Apulien: 16 Tagelöhner bei Verkehrsunfällen getötet

Von Allison Smith
14. August 2018

Anfang August wurden bei zwei Verkehrsunfällen in Süditalien 16 Wanderarbeiter getötet. Alle Opfer gehörten zu den Erntehelfern aus Nicht-EU-Ländern, die in der Foggia-Region (Apulien) die Tomatenernte einbringen.

Der erste Unfall ereignete sich am 4. August, als ein Kleinbus mit vier afrikanischen Migranten mit einem LKW, der Tomaten transportierte, frontal zusammenkrachte. Der zweite Crash fand nur zwei Tage später, am 6.August, statt. Ein Minibus, der 14 Personen transportierte, kollidierte ebenfalls mit einem Lastwagen der Tomatenernte. Zwölf Passagiere starben, und die übrigen drei, darunter der Fahrer, wurden schwer verletzt.

Noch sind die Ursachen für beide Unfälle nicht restlos geklärt. Aber Zeugen des Unfalls vom 6. August haben berichtet, dass die Opfer über die ganze Straße verstreut herumlagen. Daraus ist zu schließen, dass der Kleinbus alles andere als gesichert war, vermutlich weil man möglichst viele Passagiere hineinstopfen wollte. Der Kleintransporter war in Bulgarien registriert, um italienische KFZ-Steuern zu vermeiden, und transportierte 14 Personen, obwohl er nur für neun Personen ausgelegt war.

Auf diese Todesfälle in nur drei Tagen haben hunderte Wanderarbeiter mit Demonstrationen reagiert. Am 7. August legten sie die Arbeit nieder und marschierten vor die Polizeipräfektur in Foggia, um gegen ihre entsetzlichen Arbeits- und Existenzbedingungen zu protestieren. Sie forderten die Einhaltung der Arbeitsrechte auch für Migranten und ein Ende der sklavenähnlichen Bedingungen. „Schluss mit der Ausbeutung“, skandierten sie, „Schluss mit dem Tod durch Arbeit – wir sind keine Sklaven.“

Viele trugen T-Shirts mit dem Bild von Soumaila Sacko. Der Erntehelfer aus Mali war am 2. Juni erschossen worden, als er Schrottblech für seine Hütte zu sammelte, die in einer der Ghetto-Siedlungen steht.

In der Provinz Foggia halten sich zur Erntezeit mindestens 50.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa, Afrika und Italien auf. Laut offiziellen Angaben beschäftigt jeder zweite Bauer und Agro-Unternehmer Tagelöhner unter illegalen Konditionen. Nicht-offiziellen Umfragen bei den örtlichen Hilfsorganisationen zufolge sind es allerdings mindestens 90 Prozent der Unternehmer.

Die Wanderarbeiter werden über Mund-zu-Mund-Propaganda und soziale Medien wie WhatsApp rekrutiert, und die große Mehrheit von ihnen leben in Slums, in denen es weder Trinkwasser noch Strom gibt, und die bei Regen im Schlamm versinken. Auch gegen die stechende Sommersonne bieten sie wenig Schutz. Diese Ghettos werden in Zusammenarbeit mit der lokalen Mafia und den „Caporali“ (Vorarbeitern) betrieben, die die Arbeitskräfte an die umliegenden Bauern und Gutsbesitzer vermitteln und dafür saftige Provisionen einstreichen.

Für jede 30-Kilo-Kiste Tomaten bezahlt der Gutsbesitzer fünf Euro an den Mittelsmann, der dann den Caporalo bezahlt. Nachdem beide ihren Schnitt abgezogen haben, bekommt der Arbeiter noch drei Euro für jede gefüllte Kiste. Außerdem wird den Migranten fünf Euro für Essen, sowie fünf Euro für die Fahrt im Minivan abgezogen.

Es gibt Gesetze aus den letzten Jahren, nach denen auf diese Art des Anheuerns und der Ausbeutung von Migranten Gefängnisstrafe steht. Dennoch sind schätzungsweise 300.000 Arbeiter auf diese Weise illegal beschäftigt. Die Bauern verweisen auf die harte Konkurrenz im Einzelhandel, und dass sie auf flexible und niedrig bezahlte Erntehelfer angewiesen seien. So rechtfertigen sie ein System der Ausbeutung, der Akkord- und Nullstundenverträge und des so genannten „Caporalats“, d.h. der Vermittlung über mafiöse Vorarbeiter.

Diese „Argumente“ erhalten besonders seit dem Amtsantritt der aktuellen Regierung der rechtsextremen Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung starken Rückenwind. Die Regierung spricht den Migranten jeden Schutz und jedes Grundrecht ab. Dies ist ein starkes Signal an Agrarunternehmer und Gutsbesitzer, dass sie im Umgang mit den Tagelöhnern freie Hand und nichts zu befürchten haben. So sind die tödlichen Unfälle, verursacht durch nackte Profitgier auf Kosten der Wanderarbeiter, nicht vom Kurs der rechtsextremen Regierung in Rom zu trennen.

Schon vor dem Amtsantritt von Premierminister Giuseppe Conte hatte die Koalition angekündigt, sie werde im Lauf von 18 Monaten eine halbe Million Flüchtlinge deportieren und alle Flüchtlinge ohne Aufenthaltsgenehmigung in bewachten Gefangenenlagern einsperren. Innenminister und Vizepremier Matteo Salvini (Lega) dröhnte: „Wir sagen allen Illegalen: Die Party ist vorbei“, sie sollten „ihre Koffer packen“.

Nach den tödlichen Unfällen kündigte Premierminister Giuseppe Conte, der selbst aus der Region Foggia stammt, letzte Woche einen Besuch in der Region an, um „die Situation persönlich einzuschätzen“ – ohne jedoch irgendwelche Zusagen zugunsten der Wanderarbeiter zu machen.

Luigi Di Maio, Minister für Wirtschaft, Entwicklung, Arbeit und Soziales und zweiter Vizepremier, äußerte lediglich hohle Versprechen, dass die Regierung künftig mehr Inspektoren beauftragen werde, „um das Caporalat zu bekämpfen“.

Der Präsident von Apulien, Michele Emiliano (Demokratische Partei), wiederholte Di Maios Versprechungen und erklärte zu den Siedlungen, in denen die Migranten hausen, sie seien „in der Hand krimineller Organisationen, die sich an Prostitution, Drogenhandel und den Caporali beteiligen“. Er behauptete, die lokale Regierung werde die Ghettos schließen und vernünftige Strukturen für die obdachlosen Migranten schaffen. Sollte dies jedoch passieren, dann dient das allein dazu, die Armut zu bestrafen, denn es gibt überhaupt nicht genug Wohnraum, um die Wanderarbeiter unterzubringen.

Was die Gewerkschaften betrifft, so rühren sie keinen Finger, um die Ausbeutung der Tagelöhner zu beenden. Sie sind weit davon entfernt, elementare Bedingungen wie gute und sichere Löhne, Arbeitsschutz, menschenwürdige Unterbringung und ein vernünftiges öffentliches Transportsystem auch nur anzusprechen. Sie beflügeln höchstens die Illusion, dass es möglich sei, durch Druck auf die Regierung das Ausbeutungssystem in der Landwirtschaft zu reformieren.

Die Gewerkschaft, die unter den Migranten am meisten Einfluss hat, ist die Basisgewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB). Sie behauptet von sich, eine nicht-korrupte linke Alternative zu den etablierten Gewerkschaften zu sein.

In der USB tummeln sich sämtliche kleinbürgerlichen Gruppen, von Rifondazione Comunista (PRC) über die Maoisten bis hin zu Sinistra Anticapitalista, die dem pablistischen Vereinigten Sekretariat angehört. Diese Gewerkschaft tolerierte in ihren Reihen während einer Demonstration 2010 den ehemaligen Sozialminister Paolo Ferrero von Rifondazione, der als Minister der Prodi-Regierung kurz zuvor der Zerstörung der traditionellen Rentenrechte zugestimmt und die ersten Abschiebelisten der Sinti und Roma eigenhändig unterzeichnet hatte.

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