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Sozialdemokraten gewinnen Wahl in Holland
Von Peter Schwarz
9 Mai 1998
Die sozialdemokratische PvdA von Regierungschef Wim
Kok hat die holländische Parlamentswahl vom 6. Mai gewonnen.
Sie erhöhte ihren Stimmenanteil von 24 auf 29 Prozent und
gewann 45 Sitze im 150 Mitglieder starken Abgeordnetenhaus. Ihr
bisheriger Koalitionspartner, die rechtsliberale VVD, verbuchte
ebenfalls starke Gewinne und errang 38 Sitze. Die beiden Parteien
verfügen damit über eine absolute Mehrheit und sind
nicht mehr auf die Demokraten ( D'66) als dritten Koalitionspartner
angewiesen. Die D'66 verlor zehn ihrer bisher 24 Sitze.
Die christdemokratische CDA, Schwesterpartei der CDU/CSU
und bis 1994 stärkste Partei im niederländischen Parlament,
setzte ihren Niedergang fort und brachte es nur noch auf 18 Prozent
der abgegebenen Stimmen.
Wim Kok hat den Wahlsieg als Bestätigung des von ihm vertretenen
Polder-Modells" gewertet. Dieses Modell verbindet eine
ultraliberale Wirtschaftspolitik mit einer weitgehenden staatlichen
Reglementierung ihrer sozialen Auswirkungen. Eine rigorose Flexibilisierung
des Arbeitsmarkts, eine drastische Senkung des Lohnniveaus und
ein radikaler Abbau von Sozialleistungen wird mit der aktiven
Förderung von Niedriglohn- und Teilzeitarbeit und Zwangsarbeit
für Arbeitslose verbunden.
Die offizielle Arbeitslosenzahl, die in Ländern wie Deutschland
und Frankreich bei 12 Prozent liegt, ist auf diese Weise unter
fünf Prozent gesenkt worden - allerdings zu einem horrenden
Preis. Über ein Drittel aller Arbeitsverhältnisse sind
Teilzeitjobs mit entsprechend niedriger Bezahlung - ein Rekord
in Europa. Die Folge ist weit verbreitete Armut. Innerhalb von
zwei Jahren stieg die Zahl der Millionäre um ein Drittel,
während jeder zehnte Haushalt vom Existenzminimum lebt.
Die Kombination von rechter Wirtschaftspolitik und staatlichen
Eingriffen hatte 1994 die Grundlage für das Bündnis
von Sozialdemokraten und Rechtsliberalen geschaffen, die bis dahin
als entgegengesetzte Pole im niederländischen Parteienspektrum
galten. Beide Parteien sind nun gestärkt worden, aber das
ist - wie eine genauere Analyse zeigt - noch lange kein Freibrief
für die Fortsetzung ihrer Politik.
Die PvdA konnte trotz der hohen Gewinne die Verluste
nicht völlig aufholen, die sie 1994 nach einer vierjährigen
Koalition mit den Christdemokraten erlitten hatte. Ihr Ergebnis
liegt um 3 Prozent unter dem von 1989, der vorletzten Wahl. Die
für sie abgegebenen Stimmen haben zudem nicht mehr dieselbe
Bedeutung wie etwa in den siebziger Jahren, als viele Arbeiter
fest hinter der Sozialdemokratie standen. Unter Umständen,
wo fast alle Parteien identische Programme vertreten und keine
die dringenden Bedürfnisse der Massen artikuliert, ist das
Wählerverhalten viel stärker als früher momentanen
Stimmungen und Einflüssen unterworfen.
Ein Wahlkampf hatte so gut wie gar nicht stattgefunden. Zum
ersten Mal seit 70 oder 80 Jahren sitzen Sozialdemokraten und
Liberale zusammen in der Regierung," kommentierte dies ein
bekannter Wahlforscher, Maurice de Hond. Und sie wollen
nach der Wahl wieder gemeinsam regieren. Sie sind keine Gegner
mehr. Sie ziehen eine Schau ab. Jeder, einschließlich der
Parteien selbst, weiß, daß sie nach der Wahl wieder
zusammenarbeiten werden, und daher haben wir keinen Wahlkampf."
Unter der ruhigen Oberfläche gibt es aber zahlreiche Anzeichen
für scharfe politische Spannungen. Da die Parteien die sozialen
Probleme im Wahlkampf nicht zur Sprache brachten, bildete sich
eine merkwürdige Koalition aus katholischer Kirche, Jungsozialisten,
Gewerkschaftern, mittelständischen Unternehmern, die unter
der Parole Nimm dir Zeit um zu leben" gegen die unerträgliche
Arbeitshetze und wachsende Armut protestierte. Sie sammelte innerhalb
von drei Wochen über 300.000 Unterschriften gegen die Nonstop-24-Stundenwirtschaft".
In der Wahl selbst kam das Streben nach einer Alternative in
hohen Zuwächsen am linken Rand des Parteienspektrums zum
Ausdruck. GrünLinks und die Sozialistische Partei
konnten ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln und stellen im
neuen Parlament elf, bzw. fünf Abgeordnete. GrünLinks
vertritt eine ähnliche Politik wie die deutschen Grünen,
legt allerdings mehr Gewicht auf soziale Fragen. Die Sozialistische
Partei ist aus einer maoistischen Gruppierung hervorgegangen.
Die rechtsextremen Zentrumsdemokraten, die bisher über
drei Abgeordnete verfügten, sind dagegen fast vollständig
von der Bildfläche verschwunden.
Das »niederländische
Modell«
Wie Regierung, Gewerkschaften und Unternehmer die Umverteilung
hinter den Deichen organisieren
[1 Mai 1998]
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