Größter Streik in der Geschichte Ryanairs

Von Gustav Kemper
28. September 2018

Das Kabinenpersonal des Billigfliegers Ryanair legt heute in fünf europäischen Ländern die Arbeit nieder. Um 3 Uhr morgens begann der Streik des Kabinenpersonals in Belgien, Italien, den Niederlanden, Portugal und Spanien. Nach der Zusage der Piloten in Belgien und den Niederlanden, sich am Streik zu beteiligen, kündigte auch die Pilotenvereinigung Cockpit am Donnerstagabend die Teilnahme der fest angestellten Piloten an. Damit wird das Ausmaß des Streiks alle bisherigen Arbeitskämpfe bei der Billigfluglinie übersteigen.

Die deutschen Gewerkschaften des Kabinenpersonals, Verdi und Ufo, ließen ihre Streikteilnahme lange offen. Beide Gewerkschaften hatten noch in dieser Woche getrennte Verhandlungen mit Ryanair geführt. Verdi-Verhandlungsführerin, Mira Neumaier, erklärte in den vergangenen Tagen, die Gewerkschaft wolle die Ergebnisse der letzten Verhandlung vom Dienstag erst mit den Mitgliedern besprechen, bevor eine Streikteilnahme beschlossen wird.

Doch unter dem Druck der Beschäftigten rief Verdi am Donnerstagabend die Flugbegleiter dann doch zur Streikteilnahme auf. Auch nach vier Verhandlungsrunden liege kein zufriedenstellendes Angebot vor, heißt es in einer Presseerklärung. Das Verhandlungsergebnis wurde mit den Worten zusammengefasst: “Zu wenig Geld, eine lange Laufzeit über vier Jahre, die Ungleichbehandlung von Ryanair-Beschäftigten und Leiharbeitnehmer/innen sowie die Absage Ryanairs an eine Personalvertretung.“ Zuletzt habe Ryanair für einen Zeitraum von vier Jahren nur drei Lohnerhöhung angeboten, die zwischen 40 und 60 Euro liegen, was kaum die Inflation ausgleicht.

Die „absolut unsicheren Beschäftigungsverhältnisse“ wie Leiharbeit, Probezeiten, Kettenbefristungen, Irisches Arbeitsstatut, seien nicht länger hinnehmbar.

Ufo führte noch am Donnerstagnachmittag eigene Verhandlungen mit Ryanair und teilte mit, man könne rechtlich erst nach deren Scheitern zum Streik aufrufen.

Die unwürdigen Arbeitsbedingungen und die extreme Ausbeutung bei Ryanair, durch die die Fluglinie zur führenden Billigfluglinie Europas aufsteigen konnte sind weit bekannt. Das Geschäftsmodell des Billigfliegers beruht auf schlechter Bezahlung und Unterdrückung der Beschäftigten. Wer bei Ryanair anheuert, ist europaweit mit Zeitarbeit, Scheinselbständigkeit und ungesicherten Arbeitsverhältnissen konfrontiert.

Beim letzten Streik, am 12. September, schilderte eine Gruppe von Flugbegleitern der WSWS ihre miserablen Arbeitsbedingungen, die sie zum gemeinsamen Arbeitskampf bewogen: „Wir arbeiten in zwei Schichten, Früh- und Spätschicht. Die Frühschicht beginnt um 5:20 Uhr. Die Spätschicht beginnt um 11 Uhr und kann bis etwa Mitternacht dauern“, erklärten sie. Von den 12 Stunden werde aber nur ein Teil, nämlich die reine Flugzeit bezahlt. „Die Flugzeit beginnt, wenn sich das Flugzeug vom Gate fortbewegt. Das heißt, die ganze Vor- und Nachbereitungszeit wird nicht bezahlt.“ Dadurch blieben von den 12 Stunden nur 6 bis 8 Stunden, die vergütet werden, erklärten sie weiter.

Somit liegt das Monatseinkommen für Kabinenpersonal mit brutto zwischen 800 und 1.200 Euro sogar weit unter dem Lohnniveau anderer Billigflieger.

Der größte Teil des Kabinenpersonals ist bei den Ryanair-Vertragsfirmen Crewlink und Workforce beschäftigt und arbeitet mit befristeten Arbeitsverträgen. Diese Zeitarbeitsfirmen haben vertraglich festgelegt, dass die Beschäftigten keine Interviews mit Pressevertretern führen dürfen, um das Bekanntwerden der miserablen Arbeitsbedingungen zu verhindern. Dadurch soll auch ein Zusammenschluss der Belegschaft für einen gemeinsamen Arbeitskampf verhindert werden.

Doch die Arbeitsbedingungen sind so miserabel, dass die Streikenden bereitwillig darüber berichten. Auf die Frage, welche anderen Arbeitsbedingungen außer der Bezahlung sie ändern möchten, antworteten sie: „Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist bei Ryanair ein unbekanntes Fremdwort. Wir bekommen keinen Lohn im Krankheitsfall. Auch die Zahl der Urlaubstage im Jahr liege sehr tief zwischen 15 und 20 bezahlten Urlaubstagen, wovon jedoch an Weihnachtsfeiertagen noch einer abgezogen werden kann.“

Die Beschäftigten sind massiven Einschüchterungen durch Ryanair ausgesetzt. So drohte das Unternehmen, streikende Beschäftigte in andere europäische Länder zu versetzen oder gar alle deutschen Standorte zu schliessen. Es werde keine Zugeständnisse bei den Löhnen geben, erklärte Ryanair-Chef O’Leary. Auf der Hauptversammlung des Unternehmens in der vergangenen Woche kündigte er an, dass er bereit sei, seinen im Herbst 2019 auslaufenden Vertrag zu verlängern.

Der Billigflieger setzt darauf, die Belegschaft zu spalten, indem Gespräche mit den Gewerkschaften nur getrennt geführt werden. Die europäischen Gewerkschaften lassen sich auf diese getrennte Verhandlungsführung ein. Man habe sich wohl auch schon getroffen, so in Rom in der ersten Septemberwoche, berichtete Mira Neumaier der WSWS, aber man habe eben „eine andere Zeitleiste“. Was dies bedeute, konnte sie nicht erklären.

Die Arbeiter kämpfen also nicht nur gegen das Unternehmen, sondern auch gegen die eigenen Gewerkschaften. Diese Organisationen vertreten nicht die Interessen der Arbeitnehmer, sondern versuchen, mit Ryanair auf nationaler Ebene Vereinbarungen zu treffen, wobei verschiedene nationale Gewerkschaften um den größten Einfluss bei den Belegschaften konkurrieren.

In Italien unterzeichnete die Gewerkschaft Anpac am 28. August einen Vertrag mit Ryanair über die 300 von der Gewerkschaft vertretenen Piloten. Mehr als 500 Piloten sind bei Ryanair in Italien angestellt. Dieser „erste Tarifvertrag in Europa, der von Ryanair-Fluglinienmitarbeitern unterzeichnet wurde“, so Anpac, gilt offenbar auch für die Kabinenbesatzung.

Der Vertrag entspricht in keiner Weise den Anforderungen und Bedürfnissen von Fluglinienarbeitern. In vielerlei Hinsicht ist er schlimmer als der Status quo, da er Streiks verbietet und keine freie Wahl der Gewerkschaft zulässt. Die Parteien verpflichten sich dazu, sich nicht an einem Arbeitskampf zu beteiligen.

Darüber hinaus berichten Piloten und Flugbegleiter, dass sie immer noch für ihre eigenen Uniformen bezahlen müssen und kein kostenloses Essen und Trinken an Bord erhalten. Konkrete Angaben zu den von Ryanair gewährten Zugeständnissen in Bezug auf Löhne und Sozialleistungen wurden nicht veröffentlicht, doch viele Arbeitnehmer berichten, dass sie unzureichend seien. Zwei andere italienische Gewerkschaften (Filt Cgil und Uiltrasporti), die miteinander im Wettbewerb stehen, bezeichneten den Vertrag als völlig inakzeptabel und planen die Fortsetzung der Streiks.

Der Vertrag beinhaltet zwar die Teilnahme von Ryanair an einer Krankenversicherung und Krankengeld von 76 € pro Tag. Er erlaubt auch Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub von maximal 10 Monaten pro Paar, dies gilt jedoch nur für festangestellte Mitarbeiter.

Gleichzeitig beinhaltet der Vertrag nichts, was eine Beschäftigung durch Ryanair-Vertragsfirmen Crewlink und Workforce ausschliessen würde. Das bedeutet, dass Ryanair die Mehrkosten durch diesen Vertrag einfach dadurch umgehen kann, dass mehr Piloten und Flugbegleiter durch diese Firmen beschäftigt werden.

Seit mehreren Monaten ziehen sich die verschiedenen Streiks bei Ryanair bereits hin. Die Warnstreiks haben bisher zu keinen Ergebnissen geführt, im Gegenteil, sie drohen die Kampfbereitschaft des Flugpersonals zu zermürben. Die Taktik der Gewerkschaften bestätigt, was die WSWS bereits am 9. August schrieb:

"Der einzige Weg, diese globale Offensive der Arbeitgeber zu bekämpfen, ist eine globale Gegenoffensive der Arbeiter! Ryanair-Piloten, Kabinenpersonal und Bodenpersonal müssen sich aus dem Griff der Gewerkschaften befreien und die Führung des Kampfes selbst in die Hand nehmen. Sie müssen unabhängig von den Gewerkschaften Basiskomitees organisieren, um den Kampf aller Ryanair-Arbeiter über nationale Grenzen hinweg zu vereinen und gleichzeitig die Unterstützung von Flug-, Transport- und Lieferungsarbeitern auf der ganzen Welt zu fordern.“

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