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Lehrerstreik in Kanada

Wie die Gewerkschaften eine Massenbewegung gegen den Sozialabbau erstickt haben

Es war der größte Lehrerstreik der nordamerikanischen Geschichte: Zwei Wochen lang verweigerten 126 000 Lehrer in der kanadischen Provinz Ontario ihre Arbeit, und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung stand auf ihrer Seite. Als der Arbeitskampf auf eine offene Kraftprobe mit der Regierung hinauslief, brachen die Lehrergewerkschaften am 9. November den Ausstand ab und kapitulierten schmählich.

Die Lehrer streikten gegen die konservative Provinzregierung. Sie hatte mit dem Entwurf für ein neues Schulgesetz, das sogenannte »Gesetz zur Verbesserung der Bildungsqualität«, dem ganzen herkömmlichen Schulsystem den Kampf angesagt. Der Widerstand nahm die Form einer breiten sozialen Bewegung an, die sich Anfang November zur größten Arbeitsniederlegung in der Geschichte von Ontario, der bevölkerungsreichsten Provinz Kanadas, entwickelte.

Schon jahrelang hatten die Proteste geschwelt. Die konservative Partei stellt erst seit zwei Jahren die Regierung. Sie hatte die sozialdemokratische NDP (New Democratic Party) abgelöst, die ihrerseits die Liberale Partei entthront hatte. Alle drei großen bürgerlichen Parteien haben in ihrer Regierungszeit Sozialleistungen gekürzt, das Schulwesen abgebaut und gewerkschaftliche und demokratische Grundrechte angegriffen. Dagegen hatte es wiederholt Massenproteste gegeben, so als die Konservativen die Sozialhilfe um 21 Prozent reduzierten und einen öffentlichen Arbeitsdienst einführten.

Der Streik der Lehrer begann am 27. Oktober, breitete sich rasch aus und wurde aktiv von einem großen Teil der 2,1 Millionen betroffenen Schüler und Eltern unterstützt. Sie alle hatten seit langem miterlebt, wie die Schulen systematisch heruntergewirtschaftet wurden.

Jan, ein Oberstufenlehrer aus Ontario, berichtete der Zeitung International Workers Bulletin: »In den neun Jahren, in denen ich schon als Lehrer arbeite, gab es dauernd Kürzungen, aber die letzten zwei Jahre haben alles übertroffen. Ich arbeite in einem großen Gymnasium mit etwa 2200 Schülern und 140 Lehrern. Während es früher zwanzig Reinigungskräfte beschäftigt hat, sind es heute nur noch fünf oder sechs. In den Klassenzimmern werden die Böden nur noch zweimal im Jahr gründlich gereinigt, an Weihnachten und am Ende eines Schuljahres. Es ist überhaupt keine Geld mehr für Bücher da, auch nicht für die Reparatur von audiovisuellen Geräten.

Als wir den Streik aufnahmen, waren die meisten Lehrer überzeugt davon, daß ihre Forderungen berechtigt seien. Sie fürchteten aber dennoch, daß sie isoliert kämpfen und sich nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen eine feindliche öffentlichkeit behaupten müßten. Es war eine überwältigende Erfahrung, als sich die ganze Bevölkerung auf unsere Seite stellte. Eltern, Schüler, Rentner, Arbeitslose – jeder unterstützte uns auf seine Weise. Und das, obwohl die Medien täglich Hetzartikel veröffentlicht haben.«

Außerhalb Kanadas wurde der Streik fast vollständig totgeschwiegen, auch in den USA. In Detroit erfuhr man nur über den Verkehrsfunk von einer Großkundgebung im nahegelegenen kanadischen Windsor, obwohl es nur durch eine Brücke von Detroit getrennt ist.

Inzwischen war der Lehrerstreik zu einem Kristallisationspunkt für die Unzufriedenheit über die ständigen Kürzungen geworden. Es ging nicht nur um die Arbeitsplätze und –bedingungen der Lehrer, sondern auch um die Verteidigung des öffentlichen Schulsystems und des Prinzips der Chancengleichheit für alle.

Die Regierung versuchte die Streikenden mit Abmahnungen, Bußgeldern und anderen Strafandrohungen einzuschüchtern. Die Wirkung blieb aus. Stattdessen stellten sich immer breitere Schichten hinter die Lehrer. An mehreren großen Demonstrationen nahmen Zehntausende teil. Obwohl offiziell nur die Rücknahme des neuen Schulgesetzes gefordert wurde, wurde der Streik so zu einer unmittelbaren Bedrohung für die Regierung.

Diese versuchte nun, die Lehrer mit einer einstweiligen Verfügung zur Arbeitsaufnahme zu zwingen. Aber das Bundesgericht in Toronto gab dem Antrag nicht statt. Es befürchtete, die Streikenden würden einer solchen Anordnung nicht Folge leisten und die Bewegung könnte außer Kontrolle geraten. Statt dessen beauftragten die Richter die Gewerkschaften damit, die schmutzige Arbeit zu erledigen und den Streik abzuwürgen – was diese auch taten.

Auf den Versammlungen begannen die Gewerkschaftsfunktionäre abzuwiegeln. Der Gewerkschaftssekretär von Ontario, Hopkins, erklärte, es sei nicht die Aufgabe der Gewerkschaften, »das Recht der Regierung zu regieren in Frage zu stellen«. Eileen Lennon, seine Kollegin aus dem Lehrerverband, sagte, man müsse sofort zu einem Kompromiß kommen, denn sonst riskiere man alles zu verlieren. Dabei hatte die Arbeitsniederlegung gerade ihren Höhepunkt erreicht, die Regierung stand isoliert da und steckte nach dem Scheitern der gerichtlichen Anordnung gegen die Lehrer in einer wirklichen Krise.

Die Gewerkschaften fürchteten, der Streik könnte ihrer Kontrolle entgleiten und eilten deshalb der bedrängten Regierung zu Hilfe. Sie wurden darin von der New Democratic Party bekräftigt. Sie gaben ihren Widerstand gegen das neue Schulgesetz offiziell auf und erklärten sich bereit, über alle Forderungen der Regierung zu verhandeln, um den Konflikt beizulegen. Ausdrücklich erklärten sie ihre Bereitschaft, auch über die Streichung von Lehrerstellen, die Verkürzung der Vorbereitungszeiten und die Erhöhung der Klassengrößen zu verhandeln. Als die Regierung nicht sofort auf diese großzügige Offerte einging, brachen sie am 9. November den Streik sang- und klanglos ab.

Dieser schamlose Ausverkauf kam für viele Lehrer als Schock. Viele versuchten, den Streik trotzdem weiterzuführen. Sie verfügten aber weder über eine politische Perspektive noch über geeignete Organisationsformen, um den Kampf wirkungsvoll fortzusetzen.

weiter in dieser Ausgabe

Das neue Schulgesetz

© gleichheit, Nr. 1/98, 20. Dezember 1997 

 

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