ON THE
WSWS
Donate
to
the WSWS!
News Feed
Contact
the
WSWS
Editorial
Board
New
Today
News
& Analysis
Workers
Struggles
Arts
Review
History
Science
Polemics
Philosophy
Correspondence
Archive
About
WSWS
About
the ICFI
Help
Books
Online
OTHER
LANGUAGES
German
French
Italian
Russian
Polish
Czech
Serbo-Croatian
Spanish
Portuguese
Turkish
Sinhala-
Tamil
Indonesian
LEAFLETS
Download
in
PDF format
|
|
WSWS : German
Der Stalinismus und der Aufstieg der chauvinistischen Hindu-Partei
BJP
Von Keith Jones
28 May 1998
Die politische Ausstrahlung der fünf atomaren Sprengsätze,
die von der indischen Regierung gezündet worden sind, unterstreicht
die Notwendigkeit, daß sich die indischen Arbeiter eine
neue Perspektive aneignen, um der chauvinistischen Hindu-Partei
BJP und der neuen Wirtschaftspolitik" der indischen
Bourgeoisie entgegenzutreten. Beide zielen darauf ab, die Menschen
und Ressourcen in Indien immer direkter der imperialistischen
Ausbeutung zur Verfügung zu stellen.
Die regierende BJP hat die Atomtests und die folgenden Auseinandersetzungen
mit den USA mit einigem Erfolg benutzt, um Nationalchauvinismus
zu schüren, sich mit anti-imperialistischen" Federn
zu schmücken und ihre prekäre Machtstellung zu festigen.
Die Zeitschrift Frontline", die der BJP-Regierung kritisch
gegenübersteht, schrieb dazu: Zu sagen, daß die
Tests Euphorie auslösten, wäre noch stark untertrieben."
Unter anderem verfolgt die BJP das Ziel, Unterstützung
für das Militär zu mobilisieren, so daß sie der
von Pakistan unterstützten Bewegung für die Lostrennung
Kaschmirs und verschiedenen separatistischen Bewegungen im Nordosten
Indiens mit größerer Härte entgegentreten kann.
Doch in erster Linie richten sich der Militarismus und die
Hetztiraden der BJP auf Pakistan gegen die eigene Arbeiterklasse
und andere Gegner ihrer rechten Politik. Die Konfrontation mit
Pakistan ist ein abgekartetes Spiel, um die gesellschaftlichen
Spannungen zu kanalisieren, gegen einen äußeren Feind"
zu richten und von der unpopulären Wirtschaftspolitik im
Lande abzulenken. Dennoch kann es blutiger Ernst werden. Darüber
hinaus hofft die BJP, in der Pose des Verteidigers der Nation"
jede Opposition gegen ihre Herrschaft als Landesverrat"
zu brandmarken. Schon jetzt beschuldigen Sprecher der BJP die
stalinistischen Parteien, nämlich die Kommunistische Partei
Indiens (Marxisten) und die Kommunistische Partei Indiens, der
Illoyalität, weil sie nicht wie das gesamte übrige politische
Establishment Indiens die Nukleartests gefeiert haben.
Der Konflikt mit der Clinton-Regierung versetzte die BJP in
die Lage, die anti-imperialistischen Gefühle in der Bevölkerung
auf ihre Mühlen zu leiten, um die wahre Geschichte der Hindu-Chauvinisten
um so besser zu vertuschen. Unter britischer Kolonialherrschaft
hatten sich die wichtigsten Hindu-Organisationen, die Gesamtindische
Hindu Mahasabha und die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), gegen
die Massenmobilisierung der Kongreßpartei gewandt, weil
sie fürchteten, daß die Briten im Gegenzug der muslimischen
politischen Elite Vorrechte einräumen würden. In den
Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit hatten die RSS und die
Vorläuferorganisation der BJP, Jana Sangh, vor allem bessere
Beziehungen zu Washington und zur Wall Street gefordert.
Während sie in den letzten zwei Wochen ihre neue, gegen
die USA gerichtete Pose zur Schau stellte, traf die BJP-Regierung
in Wirklichkeit eine ganze Reihe von Entscheidungen, die ausländische
Investoren beruhigen sollten. Sie erteilte neue Bohrrechte für
Öl- und Mineralgesellschaften und gab Energiekonzernen zusätzliche
Garantien. Presseberichten zufolge sieht der neue, in zwei Wochen
zu veröffentlichende Haushaltsentwurf der BJP-Regierung vor,
daß die Subventionen für Treibstoff und Dünger
zusammengestrichen werden und die Privatisierung öffentlicher
Unternehmen vorangetrieben wird.
Die indische herrschende Klasse drängt die Regierung unter
Vajpayee, ihre neue Popularität für härtere Schläge
gegen die Arbeiterklasse und unterdrückten Massen zu nutzen.
Eine Atomwaffe stand schon lange auf dem Programm der BJP",
schrieb der Leitartikler der India Today" am 25. Mai,
aber auch eine Wirtschaft, die dem Geist des freien Unternehmertums
verpflichtet ist. Jetzt ist es an der Zeit, auch das zweite Versprechen
einzulösen. Dies erfordert zwar einige harte Entscheidungen
- aber eine bessere Stütze dafür, als die gegenwärtige
Stimmung, kann sich die Regierung nicht wünschen...
Indiens Schwachstellen sind allgemein bekannt: übermäßige
bürokratische Kontrolle, eine irrationale Struktur zur Gewinnrückführung,
zu wenige Leute zahlen zu viele Steuern, verschwenderische Subventionen,
ein kostspieliger öffentlicher Sektor, und so weiter. Wer
diese Zustände angeht, weckt den Widerstand eingefleischter
Lobbyisten und den Volkszorn. Deswegen haben die bisherigen Regierungen
nur mit dem Problem gespielt. Angesichts des guten Willens, der
ihm nach dem Nukleartest entgegenschlägt, hat Vajpayee jetzt
die Chance, es besser zu machen. Eine weitere Gelegenheit wird
er vielleicht nicht bekommen. Und Indien leider vielleicht auch
nicht."
Die indische Bourgeoisie ist sich durchaus der Gefahr bewußt,
daß der Militarismus der BJP ihr Land in Abenteuer stürzen
könnte, und daß ihr Hindu-Chauvinismus - ein
Volk, eine Kultur, eine Nation!" - soziale Unruhen auslösen
könnte, die den indischen Staat noch weiter untergraben würden.
Aber da ihr traditionelles politisches Werkzeug, die Kongreßpartei,
ihre Massenbasis verloren hat und die indische Politik in eine
Unzahl regionalistischer und kastenbezogener Parteien zersplittert
ist, rechnen sich einflußreiche Schichten des indischen
Kapitals aus, daß die BJP momentan am besten in der Lage
ist, mit einer starken Regierung Privatisierungen, Deregulierung,
Sozialkürzungen, die Aufhebung von Preiskontrollen und Subventionen
sowie der Beschränkungen von Landbesitz durchzusetzen. Zum
einen verfügt die BJP mit ihrer hindu-chauvinistischen Ideologie
über ein Mittel zur Einigung und Disziplinierung, das den
meisten anderen bürgerlichen Organisationen fehlt. Zum anderen
verfügt sie mittels ihrer engen Verbindungen zur RSS - einer
zentralisierten, aus Freiwilligen" bestehenden Massenorganisation,
die ihre Mitglieder militärisch ausbildet und seit langem
mit ethnisch oder rassistisch motivierten Überfällen
in Verbindung gebracht wird - über eine Bürgerkriegstruppe,
die gegen eine Bewegung der Arbeiterklasse eingesetzt werden kann.
Die Aufhebung aller Beschränkungen für die Ausbeutung
Indiens durch transnationale Konzerne wird Dutzende Millionen
Arbeiter, Bauern, Landarbeiter, Handwerker und Kleinhändler
ins Elend stürzen. Alles hängt davon ab, welche Perspektive
die unvermeidliche Bewegung gegen diese Zustände anleiten
wird.
Die Rolle der stalinistischen Parteien
Weshalb war die hindu-chauvinistische BJP in der Lage, wenn
auch vorübergehend, die anti-imperialistischen Gefühle
der Massen auf ihre Mühlen zu lenken? Um das zu verstehen,
müssen die indischen Arbeiter sich kritisch mit der Rolle
des Stalinismus auseinandersetzen.
Die KPI und die KPI (M) haben Jahrzehnte lang die Theorie verbreitet,
daß die imperialistische Unterdrückung die gegensätzlichen
Gesellschaftsklassen in Indien zu einem einheitlichen Ganzen verbinde,
und daß die Arbeiterklasse die progressiven"
bzw. anti-imperialistischen" Teile der nationalen Bourgeoisie
unterstützen müsse.
Die jüngste Ausgeburt dieser Perspektive war eine Erklärung
des Politbüros der KPI (M), in der alle Teile der Bevölkerung"
aufgerufen wurden, jede Einschüchterungstaktik gegen
Indien einmütig zurückzuweisen" - es war im Grunde
ein Aufruf zur Einheit mit der BJP-Regierung. Zuvor hatten die
KPs das nationale Projekt" der Kongreßpartei
unterstützt, mit dem die Stellung der nationalen Bourgeoisie
durch hohe Zollmauern und möglichst große Autarkie
geschützt werden sollte. Die KPI ging dabei so weit, die
Verhängung des Kriegsrechts zu unterstützen, die Indira
Gandhi während des Notstands" von 1975-77 anordnete.
Die imperialistische Unterdrückung schmiedet die Klassen
in Indien nicht zusammen, sondern verschärft den Gegensatz
zwischen ihnen. Nach einem halben Jahrhundert der Unabhängigkeit
unter bürgerlicher Herrschaft ist die Ungleichheit in Indien
größer denn je zuvor, die kapitalistische Ausbeutung
hat sich mit dem unterdrückerischen Kastensystem verwoben,
mit faktischer Leibeigenschaft und anderen Überresten des
Feudalismus. Der indische Nationalismus bringt nicht eine gemeinsame
Opposition gegen den Imperialismus zum Ausdruck, der über
die Klassengrenzen hinwegginge. Er ist die Ideologie der nationalen
Bourgeoisie.
Millionen indische Arbeiter und Bauern kämpften einst
gegen die britische Kolonialherrschaft, weil sie erkannten, daß
sie ein Ausbeutungssystem darstellte. Die Unabhängigkeit
war in ihren Augen der Weg zur Erfüllung ihrer demokratischen
und sozialen Forderungen. Selbst heute schlagen sich die anti-imperialistischen
Gefühle der Massen bisweilen noch in verzerrter Form im Nationalismus
nieder. Historisch gesehen jedoch dient der indische Nationalismus
dazu, die Arbeiterklasse und die unterdrückten Massen der
Bourgeoisie unterzuordnen. Er verschleiert den wahren Charakter
des historischen Gegensatzes zwischen der indischen Bourgeoisie
und dem Imperialismus, der einfach darin besteht, daß die
nationale Bourgeoisie freie Hand zur Ausbeutung der indischen
Massen verlangt.
Wenn die BJP in der Lage war, den indischen Nationalismus auszunutzen,
so vor allem deshalb, weil die KPs, geprägt von der stalinistisch-nationalistischen
Schule, seit langem die Vorstellung verbreiten, der indische Nationalismus
sei eine klassenneutrale Ideologie. Da die Aufgaben der demokratischen
Revolution noch ungelöst seien, so besagt diese Theorie,
sei die Zeit für den Sozialismus und für den unabhängigen
politischen Kampf der Arbeiterklasse noch nicht reif.
Die bittere Geschichte Indiens im zwanzigsten Jahrhundert beweist
das genaue Gegenteil. Während die Stalinisten die indische
Republik als Bollwerk gegen den Imperialismus feiern, bedeutete
ihre Gründung nicht die Verwirklichung, sondern den Verrat
an der anti-imperialistischen Bewegung, die Indien in der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts erschüttert hatte. In ihrem
Bestreben, die Zügel der Macht in ihre eigenen Hände
zu bekommen, und zutiefst erschrocken über die Aufstandsbewegungen
der Arbeiterklasse unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, schloß
die indische Bourgeoisie 1947 ein Abkommen mit dem britischen
Imperialismus, nach dem der indische Subkontinent nach Religionen
geteilt wurde und die dringenden Aufgaben der demokratischen Revolution
- die nationale Einigung und die Abschaffung des Großgrundbesitzes
und der Kastenunterdrückung - ungelöst blieben.
Hervorgegangen aus diesem Verrat an den demokratischen Bestrebungen
der Massen, diente der indische kapitalistische Staat, nicht weniger
als die übrigen 1947-48 in Südasien gegründeten
Staaten, als Brutstätte für jede Art von Chauvinismus.
Dennoch behaupten die stalinistischen Parteien, man könne
den religiös oder ethnisch motivierten Chauvinismus mittels
des säkularen" indischen Staates bekämpfen,
durch Bündnisse mit allen möglichen auf Regionen, Kasten
oder einfach Gangsterbanden gestützten Politikern, oder durch
eigentlich undemokratische Maßnahmen der Verfassung, wie
die Präsidialherrschaft. Ihre Opposition gegen die Versuche
der BJP, alle Positionen im Staate mit RSS-Mitgliedern zu besetzen
und demokratische Rechte zu beschneiden, ist vor diesem Hintergrund
völlig ohnmächtig.
Während der letzten zehn Jahre sind die stalinistischen
Parteien noch weiter nach rechts gerückt. Sie haben sich
für die neue Wirtschaftspolitik" der Bourgeoisie
ausgesprochen und gemeinsam mit deren Vertretern die Regierungspolitik
so umgearbeitet, daß das ausländische Kapital möglichst
zufriedengestellt wird - sowohl in der Hauptstadt, wo sie als
wichtigste Ideologen und Strategen der Regierung dienten, als
auch in den Bundesstaaten, wo sie selbst die Regierung stellten
- in West-Bengalen, Kerala und Tripura.
Die BJP bildet eine ernste Gefahr für die Arbeiterklasse
und die unterdrückten Massen. Wenn die Bourgeoisie sie jetzt
direkt zur Einschüchterung der Arbeiterklasse einsetzt, so
tun die stalinistischen Gewerkschafts-, Partei- und Staatsfunktionäre
dasselbe auf indirekte Weise - sie erzählen den Arbeitern,
daß sie, um die extreme Rechte zu bekämpfen, zunächst
alle möglichen bürgerlichen Parteien unterstützen
müßten und sich nicht gegen die Reorganisierung der
indischen Wirtschaft unter den Fittichen des indischen und internationalen
Kapitals auflehnen dürften.
Die Auszählung der Stimmen bei den Wahlen für das
12. Nationalparlament im vergangenen März hatte kaum begonnen,
da kündigte der Generalsekretär der KPI (M) Harkishen
Surjeet auch schon an, daß seine Partei bereit sei, eine
Regierung der Kongreßpartei unter Sonja Gandhi zu unterstützen.
Zum Verdruß der Stalinisten wollte die Kongreßpartei
die Regierungsverantwortung aber gar nicht übernehmen. Entsprechend
dem gegenwärtigen Kalkül der Bourgeoisie bot sie statt
dessen einer Koalition unter Führung der BJP ihre konstruktive
Unterstützung" an. Direkt beteiligen wollte sie sich
nicht, um sich als Ersatzregierung bereitzuhalten, falls die BJP
scheitern sollte.
Und was die früheren Verbündeten der Stalinisten
in der Vereinigten Front" angeht, so haben sie die
Atompolitik der BJP noch begeisterter gepriesen, als die Kongreßpartei.
In einem Presseartikel hieß es: Die nicht-linken Parteien
der Vereinigten Front haben die atomare Aufrüstungspolitik
noch stärker unterstützt, als die Kongreßpartei.
Der frühere Premierminister Gujral beansprucht für sich
und seine Regierung einen bedeutenden Anteil des Ruhmes für
die Explosionen..."
Die Stalinisten behaupten, man müsse erst den ethnisch
oder religiös motivierten Chauvinismus zurückschlagen,
bevor die neue Wirtschaftspolitik" der Bourgeoisie
wirklich greifen könne. In Wirklichkeit ergibt sich der Chauvinismus
jedoch unmittelbar aus dieser Politik. Je mehr die nationale Bourgeoisie
als direkter Partner des Imperialismus agiert, desto stärker
muß sie versuchen, alle möglichen Spaltungen in die
Massen hineinzutragen, um ihre Opposition zu zersplittern und
zu kanalisieren.
Der Kampf gegen Chauvinismus und Militarismus kann nur auf
der Grundlage eines Programms geführt werden, das die Arbeiter
und Unterdrückten sämtlicher Religionen und nationaler
Gruppen vereint - des anti-kapitalistischen Programms, das soziale
Gleichheit zu seinem Grundsatz erhebt. Die indische Socialist
Labour League, die in politischer Solidarität mit dem Internationalen
Komitee der Vierten Internationale zusammenarbeitet, kämpft
für den Bruch der Arbeiterklasse von den Parteien der Bourgeoisie.
Sie vertritt den Standpunkt, daß sich die Arbeiterklasse
an die Spitze der wachsenden Opposition gegen die Unterordnung
Indiens unter die Diktate des internationalen Kapitals stellen
muß.
Wirkliche Befreiung vom Imperialismus und wahre Demokratie
- die Abschaffung des Kastensystems und der Großgrundbesitzer,
die demokratische Vereinigung aller Völker Südasiens
- kann nur im Kampf gegen die nationale Bourgeoisie erreicht werden.
Das bedeutet die Schaffung einer Arbeiterregierung, die sich mit
dem sozialistischen Kampf der internationalen Arbeiterklasse verbrüdert.
Der wahre Verbündete der indischen Massen im Kampf gegen
den Imperialismus ist nicht, wie die Stalinisten stets behauptet
haben, die nationale Bourgeoisie, sondern die internationale Arbeiterklasse.
Also in English
See Also:
Tensions mount between India and Pakistan
[26 May 1998]
Mounting regional tensions, domestic
political crisis
Behind India's nuclear bomb testing
[16 May 1998]
Top of page
The WSWS invites your comments.
Copyright 1998-2008
World Socialist Web Site
All rights reserved |