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WSWS : WSWS/DE : Archiv der gleichheit : November 1997
SurrealismusEinleitung zu Kunst und Freiheit (72 KB)Der Surrealismus, eine der vielleicht wichtigsten und fruchtbarsten Kunstbewegungen dieses Jahrhunderts, hat in Deutschland nur ein schwaches Echo gefunden. Das gilt weniger für die surrealistische Malerei als für die Dichtung und die theoretischen und politischen Aktivitäten der Surrealisten. Die Werke André Bretons, ihres wichtigsten Sprechers und Organisators, sind noch nicht einmal vollständig ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht worden. Ziel der Surrealisten war es, die Revolution von Geist und Kultur mit der gesellschaftlichen Umwälzung zu verbinden. Sie verstanden sich seit Mitte der zwanziger Jahre als Teil der sozialistischen Bewegung. Die Mehrheit der Gruppe lehnte als entschiedene Internationalisten den Kurs der stalinistischen Komintern ab und wandte sich der Vierten Internationale zu. Einige von ihnen, Aragon und Eluard zum Beispiel, machten jedoch in den dreißiger Jahren ihren Frieden mit Stalin und der Moskauer Bürokratie. Breton brach mit ihnen ebenso kompromißlos wie mit allen, denen er vorwarf, die Sache des Surrealismus verraten zu haben. Selbstverständlich konnte in der Zeit des Nationalsozialismus wegen ihrer umstürzlerischen Haltung kein Werk surrealistischer Künstler in Deutschland publiziert werden. In dem antikommunistischen Mief der fünfziger Jahre wurde in Westdeutschland das kulturelle Embargo aufrechterhalten, nur vereinzelt gelangten ihre Werke zur Veröffentlichung. Im Osten wurde Breton ebenso totgeschwiegen, weil er zu Recht als Feind der stalinistischen Bürokratie und des von ihr propagierten »sozialistischen Realismus« galt. Erst in der Aufbruchstimmung der Studentenbewegung 1968 erschien eine nicht ganz vollständige Taschenbuchausgabe der Manifeste des Surrealismus. Aber auch die Studenten konnten mit dem geistigen und gesellschaftlichen Sprengstoff der Surrealisten offenbar nicht sehr viel anfangen. Die Mehrheit von ihnen drängte bald wieder in stalinistische oder sozialdemokratische Bahnen und suchte ihr Heil im bürgerlichen Kultur- und Bildungsbetrieb. In den siebziger und achtziger Jahren wurden dann von Zeit zu Zeit einige Gedicht- und Essaybände Bretons auf deutsch herausgegeben, die aber zum Teil bereits wieder vergriffen sind. David Walsh, Kulturredakteur der amerikanischen trotzkistischen Zeitung International Workers Bulletin, und Frank Brenner haben das Erscheinen der Biographie André Bretons von Mark Polizzotti zum Anlaß genommen, auf diese herausragende Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts aufmerksam zu machen. Für jeden, der nicht bereit ist, sich dem heute vorherrschenden kulturellen Klima, einer Mischung von Resignation und Zynismus anzupassen, sind Bretons Ideen eine Quelle der Ermutigung und Inspiration. © gleichheit, Nr. 1, 14. Oktober 1997
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