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WSWS : WSWS/DE : Archiv der gleichheit : November 1997
Vor 20 Jahren: Tom Henehan ermordetAm 16. Oktober 1977 wurde in New York Tom Henehan, ein junger Sozialist, aktives und führendes Mitglied der amerikanischen trotzkistischen Partei, kaltblütig erschossen. Tom Henehan war gerade 26 Jahre alt, als ihn die tödlichen Schüsse trafen. In den viereinhalb Jahren seiner politischen Tätigkeit hatte er als politisch bewußter junger Mensch unter anderen Arbeitern und Jugendlichen mehr bewirkt, als die meisten andern Menschen in ihrem ganzen Leben. Geboren und aufgewachsen in der Stadt Kalamazoo in Michigan, wandte sich Tom Henehan während seines Studiums an der Columbia Universität in New York City der Politik zu. Es war die Zeit der »radikalen siebziger Jahre«, die Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg, der Flower-Power-Bewegung, des Feminismus und des schwarzen Nationalismus. Es war aber auch eine Zeit erbitterter Arbeitskämpfe Wie so viele seiner Generation in den sechziger und frühen siebziger Jahren, empörte auch Tom Henehan sich über den amerikanischen Einmarsch in Vietnam und über die vorherrschende soziale und rassistische Diskriminierung. Aber ihm genügte es nicht, die Greuel des Vietnamkriegs gefühlsmäßig zu verabscheuen und dagegen Sturm zu laufen; er war entschlossen, die Ursachen von Rassismus, Unterdrückung und Krieg in der Gesellschaft aufzudecken und zu beseitigen. Von dem Moment an, als er den wissenschaftlichen Marxismus als den Weg dazu erkannt hatte, konzentrierte er all seine Energie und Begeisterung darauf, andere für das Ziel einer sozialistischen Gesellschaft zu gewinnen und auszubilden. Als er 1973 mit der Workers League, der Vorläuferin der Socialist Equality Party, in Kontakt kam, wurde ihm bewußt, daß es eine internationale revolutionäre Bewegung gab, die sich zum Ziel setzte, die Arbeiterklasse weltweit auf der Grundlage eines sozialistischen Programms zu vereinen: das Internationale Komitee der Vierten Internationale. Die prinzipiellen Standpunkte, die er in der Workers League kennenlernte, die von einem ernsthaften Studium der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung herrührten, ließen ihn nicht mehr los. Besonders überzeugte ihn die Einschätzung der Workes League, daß in der Sowjetunion, Osteuropa und China nicht der Sozialismus verwirklicht war, sondern daß die dort herrschende stalinistische Bürokratie die internationale Arbeiterklasse verraten und ein konterrevolutionäres Regime errichtet hatte. Die marxistische Untersuchung der Weltwirtschaftskrise, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale ausgearbeitet hatte, machte ihm deutlich, daß der Kapitalismus die Widersprüche keineswegs überwunden hatte, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu zwei Weltkriegen geführt hatten. »Die Aufhebung des festen Austauschverhältnisses von Dollar und Gold im Jahr 1971 markiert den Beginn einer neuen Periode verschärfter Angriffe auf die Arbeitsplätze und den Lebensstandard breiter Massen, den Beginn einer neuen Periode weltweiter revolutionärer Klassenkämpfe«, war die Schlußfolgerung dieser Analyse damals. Tom Henehan zog die Konsequenzen daraus und machte sich die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution zu eigen, und dies war für ihn gleichbedeutend damit, daß er aktives Mitglied der Workers League wurde. Es dauerte nicht lange, da wurde er zu einem ihrer besten Führer. Als sich 1974 im Kohlebergbau gegen den Willen der Gewerkschaftsbürokratie eine Streikwelle entwickelte, war es Tom, der in die Zechengebiete von West Virginia reiste. Er machte dort die trotzkistische Zeitung Bulletin bekannt und führte Diskussionen mit oppositionellen Bergarbeitern. Später arbeitete er unter den Arbeitern im Hafen von Brooklyn, unter ihnen zahlreiche junge Einwanderer. Viele von ihnen gewann er für den Aufbau der revolutionären Partei. Auch bei den Transportarbeitern und Beschäftigten der New Yorker Verkehrsbetriebe war er bald bekannt. Er wurde in die Führung der Young Socialists, der Jugendorganisation der Partei, und später in die Führungsgremien der Workers League gewählt. Er ließ sich zum Drucker ausbilden, und man übertrug ihm die Verantwortung für den Druck der Parteizeitung und weiterer sozialistische Literatur. Tom war entscheidend an der Kampagne beteiligt, die die Workers League und die Young Socialists für die Freilassung von Gary Tyler führten. Tyler, ein 16 Jahre alter schwarzer Jugendlicher, war unter falschen Beschuldigungen in Louisiana zum Tode verurteilt worden. Tom organisierte und führte einen Marsch der Young Socialists durch Harlem. Er erklärte seinen Zuhörern, daß dieser Versuch eines Justizmordes an einem Jugendlichen eine höchst bedrohliche Bedeutung für die demokratischen Rechte aller Arbeiter und Jugendlichen habe ganz egal, welche Hautfarbe sie hatten. Als Tom erschossen wurde, war er Ordner bei einer Tanzveranstaltung der Young Socialists, die dazu dienen sollte, die politische Arbeit der Young Socialists in Brooklyn, insbesondere ihre Kampagne für Gary Tyler bekannt zu machen und zu unterstützen. Die Begleitumstände des Mordes (siehe nebenstehenden Artikel) machen sehr deutlich, daß er politische Hintergründe hatte. Das Leben Tom Henehans war natürlich stark von seiner Zeit geprägt: Es war eine Periode der leidenschaftlichen Kämpfe gegen Krieg und für soziale Gerechtigkeit, zynische Gleichgültigkeit und Karrierismus waren in weiten Kreisen der Jugend verpönt. Tom war ein typischer Vertreter dieser Jugend, aber er stützte sich im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen auf eine wissenschaftliche Theorie und Methode. Die Workers League hatte ihre marxistischen Auffassungen und Perspektiven in harter Auseinandersetzung mit der Socialist Workers Party entwickelt und verteidigt. Die SWP war noch unter Mitwirkung Leo Trotzkis gegründet worden und hatte sich noch zwanzig Jahre zuvor zu den Vorkämpfern des Internationalismus und des Trotzkismus gezählt. Aber unter dem Druck der Stabilisierung des kapitalistischen Systems war sie in den sechziger Jahren zu einer Protestpartei verkommen. Sie gab jegliche sozialistische Perspektive auf und wurde zu einem geeigneten Tummelplatz für Hunderte von Agenten der CIA und des FBI. Es war daher nicht verwunderlich, daß nicht nur die stalinistische KP der USA, sondern auch die SWP auf Henehans Ermordung genau so wenig reagierten wie die bürgerliche Presse. Obwohl sie vollständig informiert worden waren, veröffentlichten sie kein Wort darüber. In den zwanzig Jahren seit dem Mord an Tom Henehan ist eine Tatsache sehr klar geworden: Die Prinzipien, für die er sein Leben gab, haben sämtliche politischen Konzepte überlebt, die damals »in« waren. Nichts ist geblieben von der Protestpolitik, die versuchte, durch Druck auf die Demokratische Partei Reformen zu erzwingen. Die radikalen Parolen und Aktionen des schwarzen Nationalismus oder Feminismus, die behaupteten, die »besondere Unterdrückung« von Rasse oder Geschlecht sei grundlegender als die Klassenspaltung der Gesellschaft, sind ins Leere gegangen. Auch die Perspektive des Maoismus, der behauptet hatte, auf die Bauern gestützte Guerillakriege in der Dritten Welt und nicht die revolutionäre Bewegung der internationalen Arbeiterklasse könnten den Kapitalismus besiegen, hat Schiffbruch erlitten. Diese politischen Strömungen, die damals stark erschienen, zerfielen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und nach Chinas Rückkehr zum Kapitalismus. Und auch vom Liberalismus der Demokratischen Partei ist bloß noch eine blasse Erinnerung übrig. Derselbe Bill Clinton, der sich einst an den Antikriegsprotesten beteiligt hatte, zertrümmert heute in trauter Eintracht mit der Republikanischen Partei die letzten Überreste des Sozialstaates. In diesen zwanzig Jahren ist der Lebensstandard der großen Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung Amerikas ständig gesunken, und die Vertreter des Kapitals geben offen zu, daß sich dieser Trend fortsetzen und verschlimmern wird. Die Perspektiven des internationalen Sozialismus jedoch, die Tom Henehan zu den seinen machte, sind von der kapitalistischen Entwicklung selbst vollauf bestätigt worden. Die Umwälzung der modernen Technologie und Kommunikation hat eine neue Ära eröffnet, in der Leben und Arbeit von Millionen Menschen in allen Erdteilen vollkommen vom Weltmarkt beherrscht werden. Nie war es offensichtlicher als heute, daß die internationale Vereinigung der Arbeiterklasse nicht nur dringend geboten, sondern auch möglich ist. Deshalb werden auch der Optimismus und die Begeisterung für den Aufbau der Vierten Internationale, die Tom Henehans kurzes politisches Leben geprägt hatten, in der Jugend weltweit bald wieder ein Echo finden. weiter in dieser Ausgabe © gleichheit, Nr. 1, 14. Oktober 1997
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