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Welche Gesellschaftsklassen unterstützen
den Kampf um Demokratie in Indonesien?
Die Lehren aus der Geschichte
Erklärung der Redaktion
21 Mai 1998
Also in English and Indonesian
Die politische Krise in Indonesien spitzt sich zu. Das Suharto-Regime
versucht, sich durch allerhand Manöver an der Macht zu halten.
Jetzt muß verhindert werden, daß die Massenbewegung
der Arbeiter und Studenten der Illusion zum Opfer fällt,
einige kosmetische Eingriffe in die Machtstruktur würden
eine tatsächliche demokratische Erneuerung der Gesellschaft
herbeiführen.
Suhartos blutige Diktatur ist kein Betriebsunfall und entspringt
nicht einfach den despotischen Neigungen dieses Herrschers. Suhartos
zähes Festhalten an der Macht ergibt sich aus der entscheidenden
Stellung, die seine Person in dem bürgerlichen Machtgefüge
Indonesiens einnimmt. Die bedrohliche Gestalt dieses militärischen
Haudegens verkörpert den extremen Gegensatz, in dem die nationale
Bourgeoisie zu den unterdrückten Arbeiter- und Bauernmassen
steht.
Allein die Tatsache, daß Suharto mehr als drei Jahrzehnte
lang mit eiserner Faust regiert hat, ohne daß aus den besitzenden
Klassen eine glaubhafte Opposition hervorgegangen wäre, bezeugt
den historischen Bankrott der gesamten Bourgeoisie des Landes.
Die organische Feigheit der heutigen bürgerlichen Opposition,
die für Demokratie zu kämpfen behauptet, trat wieder
deutlich zutage, als einer ihrer wichtigsten Sprecher, Amien Rais,
die für Mittwoch, den 20. Mai geplanten Großdemonstrationen
in Jakarta und anderen Großstädten in letzter Minute
absagte. Dieser Rückzieher erklärt sich aus der Furcht,
die Suhartos Hofschranzen mit seinen halboffiziellen Gegnern um
Rais und Megawati Sukarnoputri vereint: daß die Studentenbewegung
einen Aufstands der Arbeiter und unterdrückten Massen auslösen
könnte, der das gesamte Gebäude der Klassenprivilegien
und der Ausbeutung zum Einsturz bringen könnte.
Die halbherzige und verräterische Haltung dieser bürgerlichen
Opposition setzt die Studentenbewegung großen Gefahren aus.
Es droht ein neuerlicher blutiger Schlag des Militärs. Auf
diese Weise hat sich das Regime vom Tage seiner Entstehung an
gehalten.
Leute wie Rais, die von Teilen der Medien und des politischen
Establishments im Westen unterstützt werden, verbreiten die
Vorstellung, daß alle politischen und sozialen Übel
Indonesiens in der Person Suhartos begründet liegen, und
daß die demokratische Reform siegen wird, wenn er nur geht.
Diese naive und oberflächliche Sichtweise dient ganz bestimmten
politischen Zielen. In dem Maße, wie das Augenmerk der Massen
ausschließlich auf das persönliche Schicksal Suhartos
gerichtet wird, verschwimmen die wesentlichen Klassenfragen, die
dem Kampf gegen das Regime zugrunde liegen. So wird es den internationalen
Banken, den imperialistischen Regierungen und den herrschenden
Kreisen vor Ort erleichtert, bei Bedarf ein neues Regime einzusetzen,
das besser gerüstet ist, die Krise auf Kosten der Arbeiter,
der Bauern und der rebellischen Jugend zu lösen.
Die Tatsache, daß das kollektive Gedächtnis der
arbeitenden Massen so wenig aus den bitteren Lehren der Geschichte,
vor allem aus dem Staatsstreich von 1965, bewahrt zu haben scheint,
rührt allem von dem Massenmord, der Suhartos Machtantritt
begleitete. In einem Blutbad, das eine halbe bis eine Million
Indonesier das Leben kostete, vernichtete das Militär damals
die klassenbewußte Arbeiterbewegung und alle sozialistischen
Kräfte innerhalb der Intelligenz.
Welcher verhängnisvolle politische Fehler hatte zu dieser
tragischen Niederlage geführt? Es war die von der pro-chinesischen
stalinistischen KP-Führung verbreitete Illusion, daß
die Arbeiter und unterdrückten Bauern ihr Vertrauen in einen
Teil der indonesischen Bourgeoisie und des Militärs setzen
sollten, der als progressiv", demokratisch"
und patriotisch" bezeichnet wurde.
Die heutigen Versuche, Leuten wie Rais, einem erklärten
Anhänger des Internationalen Währungsfonds mit seinen
Reformplänen", und sogar Henkern aus dem Militär
wie dem Generalstabschef Wiranto ein fortschrittliches Image zu
verpassen, sind ein neuerlicher Versuch, die indonesischen Massen
in eine Falle laufen zu lassen, was unweigerlich eine blutige
Abrechnung mit der Massenopposition nach sich ziehen würde.
Wenn die demokratischen Bestrebungen der Bevölkerung nicht
grausam verraten werden sollen, dann müssen bestimmte historische
Eigenheiten des zwanzigsten Jahrhunderts in Rechnung gestellt
werden. Die Erfahrung dieses Jahrhunderts hat immer wieder gezeigt,
daß Länder mit einer verspäteten kapitalistischen
Entwicklung, wie Indonesien, das Vermächtnis von sozialem
Elend und autoritärer Herrschaft im Rahmen des Kapitalismus
nicht abschütteln können.
In den klassischen demokratischen Revolutionen Westeuropas
und Nordamerikas, die sich vom 17. bis zum 19. Jahrhundert erstreckten,
war die aufsteigende Bourgeoisie in der Lage, die unterdrückten
Massen im Namen der gesamten Nation gegen die alte Feudalaristokratie
und gegen aufgezwungene Fremdherrschaft zu mobilisieren. In jenen
Ländern jedoch, wo die Klasse der Kapitalbesitzer schon bei
ihrer Entstehung einen Weltmarkt vorfand, der bereits von den
älteren kapitalistischen Mächten beherrscht wurde, und
sich zuhause einer Arbeiterklasse gegenübersah, die ihr an
gesellschaftlichem Gewicht und politischer Organisation gleichkam
oder sie sogar übertrumpfte, sah sich die Bourgeoisie veranlaßt,
demokratische Herrschaftsformen einzuschränken oder zugunsten
militärischer oder faschistischer Methoden ganz darauf zu
verzichten. So war es in Italien, Deutschland, Spanien und Japan
in der Zeit zwischen den Weltkriegen, d.h. in den zwanziger und
dreißiger Jahren.
Was die Periode nach dem Zweiten Weltkrieg angeht, so hat sich
keine der ehemaligen Kolonien in Afrika und Asien in wirklich
demokratischer Weise entwickelt. Selbst in Indien, das oft als
die größte Demokratie der Welt bezeichnet wird, bilden
feudale Abhängigkeitsbeziehungen und Kastenspaltungen bis
heute einen festen Bestandteil des Lebens der Massen, während
sich die politische Macht fest in den Händen einer schmalen,
korrupten Elite befindet.
Indonesien bildet keine Ausnahme. Auf der Grundlage des kapitalistischen
Privateigentums an den Produktionsmitteln und im Rahmen der vom
Imperialismus geprägten Strukturen Ostasiens besteht keine
ernstzunehmende Aussicht auf eine wahrhaft demokratische Entwicklung.
Diese Schlußfolgerung ergibt sich mit Notwendigkeit aus
den Klassenbeziehung im Lande selbst.
Auf der einen Seite gibt es eine riesengroße Arbeiterklasse
und eine verarmte Bauernschaft, auf der anderen eine sehr dünne
Schicht bürgerlicher Ausbeuter. Da deren enormer Reichtum
von der Unterstützung imperialistischer Finanzinstitutionen
abhängt, arbeiten sie mit diesen zusammen, um das Land gemeinsam
auszuplündern und sich die Beute zu teilen. Die gebildeten
Mittelklassen - traditionell eine wichtige gesellschaftliche Basis
für die parlamentarische Demokratie - bleibt sehr schmal
und schwach.
Darüber hinaus ist die Bourgeoisie in Indonesien, wie
in jedem anderen Land mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung,
nicht in der Lage, die Massen gegen die imperialistische Vorherrschaft
zu mobilisieren. Denn zum einen ist sie mit tausend Fäden
mit der internationalen Finanzwelt und den transnationalen Konzernen
verbunden, zum anderen sieht sie in der Arbeiterklasse im eigenen
Land die größte Bedrohung ihres Besitzes und ihrer
politischen Macht. Jede Mobilisierung der unterdrückten Massen
gegen die Beherrschung des Landes von außen birgt für
sie die tödliche Gefahr einer sozialen Revolution.
Es ist daher kein Zufall, daß jeder einzelne Vertreter
der heutigen bürgerlichen Opposition zuvor in die Verbrechen
des Suharto-Regimes verwickelt gewesen war -- nicht nur in die
gewaltsame Unterdrückung der demokratischen Rechte der Massen
in Indonesien, sondern auch in die Massaker am Volk von Osttimor.
Worin bestehen die wirklichen Ziele der sogenannten demokratischen
Reformen, für die imperialistische Führer wie Clinton
und bestimmte Vertreter der indonesischen herrschenden Klasse
eintreten? Erstens darin, die Vormachtstellung des Militärs
zu erhalten. Daher der Versuch, Wiranto, der sich wie jeder andere
Militärführer mit dem Blut Tausender besudelt hat, als
einen Demokraten darzustellen. Zweitens darin, die politische
Macht und die wirtschaftlichen Interessen der indonesischen Bourgeoisie
zu wahren. Drittens, und das ist das entscheidende, die Interessen
und Kredite der imperialistischen Banken zu retten.
Welchen Weg muß also der Kampf für wirkliche Demokratie
einschlagen? Als erstes gilt, daß politische Demokratie
nur dann verwirklicht werden kann, wenn eine fortschrittliche
Lösung für die sozialen Probleme der Massen eintritt,
d.h. wenn ein Programm in Kraft gesetzt wird, das Arbeitslosigkeit,
Armut und Ausbeutung beseitigt. Die ganze Wirtschaftsstruktur,
die auf Klassenprivilegien und Ungleichheit basiert, muß
durch ein vernünftiges, menschliches und egalitäres
System ersetzt werden.
Die großen materiellen Ressourcen des Landes -- und der
gesamten Region -- dürfen nicht länger einer korrupten
und bevorzugten Elite dienen, sondern müssen unter die Kontrolle
der arbeitenden Massen und ihnen zur Verfügung gestellt werden.
Der erste Schritt dazu ist die Beschlagnahmung der umfangreichen
Besitztümer Suhartos, seiner Familie und seiner Clique, und
deren Umwandlung in öffentliche Unternehmen, die von der
arbeitenden Bevölkerung in ihrem eigenen Sinne betrieben
werden.
Zweitens muß die Unterwerfung des indonesischen Volkes
unter die imperialistischen Banken und transnationalen Konzerne
aufhören. Der erste Schritt dazu ist die Nichtanerkennung
der Auslandsschulden des Staates.
Und schließlich darf der Kampf für Demokratie, soziale
Gleichheit und ein Ende der imperialistischen Unterdrückung
nicht nur auf nationaler Ebene geführt werden. Die indonesischen
Arbeiter müssen versuchen, sich in diesem Kampf so eng wie
möglich mit ihren Klassengenossen in Indien, Korea, Taiwan,
China, Japan und ganz Asien zusammenzuschließen.
Die Arbeiterklasse ist die einzige Kraft in der Gesellschaft,
die zu einem solchen Kampf fähig ist. Der Schlüssel
zum Kampf um Demokratie ist die unabhängige politische Mobilisierung
der Arbeiterklasse für eine Arbeiterregierung. Die Arbeiterklasse
muß die Schaffung eigener demokratischer Institutionen in
Angriff nehmen, die ausgehend von den Betrieben und Fabriken zur
Errichtung von Arbeiterräten führen, um für ein
sozialistisches Programm und die Arbeitermacht zu kämpfen.
Der Kampf für Demokratie in Indonesien
Welche sozialen und politischen Aufgaben stellen sich den Massen?
[27 Mai 1998]
Die Krise des Suharto-Regimes verschärft
sich Politische Kardinalfragen
für die indonesischen Massen
[19 Mai 1998]
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