Pennsylvania: Katholische Priester haben tausende Kinder missbraucht

Von Patrick Martin
17. August 2018

In einem Bericht der Grand Jury von Pennsylvania vom 15. August werden 300 katholische Priester mit Namen genannt, die offenbar über Jahrzehnte hinweg Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Laut der Jury lassen sich mindestens eintausend Opfer durch Kirchenakten identifizieren. Die tatsächliche Zahl könnte noch um ein Vielfaches höher sein.

In dem Bericht sind die Namen von etwa zwei Dutzend Priestern geschwärzt, da vor dem Obersten Gerichtshof ein Verfahren läuft, ob es Beweise für ihre Schuld gibt. Doch die meisten Namen in dem Bericht sind lesbar, ebenso die abscheulichen Details der Missbrauchsfälle.

Die dokumentierten Fälle gehen bis zu 70 Jahre in die Vergangenheit zurück. Das älteste Opfer, das über seinen Missbrauch ausgesagt hat, ist 83 Jahre alt. Der Großteil der Fälle hat sich jedoch in den 1960ern bis 1980ern ereignet. Obwohl etwa 200 mutmaßliche Täter noch am Leben sind, sind bisher nur zwei von ihnen angeklagt worden.

Die Grand Jury äußerte sich in vernichtenden Worten über die Vorfälle, die sie aufgedeckt hat. In der Einleitung des Berichts heißt es:

„Wir, die Mitglieder dieser Grand Jury, sind der Meinung, dass Sie dies hören müssen. Wir wissen, dass einige von Ihnen bereits davon gehört haben. Es gab schon früher Berichte über sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche, allerdings nie in diesem Ausmaß. Für viele von uns hörten sich diese früheren Geschichten an, als seien sie irgendwo anders, weit weg entfernt passiert. Jetzt kennen wir die Wahrheit: Sie sind überall passiert …

Viele der Opfer waren Jungen, doch es gab auch Mädchen. Einige waren Teenager, bei vielen hatte die Pubertät noch nicht eingesetzt. Einige wurden mit Alkohol oder pornographischen Bildern gefügig gemacht. Einige mussten die Täter masturbieren oder sich von ihnen befummeln lassen. Einige wurden oral vergewaltigt, einige vaginal, andere anal. Doch die Kirchenoberen ignorierten sie alle und schützten stattdessen vor allem die Täter und ihre Institution.“

Der Bericht scheut nicht vor Anklagen gegen die katholische Hierarchie zurück: „Priester haben kleine Jungen und Mädchen vergewaltigt, und die verantwortlichen Gottesmänner haben nicht nur nichts dagegen getan, sondern jahrzehntelang alles vertuscht.“

Die Grand Jury wies darauf hin, dass Bischöfe und andere Kirchenfunktionäre die Übergriffe systematisch vertuschten. Deshalb seien „fast alle von uns entdeckten Missbrauchsfälle bereits verjährt“. Das Gremium fordert deshalb Änderungen an den gesetzlichen Verjährungsfristen für Sexualverbrechen, damit Verfahren eingeleitet werden können, wo immer es genug Beweise und zur Anklageerhebung bereite Opfer gibt. Die Kirche lehnt dies ab.

Die Grand Jury hat mehr als eine Million Dokumente eingesehen, die meisten davon geheime Akten der sechs Diözesen in Pennsylvania, die sie überprüft hat (zwei andere, diejenigen von Philadelphia und Johnstown-Altoona, waren bereits zuvor von Grand Jurys untersucht worden). Der Bericht umfasst mehr als tausend Seiten. Mehrere Fälle werden detailliert geschildert:

* Ein Priester hat ein siebenjähriges Mädchen im Krankenhaus vergewaltigt, als er sie nach einer Mandeloperation besuchte.

* Ein anderer Priester zwang einen Neunjährigen zum Oralverkehr. Danach „wusch er den Mund des Jungen mit Weihwasser aus, um ihn zu reinigen“.

* In der Diözese Pittsburgh hat ein Ring pädophiler Priester „untereinander Informationen über die Opfer ausgetauscht“, mit ihnen pornografisches Material produziert und auch die Opfer untereinander weitergereicht.

* In Erie musste ein siebenjähriger Junge bei demselben Priester seine Sünden beichten, der ihn missbraucht hatte.

* Missbrauchte Messdiener erhielten besondere Zeichen der Gunst wie goldene Kreuze, die sie tragen mussten und sie als bevorzugte Ziele für weiteren Missbrauch durch andere Priester kennzeichneten.

* Ein Priester missbrauchte fünf Schwestern aus der gleichen Familie. Die jüngste von ihnen war erst achtzehn Monate alt.

* Ein Junge wurde zwischen dem dreizehnten und fünfzehnten Lebensjahr mehrfach vergewaltigt und erlitt dabei schwere Verletzungen der Wirbelsäule. Er wurde Schmerzmittel-süchtig und starb an einer Überdosis.

Als der Priester Ernest Paone im Jahr 1962 in Pittsburgh dabei erwischt wurde, wie er Jungen missbrauchte, stellte der Bezirksanwalt das Verfahren ein, um der Diözese „ungünstige Publicity“ zu ersparen, denn er benötigte die Unterstützung der Kirche für seinen politischen Wahlkampf. Paone behielt sein Priesteramt bis 2003, danach ging er in Rente.

Ein besonders wichtiges Element im Grand-Jury-Bericht ist die detaillierte Darstellung des so genannten „Drehbuchs der Kirche zur Verheimlichung der Wahrheit“. Darin wurden Kirchenvertreter angewiesen, bei Fällen von sexuellem Missbrauch statt „Vergewaltigung“ Euphemismen wie „unangemessener Kontakt“ zu benutzen, Untersuchungen im Sand verlaufen zu lassen, straffällige Priester in kircheneigene Behandlungszentren abzuschieben oder in andere Orte zu versetzen, statt sie ihres Amtes zu entheben. Das oberste Gebot dabei lautete, Verbrechen niemals der Polizei zu melden.

Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts trat Josh Shapiro auf, der Justizminister von Pennsylvania, flankiert von über einem Dutzend der Opfer. Unter ihnen war auch der derzeitige Abgeordnete im Staatsparlament, Mark Rozzi. Dieser griff die Kirche an, weil sie sich weigert, einen Gesetzesentwurf zu akzeptieren, der die Verjährungsfrist für Fälle im Zusammenhang mit dem Skandal aufheben würde. Rozzi erklärte: „Die Hierarchie hat diese Verbrechen begünstigt, denn sie schützt statt der Kinder lieber das Eigentum und den Ruf der Kirche.“

Der Bericht aus Pennsylvania ist nur der jüngste Hinweis, der detailliert enthüllt, dass sexueller Missbrauch ein integraler Bestandteil der römisch-katholischen Kirche ist. Seit den ersten Enthüllungen in Boston im Jahr 2002 gab es auf der ganzen Welt immer wieder umfangreiche Enthüllungen der Verbrechen, die Priester unter anderem in Irland, Australien und zuletzt in Chile begangen und Bischöfe vertuscht hatten.

Der ehemalige Erzbischof von Washington DC, Kardinal Theodore E. McCarrick, wurde im Juni seines Amtes enthoben, nachdem Beweise aufgetaucht waren, dass er vor 40 Jahren als Gemeindepfarrer einen jungen Messdiener missbraucht hatte. McCarrick ist der bisher ranghöchste Prälat, der wegen mutmaßlicher Teilnahme an Kindesmissbrauch entlassen wurde. Viele andere wurden schon vorher entlassen, weil sie Verbrechen der ihnen unterstellten Priester vertuscht hatten.

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