Die Arbeitswelt in Amerika: ein Schlachthof

Von Jerry White
26. September 2018

In dem Jahrzehnt seit dem weltweiten Finanzcrash 2008 haben sich die Klassenbeziehungen verändert. Eine der selten untersuchten Folgen ist die Zunahme von Todesfällen und Verletzungen am Arbeitsplatz in den Vereinigten Staaten. Der Boom bei den Unternehmensgewinne und die Rekorde an der Börse wurden auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter erreicht, die dafür ihre Knochen hinhalten und ihr Leben geben müssen.

Die Berichte über tödliche Unfälle am Arbeitsplatz von nur zwei Tagen im September, die in den Lokalnachrichten erschienen, verdeutlichen auf schreckliche Weise die unsicheren Arbeitsbedingungen.

Nach den aktuellsten verfügbaren offiziellen Daten starben im Jahr 2016 nicht weniger als 5.190 Arbeiterinnen und Arbeiter am Arbeitsplatz, eine Steigerung von 7 Prozent gegenüber 4.836 Toten am Arbeitsplatz im Jahr 2015. Darüber hinaus sterben jedes Jahr in den USA weitere 50.000 bis 60.000 Arbeitnehmer an Berufskrankheiten wie Schwarzer Lunge, Silikose und verschiedenen Krebsarten, die durch die Einwirkung von Schadstoffen am Arbeitsplatz verursacht werden. Mindestens 150 Arbeiter sterben in den Vereinigten Staaten täglich an vermeidbaren, gefährlichen Arbeitsbedingungen.

Darüber hinaus wurden im Jahr 2016 von den Arbeitgebern 2,9 Millionen nicht tödliche Arbeitsunfälle und Erkrankungen gemeldet. Diese Zahl ist zweifellos geringer als die tatsächliche Zahl der Unfälle, da viele Arbeitnehmer die Reaktion der Geschäftsführung fürchten, wenn sie Verletzungen melden, und viele Unternehmen überhaupt keine Verletzungen und Krankheiten melden.

Mit dem Rückgang der Reallöhne in den letzten 10 Jahren waren die Arbeiter gezwungen, mehreren Stellen anzunehmen und länger zu arbeiten. Sie sehen sich unablässig mit Forderungen nach mehr Arbeitsleistung und höherer Produktivität konfrontiert. Von Handheld-Computern, die von UPS und anderen Paketzustellern mitgeführt werden, über Armbänder, die an Amazon-Mitarbeitern getestet werden, bis hin zu Software zur Überwachung der Tastaturklicks von Büroangestellten setzen Unternehmen neue Technologien ein, um die Leistung von Mitarbeitern zu steigern und zu beschleunigen.

Nachdem sie die Unternehmensgewinne gesteigert haben, können Arbeiterinnen und Arbeiter nach einer Verletzung am Arbeitsplatz noch nicht einmal auf ein Gnadenbrot hoffen: Sie werden in Armut und Obdachlosigkeit gestürzt. In einem häufig geteilten Video beschreibt Angela Shelton, eine Amazon-Arbeiterin aus Texas, der World Socialist Web Site, wie der Logistikriese ihr netto 7,14 Dollar pro Woche als Entschädigungsleistung zahlte, nachdem eine Verletzung am Handgelenk sie arbeitsunfähig gemacht hatte. Eine andere Amazon-Arbeiterin aus Texas war nach einem Arbeitsunfall obdachlos geworden und musste im Auto leben.

Von den 5.190 Todesopfern im Jahr 2016 waren 970 - oder einer von fünf - in der Baubranche. Jeden Monat sterben 80 Bauarbeiter bei Arbeitsunfällen, wobei der Großteil der Todesfälle durch Stürze verursacht wird.

„Sie behandeln uns wie Maultiere; sie reißen dich nieder und dann werfen sie dich weg“, sagte der Bauarbeiter Ernesto Rivera dem Guardian und beschreibt die Bedingungen in Nashville, Tennessee, wo 16 Arbeiter in den Jahren 2016-17 zu Tode kamen.

Angesichts der Häufigkeit und Schwere solcher Unfälle ist es bemerkenswert, dass sie bei den Massenmedien und den beiden großen politischen Parteien in den USA auf völliges Desinteresse stoßen. Seit den 1980er Jahren werden die Sicherheits- und Gesundheitsstandards am Arbeitsplatz sowohl von den Demokraten als auch von den Republikanern untergraben.

Die Zahl der Inspektoren bei der Kontrollbehörde Federal Occupational Safety and Health Administration (OSHA) ist auf das niedrigste Niveau in der Geschichte der Behörde gesunken. Es gibt heute weniger als halb so viele Inspektoren wie zu der Zeit, als Ronald Reagan 1980 Präsident wurde und als die US-Wirtschaft noch halb so groß war. Derzeit sind 1.821 Bundes- und Landesinspektoren für 9 Millionen Arbeitsplätze und 130 Millionen Arbeitnehmer zuständig. Die Bundesbehörde würde 158 Jahre benötigen, um jeden ihrer Zuständigkeit unterstehenden Arbeitsplatz nur einmal zu inspizieren.

Während der acht Jahre der Obama-Regierung stieg die Zahl der Todesopfer am Arbeitsplatz stetig an und die Regierung stützte sich hauptsächlich auf die Gewerkschaftsbürokratie, um immer größere Produktivitätssteigerungen durchzusetzen.

Die Trump-Regierung hat die Deregulierung von Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltstandards zu einem Kernstück ihrer Wirtschaftspolitik gemacht. Trump hat ehemalige Geschäftsführer zu Leitern von Aufsichtsbehörden ernannt, darunter den ehemaligen Kohleboss David Zatezaloto zum Chef der Minenaufsicht Mine Safety and Health Administration (MSHA). Zatezalotos Firma Rhino Resources wurde in der Vergangenheit von der MSHA (der Behörde, die er jetzt leitet) angeklagt wegen eines Musters von Sicherheitsverletzungen, die zum Tod von mindestens einem Bergmann aus West Virginia beigetragen haben.

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Zunahme von Todesfällen und Unfällen am Arbeitsplatz und der Umwandlung der Gewerkschaften in direkte Handlanger der Unternehmensführung und der Regierung. Diese Organisationen haben systematisch den Widerstand der Arbeiter gegen die Angriffe der amerikanischen Unternehmen und ihrer beiden politischen Parteien unterdrückt. In den letzten zehn Jahren haben die Gewerkschaften die Streikaktivitäten auf das niedrigste Niveau seit 1947 gedrückt, seitdem es offizielle Aufzeichnungen über Arbeitsniederlegungen gibt.

Es gab eine Zeit, in der die Gewerkschaften trotz ihrer prokapitalistischen Führung bestimmte Funktionen ausübten, die den unmittelbaren Interessen der Arbeiter in den Fabriken, Minen und an den Hochöfen entgegen kamen. Die Arbeitnehmer konnten sich bei ihrem Betriebsrat beschweren, wenn die Vorschriften verletzt wurden und es zu Arbeitshetze kam. Sie konnten Beschwerden bei ihrem Gewerkschaftsvertretern einreichen und erwarten, dass die Probleme angesprochen werden. Gewerkschaften riefen vor Ort sogar zu Streiks wegen Gesundheits- und Sicherheitsfragen auf.

Die Gewerkschaften haben all diese Funktionen längst aufgegeben. Ein Beispiel dafür ist die der Fall des Fiat-Chrysler-Arbeiters Eric Parsons, der am 4. September einen Arbeitsunfall in der Kokomo-Gießerei in Indiana erlitt und mit schwersten Verletzungen an Becken und Wirbelsäule sowie inneren Blutungen zu kämpfen hatte.

Die Autoarbeitergewerkschaft United Auto Workers hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, eine Erklärung zum Unfall abzugeben, geschweige denn eine unabhängige Untersuchung zu fordern. Und dies unter Bedingungen, wo die Gewerkschaft jüngst eine überwältigendes Ja-Votum der Kokomo-Arbeiter in einer Streikabstimmung ignoriert hat! Die Abstimmung wiederum hatte vor zwei Monaten vor dem Hintergrund stattgefunden, dass es über 200 ungelöste Gesundheits- und Sicherheitsprobleme in dem Werk gab.

Die Arbeitnehmer brauchen neue Organisationen, um gegen Arbeitshetze, erzwungene Überstunden, Sicherheitsverletzungen, fehlerhafte Ausrüstung, gefährliche Chemikalien und den täglichen Missbrauch am Arbeitsplatz, einschließlich sexueller Belästigung, vorzugehen. Die Sozialistische Gleichheitspartei schlägt vor, dass die Arbeitnehmer Betriebs- und Arbeitsausschüsse wählen, die auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer eingehen und nicht akzeptieren, dass ihre Interessen den Profiten und Interessen der Unternehmen und Banken untergeordnet werden.

Diese Ausschüsse müssen Gesundheits- und Sicherheitsfragen am Arbeitsplatz überwachen, die Arbeitnehmer gegen Arbeitshetze und Arbeitsüberlastung mobilisieren und den Acht-Stunden-Tag durchsetzen. Im Gegensatz zur Diktatur in den Betrieben, die von den Konzernen und ihren gewerkschaftlichen Handlangern ausgeübt wird, setzen die Fabrikkomitees den Willen der Arbeiterinnen und Arbeiter durch und vertreten ein Programm für die Demokratie in der Arbeitswelt, einschließlich der Kontrolle von Arbeiterinnen und Arbeitern über die Produktion.

Die Erosion der Arbeitssicherheit ist ein globales Problem. Anfang dieses Monats streikten Tausende von Arbeitern auf einer Flughafenbaustelle in Istanbul, nachdem bei einem LKW-Unfall 17 ihrer Kollegen verletzt worden waren. Dies war der jüngste Vorfall in einer Reihe von Arbeitsunfällen auf der Baustelle, die von den Arbeitern bereits als „Friedhof“ bezeichnet wird.

Ständig kollidiert das Recht auf menschenwürdige und sichere Arbeitsbedingungen mit den Profitinteressen der Weltkonzerne. Trotz der enormen Fortschritte in Wissenschaft und Technik werden die Arbeiter durch die kapitalistische Lohnsklaverei in brutale Arbeitsbedingungen gezwungen.

Das Durchsetzen eines rationalen und humanen Produktionssystems erfordert einen Angriff auf das Privateigentum an Produktionsmitteln. Es ist notwendig, die Unternehmen zu enteignen und sie in öffentliche Einrichtungen umzuwandeln, die unter der demokratischen Kontrolle der Arbeiterklasse stehen. Ein solches sozialistisches Programm kann nur durch den Aufbau einer mächtigen internationalen sozialistischen Bewegung der Arbeiterklasse umgesetzt werden.

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