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WSWS : German
Die Fusion von Chrysler und Daimler-Benz:
Was bringt sie für Arbeiter?
12 Mai 1998
Die Übernahme des Chrysler-Konzerns durch Daimler zeigt
eindrucksvoll, wie die Globalisierung der Weltwirtschaft voranschreitet.
Das größte Industrieunternehmen Europas fusioniert
mit einem der größten amerikanischen Konzerne. Infolge
einer Börsenoperation, deren Umfang mehr als 66 Milliarden
DM betrug, entstand ein transnationaler Gigant mit über 421.000
Beschäftigten und einem Jahresumsatz von fast 230 Milliarden
DM.
Der Zusammenschluß ist der bisher größte in
der Geschichte der Industrie überhaupt und der größte
Erwerb eines amerikanischen Unternehmens durch einen ausländischen
Konzern. Das neue Unternehmen DaimlerChrysler wird nach General
Motors, Ford, Toyota und Volkswagen in Bezug auf die Stückzahl
der hergestellten Fahrzeuge der fünftgrößte Autohersteller
der Welt sein und sogar der drittgrößte, was den Wert
der produzierten Fahrzeuge betrifft. Wäre DaimlerChrysler
ein Land, würde es, an der Größe des Bruttosozialprodukts
gemessen, Platz 37 belegen - knapp hinter Österreich, aber
deutlich vor anderen EU-Ländern wie Griechenland, Portugal,
Norwegen, Dänemark, Finnland und Irland.
Während bei früheren Fusionen in der Autoindustrie
oft kleine oder kriselnde Firmen von mächtigeren Rivalen
geschluckt wurden, handelt es sich hier um zwei hochprofitable
Unternehmen, die 1997 zusammen einen Nettoertrag von fast 10 Milliarden
DM erzielt hatten. Daimler-Benz schreibt nach Verlusten Anfang
der neunziger Jahre wieder enorme Gewinne, während Chrysler
einen größeren Profit pro hergestelltes Fahrzeug erzielt,
als jeder andere Autohersteller.
Die treibende Kraft hinter der Fusion ist der Zwang, immer
größere global operierende Unternehmen zu schaffen,
die sich auf allen bedeutenden Märkten der Welt behaupten
können, besonders in den drei Zentren des Weltkapitalismus:
Nordamerika, Europa und Asien. Vor dem Zusammenschluß produzierten
Chrysler und Daimler-Benz im wesentlichen für regionale Märkte.
Chrysler hielt den drittgrößten Marktanteil in Nordamerika,
während Daimler-Benz den Markt für Luxuswagen in Europa
dominierte.
Chrysler war während seiner Finanzkrise in den achtziger
und frühen neunziger Jahre gezwungen gewesen, seine Aktivitäten
in Europa und Lateinamerika aufzugeben. Letzten Monat setzte der
Konzern außerhalb Nordamerikas nur 17.713 Autos ab, verglichen
mit nahezu einer Viertelmillion Fahrzeuge auf dem heimischen Markt.
Daimler-Benz hatte sein erstes Werk außerhalb Europas erst
im vergangenen Jahr eröffnet. In Tuscaloosa im amerikanischen
Bundesstaat Alabama wurde mit dem Bau einer Sport- und Gebrauchsversion
des Mercedes begonnen.
Keines der beiden Unternehmen hat ein Werk in Asien. Bei ihrer
gemeinsamen Pressekonferenz in London deuteten Daimler-Chef Jürgen
Schrempp und Chrysler-Chef Robert Eaton an, daß als nächstes
ein japanisches Unternehmen, möglicherweise Mitsubishi, ein
früherer Partner von Chrysler übernommen und damit die
Präsenz des neuen Konzerns auf den globalen Märkten
vervollständigt werden könnte.
Bereits kurz nach der Fusion sagten Experten der Autoindustrie
und des Finanzwesens voraus, daß die verbliebenen regionalen
Autohersteller nun gezwungen sein würden, sich ebenfalls
zu global operierenden Unternehmen zusammenzuschließen,
um gegenüber GM, Ford, Toyota, Honda und DaimlerChrysler
bestehen zu können. Als national beschränkte Hersteller,
die für einen nationalen Markt produzieren, können sie
sich auf Dauer nicht behaupten. Ein Experte drückte das gegenüber
der Londoner Times so aus: Die Nationalflaggen sind
eingeholt und stattdessen die Fahnen der Profitabilität gehißt
worden."
Die bevorstehende Arbeitsplatzvernichtung
Schrempp wie Eaton erklärten zwar, daß die Fusion
keine Werkschließungen mit sich bringen würde, da die
beiden Unternehmen hauptsächlich für unterschiedliche
Märkte produzieren. Diese Behauptungen sind vom Großteil
der Medien unkritisch wiederholt worden, sie entbehren aber jeglicher
Grundlage. Selbst wenn es unmittelbar keine Fabrikschließungen
gibt, werden viele Arbeitsplätze im Entwicklungs- und Verwaltungsbereich
abgebaut werden, da DaimlerChrysler anstrebt, diese Bereiche zu
zentralisieren.
Daimler-Benz hat seit 1995, als Schrempp Vorstandsvorsitzender
wurde, 40.000 Arbeitsplätze abgebaut. Vertreter von Daimler
wiederum gaben an, eines der attraktivsten Merkmale von Chrysler
sei dessen Sachkenntnis", bei Arbeitsplatzabbau und
Kostensenkung. Die Beschäftigtenzahl von Chrysler ist seit
Anfang der achtziger Jahre von 160.000 auf 79.000 gesunken.
Was auch immer die Fusion auch für kurzfristige Auswirkungen
haben mag, es ist das Hauptziel solcher Zusammenschlüsse,
geschäftliche Operationen zusammenzulegen und wirtschaftlicher
zu werden, was unvermeidlich zu Arbeitsplatzvernichtung führen
muß. So kündigte am selben Tag, an dem die Fusion der
Autofirmen offiziell bekanntgegeben wurde, das Computerunternehmen
Compaq an, daß es 15.000 Arbeitsplätze beim Konzern
Digital Equipment abbauen würde, mit es sich dieses Jahr
zusammengeschlossen hat.
Die Zeitung Detroit News berichtete von Schätzungen,
denen zufolge die Fusion infolge von Schließungen
unausgelasteter Werke auf der ganzen Welt zu Abschreibungen in
Höhe von bis zu 25 Milliarden Dollar (fast 44 Mrd DM)"
führen würde. Ihr Redakteur Jon Pepper schrieb nach
einem Interview mit dem Chrysler-Vorsitzenden Robert Eaton, der
Chrysler-Chef ginge weniger von kurzfristigen Profitüberlegungen
aus, sondern von den Unternehmensaussichten über die nächsten
zehn Jahre.
Pepper weiter: Was Eaton antrieb, ist ein Schrumpfungsprozeß
in der internationalen Autoindustrie mit vielleicht katastrophalen
Auswirkungen". Er war sehr besorgt angesichts wachsender
Überkapazitäten in der weltweiten Automobilindustrie.
Er schätzte, daß es im Jahr 2002 achtzig Montagewerke
mehr geben werde, als der Markt verlangen würde. Eine solche
Überkapazität entspräche sechs Chrysler-Konzernen."
Dieser gigantische Überschuß an Produktionskapazitäten
ist nur vom Standpunkt des Kapitalismus aus ein Zuviel",
denn er bedeutet einfach, daß sehr viel mehr Autos produziert,
als mit Profit verkauft werden können. Im Rahmen des Profitsystems
können diese Produktionskapazitäten jedoch nicht die
Bedürfnisse der Menschen in aller Welt nach billigen und
bequemen Transportmöglichkeiten befriedigen. Sie hängen
stattdessen wie ein Damoklesschwert über der Industrie. Das
nächste Konjunkturtief wird für die Autoarbeiter und
die gesamte Arbeiterklasse weltweit fatale Auswirkungen haben.
Allein im letzten Jahr haben in der Autoindustrie 750 Fusionen
und Übernahmen im Wert von insgesamt fast 50 Milliarden DM
stattgefunden. Autohersteller und Zulieferer haben ihre Operationen
zusammengelegt und Arbeitsplätze abgebaut. Allein wegen der
Daimler-Chrysler Fusion von über 66 Milliarden DM wird es
1998 eine Rekordsumme sein.
Gloabliserung und Gewerkschaften
Die Übernahme von Chrysler durch Daimler-Benz ist Bestandteil
eines enormen Kapitalabflusses aus Deutschland. Gigantische Konzerne
wie Hoechst, Bertelsmann, Siemens und Volkswagen kaufen ausländische
Unternehmen oder investieren in neue Werke und Zulieferer im Ausland.
Allein im letzten Jahr ist von deutschen Unternehmen zehmal so
viel im Ausland investiert worden, wie ausländische Unternehmen
in Deutschland investiert haben.
Ziel dieser Investitionen ist es, durch niedrigere Arbeitskosten
als in Deutschland die Profite zu steigern. Volkswagen hat Skoda,
den größten Hersteller der Tschechischen Republik,
aufgekauft und Werke in ganz Osteuropa erworben oder gebaut. Der
jüngste Treffer von Mercedes-Benz auf der Suche nach geringer
bezahlter Arbeit war Alabama, wo die Lohnkosten bei der Hälfte
der 50-DM-Stundenlöhne in Stuttgart oder anderen deutschen
Städten liegen.
Peter Hans Kailbach, der Geschäftsführer des Werkes
in Tuscaloosa, schwärmte in einem Interview mit der Washington
Post über die Vorteile des amerikanischen Südens.
Das war eine große Erfahrung", erklärte
er, Der Qualitätsstandard kann mit allem mithalten,
was in Deutschland gebaut wird, und die Kostenvorteile sind außerordentlich."
Der Übernahme von Chrysler wird wahrscheinlich eine weitere
Produktionsverlagerung von Deutschland nach Nordamerika folgen,
wodurch Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut und gleichzeitig
kurzfristig die Beschäftigtenzahl in Kanada und den USA erhalten
oder sogar zeitweilig erhöht werden wird.
Das erklärt, warum die Fusion von den Gewerkschaftsbürokraten
der US-amerikanischen United Auto Workers (UAW) und der Canadian
Auto Workers (CAW) so enthusiastisch unterstützt wird. Sie
rechnen damit, daß ihre Mitgliedseinnahmen auf Kosten ihrer
deutschen Gegenstücke in der IG Metall wachsen werden. Außerdem
hoffen die UAW- und CAW-Bürokraten, daß Daimler-Benz
die Mitbestimmung" nun auch dort einführen und
ihnen noch mehr Pfründe und Einfluß auf die Geschäftspolitik
bringen wird. Wie die IGM-Funktionäre in Deutschland hatten
sie schon in den letzten zwei Jahrzehnten Arbeitsplätze,
Löhne und Rechte der Arbeiter lukrativen Nebeneinkünften
und Posten für sich selbst geopfert.
Ungeachtet der eigennützigen und nationalistischen Berechnungen
der UAW und CAW werden jedoch ganz ohne Zweifel die amerikanischen
und kanadischen Arbeiter ebenso wie ihre Kollegen in Deutschland
die Auswirkungen der Fusion auf Arbeitsplätze, Löhne
und Arbeitsbedingungen zu spüren bekommen.
Der Werdegang Schrempps ist eine deutliche Warnung. Der Daimler-Benz-Chef
leitete insgesamt elf Jahre die Geschäfte der Firma unter
dem südafrikanischen Apartheidregime. Außerdem verbrachte
er zwei Jahre in Cleveland, Ohio, wo er eine Lastwagenfabrik des
Konzerns führte, bis er die Unternehmensführung schließlich
überzeugte, daß das Werk unprofitabel sei und abgestoßen
werden müsse. Schrempp war 1995 kaum Vorstandsvorsitzender
von Daimler geworden, da suchte er auch schon die Konfrontation
mit den Arbeitern und kündigte die jahrzehntelange Regelung
der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf, was eine Reihe erbitterter
Streiks hervorrief.
Die Alternative für Arbeiter
Die Chrysler-Daimler-Fusion zeigt, wie dringend notwendig es
ist, daß die Arbeiterklasse eine internationale Strategie
entwickelt, mit der sie die Angriffe des global organisierten
Kapitals zurückschlagen kann. Sie zeigt, wie rückständig
und borniert Organisationen wie die Gewerkschaften oder die kleinbürgerlichen
Radikalen sind, die die Kämpfe der Arbeiter auf den nationalen
Rahmen oder rein gewerkschaftliche Formen beschränken wollen.
Sie macht deutlich, daß die alten, nationalen Arbeiterorganisationen
völlig unfähig sind, den Kämpfen der Arbeiter eine
erfolgversprechende Richtung zu weisen.
Die Unternehmer organisieren ihre Aktivitäten im globalen
Maßstab, und die Arbeiterklasse muß entsprechend darauf
antworten. Die zunehmende Geschwindigkeit der globalen Integration
der Produktion ist ein objektiv bedingter Prozeß, dessen
Ursachen in revolutionären technologischen Entwicklungen
liegen. Daher das ständige Streben der Produktivkräfte,
die erstickenden Begrenzungen des nationalen Marktes zu überwinden.
Gegen" die Globalisierung zu sein, ist genauso sinnlos,
wie gegen" das Gesetz der Schwerkraft zu sein. Die
Frage ist vielmehr: auf welcher Grundlage und in wessen Interesse
wird diese Entwicklung vonstatten gehen? Soweit die Globalisierung
auf kapitalistischer Grundlage stattfindet, nach dem Willen der
transnationalen Konzerne und herrschenden Finanzeliten, wird sie
zu immer brutaleren Angriffen auf die Arbeiterklasse führen.
Wenn sich jedoch die Arbeiterklasse international zusammenschließt,
einen politischen Kampf zum Sturz des Profitsystems führt
und selbst die Kontrolle über die Produktivkräfte übernimmt,
wird mit den riesigen Möglichkeiten der globalen Wirtschaft
die materielle und kulturelle Lage der Weltbevölkerung enorm
angehoben werden können.
Das Internationale Komitee der Vierten Internationale ist die
einzige politische Bewegung, die für die Vereinigung der
internationalen Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen
Programms kämpft. Die Fusion von Daimler und Chrysler ist
ein weiterer schlagender Beweis dafür, daß nur die
Perspektive des sozialistischen Internationalismus der arbeitenden
Bevölkerung einen Weg vorwärts bietet.
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[Mai 12 1998]
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