Weltmärkte zittern vor Auswirkungen der türkischen Lira-Krise

Von Nick Beams
14. August 2018

Mit der Wiederaufnahme des Handels zu Beginn dieser Woche ist der Kurs der türkischen Lira gestern weiter gesunken. Zwischenzeitlich stand der Wechselkurs bei einem US-Dollar zu 7,24 Lira, so hoch wie nie zuvor. Die Börse in Istanbul brach zeitweise um mehr als vier Prozent ein.

Beachtlicherweise litten auch die Kurse mehrerer lateinamerikanischer Währung unter dem Verlust der Lira. Der argentinische Peso wertete gestern gegenüber dem US-Dollar um 2,65 Prozent ab, der brasilianische Real verlor 0,53 Prozent und der mexikanische Peso gab gegenüber der US-Währung um 0,87 Prozent nach.

Der Wirtschaftskolumnist der New York Times, Paul Krugman, hatte in einem am Wochenende veröffentlichten Artikel erklärt, dass der Absturz der türkischen Lira eine Wiederholung der Finanzkrise in Asien vor 20 Jahren sei.

Eines der größten Wertpapierhandelsunternehmen der Welt, Pimco, hat davor gewarnt, dass die türkische Krise das Ergebnis einer Verschiebung auf den weltweiten Finanzmärkten ist, die aus der Anhebung der Zinsen durch die US-Notenbank und dem Abbau ihrer Bestände an Finanzanlagen resultiert.

Der Anstieg der Zinssätze wirkt sich stark auf Länder wie die Türkei aus, die auf Dollar lautende Kredite aufgenommen haben, als sie niedrig waren. Da die US-Zinsen und der Dollar steigen, steigen auch die Kosten für die Bedienung dieser Kredite, was die Aussicht auf Konkurs für die Kreditnehmer erhöht.

Die Türkei ist ein wichtiger Kreditnehmer auf den internationalen Märkten mit einer Gesamtauslandsverschuldung von 467 Milliarden Dollar.

Joachim Fels, Global Economic Advisor bei Pimco, schrieb am Sonntag: „Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Kombination aus schlechter Binnenwirtschaftspolitik, die sich weiter verschlechtert, und einer sich verschlechternden globalen Liquidität, die aufgeblähte Dollar-Bilanzen anfällig macht, zu hoher Volatilität und Dominoeffekten führen kann.“

„Wer glaubt, die Bilanz der Notenbank zu schrumpfen und den Leitzins schrittweise zu erhöhen, hätte keine globalen Auswirkungen?“

Die Europäische Zentralbank hat die großen europäischen Banken unter Beobachtung genommen, die stark von der türkischen Verschuldung betroffen sind. Dazu gehören die spanische BBVA, die der Türkei 83,3 Milliarden Dollar geliehen hat, die italienische Uni Credit mit 38,4 Milliarden Dollar, und die französische BNP Paribas mit 17 Milliarden Dollar.

Bei einer Inflationsrate von mehr als 16 Prozent fordern die internationalen Finanzmärkte, dass die Zentralbank die Zinsen anhebt, um finanzielle Stabilität zu erreichen und die Angriffe auf die Arbeiterklasse zu verschärfen. Doch diese Forderung wurde bisher vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan abgelehnt.

In einer Reihe von Reden am Wochenende setzte Erdoğan seine populistische Rhetorik fort und erklärte, dass es eine „Operation“ anderer Länder gebe, um die türkische Wirtschaft zu stürzen.

Im Gespräch mit Mitgliedern seiner regierenden AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) in der Stadt Rize sagte Erdoğan, eine Erhöhung des Zinssatzes sei ein „Instrument der Ausbeutung, das die Reichen reicher und die Armen ärmer machen wird“.

Schon am Freitag fiel die türkische Lira um bis zu 18 Prozent im Handel. Das war der stärkste Rückgang seit einer Finanzkrise im Jahr 2001.

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak, der Schwiegersohn des Präsidenten, verkündete am Montag einen neuen „Aktionsplan“ zur Stabilisierung der Wirtschaft, und bezeichnete den Wertverlust der Lira als „Angriff“.

Erdoğan hat die Vermutung zurückgewiesen, die Türkei befinde sich in einer Finanzkrise wie Asien in den Jahren 1997-98. Diese Krise, ausgelöst durch einen Sturz des thailändischen Baht, hatte seinerzeit in der Region ähnlich verheerende Auswirkungen wie die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren.

Er sagte, der Rückgang der Lira spiegele nicht die Fundamentaldaten der türkischen Wirtschaft wider. „Was ist der Grund für den ganzen Sturm im Wasserglas? Dafür gibt es keinen wirtschaftlichen Grund. [...] Das nennt man eine Operation gegen die Türkei.“

Der Absturz der Lira wird noch verschärft durch das Bestreben der Trump-Regierung, die Finanzkrise zu nutzen, um die Türkei bei ihren außenpolitischen Zielen im Nahen Osten auf US-Linie zu bringen.

Letzte Woche verdoppelte sie die Zölle auf türkische Stahlexporte als Reaktion auf den Einbruch der Lira und die Weigerung der türkischen Regierung, den evangelischen Pfarrer Andrew Brunson freizulassen, der im Zusammenhang mit dem Putschversuch gegen Erdogan im Juli 2016 wegen des Verdachts der Spionage und Terrorismus verhaftet wurde.

Der Konflikt um Brunson ist nur der jüngste in einer Reihe von Konflikten zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten. Die Türkei ist gegen die Unterstützung kurdischer Milizen in Syrien durch die USA, die sie als terroristische Organisationen anprangert. Die Türkei ist auch mit den USA und anderen NATO-Verbündeten in Konflikt geraten, weil sie engere Beziehungen zu Russland und China sucht.

Diese Fragen wurden in einer von Erdoğan verfassten und am Freitag in der New York Times veröffentlichten Stellungnahme dargelegt, zusammen mit der Kritik an der Haltung der USA beim Putschversuch. Erdogan schrieb, zwei seiner Helfer seien von Todesschwadronen getötet worden, und er hätte dasselbe Schicksal erlitten, wenn der Putsch erfolgreich gewesen wäre.

Doch anstatt den Staatsstreich im Namen der „Demokratie“ anzuprangern, hätten die USA nur „Stabilität, Frieden und Kontinuität in der Türkei“ gefordert. Erdoğan lies es in seinem Kommentar unerwähnt, aber es wurde berichtet, dass er nur dem Tod entkam, weil er von russischen Geheimdienstquellen gewarnt wurde.

Die Kolumne verwies auf das lange strategische Bündnis zwischen der Türkei und den USA und warnte davor, dass ein weiteres einseitiges Handeln nur dazu dienen könne, „die Interessen und die Sicherheit Amerikas zu unterminieren“, und „wenn wir diesen Trend zu Unilateralismus und Respektlosigkeit nicht umkehren, werden wir anfangen müssen, nach neuen Freunden und Verbündeten zu suchen“.

Unabhängig vom unmittelbaren Verlauf der Ereignisse haben die türkische Krise und die Warnungen vor ihren weitreichenden Folgen nicht nur für die so genannten Schwellenländer, sondern auch für die großen internationalen Banken deutlich gemacht, dass die von der US-Notenbank und anderen großen Zentralbanken ergriffenen Maßnahmen die Widersprüche der globalen kapitalistischen Wirtschaft, die in der finanziellen Kernschmelze von 2008 ausgebrochen ist, nicht beseitigt haben.

Die Senkung der Zinssätze auf Rekordtiefs in Verbindung mit dem Hineinpumpen von Billionen von Dollar in das Finanzsystem bescherte der globalen Unternehmens- und Finanzoligarchie eine Goldgrube in Form von steigenden Vermögenswerten und Aktienkursen. Der Wert des US-Aktienmarkts hat sich seit seinem Tiefpunkt im März 2009 vervierfacht.

Aber dies hat nur die Voraussetzungen für den Ausbruch eines weiteren globalen Absturzes geschaffen, der noch verheerender sein wird als vor einem Jahrzehnt – eine Krise, die, wie die Erfahrung der letzten zehn Jahre gezeigt hat, zu einem sofortigen verschärften Angriff auf die internationale Arbeiterklasse führen wird.

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