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WSWS : WSWS/DE : Archiv der gleichheit : Januar 1998
Jean Brust 60 Jahre Kampf für den SozialismusJean Brust starb am 24. November 1997 im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines schweren Schlaganfalls. Sie war Gründungsmitglied der amerikanischen Socialist Equality Party und ihrer Vorgängerorganisation, der Workers League. 60 Jahre lang engagierte sie sich im Kampf für den Sozialismus. Als eine Persönlichkeit, die andere mit Zuversicht und Begeisterung für die Sache zu erfüllen vermochte, geht Jean Brust in die Geschichte der Vierten Internationale ein. 1937 trat sie der Jugendorganisation Young Peoples Socialist League (YPSL) bei, um gegen kapitalistische Ausbeutung, Faschismus und den stalinistischen Verrat an der russischen Revolution anzukämpfen. Erste politische Erfahrungen sammelte sie in den Kämpfen der amerikanischen Arbeiterklasse während der Rezession der 30er Jahre, insbesondere bei dem von Trotzkisten angeführten Generalstreik in Minneapolis 1934. Als führendes Mitglied der Workers League und später der SEP bildete sie in den vergangenen 30 Jahren hunderte Jugendliche aus, die nicht nur in den USA, sondern auch in den Sektionen der trotzkistischen Bewegung in Deutschland, Australien, Britannien und anderen Ländern den Weg zum Marxismus gefunden hatten. Gemeinsam mit ihrem Mann und Lebensgefährten Bill Brust, der 1991 starb, spielte Jean eine ebenso unerläßliche wie unersetzliche Rolle. Als die 1938 gegründete Socialist Workers Party, die erste trotzkistische Partei in den USA, Anfang der 60er Jahre vor dem Druck des Nachkriegsbooms kapitulierte und das revolutionäre Programm des Internationalismus aufgab, widersetzten sich Bill und Jean diesem Verrat. Sie trugen maßgeblich dazu bei, die Kontinuität der marxistischen Bewegung in Amerika und international zu wahren. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe junger Genossen, die man wegen ihres Eintretens für die Prinzipien des Trotzkismus aus der SWP ausgeschlossen hatte, gründeten sie die Workers League, die mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale in Solidarität stand. Jean Tilsen wurde am 31. August 1921 in der Kleinstadt Elgin im amerikanischen Bundesstaat Minnesota geboren. Ihre Eltern waren jüdische Einwanderer aus dem zaristischen Rußland. Noch als Kinder waren sie um die Jahrhundertwende in die USA gekommen. Ihre Familien hatten sich im Gegensatz zu den meisten anderen jüdischen Einwanderern aus Osteuropa in der ländlichen Gegend des Mittleren Westens niedergelassen. Hier lernten sich Jeans Eltern kennen und heirateten. Ihre fünf Kinder kamen alle in verschiedenen Städten der Bundesstaaten Minnesota und Dakota zur Welt, wo Jeans Vater seine Familie als Handelsreisender und Kleinhändler mühevoll über die Runden brachte. Jean sagte später, daß ihre Eltern den Kindern die Achtung für Menschen jeder Hautfarbe und Nationalität und den Zugang zu Wissen und Literatur vermittelt hätten. In diesem engen Familienverband kam Jean als drittes Kind zur Welt, eine Schwester und ein Bruder waren älter und zwei Brüder jünger als sie. Ihre Kindheit verbrachte sie in Kleinstädten wie New Leipzig im Bundesstaat North Dakota und größeren Städten wie Bismarck, der Hauptstadt von North Dakota, und Iron Mountain im Bundsstaat Michigan. Die Auswirkungen der Rezession ließen die Familie Tilsen 1935 schließlich wieder nach St. Paul, der Hauptstadt des Bundesstaates Minnesota zurückkehren, wo sie schon einige Jahre früher gelebt hatte. Dort blieb die Familie von nun an. Als Teenager kam Jean hier mit den historischen und sozialen Kräften in Berührung, die sie für den Rest ihres Lebens prägen sollten. Gerade ein Jahr zuvor hatten die Trotzkisten den Generalstreik in Minneapolis zum Sieg geführt und waren zu einer wichtigen Kraft in der Arbeiterklasse geworden. Dieser Streik trug wesentlich dazu bei, daß sich einige Jahre später Millionen Arbeiter den Industriegewerkschaften anschlossen. Als Jean die weiterführende Schule in St. Paul besuchte, war das gesellschaftliche Klima von einer wachsenden Radikalisierung der Arbeiter und Jugendlichen geprägt. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur die Frage gewerkschaftlicher Organisation, sondern auch weltbewegende Fragen wie der Aufstieg Hitlers, die Kriegsgefahr und die spanische Revolution. Schon bald hielt Jean Ausschau nach Büchern über den Sozialismus. 1937 versuchten einige College-Schüler, mit denen die Familie befreundet war, sie für die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei zu rekrutieren. Sie vertraten die damalige stalinistische Argumentation, daß Vereinbarungen zur »kollektiven Sicherheit« zwischen den USA und der Sowjetunion die Kriegsgefahr bannen könnten. Jean, noch keine 16 Jahre alt, ließ sich davon nicht überzeugen. Auf einer Konferenz in Milwaukee hörte sie dann in Ausführungen von Vertretern der YPSL, daß Faschismus und Kriegsgefahr dem niedergehenden Kapitalismus entspringen. Das leuchtete ihr ein. Jean wurde Mitglied der YPSL, in der die Trotzkisten die Führung gewonnen hatten. In den folgenden Jahren setzte sie sich intensiv mit theoretischen Fragen auseinander und beteiligte sich an wichtigen politischen Aktivitäten. Zu ihren Lehrmeistern gehörten führende SWP-Mitglieder aus St.Paul-Minneapolis wie Ray Dunne und Carl Skoglund sowie eine Gruppe jüngerer Parteimitglieder wie Henry und Dorothy Schultz sowie deren Schwester Grace Carlson. Gute zwei Jahre später, im Januar 1940, trat Jean der SWP bei. Auch Bill Brust, Jeans späterer Mann und Kampfgefährte, wurde in dieser Zeit Mitglied der trotzkistischen Partei. Jeans politische Erziehung war in dieser Periode revolutionärer Krisen insbesondere von den Ereignissen in Spanien bestimmt. Sie nahm an einer Versammlung teil, auf der zwei Sprecher, die direkt von der Front kamen, über den Kampf gegen Francos faschistische Truppen und gegen die konterrevolutionäre Politik der Stalinisten berichteten. Zur gleichen Zeit, als die Kreml-Bürokratie die berüchtigten Moskauer Prozesse inszenierte und praktisch die gesamte Führung der Oktoberrevolution in der Sowjetunion vernichtete, ging sie mit ähnlich mörderischen Methoden gegen die spanische Arbeiterklasse vor. Jean las alles, was sie über Spanien nur bekommen konnte, und verfaßte ein ausführliches Referat über den Spanischen Bürgerkrieg für den Englischunterricht in ihrer Schule. Sie begriff allmählich die historische Bedeutung des Kampfs, den Trotzki und die Linke Opposition gegen Stalins nationalistische Politik des «Sozialismus in einem Land« geführt hatten. Auch sah sie am Beispiel der spanischen POUM die tragischen Folgen des Zentrismus. Die POUM weigerte sich, aus der Volksfront auszutreten, nahm der Arbeiterklasse damit jede Führung und spielte den Stalinisten in die Hände, deren brutale Unterdrückungsmaßnahmen doch direkt auf die POUM selbst abzielten. An ihrem 20. Geburtstag konnte Jean bereits auf vier Jahre politischer Erfahrung zurückblicken. Zu jener Zeit standen die revolutionäre Führung und die Arbeiterklasse unter schwerem Beschuß. Der zweite Weltkrieg war ausgebrochen. Im August 1940 wurde Leo Trotzki von einem Agenten Stalins ermordet. 1941 stellte die Regierung Roosevelt, kurz vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, die amerikanischen Trotzkisten unter der Anschuldigung vor Gericht, zum »gewaltsamen Sturz der Regierung« aufgerufen zu haben. Aus all diesen Erfahrungen und von ihren Genossen lernte Jean, daß die reaktionären Angriffe einer überholten Gesellschaftsordnung nicht Zeichen ihrer Stärke, sondern Ausdruck ihrer Todeskrise sind. Sie widmete den Rest ihres Lebens dem Aufbau einer internationalen revolutionären Führung, die in der Lage sein sollte, den Kapitalismus und seine wichtigste konterrevolutionäre Agentur, die stalinistische Bürokratie, zu stürzen. Die Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen die Verfolgung und Inhaftierung der trotzkistischen Führer unter dem Smith Act spielte eine wichtige Rolle in Jeans politischer Erziehung. Der Smith Act war ein Gesetz, das im Vorfeld des Kriegseintritts der USA die Opposition wirklicher Kommunisten gegen die amerikanische Regierung verbot. Die SWP wehrte sich mit einer politischen Kampagne und gewann dafür die Unterstützung von Gewerkschaften, in denen Millionen Arbeiter organisiert waren, obwohl die Kommunistische Partei die Hexenjagd der Regierung unterstützte. Der Führer der SWP James P. Cannon nahm den Prozeß zum Anlaß, um in seiner Aussage die Prinzipien des Sozialismus zusammenzufassen und die Verleumdungen der Regierung anzuprangern. Seine Aussage wurde in der Broschüre »Der Sozialismus vor Gericht« veröffentlicht. Sie diente Jean noch jahrzehntelang zur politischen Erziehung neuer Mitglieder oder Freunde der Vierten Internationale. Auch wurde Jean bewußt, wie wichtig es war, eine objektive politische Auseinandersetzung innerhalb der revolutionären Partei zu führen. Als 1939/40 ein Teil der SWP unter der Führung von Max Shachtman und James Burnham vor dem Druck der Reaktion kapitulierte und es fortan für unzulässig erklärte, die Sowjetunion gegen den Imperialismus zu verteidigen, unterstützte Jean die Position Trotzkis und der Parteimehrheit, die für die Prinzipien des Marxismus und eine revolutionäre Perspektive eintraten. Während des Krieges arbeitete Jean, wie viele andere junge Frauen, in einer Munitionsfabrik. Für kurze Zeit war sie mit einem jungen Mitglied der SWP verheiratet. Aus dieser Ehe stammt ihre 1944 geborene Tochter Cynthia. Mit Kriegsende, als die Soldaten heimkehrten, verloren Jean und ihre Kolleginnen diese relativ gut bezahlten Arbeitsplätze. In Kürze kam es zu einer Welle militanter Streiks. Nach den Jahren der Rezession und der im Namen des Kriegs erbrachten Opfer forderten Millionen Arbeiter bessere Lebensbedingungen. 1946 beteiligte sich Bill Brust am Streik einer Fleischpackerei in St. Paul. Bald begann auch Jean in diesem Betrieb zu arbeiten. 1948 kam es erneut zu einem Streik der Packereiarbeiter, in dem Bill und Jean bereits eine wichtige Rolle spielten. In diesem Jahr heirateten sie. Etwas später vergrößerte sich ihre Familie um die beiden Söhne Leo und Steven. Die Nachkriegsperiode stellte die revolutionäre Bewegung vor neue Herausforderungen und Krisen. Aufgrund der engen Zusammenarbeit zwischen dem Stalinismus und der reformistischen Sozialdemokratie konnte sich der Kapitalismus in der Nachkriegszeit wieder stabilisieren. Ein Teil der trotzkistischen Bewegung unter der Führung von Michel Pablo und Ernest Mandel gab den Kampf für den Aufbau unabhängiger revolutionärer Parteien auf. Die Situation in den USA war von der Hexenjagd McCarthys und der Festigung der antikommunistischen Bürokratie in den Gewerkschaften geprägt. Die Pablisten konnten in der SWP die Unterstützung einer von Bert Cochran und George Clarke geführten Gruppe Gewerkschaftler und anderer Mitglieder gewinnen, die der schwierige und lange Kampf gegen Stalinismus und Imperialismus demoralisiert hatte. Die Pablisten hätten die Vierte Internationale beinahe zerstört. Im Kampf gegen diese internationale Tendenz und ihre Anhänger in der Cochran-Clarke-Fraktion spielten Jean und Bill eine wichtige Rolle. Es kam zu einer Spaltung, in deren Gefolge 1953 das Internationale Komitee der Vierten Internationale gegründet wurde. Das Heim der Brusts in St. Paul wurde vorübergehend zum örtlichen Hauptsitz der Partei, wo sich die führenden Parteimitglieder regelmäßig trafen, um über die internen Auseinandersetzungen zu diskutieren. Anfang der 50er Jahre hatte Jean ihre Arbeit in der Fleischpackerei aufgegeben, um sich ganz der Parteiarbeit zu widmen. Oft leitete sie Pressekonferenzen, die bei Rundreisen führender Mitglieder gehalten wurden, und in diesem Zusammenhang wurde ihr Name gelegentlich in der bürgerlichen Presse erwähnt. Einmal wurde ein Stein auf das Haus der Brusts geworfen und ein Fenster zerschmettert. Ein andermal waren auf den Gehweg vor dem Haus der Brusts die Worte »Commie Dupe« [im Deutschen etwa »Kommunisten-Verschnitt«] hingekritzelt, nachdem Jean in einer Radiosendung gesprochen hatte. Jean ließ sich dadurch nicht einschüchtern. Sie sagte zu ihren Familienmitgliedern, die Kritzeleien könnten nur das Werk eines Fremden sein. Schließlich wisse doch jeder, der sie kenne, daß sie kein Verschnitt, sondern das Original sei. Ende der 50er Jahre begann die schwierigste Zeit in Jeans politischem Leben. Ungeachtet des Kampfes gegen Cochran und Clarke machten sich innerhalb der SWP zunehmend Entmutigung und Selbstgefälligkeit breit. Schwierigkeiten sind in einer Periode politischer Stille unvermeidlich; gerade dann ist jedoch die interne politische Diskussion als Vorbereitung auf ein erneutes Ansteigens des Klassenkampfs und zukünftige Auseinandersetzungen um so wichtiger. Die politische Diskussion in der Partei ließ jedoch nach. Jean erinnerte sich später, wie es sie beunruhigte, daß die Parteiführung die von der chinesischen Revolution aufgeworfenen Fragen nicht analysierte. Die ausbleibende Klärung dieser Fragen begünstigte die Entwicklung einer maoistischen Tendenz innerhalb der Partei. Als 1956 mit Chruschtschows Geheimrede vor dem 20. Parteitag die Krise des Stalinismus zum Ausbruch kam, war die SWP nicht darauf vorbereitet. Innerhalb kurzer Zeit machte die Parteiführung den Vorschlag, eine Politik der »Umgruppierung« zu verfolgen. Dies bedeutete eine Wegwendung von der Arbeiterklasse und eine Hinwendung zum kleinbürgerlichen Milieu der desillusionierten Anhänger der Kommunistischen Partei. Politisches Manövrieren und Anpassung traten an die Stelle des Kampfes für die marxistischen Prinzipien, die gerade zu diesem Zeitpunkt klare Bestätigung fanden. Nur wenige Jahre nach dem bitteren Bruch mit dem Pablismus gab die SWP die politischen Errungenschaften auf, die sie im Kampf für die Verteidigung des Trotzkismus gewonnen hatte. Dieser Weg führt die SWP Anfang der 60er Jahre zur vorbehaltlosen Unterstützung des Castroismus und 1963 zu ihrer prinzipienlosen Vereinigung mit eben jenen Opportunisten, mit denen sie zehn Jahre zuvor gebrochen hatte. Bill und Jean waren tief beunruhigt über diese Orientierung der SWP, konnten aber einige Jahre lang nicht begreifen, weshalb sie sich nun in verworrenen Auseinandersetzungen mit Führern wie Ray Dunne wiederfanden, die sie doch vor mehr als zwanzig Jahren für den Trotzkismus gewonnen hatten. Auf ihrem rechten Kurs hin zu kleinbürgerlicher Protestpolitik standen die Brusts und Henry Schultz der SWP-Führung im Wege. Bill und Jean wurden ihrer Funktionen beraubt und in die politische Inaktivität getrieben. In dieser Periode kehrte Jean an die Schulbank zurück, machte einen Abschluß und erhielt einen akademischen Grad in Anthropologie. Später unterrichtete sie im St. Olaf College, einer kleinen Schule in Northfield südlich von St. Paul-Minneapolis. Der Verlauf der Entwicklung hatte Jean in politische Verwirrung gestürzt, sie war jedoch nicht bereit, sich vom Kampf für den Sozialismus abzuwenden. Sie blieb weiterhin Mitglied der SWP, und als eine Gruppe jüngerer Mitglieder sich zwischen 1961 und 1963 dem Kurs der Parteiführung widersetzte und Dokumente zur Diskussion in der Partei vorlegte, stellte sie in vielen Fragen ihre übereinstimmung mit ihnen fest. 1963 machten Jean und Bill Brust eine Reise nach Europa und führten lange Diskussionen mit Gerry Healy von den britischen Trotzkisten. Nach ihrer Rückkehr in die USA nahmen sie Kontakt zu der Opposition in der SWP auf, die das Internationale Komitee unterstützte. Nach dem Ausschluß dieser Opposition traten auch sie 1964 aus der SWP aus. 1965 schlossen sie sich dem Amerikanischen Komitee der Vierten Internationale an, das 1966 die Workers League gründete. Aufgrund ihrer jahrzehntelangen politischen Erfahrung spielten sie von nun an eine herausragende Rolle in der Ausbildung junger Kader und beim Aufbau der revolutionären marxistischen Bewegung in den USA. 1966 erlitt Jean einen schlimmen Autounfall. Dabei zog sie sich eine Knöchelverletzung zu, die nie wieder ganz ausheilte. Die Folgen des Unfalls erschwerten ihre politische Arbeit, sie ließ sich das jedoch nie anmerken. Weil Jean nicht vor dem Pablismus kapituliert hatte, reagierte sie von einem revolutionären Standpunkt aus auf den Vietnamkrieg und die wachsende soziale Krise in den USA, die Millionen von Menschen auf die politische Bühne brachte. Anfang der 70er Jahre spielte sie eine entscheidende Rolle beim Aufbau von drei Ortsverbänden der Workers League in Minnesota. Unermüdlich verkaufte sie die Parteizeitung Bulletin, diskutierte mit Hunderten von Studenten auf Antikriegsversammlungen und organisierte oder leitete marxistische Schulungen. In ihrer gesamten politischen Arbeit führte sie einen entschlossenen Kampf nicht nur gegen antikommunistische Verfechter des imperialistisches Krieges, sondern auch gegen die Politik der kleinbürgerlichen Liberalen und Radikalen. Deren Standpunkt, der Protest habe sich auf einzig und allein auf die Frage des Vietnamkrieges zu beschränken und jede weitergehende Fragestellung sei von übel, lehnte sie entschieden ab. Neue Mitglieder beeindruckte Jean mit ihrer Fähigkeit, komplexe Fragen des Marxismus konkret zu erklären, ohne dabei das Parteiprogramm zu verwässern, und mit ihrer Art aufzuzeigen, wie die Geschichte in der Gegenwart weiterlebt. Sie verstand es, mit Geduld und ohne Bedrängung gegen die politische Verwirrung und Rückständigkeit unter Arbeitern und Studenten anzukämpfen. Ihre tiefe moralische und politische Verbundenheit mit der Arbeiterklasse und den Prinzipien des Marxismus verschafften ihr einen besonderen Zugang zur Jugend. Jedes neue Mitglied, das sie gewann, kam zur Partei nach grundlegenden Diskussionen und Auseinandersetzungen, in denen sie sich an keine seiner Schwächen angepaßt hatte. Die Lehren aus der Degeneration der SWP verankerte sie tief im Bewußtsein der jungen Mitglieder. Als die Workers League Ende der 70er Jahre die Parteizentrale von New York nach Michigan verlegte, zeigte Jean erneut ihre große Einsatzbereitschaft für die Sache des Sozialismus. Sie zog nach Detroit und blieb dort mehrere Jahre, um ihre Erfahrungen in der Arbeiterklasse an die Mitglieder weiterzugeben. Bill blieb weiterhin in Minnesota, um dort die Partei aufzubauen. Der wichtigste Kampf in der Geschichte des Internationalen Komitees stand jedoch noch bevor. Er begann Anfang der 80er Jahre. Jean war damals über 60 Jahre alt. Zwischen 1982 und 1986 kämpfte die Führung der Workers League gegen die opportunistische Degeneration der britischen Workers Revolutionary Party. Wieder zeigte sich Jean auf der Höhe der Aufgaben. Sie beteiligte sich rege an den Diskussionen, in denen die Politik der WRP aufgedeckt und entlarvt wurde: ihre Kapitulation vor den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kräften in den ehemaligen Kolonien und vor den nationalen Bewegungen wie der PLO, ihr wachsender Nationalismus und ihre Anpassung an die Gewerkschaftsbürokratie und den Stalinismus. Jean brachte die Lehren aus der Auseinandersetzung in der SWP ein. Sie und Bill trugen erheblich dazu bei, die jüngeren Mitglieder für den notwendigen Kampf gegen ältere führende Mitglieder zu wappnen, die, wie einst die SWP-Führer, den Weg des geringsten Widerstands gewählt und sich vom konsequenten Kampf für den Aufbau einer internationalen marxistischen Partei abgewandt hatten. Aufgrund dieser Vorbereitung konnte die Workers League, als die prinzipienlose Führung der WRP 1985 zerbrach, die Unterstützung der großen Mehrheit der Kader des Internationalen Komitees und auch der engagiertesten Mitglieder der WRP selbst gewinnen. Der Sieg der marxistischen und internationalistischen Strömung gegen die nationalistischen Opportunisten in der WRP markierte einen historischen Wendepunkt. Diesmal war das Internationale Komitee nicht mehr isoliert, wie noch bei den Auseinandersetzungen von 1961-63 diesen Unterschied betonte Jean immer wieder. Das Kräfteverhältnis zwischen dem Marxismus und dem Opportunismus hatte sich in den achtziger Jahren zugunsten der Marxisten gewandelt. Die Spaltung 1985/86 war Ausdruck des Zusammenbruchs der Nachkriegsordnung und der Schwäche aller alten Mechanismen, insbesondere der stalinistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bürokratien, die den Klassenkampf in der Nachkriegsperiode in den Rahmen von Protestaktionen und Reformen hatten pressen können. Zufrieden schrieb Jean noch vor kurzem, daß diese Veränderung auch darin zum Ausdruck kam, daß »das theoretische Material, das die revolutionäre Bewegung im Kampf gegen das Zurückweisertum seit 1985 herausgebracht hat, sowohl quantitativ als auch qualitativ einen Standard erreicht hat, der seit den 30er Jahren einzigartig ist.« Auch in den 80er Jahren setzte sich Jean als Teil ihrer politischen Arbeit entschlossen mit vielen Arbeitern auseinander. Sie verstand sich auf den theoretischen Kampf und kannte seine Bedeutung. Mit dem PATCO- Streik 1981 begann eine Zeit bitterer Arbeitskämpfe. Sie richteten sich gegen Lohneinbußen und gegen die systematische Zerschlagung von Gewerkschaften. Jean beteiligte sich an allen diesen Kämpfen, obwohl die frühere Verletzung und eine starke Arthritis sie beeinträchtigten. Neben nationalen Streiks, wie bei PATCO oder Greyhound, kam es im Mittleren Westen zu lokalen und regionalen Streiks, wie 1986/87 zu dem langen Hormel-Streik in Austin im Bundesstaat Minnesota, ungefähr 40 Meilen von St.Paul-Minneapolis entfernt. Bill und Jean bemühten sich, den Arbeitern die harte Wahrheit zu vermitteln, daß nur ein politischer Kampf zum Sieg führen kann. Jean unternahm mehrere lange Reisen. Unter anderem fuhr sie 1987 nach Sioux Fall im Bundesstaat South Dakota anläßlich eines Streiks des Fleischabpackbetriebes John Morell und nach International Falls an der Grenze zwischen Minnesota und Kanada, als die Bauarbeiter dort 1989-91 einen bitteren Kampf gegen Streikbrecher führten. Viele Parteimitglieder erinnern sich, daß Jeans Auftreten auf Arbeiter stets eine besondere Wirkung ausübte. Wenn sie diese Frau trafen, die inzwischen auf die 70 zuging, zeigten sie sich zunächst entwaffnet und überrascht. Hatten sie ihr einige Minuten zugehört, waren sie von ihrem Engagement sehr beeindruckt. Manchmal hörten sie ihr mit großen Augen zu und konnten nicht ganz glauben, was sie da hörten. Auch wenn sie Jean nicht in allem zustimmen konnten, respektierten sie doch ihr Wissen, ihre Entschlußkraft und ihre Zuversicht. Für Jean war das alles ganz normal. Es war das, was sie immer tat: in der Arbeiterklasse für den Marxismus kämpfen. Die letzten Jahre in ihrem Leben waren durch Krankheit und große persönliche Verluste gekennzeichnet. Im September 1991 starb Bill, nachdem er sechs Monate lang gegen ein Krebsleiden angekämpft hatte. Nur zweieinhalb Jahre später, im April 1994, starb ihr Sohn Leo im Alter von 40 Jahren. Leo Brust war ein aufopferungsvolles Mitglied der Workers League und arbeitete in Michigan. Er starb an plötzlichem Herzstillstand. Auch Jean machte ihr Gesundheitszustand immer mehr zu schaffen. Jean hatte nie behauptet übermenschlich zu sein. Der Tod von Bill und Leo mußte sie mitnehmen, auch wenn sie sich von Trauer und Depression nie überwältigen ließ. Bis zuletzt war sie ein führendes Mitglied der revolutionären Partei und nahm sowohl an öffentlichen wie auch an internen Versammlungen teil, besprach sich mit Genossen und empfing oft Besucher. Jean wußte auch das Leben zu genießen. Als ein ihr nahestehender Genosse sie vor einigen Jahren besuchte, zeigte Jean ihm das Nordufer von Lake Superior, das sie sehr liebte. Außerdem besuchte sie mit ihm einen Jazzclub, ein Konzert und ein Baseballspiel. Sie liebte ihre Kinder. Steve ist ein bekannter Romanschriftsteller und Cynthia ist Logopädin, die sich insbesondere für behinderte Kinder einsetzt. Jean hatte auch viel Freude an ihren sechs Enkelkindern. Ihre Schwester und drei Brüder sowie eine große Anzahl von Nichten und Neffen haben sie überlebt. 60 Jahre lang war Jean Brust Trotzkistin. Sie konnte auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Zu ihren Lebzeiten hatten die Moskauer Prozesse stattgefunden, und über fünfzig Jahre später konnte sie den Zusammenbruch des Stalinismus miterleben. Sie hatte den Aufstieg des amerikanischen Gewerkschaftsdachverbands CIO miterlebt, und in den letzten Jahren war sie Zeugin des Bankrotts der Gewerkschaftsbewegung, die zur Stütze des kapitalistischen Systems geworden war. Trotz der Rückschläge, die die Arbeiterklasse aufgrund der falschen Politik der Gewerkschaftsbürokratien erlitt, und trotz der daraus resultierenden politischen Desorientierung ließ Jean den Mut nie sinken. Diese Entwicklung war für sie nur ein weiterer Beweis, daß es für eine revolutionäre Führung keinen Ersatz gibt. Sie verstand, daß die Arbeiter für den jahrzehntelangen Verrat des Stalinismus und der Sozialdemokratie einen bitteren Preis zu zahlen hatten, daß diese Kräfte die Prinzipien und Ideale des Sozialismus in den Schmutz gezogen und dem politischen und gesellschaftlichen Bewußtsein der Arbeiterklasse beträchtlichen Schaden zugefügt hatten. Aber sie wußte auch, daß diese Krise der Perspektiven, in der die Arbeiterklasse heute steckt, nur vorübergehend ist und daß der weltweite Verfall des Kapitalismus schon bald eine neue Periode revolutionärer Kämpfe einleiten wird. Sie bewahrte sich ein festes und leidenschaftliches Vertrauen darauf, daß die Jahrzehnte der Vorbereitung, zu denen sie einen bedeutenden Beitrag geleistet hatte, die entscheidende Wende herbeiführen werden. Die Zukunft wird das bestätigen. Jean Brusts Leben und Wirken sind von Dauer.
© gleichheit, Nr. 1/98, 20. Dezember 1997
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