Ärmelkanal: Französische und britische Fischer im Streit um Jakobsmuscheln

Von Alex Lantier
1. September 2018

Die Brexit-Krise bringt unbeabsichtigte Folgen hervor. Am 28. August brach im Ärmelkanal zwischen französischen und britischen Fischern ein regelrechter Krieg um die Jakobsmuscheln aus.

Der Streit ist ein Alarmsignal. Das ständige Schüren von Nationalismus auf beiden Seiten des Ärmelkanals könnte eine Unzahl unerwarteter Konflikte mit sich bringen, umso mehr, als sich Großbritannien und die EU offenbar nicht auf einen geordneten Brexit einigen können.

An diesem Dienstag lieferten sich 40 kleinere französische Fischkutter und fünf britische Muschelschiffe eine offene Seeschlacht, bei der sie sich mit Steinen und Leuchtraketen bewarfen und ihre Boote gegenseitig rammten. Der Präsident der Fischervereinigung der Normandie, Dimitri Rogoff, erklärte am Dienstag in Le Figaro dazu: „In der Nacht stießen etwa 40 Schiffe in See, um britische Fischer aufzubringen, die die Bestände an Jakobsmuscheln plündern wollten. Es kam zum Zusammenstoß, die Franzosen verhinderten die Arbeit der Briten. Sie gerieten aneinander.“

Die britischen Schiffe zogen sich aus dem Gebiet in der Seine-Bucht zurück, um nicht umzingelt zu werden. Die französische Küstenwache soll sich geweigert haben, einzugreifen.

Der Vorsitzende der britischen National Federation of Fishermen's Organizations, Barrie Deas, erklärte: „Wir raten allen Parteien, Ruhe zu bewahren. Wie man auf den Videoclips erkennt, manövrieren einige Schiffe sehr gefährlich ... Die tieferen Gründe der Zusammenstöße sollten am runden Tisch geklärt werden, aber nicht auf hoher See, wo Menschen verletzt werden können.“

Dann wiederholt Deas die Forderung britischer Fischer, dass die Royal Navy in den französischen Gewässern eingreifen solle. Deas sagte der BBC: „Das geht weit über legales Verhalten hinaus. Wir haben die britische Regierung gebeten, auf diplomatischer Ebene zu intervenieren, aber auch unseren Schiffen Schutz zu gewähren.“

Das erinnert an die „Kabeljaukriege“ vor fünfzig Jahren zwischen Großbritannien und Island (1958–1975), als die Kriegsmarine beider Länder im Kampf um die Kabeljaufischgründe rings um Island sich gegenseitig die Schiffe rammte.

Noch versuchen die Regierungen von Großbritannien und Frankreich, den Vorfall herunter zu spielen. Premierministerin Theresa May forderte eine Verhandlungslösung: „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir eine freundschaftliche Lösung für den Vorfall im Ärmelkanal finden. Das wollen wir, und das will auch Frankreich, und daran werden wir arbeiten.“

Der britische und der französische Landwirtschaftsminister, George Eustice und Stéphane Travert, führten ein Gespräch über die Zusammenstöße. Der französische Radiosender Europe1 berichtete: „Stéphane Travert hat sich über dieses brisante Thema noch nicht geäußert. Das überrascht nicht, da Frankreich aufgrund der europäischen Regelwerke in diesem Fall im Unrecht ist.“

Dennoch zeigt der Fall, dass der bevorstehende Brexit zum Aufbrechen gefährlicher Spannungen führen könnte, die auf wirtschaftlicher Ebene seit langem bestehen.

Vor fünfzehn Jahren hatte Frankreich einseitig festgelegt, dass die Jakobsmuschelsaison für französische Fischer vom 1. Oktober bis zum 15. Mai dauern soll, um Überfischung zu verhindern. Nach den Regeln der EU sind die britischen und irischen Boote jedoch nicht an die französischen Vorschriften gebunden. Deshalb ist es ihnen außerhalb der französischen Zwölfmeilenzone erlaubt, den Jakobsmuschelfang das ganze Jahr über fortzusetzen.

Schon im Jahr 2012 war es zu ähnlichen Zusammenstößen wegen der Jakobsmuscheln gekommen. Die Franzosen hatten die Fischerei britischer Schiffe im Sommer kritisiert und behauptet, viele Schiffe würden rechtswidrig in französische Hoheitsgewässer eindringen. Daraufhin unterzeichneten beide Seiten mehrere Abkommen, um Konflikte zwischen den Fischern einzudämmen. Aber in diesem Jahr sind die Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen gescheitert, weil der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union im kommenden März bevorsteht.

Theresa May befürwortet einen „weichen“ Brexit, bei dem das Vereinigte Königreich weiterhin ausgedehnte Beziehungen mit der EU unterhalten würde. Ein „harter Brexit“ oder „No-Deal-Brexit“, d.h. ein Austritt ohne Einigung zwischen London und der EU über Wirtschaftsfragen, würde auch den Austritt Großbritanniens aus den Fischereiabkommen der EU bedeuten.

Aussagen der Jakobsmuschelfischer machen deutlich, dass die tieferen Gründe für den Zusammenstoß nach wie vor ungelöst sind.

In der Normandie beklagte sich Rogoff bitterlich: „Die Briten bedienen sich einfach: Sie fischen wann sie wollen, wo sie wollen und so viel wie sie wollen. Wir wollen ihnen das Fischen nicht verbieten. Aber sie sollten wenigstens bis zum 1. Oktober warten, damit wir alle etwas abbekommen!“ Er fügte hinzu, die Fischer in der Normandie rechneten damit, dass nach dem Brexit überhaupt keine britischen Boote mehr in dem Gebiet fischen dürften: „Normalerweise werden sie nach dem 29. März 219 eine fremde Macht sein, dann werden sie keinen Zugang mehr zu diesem Gebiet haben.“

Französische Fischer, die auf kleineren, bis fünfzehn Meter langen Booten arbeiten, beklagen zudem die ökologischen Folgen des britischen Fischfangs. Die britischen Schiffe sind doppelt so groß, fischen die Jakobsmuscheln mit Schleppnetzen in großem Stil ab und gefährden die Versuche, die Population zu erhalten. Ein britischer Fischer erklärte dem Guardian inoffiziell: „Schleppnetze zu benutzen, ist eine üble Art zu fischen. Nicht alle Fischer wollen das. Die maritime Umwelt leidet sehr darunter.“

Unabhängig davon, ob in nächster Zeit in London oder Paris eine Einigung im Streit um die Jakobsmuscheln zustande kommt, zeigt der Vorfall exemplarisch, was die Medien und die Politiker zurzeit für einen Nationalismus schüren. Der Zusammenstoß im Vorfeld des Brexit weist auf das Potenzial für immer brutalere Konflikte. Der britische Daily Telegraph prognostizierte: „Der Streit um die Jakobsmuscheln ist nur der Anfang: Der Brexit wird einen offenen Fischereikrieg mit der EU auslösen.“

Mit den Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien steht ein Handelsvolumen im Wert von hunderten Milliarden Euro auf dem Spiel. Das beunruhigt die Finanzmärkte und die herrschenden Kreise außerordentlich.

Am Montag, den 27. August, hatte der französische Premierminister Edouard Philippe erklärt, seine Regierung bereite sich auf einen „No-Deal-Brexit“ vor. Doch der EU-Brexit-Unterhändler Michel Barnier relativierte diese Aussage etwas, worauf das Pfund am Mittwoch um 1,2 Prozent anstieg. Barnier versprach der britischen Regierung für die Nach-Brexit-Zeit eine „Partnerschaft, wie wir sie noch mit keinem anderen Land hatten“, und deutete an, dass die EU Großbritannien mehr Zeit geben werde, um einen Deal auszuhandeln.

Als Barnier jedoch nach einem Treffen mit dem deutschen Außenminister Heiko Maas seine Äußerung wieder zurücknahm und einen „freien“ Zugang Großbritanniens zu den EU-Märkten ausschloss, da verlor das Pfund sofort wieder deutlich an Wert.

Die französischen Medien haben über britische Twitter-Posts berichtet, in denen die Royal Navy aufgefordert wurde, auf französische Fischerboote zu schießen. Sébastien Jumel, der stalinistische Bürgermeister der französischen Küstenstadt Dieppe, schrieb einen Brief an Travert, in dem er sich hinter die französischen Fischer stellte: „Unsere französischen Fischer benutzen traditionelle Fischfangmethoden, die die natürlichen Ressourcen respektieren. Allerdings sind sie zunehmend mit Fischerbooten unter britischer Flagge konfrontiert, einige mehr als 30 Meter lang, die massive und verantwortungslose industrielle Fischerei betreiben und damit in gefährlichem Ausmaß die Ressourcen des Meeres zerstören.“

Doch da französische Fischer etwa 40 Prozent ihrer Fänge in britischen Hoheitsgewässern machen, hätte ein No-Deal-Brexit auch für Frankreich weit reichende, unvorhersehbare Folgen. Letztes Jahr warnte Travert auf einer Fischereikonferenz in Sète: „Wenn Großbritannien am 30. März 2019 aus irgendeinem Grund beschließt, plötzlich seine Beziehungen zur Europäischen Union zu kappen, ohne dass vorher ein Austritt und damit eine Übergangsperiode beschlossen ist, werden die Folgen brutal und unmittelbar sein.“

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