David North gibt Pressekonferenz in Sri Lanka

Von David North
3. Oktober 2018

Die folgenden Ausführungen machte David North, der Vorsitzende der Internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, bei einer Pressekonferenz am Montag, den 1. Oktober, im Konferenzsaal der Nationalbibliothek von Colombo. North wird am 3. und am 7. Oktober auf zwei Versammlungen sprechen, zu denen die Socialist Equality Party in Sri Lanka einlädt. An der Pressekonferenz nahmen Journalisten des nationalen Fernsehsenders Rupavahini, des staatlichen Independent Television Network (ITN), des Capitol Radio und der Lanka Web Nachrichten teil.

Zunächst möchte ich der Socialist Equality Party dafür danken, dass sie mich nach Sri Lanka eingeladen hat, um anlässlich des achtzigsten Jahrestages der Vierten Internationale zwei Vorträge zu halten. Eigentlich feiern wir in diesem Jahr ein doppeltes Jubiläum, denn die SEP begeht auch den fünfzigsten Jahrestag ihrer Gründung als sri-lankische Sektion der Vierten Internationale im Jahr 1968. Der prinzipientreue und mutige Kampf, den die SEP über einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert für die Einheit aller Teile der Arbeiterklasse in Sri Lanka unabhängig von ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft geführt hat, ist den Sozialisten in der ganzen Welt bekannt und hat sie inspiriert.

David North spricht auf der Pressekonferenz

Meine Vorträge in Colombo und Kandy befassen sich mit einem großen Ereignis in der politischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts: der Gründung der Vierten Internationale durch Leo Trotzki im September 1938. Es war der Höhepunkt des Kampfes, den Trotzki fünfzehn Jahre zuvor aufgenommen hatte: Im Jahr 1923 hatte er die Linke Opposition gegründet, um gegen die bürokratische Degeneration der bolschewistischen Partei und des Sowjetregimes anzukämpfen, in der Stalin eine immer einflussreichere und heimtückischere Rolle spielen sollte. Dieser Kampf nahm internationale Dimensionen an, da das stalinistische Regime unter dem falschen und antimarxistischen Banner des „Sozialismus in einem Land“ den Kampf für den Weltsozialismus der Verteidigung der materiellen Interessen und Privilegien der herrschenden Bürokratie innerhalb der Sowjetunion unterordnete.

Stalins nationalistische Ablehnung des revolutionären internationalistischen Programms des Marxismus führte zu einer Reihe von vernichtenden Niederlagen der Arbeiterklasse, wie 1927 in China und 1933 in Deutschland. Tatsächlich war es die Machtübernahme der Nazis in Deutschland im Januar 1933, die Trotzkis Forderung nach der Bildung einer neuen revolutionären Internationale auslöste. Der Aufstieg der Nazis war eine Folge der katastrophalen Politik der Stalinisten. Die späteren Ereignisse wie der stalinistische Verrat an der Spanischen Revolution und der konterrevolutionäre Terror, mit dem Stalin von 1936 an die Sowjetunion überzog, bestätigten die Richtigkeit von Trotzkis Aufruf zum Aufbau der Vierten Internationale.

Diese Ereignisse sind ohne Frage von großer historischer Bedeutung; und es ist sicherlich angebracht, sie in Vorträgen zu reflektieren und zu analysieren. Aber, so könnte man zu Recht fragen, inwieweit sind die Ereignisse, die sich vor so vielen Jahren ereignet haben, von zeitgenössischem Interesse? Und warum sollten Arbeiter, Studenten und Intellektuelle, die derzeit nicht an den Aktivitäten der Vierten Internationale beteiligt sind, diese Vorträge besuchen?

Lassen Sie mich zur Beantwortung dieser berechtigten Fragen an die Weltlage im Jahr 1938 erinnern. Das kapitalistische System steckte in einer Weltwirtschaftskrise, die ein Jahrzehnt zuvor mit dem Zusammenbruch der Wall Street 1929 eingesetzt hatte. Die Weltwirtschaftskrise stürzte die Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern in großes Elend. Die Demokratie befand sich in der ganzen Welt auf dem Rückzug. Um ihre Herrschaft angesichts der zunehmenden Wut der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, schufen die herrschenden Eliten verschiedene autoritäre Regime, von denen das Dritte Reich der Nazis das brutalste war. Die Außenpolitik der imperialistischen Mächte nahm einen zunehmend militaristischen Charakter an, der sich vor allem in brutalen Kolonialkriegen niederschlug. Die japanischen Imperialisten eroberten 1932 die Mandschurei. Mussolini fiel 1935 in Äthiopien ein. Die Großmachtkonflikte verschärften sich unerbittlich, und die Menschheit stand kurz davor, in einen zweiten Weltkrieg zu stürzen, noch schrecklicher als der erste.

Das war die Weltlage, als im September 1938 der Gründungskongress der Vierten Internationale stattfand. Das programmatische Dokument, das Trotzki für den Kongress geschrieben hatte, definierte die Epoche als den „Todeskampf des Kapitalismus“. Gestatten Sie mir, nur zwei Absätze aus diesem außergewöhnlichen Dokument zu zitieren:

Die wirtschaftliche Voraussetzung für die proletarische Revolution ist längst bis zum höchsten Stand herangereift, der unter dem Kapitalismus erreicht werden kann. Die Produktivkräfte der Menschheit haben aufgehört, zu wachsen. Neue Erfindungen und technische Neuerungen vermögen bereits nicht mehr zu einer Hebung des materiellen Wohlstands beizutragen. Unter den Bedingungen der sozialen Krise des gesamten kapitalistischen Systems bürden Konjunkturkrisen den Massen immer größere Entbehrungen und Leiden auf. Die wachsende Arbeitslosigkeit vertieft wiederum die staatliche Finanzkrise und unterhöhlt die zerrütteten Währungen. Demokratische wie faschistische Regierungen taumeln von einem Bankrott in den anderen.

Die Bourgeoisie sieht selbst keinen Ausweg. In den Ländern, wo sie bereits gezwungen war, den Faschismus als ihre letzte Karte auszuspielen, schlittert sie mit geschlossenen Augen in eine wirtschaftliche und militärische Katastrophe. In den historisch privilegierten Ländern, d.h. jenen, wo sie sich auf Kosten des zuvor angesammelten nationalen Reichtums noch eine Zeitlang den Luxus der Demokratie leisten kann (Großbritannien, Frankreich, Vereinigte Staaten usw.), befinden sich alle traditionellen Parteien des Kapitals in einem Zustand der Ratlosigkeit, der an Willenslähmung grenzt.

Ohne allzu viele Worte zu ändern, könnte Trotzkis Beschreibung der kapitalistischen Welt im Jahr 1938 sehr gut zur Charakterisierung der Lage von 2018 dienen. Wäre er noch am Leben, würde es Trotzki wohl nicht schwer fallen, die heutige Welt zu verstehen. Natürlich müsste er lernen, wie man Computer, Handys und Social Media benutzt. Aber er hätte keinen Grund, seine historische und politische Prognose zu ändern. Die heutige Epoche ist immer noch die des „Todeskampfs“ des Kapitalismus. In der Tat gibt es viele Anzeichen dafür, dass er in diesem historischen Todeskampf bald in eine gewalttätige Phase eintreten wird.

Vor fast 30 Jahren, nach der Auflösung der stalinistischen Regime in Osteuropa und der Sowjetunion, verkündeten die Ideologen der kapitalistischen herrschenden Eliten das „Ende der Geschichte“. Der Kapitalismus hatte angeblich ein für allemal seine unbestreitbare Überlegenheit gegenüber dem Sozialismus bewiesen, und die Menschheit sollte fortan unter dem warmen Licht der globalen Finanzmärkte im üppigen Garten des wachsenden Wohlstands, der universellen Demokratie und des ewigen Friedens ihr Leben genießen können.

Wie wir heute wissen, wurden diese prahlerischen Vorhersagen nicht erfüllt. Das globale kapitalistische System wird von wachsenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisen heimgesucht. Nicht weniger als der Crash von 1929 offenbarte der Crash von 2008 die Fragilität des gesamten Wirtschaftssystems. Er hat Schuldenberge und massive soziale Ungleichheit hinterlassen. Die kapitalistische Regierungen, vor allem in den Vereinigten Staaten, haben die Reichen auf Kosten der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung gerettet. Dabei entlarvten sie die kapitalistische Demokratie als politischen Betrug, als Deckmantel für die Herrschaft der milliardenschweren Oligarchen, die die Weltwirtschaft regieren. Dies erklärt den Aufstieg von rechten Demagogen und faschistischen Bewegungen. In den Vereinigten Staaten sitzt ein Gangster namens Donald Trump im Weißen Haus. In Deutschland ist der Faschismus wieder auf dem Vormarsch. Überall auf der Welt werden verzweifelte Flüchtlinge Opfer von Wirtschaftskrisen und brutalen Militäroperationen, die die Imperialisten unter dem Banner des „Kriegs gegen den Terror“ gestartet haben. Die Flüchtlinge werden überdies für die vom Kapitalismus geschaffenen Bedingungen verantwortlich gemacht.

Und wie in den 1930er Jahren führt die unaufhaltsame Verschärfung geopolitischer Konflikte direkt zu einem dritten Weltkrieg, einem Krieg, der mit Atomwaffen geführt würde und schreckliche Konsequenzen hätte. Die Worte, die Trotzki im Gründungsdokument der Vierten Internationale geschrieben hat, erhalten eine intensive zeitgenössische Relevanz:

Die Bourgeoisie ist sich selbstverständlich der tödlichen Gefahr bewusst, die ein neuer Krieg für ihre Herrschaft bedeutet. Aber diese Klasse ist heute noch unendlich weniger imstande, den Krieg abzuwenden, als am Vorabend von 1914 … Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe.

Die „nächste historische Periode“, von der Trotzki schrieb, ist diejenige, in der wir leben. Die Menschheit sucht nach einer fortschrittlichen Antwort auf das herrschende kapitalistische Chaos. Sie will eine Zukunft ohne Armut, Ausbeutung und Krieg. Die Arbeiter wollen eine Welt, die nicht auf religiösem, ethnischem und nationalem Hass basiert, sondern auf menschlicher Solidarität. Deshalb wächst auf der ganzen Welt – und sogar in den Vereinigten Staaten, der Zitadelle der kapitalistischen Gier und Reaktion – das Interesse am Sozialismus und die Unterstützung dafür. Aber der Kampf für den Sozialismus setzt heute historisches Wissen voraus. Und deshalb ist eine Auseinandersetzung mit der Gründung der Vierten Internationale 1938 und mit den Kämpfen, die sie im Laufe ihrer achtzigjährigen Geschichte durchlaufen hat, von immenser Aktualität.

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