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  WSWS : WSWS/DE : Archiv der gleichheit : November 1997 Das Ende des Modells Asien

Das Ende des Modells Asien

Wolfgang Weber

Die Währungs- und Börsenturbulenzen der letzten Monate in Südostasien haben die »Tigerstaaten« im wirtschaftlichen und sozialen Chaos versinken lassen. Die Folgen für die Weltwirtschaft sind noch unabsehbar.

»Welche Krise?« fragte der ultraliberale amerikanische Wirtschaftsprofessor Jeffrey Sachs von der Havard University provokativ auf einer Bankierskonferenz in Kansas City, die in diesem Sommer eigens zum Thema der Börsen- und Währungskrise Thailands und ihrer Bewältigung einberufen worden war. »Einige Leute werden ihr Geld verlieren, na und? Das sind doch die Selbstreinigungskräfte des Marktes, die wir alle wollen. Wozu also eine internationale Finanzhilfe für dieses Land?«

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich an den Börsen nicht nur in Bangkok, sondern auch in Kuala Lumpur, Djakarta, Manila und Hong Kong innerhalb von vier Wochen Aktienwerte im Wert von 200 Milliarden Dollar in Luft aufgelöst. Die Kurse waren um 30 (Indonesien), 35 (Philippinen) oder gar 40 Prozent (Thailand) abgesackt.

Im Frühjahr waren 58 von 91 Banken in Thailand geschlossen worden, nachdem bekannt geworden war, daß die Auslandsschulden des Landes mit 90 Milliarden Dollar an die 50 Prozent seines Bruttosozialprodukts erreicht hatten. Noch dazu handelte es sich zu einem großen Teil um kurzfristige Kredite, die langfristig in Immobilienspekulationen angelegt waren. Doch der Abfluß von Geldkapital hielt an, die Währungsreserven schmolzen praktisch auf Null. Anfang Juli sah sich die Regierung in Bangkok schließlich gezwungen, den seit Jahrzehnten festen Wechselkurs gegenüber dem US-Dollar freizugeben. Daraufhin fiel der thailändische Baht um 27 Prozent gegenüber der amerikanischen Währung ab, kurz darauf auch die indonesische Rupie um 21 Prozent, der philippinische Peso und der malaysische Ringgit um jeweils 15 Prozent. Fluchtartig verließ das Finanzkapital die ganze Region.

Der vielgerühmte Höhenflug der asiatischen »Tigerstaaten« endete über Nacht mit einer krachenden Bauchlandung.

In Thailand verloren innerhalb weniger Wochen Hunderttausende von Arbeiterinnen und Arbeitern ihren Job, ohne daß sie natürlich auch nur einen Pfennig Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder Rente sehen werden. Die Löhne für die Glücklichen, die nicht entlassen worden waren, sanken um 30 Prozent, während gleichzeitig die Preise nach oben schossen. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so dramatisch, verlief die Entwicklung in Malaysia, Indonesien, Südkorea, Singapur, den Philippinen.

»Was für eine Krise?« fragte der Ökonom Jeffrey Sachs, und der Sozialdemokrat Theo Sommer weiß seine Leser in der Zeit zu belehren: »Was wir derzeit erleben, ist ein Stück Normalisierung.« Vergessen worden sei eben »die dreifache Lehre: Auch Asiens Bäume wachsen nicht in den Himmel. Zweitens: Keine Aufschwünge ohne Abschwünge. Drittens: Ohne Wachstum ist alles nichts, aber Wachstum ist nicht alles.« Nun sei endlich den Hitzköpfen von der asiatischen Konkurrenz »ein Dämpfer versetzt worden«. Das bringe »zwar kurzfristig unübersehbare Nachteile für das Geschäft unserer (!) Exporteure in den Tigerstaaten«, so Theo Sommer, »langfristig aber nur Vorteile für Europa«.

Doch während der deutsche Spießer sich mit diesen Blähungen der Zeit darüber Erleichterung verschafft, daß am Ende doch »die gelbe Gefahr gebannt« und die Vorherrschaft des Westens verteidigt, »die Harmonie in der Welt« damit weiter aufrechterhalten werden könnten, zieht der Wirbelsturm der ostasiatischen Banken- und Börsenwelt immer weitere Kreise.

Ins Zentrum der Krise rückt jetzt Japan, dessen Banken von den Turbulenzen in Bangkok, Manila, Kuala Lumpur besonders stark betroffen sind. Um die billigen, frisch vom Land zugeströmten Arbeitskräfte in dem industriellen Ballungszentrum Bangkok auszunutzen, haben japanische Konzerne mit heimischen Bankkrediten Tausende von Fabriken in Thailand aufgebaut – und die Produktion in Japan selbst eingeschränkt oder ganz eingestellt. Ein Drittel aller Bankenschulden Thailands sind Außenstände japanischer Institute. Einen ähnlich beherrschenden Einfluß übt das japanische Finanzkapital auch in Kambodscha, Vietnam, Malaysia, Indonesien und den Philippinen aus. Fast 120 Milliarden Dollar an Krediten hat es in dieser Region vergeben, 4 Milliarden Mark muß es allein in Thailand abschreiben, in ganz Südostasien dürften sich die Verluste der letzten Wochen auf 12 bis 15 Milliarden Dollar belaufen. Diese kommen zu den 350 Milliarden US-Dollar an faulen Krediten hinzu, die sich in Japan während der letzten Jahre angehäuft haben.

Allein der Versuch der Regierung in Tokio, den Kollaps von Banken abzuwenden, wird auch der Industrie in Japan immer mehr die Luft abschnüren. Bereits in den letzten beiden Quartalen ging die Produktion mit einer Jahresrate von 11 Prozent zurück. Die Inlandsnachfrage auf dem Automarkt fiel im August und September um jeweils 10 Prozent. Mit der Abwertung der südostasiatischen Währungen gegenüber dem Yen innerhalb der letzten drei Monate um rund ein Drittel ist der japanischen Industrie ein neuer schwerer Schlag versetzt worden, da 44 Prozent ihrer Exporte nach Südostasien gehen.

Mit entsprechender Energie und Aggressivität tritt Japan daher immer offener als Ordnungsmacht des ost- und südostasiatischen Kontinents auf. Um die vollständige Zahlungsunfähigkeit Thailands zu verhindern, machte sich Tokio zum Vorreiter für ein Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds in Höhe von 17,2 Milliarden Dollar, das größte seit der Mexiko-Krise Ende 1994. Japan bestreitet davon allein 4 Milliarden Dollar, genauso viel wie der IWF selbst. Dabei handelte es sich freilich ebensowenig um einen Akt der Nächstenliebe wie bei den japanischen Kapitalinvestitionen der vergangenen Jahrzehnte. Das japanische Kapital baute damit still und leise seine Vormachtstellung in diesem Raum aus und versuchte verzweifelt, dem in den letzten Jahren wachsenden Einfluß Chinas entgegenzutreten.

Genau dieser Aufstieg Chinas als mächtiger Konkurrent auf dem Weltmarkt war es nun, der das »Wirtschaftswunder« der »Tigerstaaten« zu einem so grausamen Ende brachte.

In den siebziger und achtziger Jahren sprangen die vier ersten »Tiger« Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur auf den Weltmarkt, in den neunziger Jahren folgten ihnen dann Thailand, Malaysia, Indonesien, die Philippinen und schließlich Vietnam. Und stets lag diesem »Wunder« ein schier unglaublicher Raubbau an menschlichen Arbeitskräften und natürlichen Ressourcen zugrunde; und das alles unter der Regie eines Kapitals, das weder Arbeits- noch Umweltschutzbestimmungen oder sonst irgendwelche Einschränkungen kannte.

High-Tech-Güter wurden produziert und exportiert, aber – auf Grund der fast kostenlos zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte – kaum in den eigenen Produktionsanlagen und Infrastrukturen investiert. Die billigen Textilien, mit denen Korea und dann Thailand den Weltmarkt überschwemmten, werden zum Beispiel in primitiver Handarbeit wie vor 100 Jahren hergestellt, nur die sozialen Bedingungen sind noch schlimmer als damals: die Frauen sind mit ihren Nähmaschinen in Verschlägen oder Containern zusammengepfercht, die ihren Schlaf- und Arbeitsplatz in einem darstellen.

Die Exportgewinne sprudelten auf Grund solch hoher Ausbeutungsraten und erlaubten den einzelnen Staaten, ihre Währung zu einem festen Wechselkurs an den Dollar gebunden zu halten, auch wenn dessen Kurs anstieg und die Exporte verteuerte. Die feste Beziehung zum Dollar öffnete die Schleusen für eine wahre Flut von Kapitalinvestitionen. Südostasien wurde zum Tummelplatz für transnationale Konzerne wie zum Beispiel Siemens und auch für Börsenspekulanten wie die Barings Bank und ihren Finanzjongleur Nick Leeson.

Und so schwärmte das internationale Finanzkapital und seine Bewunderer jahrelang von Wachstumsraten der Wirtschaft um die 8, 10 oder gar 15 Prozent. Das sei aber kein Wunder gewesen, sondern diese Länder hätten damit gegenüber Amerika und Europa nur aufgeschlossen, meinte die Financial Times (2. September 1997) und verwies zur Begründung auf die Einkommenszahlen: Das reale Einkommen pro Kopf der Bevölkerung habe in Thailand zum Beispiel 1970 bei 11 Prozent des Niveaus in den USA gelegen, 1995 aber bereits bei 28 Prozent. Doch die soziale Wirklichkeit hinter diesen Pro-Kopf-Zahlen verschweigt die Finanzzeitung: die 20 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen konnten in diesem Zeitraum ihren Anteil am Volkseinkommen von 40 auf 63 Prozent steigern, der Anteil der ärmsten 20 Prozent hingegen fiel von 6,4 auf 3,4 Prozent.

In dieser extremen Verarmung und Ausbeutung hat nun der chinesische Drache die südostasiatischen Tiger angegriffen – und übertroffen. Alles, was jene vorgemacht hatten, wiederholte die herrschende Bürokratie in China, nur angesichts der gigantischen Dimensionen des Landes und seiner Bevölkerung in viel größeren und brutalen Ausmaßen. Textilien, Elektronikteile, große und kleine Elektroartikel usw. werden eben unter der Knute maoistisch gedrillter Funktionäre und Fabrikleiter noch billiger und in noch größeren Massen hergestellt als in Malaysia oder Thailand. Die Arbeitsstunde in der chinesischen »Hochlohn«-Region Schanghai kostet nicht einmal einen Dollar, in Indonesien aber zwei. Seit 1994 ließ Peking außerdem den Wert des Yuan gegenüber dem Dollar und damit auch gegenüber den südostasiatischen Währungen um über ein Drittel absinken.

So ist nun China endgültig in den Ring gestiegen, und zwar nicht nur gegen die »kleinen Tiger«, sondern auch gegen die bisherigen Großmächte der Welt. Mit Exporten in Höhe von 200 Milliarden Dollar plus noch einmal soviel aus Hongkong liegt es als Handelsmacht fast gleichauf mit Japan. Und die Ausfuhren wachsen in diesem Jahr noch weiter um nicht weniger als 25 Prozent, im Vergleich zu Thailand (0,8 Prozent). Von allen asiatischen, ja von allen sogenannten Entwicklungs- oder Schwellenländern in der Welt hat China 1996 am meisten Investitionen aus der ganzen Welt angezogen, nämlich nicht weniger als 40 Milliarden Dollar.

Das japanische Kapital reagierte auf diese Entwicklung bisher, indem es zum einen selbst in China massiv investierte. Was die ehemalige DDR, Osteuropa und Rußland für Deutschland, das ist China und Südostasien für Japan. Bereits heute hat japanische Banken mit 18 Milliarden Dollar mehr als die gesamte westliche Konkurrenz in China investiert, dabei sind mehrere Milliarden staatlicher Kredite und Bürgschaften der Regierung in Tokio für Peking und japanische Investoren in China nicht eingerechnet.

Zum anderen versucht das japanische Kapital mit allen Mitteln Südostasien nicht nur als eigene Produktionsstätte, sondern auch als Bollwerk gegen China zu halten. Zu diesem Zweck schlugen die Vertreter von Tokio auf der jüngsten IWF-Konferenz in Hong Kong die Schaffung eines »Asian Monetary Fonds«, eines Asiatischen Währungsfonds in Höhe von rund 100 Milliarden Dollar vor, von denen Japan 50 Prozent stellen wolle. Er sollte nach den japanischen Vorstellungen ebenfalls als Stützungsfonds im Krisenfall eingesetzt werden – und die Vorherrschaft Tokios in der Region gegenüber Washington und New York verteidigen. Auch ein Eindringen des japanischen Kapitals in China würde mit einem solchen AWF erleichtert.

Die Vertreter der USA wiesen den Vorschlag denn auch sofort scharf zurück. Sie bestehen auf der alleinigen, von Washington kontrollierten Autorität des IWF und seiner strengen Auflagen für Länder wie Thailand oder Mexiko. Doch Tokio fürchtet, daß die Durchsetzung dieser Maßnahmen zum Beispiel in Thailand entweder praktisch zur Übergabe der Wirtschaft an amerikanische Banken wie im Falle Mexikos, oder aber auf Grund der politischen Schwäche der Regierung in Bangkok zu unkontrollierbaren sozialen Aufständen führt. Beides hätte verheerende Konsequenzen für die eigene Bankenwelt.

Japan stößt mit seiner Strategie gegenüber China und Südostasien nicht nur mit den USA, sondern auch mit Europa zusammen. Auch die Vertreter der europäischen Regierungen und der Brüsseler EU-Kommission lehnten den Plan Tokios ab, weil sie zurecht darin eine Attacke auf den Euro vermuteten. Sie selbst wollen den Euro als zweite Reservewährung der Welt und damit als Gegengewicht gegen den Dollar und die USA aufbauen. Auch Investitionen in China, Asien und auch Lateinamerika würden für das europäische Kapital leichter und lukrativer werden, sollte der Euro dort als Reservewährung gehalten werden. »Die Welt ist heute vom US-Dollar beherrscht, über den 50 Prozent des Waren- und 80 Prozent des Finanzhandels abgewickelt werden. Dieses Ungleichgewicht ist ein Faktor der Instabilität und sollte möglichst bald überwunden werden.« – Mit diesen Worten warb der EU-Kommissar Yves-Thibault de Silguy in Hong Kong für den Euro als künftige Reservewährung und stieß damit bei Pekings Premierminister Li Peng auch auf offene Ohren. Die Volksbank von China hat bereits angedeutet, daß sie künftig ihre Reserven nicht nur in Dollars, sondern auch in Euros halten werde.

Kein Wunder, daß die europäischen Zentralbanken und Regierungen sich gegen eine unliebsame Konkurrenz von Seiten Japans stellten und in dieser Frage Washington unterstützten – ohne Rücksicht auf die möglichen Folgen einer Vertiefung der südostasiatischen Finanzkrise. Vollkommen gefangen in der Euphorie über den gegenwärtigen Börsenrausch in New York und Europa warf keiner von ihnen die Frage auf, was geschieht, wenn in einem solchen Falle Tokio Gelder aus den USA abziehen muß?

Mit rund 900 Milliarden Mark ist Japan immer noch der größte Anleger von Geldkapital in der Welt, die Hälfte davon dient zur Finanzierung des amerikanischen Haushaltsdefizits – und des gegenwärtigen Börsenbooms. Ziehen japanische Finanzhäuser auch nur einen Bruchteil davon von New York ab, etwa um das eigene Haus zu verteidigen oder um nach der Schaffung des Euro lieber in Europa zu investieren, bräche der ganze Zauber zusammen, mit unübersehbaren Folgen für die gesamte Weltwirtschaft und die sozialen und politischen Verhältnisse in jedem Land.

Wie das Wall Street Journal Europe am 2. September 1997 berichtete, war auf der eingangs erwähnten Bankierskonferenz in Kansas City zwar nicht in der Öffentlichkeit, aber dafür umso heftiger in den Kaffeepausen diskutiert worden, daß ein solcher Börsenkrach in New York drohend bevorstünde und so sicher wie das Amen in der Kirche sei: »Hinter vorgehaltener Hand gestanden Geldhändler (die ihren Kunden in der Bank noch zu Anlagen an der New Yorker Börse raten), daß sie selbst 85 Prozent ihres privaten Kapitals dort bereits abgezogen und ihn staatliche Obligationen gesteckt hätten.«

So entwickeln sich unter der Oberfläche der von Theo Sommer so geschätzten »Ruhe und Harmonie der Weltgemeinschaft« finanzielle und wirtschaftliche Zusammenbrüche globalen Ausmaßes. All die scharfen Konflikte zwischen den Weltmächten um die Vorherrschaft über die Weltmärkte, die bereits zweimal in diesem Jahrhundert in Weltkriegen ausgetragen worden sind, brechen wieder auf.

Aber es gibt noch etwas, worüber nicht in der Öffentlichkeit und vorsichtshalber auch nicht in den Kaffeepausen der Hochfinanz diskutiert wird: Mit dem Aufstieg Chinas und Südostasiens zu Industriemächten sind nicht nur die dortigen Unternehmen als Konkurrenten Europas, Japans und Amerikas auf den Weltmarkt getreten, sondern auch Millionen und Zigmillionen von Proletariern als Bundesgenossen der europäischen, amerikanischen und japanischen Arbeiter.

Die unausweichlich näherrückenden weltweiten Wirtschaftskrisen und Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten müssen also nicht zwangsläufig wieder in gesellschaftliche Katastrophen münden. Sie müssen vielmehr als Gelegenheit wahrgenommen werden, Arbeiter in der ganzen Welt zur Überwindung der unmenschlichen und geschichtlich völlig überholten Profitwirtschaft zu vereinen.

weiter in dieser Ausgabe

Wirtschafts- und Sozialstruktur einiger Tigerstaaten

© gleichheit, Nr. 1, 14. Oktober 1997 

 

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