Die globalen Auswirkungen der türkischen Lira-Krise

17. August 2018

Der zehnte Jahrestag des Ausbruchs der globalen Finanzkrise von 2008 rückt näher, und die anhaltenden Turbulenzen, die die türkische Lira heimsuchen, läuten die Alarmglocke, dass alle Bedingungen, die zu dem Absturz geführt haben, auch weiterhin bestehen.

Ausgerechnet die Maßnahmen, die die Regierungen und Zentralbanken der großen kapitalistischen Länder als Reaktion auf den Zusammenbruch ergriffen hatten, haben die Krise sogar noch verschärft. Dies hat die Voraussetzungen für den Ausbruch einer weiteren Finanzkatastrophe geschaffen, die möglicherweise noch schwerwiegender ist als vor einem Jahrzehnt.

Durch die Injektion von Billionen Dollar in die globalen Finanzmärkte und das damit einhergehende Niedrigzinssystem, das gerade für die Finanzhäuser, deren spekulative Aktivitäten den Zusammenbruch auslösten, einen Geldregen bedeutete, ist ein neues Kartenhaus entstanden.

Doch in einem 2008 noch kaum vorstellbaren Ausmaß sind heute alle führenden Volkswirtschaften der Welt in einem immer weiter eskalierenden Kreislauf von Wirtschaftskriegen gefangen. Dieser globale Handelskrieg wird vom Weißen Haus unter Trump angeführt. Es betrachtet Handelssanktionen und Zölle, wie den Angriff gegen die Türkei, als integralen Bestandteil seiner Bemühungen, die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten auf Kosten von Freund und Feind zu sichern.

Der Charakter der Weltwirtschaft hat in den letzten zehn Jahren einen tiefgreifenden Wandel erfahren, bei dem das Wirtschaftswachstum nicht durch die Entwicklung der Produktion und neuer Investitionen, sondern durch den Geldfluss von einer Quelle spekulativer und parasitärer Aktivitäten zur nächsten angetrieben wird.

Dementsprechend ist viel Geld in die sogenannten aufstrebenden Märkte wie die Türkei geflossen. Hier bot die Aussicht auf höhere Renditen und schnellere Wachstumsraten die Chance auf schnelle Gewinne. Möglich wurde dies durch die Fähigkeit von Regierungen und Unternehmen, auf Dollar und andere Fremdwährungen lautende Kredite zu sehr günstigen Konditionen aufzunehmen.

Wie groß diese Geldflut ist, zeigen die Zahlen des Institute of International Finance. Die Gesamtverschuldung von 30 großen Schwellenländern stieg nach dessen Angaben von 163 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Ende 2011 auf 211 Prozent im ersten Quartal dieses Jahres. In Geld ausgedrückt bedeutet das einen Anstieg der Schulden der Schwellenländer um 40 Billionen Dollar.

Solange die Zinsen und der Wert des US-Dollars niedrig blieben, konnte sich dieser Prozess fortsetzen. Aber der Schritt der US-Notenbank, die Zinssätze anzuheben und ihr Programm der „quantitativen Lockerung“ zu beenden, und die daraus resultierende Aufwärtsbewegung des Dollars bedeuten, dass die Schuldenlast der auf Dollar lautenden Kredite rasch zunimmt. Dies hat zu einem Sturm auf alle Ausgänge geführt, bei dem der Wert der türkischen Lira in diesem Jahr um bis zu 40 Prozent gesunken ist.

Aber die türkische Krise ist nur der bisher stärkste Ausdruck einer weit verbreiteten Entwicklung. Der südafrikanische Rand ist um bis zu zehn Prozent gefallen, der brasilianische Real stand in diesem Jahr unter Abwärtsdruck und die indische Rupie fiel in dieser Woche gegenüber dem US-Dollar auf den niedrigsten Stand in der Geschichte. Mit dem Ausbruch der türkischen Krise hat Argentinien seinen Leitzins um fünf Prozentpunkte auf 45 Prozent angehoben, um sein finanzielles Ausbluten zu verhindern. Schon im Juni hatte das Land den Internationalen Währungsfonds um Soforthilfe gebeten, um den Einbruch des Peso zu stoppen.

Die Turbulenzen in den Schwellenländern ähneln auffallend der asiatischen Finanzkrise von 1997-98, als der Zusammenbruch des thailändischen Baht einen Währungseinbruch in der gesamten Region auslöste. Von US-Präsident Bill Clinton als bloße „Panne“ auf dem Weg zur Globalisierung bezeichnet, führte die Asienkrise zu einer tiefen Rezession in der gesamten Region. Sie führte wiederum zu einer Krise des russischen Rubels, die eine zentrale Rolle beim Zusammenbruch des US-Investmentfonds Long Term Capital Management spielte. Dieser wurde schließlich von der New Yorker Federal Reserve aus Angst vor einer Krise des gesamten US-Finanzsystems gerettet.

Ebenso sind alle Voraussetzungen für die Ausbreitung der „Ansteckung“ aus der Türkei und anderen Schwellenländern in der gegenwärtigen Situation vorhanden – allerdings auf einem höheren Niveau, da die großen europäischen Banken Hunderte von Milliarden Dollar an Krediten bereitgestellt haben.

Doch während es Ähnlichkeiten mit früheren Krisen gibt, gibt es auch große Unterschiede. Diese beziehen sich auf das geopolitische Umfeld, das heute vor allem durch den Zerfall aller Nachkriegsregelungen und -mechanismen gekennzeichnet ist. Seinerzeit hatten sich die Großmächte zusammengeschlossen, um die wirtschaftlichen Widersprüche des von ihnen beherrschten Systems zu regulieren und einzudämmen.

Im Juni brach das Treffen der G7-Großmächte wegen der von den USA eingeleiteten Zoll- und Handelskriegsmaßnahmen zusammen – und das trotz der seit 2008 ständig wiederholten Zusagen, nie wieder die eigenen Verbündeten in den Ruin zu treiben, was in den 1930ern zur Weltwirtschaftskrise geführt hatte.

Weniger als drei Monate später sind die Folgen dieses Zusammenbruchs deutlich zu erkennen. Es ist von großer Bedeutung, dass der unmittelbare Auslöser für die Lira-Krise die Entscheidung der Trump-Regierung war, die der Türkei auferlegten Stahlzölle zu verdoppeln, um sie ihren außenpolitischen und militärischen Zielen im Nahen Osten unterzuordnen. Wie allgemein festgestellt wurde, hätten die USA in früheren Krisen in Zusammenarbeit mit anderen Großmächten interveniert, um die Situation zu beruhigen.

Aber eine solche Politik hat die US-Regierung im Rahmen der „America First“-Agenda über Bord geworfen. Die USA wussten um die Folgen ihrer türkischen Intervention für die europäischen Banken, die stark in das Land investiert hatten. Doch unter Bedingungen, unter denen Trump Europa als „Feind“ in den Wirtschaftsbeziehungen charakterisiert hat, mag Washington dies als weiteren Vorteil angesehen haben.

Der Aufstieg des Handelskrieges ist nicht auf die USA beschränkt. Mit dem Zusammenbruch der Mechanismen der Wirtschafts- und Finanzregulierung der Nachkriegszeit richtet sich jede Großmacht nach ihren eigenen Interessen, was zur Eskalation des Wirtschaftskriegs und letztlich zu militärischen Konflikten führt. Der Widerspruch zwischen der Weltwirtschaft und der Aufteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten und Großmächte nimmt immer konkretere Formen an.

Doch während sie hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen und geopolitischen Ziele tief gespalten sind, sind sich die herrschenden kapitalistischen Klassen in einer wesentlichen Frage einig. Wie auch immer die nächste Stufe des anhaltenden Zusammenbruchs des Weltkapitalismus verläuft, sie alle werden sich mit allen notwendigen Mitteln bemühen, die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt dafür bezahlen zu lassen.

Dies ist die Lehre aus dem letzten Jahrzehnt, in dem in jedem Land ein zunehmender Angriff auf Löhne, gesellschaftliche Bedingungen und den Lebensstandard stattgefunden hat, um den Reichtum nach oben umzuverteilen, wodurch die soziale Ungleichheit auf beispiellose Höhen steigt.

2008 profitierten die kapitalistischen Regierungen weltweit, vor allem in den USA, enorm von der jahrzehntelangen Unterdrückung des Klassenkampfes durch die Gewerkschaften und die Parteien des politischen Establishments. Die Rettungsaktion, die sie im Namen des parasitären und kriminellen Finanzkapitals durchgeführt haben, wäre ohne sie nicht möglich gewesen.

Doch jetzt ändern sich die Bedingungen. Das Jahr 2018 hat ein Wiederaufleben des Klassenkampfes international erlebt. Auf höchster Ebene der Regierungen, des Staatsapparats und der Finanzwirtschaft war bekannt, dass Maßnahmen, die nach 2008 ergriffen wurden, nichts zur Überwindung der Bedingungen beitragen würden, die den Absturz verursachten, und dass früher oder später eine weitere Krise ausbrechen würde. Dementsprechend haben sie ihre Vorbereitungen für eine solche Situation durch die Entwicklung immer autoritärerer Herrschaftsformen getroffen, die auf Gewalt durch Militär und Polizei und auf Zensur basieren.

Die internationale Arbeiterklasse muss sich ebenso auf den Kampf vorbereiten, in den sie gestürzt wird. Dies beinhaltet die Entwicklung unabhängiger Organisationsformen, die sich der Kontrolle der reaktionären Gewerkschaften entziehen, und auf der grundlegendsten Ebene die Entwicklung eines internationalen sozialistischen Programms sowie den Aufbau der Weltpartei der sozialistischen Revolution, des Internationalen Komitees der Vierten Internationale.

Nick Beams

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