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WSWS : German
Die Wiedereinführung des Kapitalismus in Rußland
Eine Bilanz
Von Juri G. Bobrow
9 June 1998
Der folgende Artikel wurde aus dem Russischen übersetzt.
Er erschien ursprünglich im November 1997 in der russischen
Zeitschrift gleichheit" , die von Anhängern des
Internationalen Komitees der Vierten Internationale herausgegeben
wird.
Die Parlamentsdebatten über Jelzins Gesundheitszustand
im Januar 1997 überschatteten den Rückblick auf die
Ergebnisse der von Jelzin und Gaidar vor fünf Jahren eingeleiteten
Reformen. Sie waren auf dem fünften Kongreß der Volksdeputierten
im Oktober 1991 proklamiert worden, und der erste Schritt in ihrer
Ausführung, die Liberalisierung von Preisen und Einkommen",
hatte am 2. Januar 1992 begonnen.
Folgende Beschlüsse waren gefaßt worden:
- Sofortige Deregulierung der Preise, um ein Gleichgewicht
auf dem Verbrauchermarkt zu erreichen.
- Privatisierung der Staatsunternehmen zur Förderung einer
gesunden Mischwirtschaft mit starkem Privatsektor".
- Abbau der Staatsausgaben (insbesondere Kündigung von
Hilfsgeldern und Krediten an andere Länder).
- Neuordnung des Steuersystems (die Steuern sollen nicht
erwürgen, sondern Hersteller zu Investitionen anregen").
- Drastische Begrenzung des Geldumlaufs.
- Aufhebung aller Beschränkungen des persönlichen
Einkommens und der Möglichkeiten zu dessen ehrlichem Erwerb".
Nach der Annahme des Reformprogramms sanktionierte der fünfte
Kongress das Ende sozialistischer Reformen und den Übergang
zum Aufbau des Kapitalismus". Die 70 Jahre des kommunistischen
Experiments" wurden tabuisiert. Die liberal-demokratische
Öffentlichkeit begrüßte die Rückkehr des
Landes auf den Weg der normalen Entwicklung".
Auf politischem Gebiet schlossen sich folgende radikale Reformen
im Sinne der bürgerlichen Demokratie an:
- Im August 1991 die Niederschlagung des Versuchs des konservativen
Teils der Bürokratie, den Status quo" wiederherzustellen,
was mit dem Kollaps der Partokratie" endete. [1]
- Im Dezember 1991 die Entlassung des von Gorbatschow geführten
liberalen Teils der Bürokratie (das Beloweschski-Abkommen)
und die anschließende Auflösung der Union.
- Die überwältigende Mehrheit der Arbeiter setzte
keinerlei Vertrauen mehr in die Fähigkeit der früheren
kommunistischen" Führungsriege die Krise zu überwinden.
- Eine breit angelegte antikommunistische Kampagne, um den
Sozialismus zu diskreditieren, indem man den Stalinismus als
wahres Wesen des Sozialismus darstellt.
Die Arbeiter verloren ihr Vertrauen in den Kommunismus und
setzten ihre Hoffnungen in die Zukunft des Kapitalismus, der den
Menschen Freiheit, Wohlstand und Glück" bringen
sollte. Mit folgenden Worten beurteilte der Chefreformer die Perspektiven
der Reformen:
Der sofortige Übergang zu Marktpreisen ist eine
harte, aber notwendige Maßnahme. Das Leben wird für
alle ungefähr ein halbes Jahr lang schwieriger und schlechter
werden. Aber dann werden die Preise fallen, die Konsumbedürfnisse
werden reichlich befriedigt werden. Im Herbst 1992 wird sich die
Wirtschaft stabilisieren und der Lebensstandard der Menschen wird
sich allmählich verbessern." (Boris Jelzins Rede auf
dem fünften Kongress der Volksdeputierten am 18. Oktober
1991).
Man kann nicht behaupten, daß offensichtliche Probleme
zu dieser Zeit ignoriert wurden:
Ein hoher Grad an Monopolität ist charakteristisch
für die russische Wirtschaft. Ein beträchtlicher Teil
der Produkte wird in gigantischen, konkurrenzlosen Unternehmen
hergestellt." Diesem Problem begegnete man mit einem Paket
an Maßnahmen, welche auf eine Reduzierung der Monopole und
eine Erhöhung der Konkurrenz abzielen".
Als Hauptquelle für einen wirtschaftlichen Aufschwung
sah man die Umwandlung der Rüstungsindustrie an, welche die
Reduzierung der Streitkräfte bei einer sozialen Absicherung
für Dienstleistende und Pensionäre" beinhaltete.
Soweit die Vorsätze der Reformer". Anläßlich
des fünften Jahrestages seit dem Beginn der Reformen ist
es angezeigt, die Ergebnisse mit den erklärten Absichten
zu vergleichen.
Finanzielle Stabilisierung
Entgegen den Vorhersagen, die ein Sinken der Preise in annähernd
einem halben Jahr ankündigten, stiegen die Preise nach amtlichen
Statistiken bis April 1992 um 740 Prozent. Bis 1995 waren die
Preise um das zehntausendfache gestiegen.
Die neuen Monopolisten, die keinerlei Kontrolle unterlagen,
steigerten ihre Profite nicht durch eine vermehrte Produktion,
sondern durch die Erhöhung der Preise. Dieser Prozeß
dauerte auch nach 1995 an, als Tschernomyrdins Regierung einen
simplen und originellen Weg zur Bekämpfung der Inflation
erfand: Die Regierung stellte die Auszahlung der Löhne, die
ohnehin nur um das 1500fache gestiegen waren, auf unbestimmte
Zeit zurück.
Die von der Regierung beschlossene Nichtauszahlung der Löhne
war Anlaß für eine epidemische Lohneinbehaltung auf
Seiten der Unternehmer. In der Zeit von 1995-1996 stieg der Gesamtbetrag
an nicht ausgezahlten Löhnen und Gehältern von 30 auf
40 Billionen Rubel und erreichte Anfang 1997 mit 50 Billionen
Rubel seinen vorläufigen Höchststand. Natürlich
führte diese künstliche Einschränkung der Kaufkraft
zu einer Verringerung der Preise. Doch ist diese Situation sehr
weit von einer finanziell stabilen Lage entfernt. Der Internationale
Währungsfond weiß das und hält deshalb periodisch
seine Dollarzuwendungen zurück.
Ausstände, Hungerstreiks und Massenproteste gegen die
Nichtauszahlung der Löhne wurden 1997 zum alltäglichen
Bestandteil des politischen Lebens. Tschernomyrdins Finanzpolitik
führte zur Verarmung der Bevölkerung.
Privatisierungen
Die Privatisierung von Staatsbetrieben war ohne zahlungskräftige
Käufer unmöglich. Als die Reformen eingeführt wurden,
existierten diese Käufer allerdings nicht. Sie entstanden
erst infolge der Liberalisierung der Methoden zur Einkommensbeziehung".
Diese Methoden waren in der Tat vielfältig. In einem Interview
des Playboy-Magazins (russische Ausgabe) sagte einer der Hauptprofiteure
des russischen Kapitalismus, B. Beresowski, daß er erst
ab dem Zeitpunkt zum Geschäftsmann wurde, als das,
was früher Spekulation hieß, in Geschäftssinn
umbenannt wurde." Es war eben die Spekulation (in Waren und
Währungen), aus der die post-sowjetische Bourgeoisie hervorging.
Eine enorm wichtige Rolle spielten dabei die (von Tschubais erfundenen)
Anteilscheine, die jedem russischem Bürger zum Kauf angeboten
wurden. Der Erwerb solcher Scheine in großem Umfang ermöglichte
dem Käufer, zum Teilhaber eines Unternehmens, d.h. zum Eigentümer
zu werden. Auch das durch allerlei Schwindel und Betrügereien
- Drogenhandel und Prostitution - gescheffelte schmutzige Geld
trug maßgeblich zur Herausbildung der post-sowjetischen
Eigentümer bei.
Doch die besten Chancen zum Eigentumserwerb besaß die
Nomenklatura" (die ehemalige sowjetische Führungsriege).
Von früheren Ministern geleitete Finanzkonzerne wurden zu
autorisierten" Kommerzbanken. Frühere sowjetische
Verwaltungsbeamte erwarben die nötigen Lizenzen zum Export
von strategisch wichtigen Rohmaterialien. Das sind nur zwei der
verschiedenartigen Formen, die der Privatisierungsprozeß
bei der Nomenklatura annahm.
Dieser Prozeß fand nicht offen statt, aber er spiegelte
die Perspektiven der Reformen in vollendeter Form wider: mit allen
Mitteln ineffiziente" Staatsbetriebe zu ruinieren.
Unter dem Vorsitz von Tschubais verkaufte das Komitee für
Staatseigentum den Staatsbesitz zu Schleuderpreisen an die Nomenklatura
und an aufsteigende Kriminelle. Schließlich führte
dieser Prozeß zur Entstehung von sieben bis mächtigen
Finanz- und Industriegruppen, welche die Schlüsselsektoren
in der russischen Wirtschaft kontrollieren. Die Staatsmonopole
wurden von den Privatmonopolen abgelöst, es bestand aber
weder ein freier Markt" noch Wettbewerb"
[2].
Anfang Herbst 1995 wurden Anteile privatisierter Unternehmen
versteigert. Damit beabsichtigte man eine beschleunigte und stärkere
Konzentration von früherem Gesellschaftseigentum in den Händen
der größten Finanz- und Industriegruppen. Bei den Versteigerungen
gab es praktisch keine Konkurrenz. Das Eigentum wurde den Banken
übertragen, die 1996 Jelzins Wahlkampf unterstützt hatten.
Der Vorsitzende der Oneximbank, Potanin, bekam sowohl einen Ministerposten
als auch die Nickelfabrik in Seweronickel geschenkt. Die Most-Gruppe
erhielt einen Fernsehsender. Herr Beresowski wurde Vize-Vorsitzender
des Sicherheitsrates, ohne dabei seine kommerziellen Aktivitäten
zu unterbrechen. Somit wurde aus der Privatisierung von
Eigentum" die Privatisierung von Macht".
Der Niedergang der Wirtschaft
Eine Frage stellt sich selbstverständlich:
Was war der wirtschaftliche Effekt der finanziellen Stabilisierung"
und Privatisierung" ? Führte die Regierungspolitik
zu einem Wirtschaftswachstum, wie in Aussicht gestellt ?
Die Antwort lautet: Genau das Gegenteil ist eingetreten. Die
Regierungspolitik führte zu einem wirtschaftlichen Kollaps
und zur Zerstörung der entwickelten Industrie.
Die Gesamtproduktion fiel auf 40-50% des sowjetischen Levels
(20-30% im Fall der Elektrizitäts- und Nahrungsmittelindustrie
). Die Industrieausrüstung wurde nicht ersetzt. Die Ausgaben
für den Bereich der Wissenschaft sind auf armselige 0,37%
des staatlichen Gesamtbudgets reduziert worden (weniger als in
Finnland).
Der Handel mit Naturressourcen macht 70% der Staatseinnahmen
aus. Aber es lohnt sich nicht, die Produktion zu steigern, wenn
die Monopolisten die Preise für Rohmaterial, Energie und
Halbfertigwaren überteuern und die Nachfrage aufgrund der
Massenarmut gering ist. Der Agrarsektor war stärker als alle
anderen Sektoren betroffen (in der Region Leningrad fiel der Schweine-
und Rinderertrag um das 7- bzw. 5fache).
Einheimische Produkte wurden durch Importe ersetzt. Ausländische
Firmen dominieren nicht nur die Computer- und Elektroindustrie,
sondern auch den Nahrungsmittelmarkt. Das ist typisch für
eine Kolonialwirtschaft.
Der Export von Metallen, Gas und Öl bringt extrem hohe
Gewinne, doch selbst diesen Industriezweigen fehlt das Geld für
Modernisierungsmaßnahmen. Die neuen Eigner der Produktionsmittel
bevorzugen, den Profit so schnell wie möglich zu exportieren,
anstatt ihn in die Modernisierung der einheimischen Industrien
zu investieren (1996 wurden, nach einer Einschätzung von
Jawlinski, 22 Milliarden Dollar ins Ausland gebracht).
Wie ihre Vorfahren am Anfang des Jahrhunderts weicht die post-sowjetische
Bourgeoisie der Modernisierung des Landes aus. Zu jener Zeit hatten
die Bolschewiki diese historische Aufgabe übernommen.
Der Staatsbankrott
Die Regierung hatte erwartet, daß die Privatisierung
des Staatseigentums dem Staat hohe Einnahmen bescheren werde:
erstens aus dem Verkaufserlös und zweitens aus der Gewinnbesteuerung
der neuen Eigner.
Doch die halb-kriminellen Eigentümer setzten alle Hebel
in Bewegung, um ihre steuerpflichtigen Einkünfte zu minimieren".
So wurden Beamte bestochen, damit sie den Wert des zum Verkauf
stehenden Eigentums zu gering ansetzten. Unter den neuen Geschäftsleuten
gehörte Steuerhinterziehung zum guten Ton" (In
den ersten Monaten des Jahres 1997 wurden lediglich 53% der Steuern
eingetrieben).
Diese Entwicklung führte de facto zum Staatsbankrott.
Der Staat war nicht mehr in der Lage, seinen Verpflichtungen gegenüber
den Angestellten im öffentlichen Dienst nachzukommen. Als
alleiniger Eigentümer hatte der frühere Staat den Wissenschafts-,
Bildungs-, und Verteidigungssektor unterhalten. Er hatte eine
Armee aufrechterhalten, die so mächtig wie die US-Armee war,
seinen Bürgern eine nahezu kostenlose medizinische Versorgung
gewährleistet und darüber hinaus noch viele andere Staaten
unterstützt.
Nach dem Verkauf des ineffizienten" Staatseigentums
versagten die Reformer" bei dem Versuch, irgend etwas
besser zu gestalten. Die Dollareinkünfte in Millionenhöhe
umgingen die Wissenschaft, Bildung, Industrie und Kultur. In den
Jahren der Reform" verteilte sich das Gesamtvermögen
des Staates extrem ungleich unter den verschiedenen Gesellschaftsklassen.
Nach der Aushändigung des Nationalvermögens an ausgemachte
Gauner verlor der Staat jegliche Mittel, um die Industrie, die
Armee oder soziale Leistungen zu finanzieren. Die große
Hoffnung auf ausländische Investitionen hat sich nicht erfüllt.
Zur Zusammenfassung:
- Anstatt Millionen von Eigentümern Massenarmut und die
Enteignung der Ersparnisse von Millionen Bürgern;
- Anstatt eines fairen Wettbewerbs freier Unternehmer"
eine von Monopolen dominierte, korrupte Wirtschaft;
- Anstatt einer Herrschaft des Gesetzes" eine unkontrollierbare
Bürokratie und eine wuchernde Kriminalität;
- An die Stelle der Privilegien für Parteibosse trat der
Besitz von Privatvillen für Regierungsbeamte in der Schweiz
oder auf den Kanaren;
- Anstatt eines Produktionsanstiegs ein Steuersystem, das den
illegalen Ausfluß von Kapital fördert;
- Anstatt einer finanziellen Stabilisierung eine Wiederkehr
des Tauschhandels, umfangreicher Umlauf von Devisen und Ersatzgeld
und der Mangel an Billionen Rubel;
- Anstatt einer Militärreform eine moralische und materielle
Degradierung der Armee, wie beim Tschetschenienkrieg offenbart.
Die Diagnose ist klar: das totale Scheitern der liberalen
Reformen". Unter den Bedingungen einer monopolistischen Wirtschaft
können auch die freien Preise den Neuaufbau der Industrie
nicht bewerkstelligen; die künstliche Reduzierung der Inflation
führte nicht zu einem Investitionsboom. Die neuen Besitzer
des früheren Staatseigentums erwiesen sich als unfähig,
eine vernünftige und intelligente Wirtschaftspolitik zu betreiben.
Die Aussichten: Seit Anfang 1997 liegen die katastrophalen
Ergebnisse der Wirtschaftsreformen offen zutage. In seiner Ansprache
an den Föderationsrat vom 17. April 1997 bestätigte
Tschubais die monströse Haushaltskrise".
Unter Bewahrung der alten totalitären Tradition, welche
er sich in seiner 30jährigen Zugehörigkeit zur Kommunistischen
Partei zu eigen gemacht hatte, bildete Jelzin sein Kabinett (zum
sechsten Mal seit 1992) um, ohne seine Reformpolitik"
zu ändern. Er formte ein neues Mischkabinett"
welches aus hohen Repräsentanten der alten Parteifunktionäre
(unter der Leitung von Tschernomyrdin) und Vertretern des ultraliberalen
Gaidar-Stils (Tschubais, Nemzow, Koch) bestand. Jelzins Intention
war die Budgetsanierung ohne Beschneidung der Monopolprofite.
Dies hieß, daß die Armen zahlen mußten. Wohnungsreform:
die Armen wurden obdachlos. Rentenreform: die Regierung entledigte
sich jeder Verantwortung zur Auszahlung der Renten. Steuerreform:
ein Ansteigen der Steuerlast für einfache Leute.
Unprofitable" Unternehmen wurden geschlossen, die
Gelder für Wissenschaft, Bildung und Gesundheit wurden weiter
gekürzt. Das gleiche Reformpaket mußte auch zum gleichen
Ergebnis führen: zur weiteren Ausbreitung von Armut, Unwissenheit
und Kriminalität.
Mittlerweile entwickelt sich die Lage gemäß dem
Szenario von 1917. Wie damals kam die heutige Regierung unter
den Parolen Demokratie", Frieden" und Menschenrechte"
an die Macht. Nach fünf Jahren wird klar, daß diese
Slogans bloße Worthülsen waren, hinter denen sich allerdings
die Ambitionen derjenigen verbargen, die ihren Landsleuten das
Eigentum stehlen und dies dann Privatisierung" nennen.
Die Politik der heutigen Reformer ist noch antisozialer als die
Politik der russischen Liberalen im frühen zwanzigsten Jahrhundert.
Aus folgenden Ursachen hofft das heutige Regime eine Stabilität
zustande bringen zu können: die obere Schicht der Gesellschaft
hat einen hohen Lebensstandard aufgrund des Exports von Rohmaterialien
und externer Darlehen; als Folge der jahrzehntelangen totalitären
Herrschaft verfügen die Arbeiter über wenig Erfahrung
mit einer eigenen Interessensvertretung; die freien"
Massenmedien versuchen ununterbrochen der Bevölkerung eine
Gehirnwäsche zu verpassen; im Gegensatz zur regulären
Armee besitzt die sogenannte Spezialpolizei eine moderne Ausstattung
und Geld.
Doch solche Faktoren können nicht lange ausreichen. Der
Staat, der es den neuen Kapitalisten erlaubte, die Bevölkerung
auszurauben, und der jetzt deren Besitz verteidigt, kann das Vertrauen
der Menschen nicht halten. Es wäre naiv zu glauben, die neuen
Russen" würden jemals humanere Bedingungen für
ihre Wirtschaftssklaven schaffen. Das Eigentum muß dem Volk
zurückgegeben werden. Das Kapital, das aus jahrelanger Arbeit
der Menschen geschaffen wurde, muß für die Menschen
arbeiten, und nicht für den Klüngel der ex-sowjetischen
Bosse.
Es ist eine neue politische Kraft notwendig, um einen Wechsel
in der Politik zu erreichen - eine Kraft, die den Geldhahn zudreht,
solange korrupte Beamte, Diebe und Gauner im Luxus leben, während
alte Leute monatelang auf ihre kümmerlichen Pensionen warten
müssen - die Kraft des Volkes.
Regierung und Kontrolle nicht seitens der Kapitalistenklasse
über die Arbeiter, sondern umgekehrt, das ist des
Pudels Kern. Nicht Vertrauen zum 'Staat', das eines Louis Blanc
würdig ist, sondern Forderung nach einem von den Proletariern
und Halbproletariern geleiteten Staat, so muß der Kampf
gegen die Zerrüttung geführt werden. Jede andere
Lösung ist nur Phrase und Betrug." (Prawda"
vom 17. Juni 1997, Werke Bd. 25, S. 33)
Nichts beschreibt die gegenwärtige Lage in Rußland
besser als dieses Zitat von Lenin.
Also in English
Anmerkungen:
1. Der Autor schätzt die Ereignisse vom
August 1991 nicht ganz richtig ein. Das Notstandskomitee trachtete
nicht nach einer Restaurierung des Status quo". In
den Erklärungen der Putschisten finden sich keine Forderungen
nach der Wiederherstellung der sowjetischen Gesellschaft oder
deren sozialer Grundlagen. Das Notstandskomitee wollte lediglich
den Prozeß der kapitalistischen Restauration in den Händen
der konservativeren Schicht der sowjetischen Bürokratie halten.
2. Man muß dabei im Gedächtnis behalten,
daß der Monopolismus den Wettbewerb nicht ausschließt.
Es ist gerade umgekehrt, er intensiviert den Wettbewerb. Die Argumente
nach einer anderen, abstrakten Norm des Wettbewerbs gehören
eindeutig zur Denkweise der liberalen Philister. In allen Perioden
seiner Entwicklung war der Kapitalismus mit dem erbittertsten
Wettbewerb verbunden. Die neuen russischen Geschäftsleute
wissen das sehr gut aus ihrer eigenen Erfahrung.
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