negatives über die Gewerkschaft sage. Letztendlich haben die Fernsehsender nicht über meinen Fall berichtet. Es gibt viele mächtige Interessen, die meine Geschichte geheim halten wollen.

Als die Reporter die Interviews mit mir an den Sender schickten, hat man dort wahrscheinlich gesagt: ,Das können wir nicht veröffentlichen.‘ Ich habe auch Briefe an die großen Fernsehsender geschickt und darum gebeten, über meinen Fall und die Ungerechtigkeit mir gegenüber zu berichten. Niemand hat etwas veröffentlicht.“

Rueda hat außerdem sein Vertrauen in die Justiz verloren. Als er im Februar 2018 vor Gericht ging, erhielt er eine Lektion darin, wie die Gerichte es der Arbeiterklasse unmöglich machen, mit berechtigten Beschwerden durchzudringen.

„Bevor die Verhandlung begann, saß ich in einem Raum mit meinem Anwalt, dem Anwalt von Amazon und dem Anwalt von Mutua Universal [einer Firma, die mit den Behörden zusammenarbeitet, wenn es um berufsbedingt verletzte Arbeiter geht]. Mir wurde klar, wie das alles manipuliert wird. Sie starrten mich alle an, tauschten Papiere untereinander aus und reichten Dokumente herum.“

Im Gerichtssaal präsentierte Rueda dem Richter seine Schriftstücke. Er hatte seine Verletzungen sorgfältig dokumentiert und war zuversichtlich, dass ihm Gerechtigkeit widerfahren würde. Der Anwalt von Amazon argumentierte jedoch, Rueda sei gar nicht direkt bei Amazon angestellt gewesen und habe deshalb keinen Anspruch auf Entschädigung.

Rueda berichtet: „Als Amazaons Anwalt das sagte, akzeptierte der Richter das zunächst als wahr und unterbrach die Verhandlung. Dann korrigierte mein Anwalt den Anwalt von Amazon und erklärte, ich hätte mich doch bei Amazon verletzt. Daraufhin führte der Richter den Prozess weiter, aber obwohl es offensichtlich eine Entscheidung zu meinen Gunsten gab, wird es jetzt mindestens acht bis 12 Monate dauern, bevor es damit weitergeht.“

Seine Schlussfolgerung?

„Die Regierung will nicht, dass die Justiz im Interesse der Arbeiter funktioniert. Wenn es für die Konzerne billiger ist, dass du stirbst, dann stirbst du. Sie werden dir nicht zahlen, was sie dir schuldig sind.“

Nachdem alle offiziellen Kommunikationskanäle ihn ignoriert hatten, versuchte Rueda Facebook zu nutzen, um seine Geschichte bekannt zu machen. Er benutzte ein Facebook-Konto mit einem anderen Vornamen, um Strafen von Amazon und den Gerichten zu vermeiden. Als Rueda jedoch online ging, um seine Geschichte mit anderen Gruppen von Arbeitern zu teilen, fand er heraus, dass er sein Facebook-Konto nicht benutzen konnte.

„Facebook hat mich gesperrt, Sie haben mich nach meinem Ausweis gefragt und nach meinen persönlichen Daten. Sie wollten, dass ich Dokumente einscanne. Ich wollte das aber nicht, und so haben sie mich gesperrt. Sie haben mich nicht an mein Konto gelassen.“

Während Rueda und seiner Familie jetzt möglicherweise die Obdachlosigkeit droht, scheffeln Amazon und der Firmenchef, Jeff Bezos, Unsummen an Geld. Anfang des Jahres stieg Bezos Nettovermögen auf 150 Milliarden Dollar – das Ergebnis der Hyperausbeutung von Arbeitern wie Rueda. In jeder Sekunde verdient Bezos 2.950 Dollar. Das ist mehr als das Jahresgehalt eines indischen Amazon-Arbeiters. Wenn man Bezos Vermögen gleichmäßig unter allen Amazon-Arbeitern aufteilen würde, würden Rueda und alle seine Kollegen jeder einen Scheck über 300.000 Dollar erhalten.

Bisweilen fühlt Rueda sich entmutigt, weil alle, von den Gewerkschaften bis zu den Medien und den politischen Parteien, ihm erklärt haben, dass sie nichts für ihn tun werden. Er macht sich Sorgen wegen der Zukunft seiner Tochter, und er kann es sich nicht leisten, noch ein Jahr auf das Geld zu warten, das ihm zusteht.

Vor Kurzem hat Rueda die WSWS kontaktiert Er hatte ein Facebook-Video der Amazon-Arbeiterin Shannon Allen gesehen, die den demokratischen Senator Bernie Sanders und die Teamsters-Gewerkschaft öffentlich anprangerte, weil sie ihr Video benutzt hatten, um für ihre prokapitalistische Politik zu werben.

Rueda erklärte: „Ich habe ihre Geschichte gesehen, und sie hat uns verteidigt.“ Er bezog sich damit auf Allens konkreten Aufruf, die amerikanischen Arbeiter sollten die streikenden Amazon-Arbeiter in Spanien verteidigen. Er fuhr fort: „Wenn man sieht, wie sie über ihre Gesundheit spricht, über ihre wirtschaftliche Situation, die Art und Weise, wie man wie Abfall behandelt, dann tut mir das weh.

Wenn man für Amzaon arbeitet, dann sieht man die Realität. Man sieht, dass auch die Gewerkschaften, die angeblich für die Arbeiter sind, nichts tun. Man sieht, dass Gerichtsprozesse unendlich langwierig sind.“

Er erklärte, als er das Video gesehen und mit dem International Amazon Workers Voice gesprochen habe, sei ihm eins klar geworden:

„Mein Problem ist kein isoliertes Problem. Wenn sie dich in einer sehr schwierigen Lage allein lassen, wenn sie dir deine Wohnung und alles nehmen, was du täglich brauchst, wenn du kein Geld hast, um zum Arzt zu gehen, und du wegen deiner Verletzungen nicht arbeiten kannst, dann musst du kämpfen. Manche Arbeiter haben Angst, und nicht jeder kämpft sofort. Die Unternehmen spielen uns gegeneinander aus. Wenn es jedoch Einigkeit unter den Arbeitern gäbe, würde sich alles ändern.“