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  WSWS : WSWS/DE : Archiv der gleichheit : November 1997 »Ich suche eine Partei, die sich nicht wie die PDS an die bestehenden Verhältnisse anpaßt.«

»Ich suche eine Partei, die sich nicht wie die PDS an die bestehenden Verhältnisse anpaßt.«

Angela Karl (25) ist in der DDR aufgewachsen und arbeitet seit 1990 als Sekretärin.

Die Partei für Soziale Gleichheit traf sie am S-Bahnhof Schönhauser Allee in Berlin, einem Verkehrsknotenpunkt, an dem täglich Tausende zur U- oder S-Bahn gehen. Sie unterschrieb das Unterschriftenformular zur Unterstützung der Berliner Landesliste und kam zur Veranstaltung des Berliner Wahlkampfkomitees. Seitdem unterstützt sie die Wahlkampagne der PSG. Warum, erklärt sie im folgenden Interview.

Wie bist Du auf die PSG aufmerksam geworden?

Einerseits durch Zufall. Ich habe Euren Informationsstand getroffen, Euer Programm gelesen und bin begeistert. Andererseits habe ich gefühlsmäßig schon länger etwas gesucht. Seit dem Zusammenbruch der DDR bezeichne ich mich als heimatlos. Natürlich glaube ich nicht, daß es in der DDR Sozialismus gab. Vielleicht gab es ganz am Anfang einen Versuch, Sozialismus aufzubauen. Darüber weiß ich allerdings nichts Genaues.

Von Repressalien in der DDR haben mich meine Eltern abgeschottet. Sie waren beide in der SED, und erst hinterher habe ich erfahren, daß auch sie einige Probleme hatten.

Aber warum ich mich als heimatlos bezeichne, liegt daran, daß ich zur Zeit der Wende gerade die Lehre beendet hatte und mit einer anderen Gesellschaftsordnung, der kapitalistischen Marktwirtschaft, konfrontiert wurde. Ich hatte in der Schulzeit das Kommunistische Manifest gelesen und war von den Ideen von Marx und Engels begeistert. Jetzt erlebte ich, wie alle Leute in meiner Umgebung sich um 180 Grad wendeten und nur noch dem Glanz und Glimmer des Kapitalismus nachrannten. Alle sagten auf einmal, Sozialismus und Kommunismus kannst Du vergessen, so etwas wird es nie geben.

Ich wollte aber die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft nicht aufgeben. Ich dachte immer, nur an persönliches Fortkommen denken, Geld verdienen und dann sterben – das kann es doch nicht sein!

Die heutige Entwicklung, die Arbeitslosigkeit und Armut bestätigen mich. Da braucht man nur die ehemaligen DDR-Bürger sehen, die dachten, jetzt könnten sie überall hinreisen und gut leben. Heute sind sie völlig überschuldet.

Nach der Wende fühlte ich mich zur PDS hingezogen und habe sie immer gewählt, obwohl ich ihr Programm kaum kannte. Das lag wahrscheinlich daran, daß meine Großeltern in der PDS sind und bei einer Rentner-Gruppe in Potsdam mitmachen. Sie haben mich einmal mitgenommen. So richtig wohl fühlte ich mich dort allerdings nicht.

Die PDS tritt dafür ein, eine rot-grüne Koalition an die Regierung zu bringen und behauptet, man könne eine SPD-geführte Regierung nach links drücken. Was denkst Du darüber?

Mit der SPD habe ich aus meiner Familientradition heraus nichts zu tun haben wollen. Meine Großeltern und Urgroßeltern waren schon in der KPD aktiv. Von ihnen habe ich gelernt, daß die SPD in der Geschichte in allen entscheidenden Phasen versagt hatte. Und die von Schröder vorgeschlagene Wirtschaftspolitik bestätigt meine gefühlsmäßige Abneigung. Wenn die PDS vorschlägt, eine SPD-Regierung zu tolerieren, kann ich sie das nächste Mal nicht wählen.

Ich suche eine Partei, die für eine grundlegende Änderung der Gesellschaft kämpft und sich nicht wie die PDS an die bestehenden Verhältnisse anpaßt.

Alle Parteien erklären, die Kassen seien leer und man müsse im sozialen Bereich sparen. Wie siehst Du das?

Natürlich ist es so, daß man kein Geld ausgeben kann, wenn keines da ist. Aber die Frage ist doch, wofür wurde das Geld ausgegeben? Was ist mit dem Geld, mit dem die großzügigen Diäten der Herren von der Regierung und ihrer Berater finanziert werden? Und was ist mit den Steuergeschenken und anderen Zuwendungen an die Großfirmen?

Immer wieder hören wir das Argument, wir müßten wettbewerbsfähig sein. Deshalb sollen die Unternehmer und Investoren begünstigt, das Soziale gestrichen und die Löhne gesenkt werden. Die Parteien sagen alle, es gebe keinen anderen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit.

Ich finde, damit liefern sie nur das ideale Argument, warum diese Gesellschaftsordnung geändert werden muß!«

© gleichheit, Nr. 1, 14. Oktober 1997 

 

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