Streik der Piloten und Flugbegleiter bei Ryanair

Von unseren Reportern
13. September 2018

Der gestrige Streik des Kabinenpersonals und der Piloten von Europas größter Fluglinie Ryanair zwang den Billigflieger, fast die Hälfte der planmäßigen Flüge in und aus Deutschland zu stornieren. Am stärksten betroffen waren die Flughäfen Berlin-Schönefeld, Frankfurt am Main, Hahn und Düsseldorf. Allein in Schönefeld fielen mehr als 50 Prozent der Ryanair Flüge aus. Insgesamt steuert die Airline 19 Flughäfen in Deutschland an.

Vier Ryanair-Flugzeuge, die den Flughafen Schönefeld wegen des Streiks nicht verließen

Schon um 3:00 Uhr morgens begann der Streik, der für 24 Stunden angesetzt war. Es war der erste Streik des Kabinenpersonals der Fluglinie in Deutschland und die Stimmung unter den Streikenden zeugte von großer Kampfbereitschaft trotz der Gefahr von Repressalien, denen die Belegschaft seit jeher durch die Unternehmensleitung ausgesetzt ist.

Die Arbeiter streiken für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Angaben der Gewerkschaft Verdi zufolge liegt das Gehalt eines Flugbegleiters in Deutschland derzeit zwischen 800 und 1200 Euro brutto monatlich. Mit Flugstunden-Vergütung und Zuschlägen kämen sie demnach auf etwa 1800 Euro. Da irisches Arbeitsrecht angewendet wird, gibt es keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und andere grundlegende Absicherung.

Auf dem Frankfurter Flughafen demonstrierten etwa 70 Flugbegleiter für diese Forderungen. Um zu verhindern, dass der Konzern gegen streikende Arbeiter vorgeht, hatten sich die Demonstranten Masken mit dem Konterfei von Airline-Chef Michael O'Leary aufgesetzt. Auf Plakaten wurde gefordert "Ryanair stop squeezing out your crew". Dazu wurden Zitronen verteilt.

Ein Plakat beim Streikposten am Flughafen Berlin-Schönefeld

Die WSWS sprach mit einer Gruppe von Flugbegleitern in Schönefeld, die sich aus Mitgliedern vieler europäischer Länder zusammensetzte: Spanien, Italien, Portugal, Bulgarien, Griechenland, Slowakei, Kroatien und Holland. Ihre miserablen Arbeitsbedingungen haben sie zum gemeinsamen Arbeitskampf bewogen.

„Wir arbeiten in zwei Schichten, Früh- und Spätschicht. Die Frühschicht beginnt um 5:20 Uhr. Die Spätschicht beginnt um 11 Uhr und kann bis etwa Mitternacht dauern“, erklärten sie. Von den 12 Stunden werde aber nur ein Teil, nämlich die reine Flugzeit bezahlt. „Die Flugzeit beginnt, wenn sich das Flugzeug vom Gate fortbewegt. Das heißt, die ganze Vor- und Nachbereitungszeit wird nicht bezahlt.“ Dadurch blieben von den 12 Stunden nur 6 bis 8 Stunden, die vergütet werden, erklärten sie weiter.

Die meisten von ihnen sind bei den Ryanair-Vertragsfirmen Crewlink und Workforce beschäftigt, die einen Großteil der etwa 1.000 Flugbegleiter in Deutschland stellen.

Auf die Frage, welche anderen Arbeitsbedingungen außer der Bezahlung sie ändern möchten, antworteten sie spontan: „Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist bei Ryanair ein Fremdwort. Wir bekommen keinen Lohn im Krankheitsfall. Auch die Zahl der Urlaubstage im Jahr liege sehr tief zwischen 15 und 20 bezahlten Urlaubstagen, wovon jedoch an Weihnachtsfeiertagen noch einer abgezogen werden kann.“

Ryanair setzt die Streikenden massiv unter Druck. Wenn es erneut zu einem Streik komme, würden alle Standorte in Deutschland überprüft. Im Winter könne es dann „zu Streichungen von Flugzeugen und Stellen im deutschen Markt“ kommen, so der Konzern am Dienstag. In Hinblick auf die Löhne werde man auf keinen Fall nachgeben, betonte O´Leary.

Doch die Arbeiter sind im Kampf für ihre berechtigten Forderungen nicht nur mit der Konzernleitung, sondern auch mit den Gewerkschaften konfrontiert. Diese vertreten nicht die Interessen der Beschäftigten, sondern versuchen jeweils auf nationaler Grundlage einen Deal mit Ryanair zu machen, der sie selbst als Tarifpartner anerkennt. Sie wollen die miesen Arbeitsbedingungen nicht beseitigen, sondern durch einen Tarifvertrag in Stein hauen.

Die Vereinigung Cockpit, die neben Verdi am Mittwoch zum Streik aufgerufen hatte, machte das mehr als deutlich und bot Ryanair eine Schlichtung an, die das Unternehmen allerdings ablehnte. Als einen möglichen Schlichter schlug die Gewerkschaft den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder vor, der mit seiner Agenda 2010 für den krassesten Sozialabbau und die massive Ausweitung des Niedriglohnsektors verantwortlich ist.

In Italien hat die Gewerkschaft Anpac am 28. August bereits einen Vertrag mit Ryanair für 300 bei dieser Gewerkschaft organisierte Piloten unterzeichnet. Bei Ryanair sind in Italien über 500 Piloten beschäftigt. Dieser „erste in Europa unterzeichnete Tarifvertrag für das Flugpersonal von Ryanair“ (wie Anpac schreibt) gilt offenbar auch für das Kabinenpersonal.

Der Vertrag entspricht in keiner Weise den Forderungen oder wirklichen Bedürfnissen des fliegenden Personals. In mehrerer Hinsicht ist er sogar noch schlechter als der bisherige Status quo, da er Streiks verbietet und keine freie Wahl der Gewerkschaftsorganisation zulässt. Die Unterzeichnenden müssen sich verpflichten, an keinerlei Arbeitskampfmaßnahmen teilzunehmen.

Der neue Vertrag sieht die Beteiligung des Konzerns an einer Krankenkasse und ein Überbrückungsgeld im Krankheitsfall von 76 Euro pro Tag vor. Auch ermöglicht er einen Elternurlaub von maximal 10 Monaten pro Elternpaar. Allerdings gilt dies nur für das fest eingestellte Personal. Gleichzeitig ist die Beschäftigung über Zeitfirmen keineswegs ausgeschlossen, d.h. Ryanair kann die finanziellen Nachteile dadurch wettmachen, dass einfach mehr Piloten und Stewardessen über Zeitfirmen beschäftigt werden.

Nach wie vor müssen Piloten und Crews außerdem ihre Uniformen selbst bezahlen und erhalten keine freie Verpflegung an Bord. Konkrete Zahlen über Zugeständnisse von Ryanair bezüglich der Löhne und Sozialleistungen sind nicht öffentlich bekannt gemacht geworden, aber sie sollen völlig unzureichend sein. Zwei weitere Gewerkschaften (Filt Cgil und Uiltrasporti), die in Italien mit Anpac konkurrieren, bezeichnen den Vertrag als völlig inakzeptabel und wollen die Streiks fortsetzen.

In Deutschland planen die Gewerkschaften einen ähnlichen Deal auf Kosten der Beschäftigten. Deshalb gehen sie aggressiv gegen jeden vor, der kritische Fragen stellt. Schon beim letzten Streik der Piloten verbot Cockpit Vertretern der WSWS, die Arbeiter mit Flugblättern zu informieren und setzte die Arbeiter unter Druck, keine Interviews zu geben. Am Mittwoch versuchte die Verhandlungsführerin von Verdi, Mira Neumaier, einen Reporter der WSWS daran zu hindern, am Flughafen Schönefeld mit Beschäftigten zu sprechen.

Das Vorgehen der Gewerkschaften bestätigt die Einschätzung der WSWS, die im August die Beschäftigten von Ryanair aufrief, sich unabhängig von der Kontrolle der Gewerkschaften in Basiskomitees über alle nationalen Grenzen zusammenzuschliessen. Wir schrieben:

„Die einzige Möglichkeit, diese globale Offensive der Arbeitgeber zu bekämpfen, besteht in einer weltweiten Gegenoffensive der Arbeiter! Ryanair-Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal müssen sich aus dem Griff der Gewerkschaften befreien und den Kampf selbst in die Hand nehmen. Sie müssen von Gewerkschaften unabhängige Basiskomitees aufbauen, die den Kampf aller Ryanair-Mitarbeiter über nationale Grenzen hinweg verbinden und gleichzeitig die Flug-, Transport- und Zustellmitarbeiter auf der ganzen Welt zur Unterstützung aufrufen.“

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