Fünfzehn Jahre WSWS: 1998 - 2013

Erklärung von David North, Chefredakteur der Internationalen Redaktion

Am 14. Februar jährte sich zum fünfzehnten Mal der Tag, an dem die World Socialist Web Site zum ersten Mal erschien. Seit dem 14. Februar 1998 wurde die WSWS ohne Unterbrechung zunächst fünf Mal die Woche, seit Anfang April 1999 sechs Mal die Woche ins Netz gestellt. In den ersten Monaten ihres Erscheinens hatte sie einige hundert Leser. Fünfzehn Jahre später hat sich die WSWS zur weltweit meistgelesenen sozialistischen Internetplattform entwickelt.


Die World Socialist Web Site wird tagtäglich von 40.000 bis 50.000 Einzelpersonen angeklickt. An vielen Tagen ist die Leserschaft um einiges größer. Noch bedeutender als die Leserzahl ist das immense Ausmaß ihrer geographischen Verbreitung. Die WSWS wird in Dutzenden von Ländern auf allen Kontinenten angeklickt. Mit der Veröffentlichung von Artikeln in neunzehn Sprachen ist die WSWS eine wahrhaft internationale Publikation.

Die Veröffentlichung der World Socialist Web Site umspannt die letzten Jahre des zwanzigsten und die ersten beiden Jahrzehnte des einundzwanzigsten Jahrhunderts. 1998, im ersten Jahr ihres Erscheinens, wurden 1.540 Artikel auf der Web Site gepostet. 2012 erreichte die Zahl der Artikel 4.580. Das Online-Archiv der WSWS besteht jetzt aus etwa 45.000 Artikeln. Das ist eine beeindruckende Zahl. Wirklich außergewöhnlich aber ist das weite Feld der behandelten Themen.

Die vergangenen fünfzehn Jahre waren eine Periode anhaltender und ständig eskalierender politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen. Die entscheidenden politischen Ereignisse und die bedeutendsten sozio-ökonomischen Prozesse waren der 11. September 2001, der anschließende „Krieg gegen den Terror“ und das Wiedererwachen des Neokolonialismus, der Zerfall der bürgerlichen Demokratie in den Vereinigten Staaten und auf internationaler Ebene, die Zunahme geopolitischer Spannungen, die sich um den wachsenden Antagonismus zwischen den USA und China entwickelten, die Serie globaler Wirtschaftsschocks, die mit dem asiatischen Debakel von 1997 ihren Anfang nahm und im Wall-Street-Crash ein Jahrzehnt später ihren bisherigen Höhepunkt fand, die immer brutalere Sparpolitik, die die Kapitalistenklasse als Antwort auf den Zusammenbruch von 2008 durchsetzt, der Ausbruch der Revolution in Ägypten und die ersten Erscheinungsformen militanten Widerstands der Arbeiterklasse gegen die weltweite kapitalistische soziale Konterrevolution.

Alle diese Ereignisse und Prozesse sind von der World Socialist Web Site mit einer unvergleichlichen Kompetenz und Präzision aufgezeichnet und analysiert worden. Dabei wurde Tag für Tag versucht, die Ereignisse nicht nur festzuhalten und zu kommentieren, sondern unter Einsatz der einzigartigen Methode der marxistischen dialektischen und historisch-materialistischen Analyse die Wahrheit hinter den Geschehnissen aufzuspüren. Das heißt mit anderen Worten: Grundlage der Analyse war das Bewusstsein um die sich entfaltende Geschichte des Kapitalismus, um den Klassenkampf, den er erzeugt, und um die sozialistische Weltrevolution, zu der er unausweichlich führen muss.

Vom ersten Tag an war es das erklärte Ziel der WSWS, sozialistisches Klassenbewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse zu entwickeln. Das erforderte eine unermüdliche Konzentration auf die wichtigen tagespolitischen Ereignisse. Aber die Arbeit der Redaktion und der engagierten Autoren in aller Welt hat sich nicht allein auf die Behandlung und Analyse politischer Themen beschränkt. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat die WSWS sich auch umfangreich mit Fragen der Kunst und der Kultur beschäftigt. Untrennbar verbunden mit ihren Artikeln über Filme, Musik, Kunst und Literatur ist die Ausarbeitung einer kritischen revolutionären Haltung gegenüber allen Aspekten der zeitgenössischen kapitalistischen Gesellschaft. Die WSWS hat Entwicklungen in vielen Bereichen naturwissenschaftlicher Forschung sehr sorgfältig verfolgt und die Fortschritte auf diesen Gebieten gern genutzt, um das materialistische Verständnis von Natur und Gesellschaft voranzutreiben.

In den fünfzehn Jahren ihres Erscheinens ist die World Socialist Web Site die maßgebende Stimme des internationalen revolutionären Sozialismus gewesen. Sie war unverzichtbarer politischer und intellektueller Wegweiser für Arbeiter, Studenten und Jugendliche, die in einer Zeit großer Krisen und menschlichen Leidens versuchen, die Dinge zu verstehen und die in einer zerbrechenden und geradewegs in die Barbarei führenden kapitalistischen Welt nach einer wirklich progressiven – und daher revolutionären – Alternative suchen.

Worin liegt die große Stärke der World Socialist Web Site, die ihre tagtägliche Veröffentlichung über fünfzehn Jahre ermöglicht hat? Was hat die WSWS in die Lage versetzt, politische, ökonomische und soziale Analysen auf höchstem Niveau zu entwickeln, die, wie eine Prüfung des Archives zeigt, dem Test der Zeit standhalten?

Stärke und Lauterkeit der WSWS liegen zuerst und vor allem darin begründet, dass ihre Arbeit bewusst in den großen theoretischen und politischen Traditionen der revolutionären marxistischen Bewegung verankert ist. Die WSWS ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes, den das Internationale Komitee der Vierten Internationale geführt hat, um das Programm der sozialistischen Revolution zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Als es mit der Veröffentlichung der WSWS begann, waren die finanziellen Mittel des Internationalen Komitees in der Tat sehr gering. Aber was das politische und intellektuelle Kapital anging, so waren die Mittel konkurrenzlos und praktisch unbegrenzt. Bei seiner Analyse der Weltereignisse konnte die internationale Redaktion sich auf die immer noch tragenden wissenschaftlichen Grundlagen der marxistischen Analyse des Kapitalismus und das politische Denken der größten Strategen des zwanzigsten Jahrhunderts, Wladimir Lenin und Leo Trotzki, stützen.

Die World Socialist Web Site entstand nach der Auflösung der Sowjetunion, in einer Zeit ungehemmten bürgerlich-reaktionären Triumphgeheuls, in der der endgültige Untergang des Sozialismus und der unwiderrufliche historische Sieg des Kapitalismus verkündet wurden. Zahllose demoralisierte kleinbürgerliche Radikale akzeptierten diese falsche Geschichtstheorie. Aber das internationale Komitee, das sich auf das politische und theoretische Werk von Leo Trotzki stützt, hatte seit Jahrzehnten auf der reaktionären Rolle des Stalinismus beharrt und den Zerfall der Sowjetunion vorausgesehen. Es waren der Stalinismus und mit ihm alle Formen anti-marxistischen Nationalismus’, deren Bankrott zutage trat.

Die World Socialist Web Site ist polemisch und bezieht unzweideutig Stellung. Sie macht aus ihren revolutionären Zielen keinen Hehl. Sie will die verkommene kapitalistische Gesellschaft nicht reformieren, was ohnehin unmöglich ist. Die WSWS sagt die Wahrheit und ist aus diesem Grund revolutionär. Die WSWS ist direkt, kompromisslos und unerbittlich in ihrer intellektuellen und politischen Zurückweisung aller Formen des anti-Marxismus und des Anti-Sozialismus.

Als das Internationale Komitee in den 1990er Jahren seinen Plan für die Einrichtung der World Socialist Web Site ausarbeitete, stellte es drei Faktoren fest, die zugunsten eines neuen revolutionären Aufschwungs wirkten:

Erstens die ökonomischen und politischen Folgen der Globalisierung des Kapitalismus, die den entscheidenden Grundwiderspruch des zeitgenössischen Kapitalismus unvermeidlich verschärfen mussten – den Konflikt zwischen der internationalen Entwicklung und Integration der Produktivkräfte einerseits und dem veralteten ökonomischen Charakter des kapitalistischen Nationalstaates andererseits.

Zweitens stellte das IKVI das durch die globale Expansion des Kapitalismus erzeugte immense Anwachsen der internationalen Arbeiterklasse und das daraus resultierende revolutionäre Potential fest.

Dritter Faktor was das Aufkommen neuer Kommunikationstechnologien, insbesondere des Internets, die eine historisch nie dagewesene Vereinigung der internationalen Arbeiterklasse im Kampf gegen den Weltkapitalismus ermöglichen.

Der Erfolg der World Socialist Web Site bestätigt die Analyse, die seiner Einführung im Jahr 1998 zugrunde lag.

Für die vergangenen fünfzehn Jahre weist die WSWS eine konkurrenzlose politische Bilanz auf. Zur Feier dieses wichtigen Jahrestages geben wir unseren Lesern auf der Web Site die Gelegenheit, ihr gewaltiges Archiv zu durchforsten. Zunächst werden wir eine chronologische Abfolge der wichtigsten Artikel veröffentlichen. Wir empfehlen unseren Lesern dringend, die Antwort des WSWS auf die großen Ereignisse der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte zu studieren und anschließend selbst zu entscheiden, ob die Web Site diese Ereignisse korrekt analysiert hat und damit ihre politische Verantwortung gegenüber der Arbeiterklasse wahrgenommen hat.

Später werden wir noch weitere Artikel zu bestimmten Themen und Fragen ins Netz stellen, die in den vergangenen fünfzehn Jahren ausgiebig von der WSWS behandelt wurden.

Um unser Jubiläum zu feiern, laden wir alle Leser ein, uns zu schreiben, wie ihre Einstellung zur Gesellschaft, zu Politik und Kultur von der WSWS beeinflusst wurden. Während der vergangenen fünfzehn Jahre hat die World Socialist Web Site eine mächtige theoretische und politische Plattform geschaffen, auf der eine neue revolutionäre Arbeiterbewegung von nie dagewesener Stärke und nie gekanntem internationalem Ausmaß erwachsen wird.