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WSWS : Workers
Struggles : Europe
Dänische Regierung beendet Streik
Von Dietmar Henning
12 Mai 1998
Am 6. Mai beendete der sozialdemokratische Regierungschef Dänemarks,
Nyrup Rasmussen, einen fast zweiwöchigen Streik, an dem eine
halbe Million Beschäftigte beteiligt waren, durch ein politisches
Diktat.
Ende April hatten sich die Spitzen des Arbeitgeberverbandes
DA und des Gewerkschaftsdachverbandes LO auf einen Tarifvertrag
geeinigt, dessen Annahme durch die Gewerkschaftsmitglieder als
Formalität galt. Danach sollte den Beschäftigten der
Privatindustrie eine Lohnerhöhung von 4 Prozent, bessere
Pensionsregelungen sowie ein zusätzlicher freier Tag zugestanden
werden.
Doch obwohl 14 der 15 beteiligten Einzelgewerkschaften ihren
Mitgliedern empfahlen, diesen Kompromiß anzunehmen, stimmten
56 Prozent dagegen. Der Grund war vor allem die ihnen völlig
ungenügende Urlaubsregelung. Denn die Gewerkschaften waren
mit der Forderung nach einer zusätzlichen, sechsten bezahlten
Urlaubswoche in die Verhandlungen gegangen. Der von der Gewerkschaftsspitze
ausgehandelte Vertrag gestand jedoch nur einen weiteren freien
Tag zu, den Heiligabend, der ohnehin für die meisten Arbeiter
faktisch ein freier Tag ist. Die sechste Urlaubswoche sollte daher
erstreikt werden.
Insgesamt 450.000 Arbeiter beteiligten sich an dem Ausstand.
Mit den etwa 50.000 ausgesperrten Beschäftigten insbesondere
des Einzelhandels sind dies rund ein Drittel aller Arbeiter und
Angestellten Dänemarks.
Bereits vor dem ersten Streiktag am 27. April hatten sich die
fünf Millionen Dänen mit Hamsterkäufen auf den
Streik vorbereitet. Laut Umfragen unterstützten ihn 70 Prozent
der Bevölkerung. Schon nach wenigen Tagen brach das öffentliche
Leben zusammen. Die Supermärkte waren leergekauft, an den
Tankstellen bildeten sich lange Schlangen, bis auch der letzte
Tropfen Benzin ausverkauft war. Die Krankenhäuser führten
nur noch Notoperationen durch, Schulen schlossen aus hygienischen
Gründen, weil aufgrund des Streiks die Räume nicht mehr
gereinigt wurden. Der öffentliche Nahverkehr kam mangels
Benzin zum Erliegen. Zeitungen erschienen nicht mehr, Hühner
und Schweine verendeten in ihren Ställen, weil sie nicht
zur Schlachtung abtransportiert werden konnten.
Aber auch außerhalb Dänemarks zeigte der Streik
seine Wirkung. Der schwedische Autohersteller Saab stellte am
Dienstag, dem 5. Mai seine Produktion für ein Modell ein,
weil keine Zulieferteile aus Dänemark vorhanden waren. Die
skandinavische Fluggesellschaft SAS strich alle Flüge von
und nach Kopenhagen, und selbst Interkontinentalflüge, die
man ins schwedische Stockholm umleiten wollte, mußten abgesagt
werden. Denn dort beteiligten sich die Beschäftigten aus
Solidarität am dänischen Streik.
Am 4. Mai verliehen Zehntausende ihrer Forderung nach mehr
Urlaub mit großen Demonstrationen in vielen Städten
Nachdruck. Nach Angaben der Arbeitgeberverbände kostete sie
der Streik täglich rund 270 Millionen DM.
Der Grund für diese große Bewegung ist eine tiefe
Kluft zwischen den politischen und gewerkschaftlichen Funktionsträgern
einerseits und der arbeitenden Bevölkerung andererseits.
Jahrelang hatten Gewerkschaften, konservative und sozialdemokratische
Regierungen sowie die Arbeitgeber gemeinsam den skandinavischen
Sozialstaat umgebaut, meist gegen den Willen der Bevölkerung.
Heraus kam das in Europa gepriesene Dänische Modell".
Ähnlich wie das Niederländische" setzt es
vor allem auf totale Flexibilität und Zwang. Die Wirtschaftszahlen,
mit denen sich die dänische Regierung brüstet, sind
das Ergebnis dieser engen Zusammenarbeit von Parteien, Gewerkschaften
und Arbeitgebern.
Der letzte Arbeitskampf liegt 13 Jahre zurück und wurde
auch damals vom konservativen Regierungschef Poul Schlüter
per Gesetz beendet. Nachdem die Regierung unter Schlüter
1993 abgewählt worden war, übernahmen die Sozialdemokraten
unter Rasmussen die Regierung und setzten den konservativen Kurs
fort. Die Gewerkschaften verordneten weiterhin ihren Mitgliedern
nur geringe Lohnzuwächse. Inzwischen unterliegen nur 16 Prozent
der Arbeiter überhaupt Flächentarifverträgen, alle
anderen sind den Vereinbarungen auf betrieblicher Ebene unterworfen.
Mit dem Effekt, daß Per Callesen vom Finanzministerium befriedigt
feststellen kann, daß dies zweifellos die Anpassungsfähigkeit
der Löhne verbessert [hat]". Ein Kündigungsschutz
existiert so gut wie nicht mehr, so daß Arbeitgeber nach
Belieben heuern und feuern können.
Sozialdemokraten und Gewerkschaften gelang der weitgehende
Umbau des dänischen Sozialstaats, indem sie - wie sie behaupten
- eine soziale Komponente" mit einbrachten. Das Arbeitslosengeld
ist relativ hoch (90 Prozent des letzten Nettolohnes, maximal
3.500 DM) und man hat ein Recht" auf einen Arbeitsplatz,
spätestens nach zwei Jahren. Allerdings hat jeder und jede
auch die Pflicht" nach zwei Jahren jedes Angebot anzunehmen.
So ist es nicht verwunderlich, daß in Dänemark so viele
Weiterbildungsmaßnahmen laufen wie nirgends in Europa. Jeder
vierte Akademiker bildet sich weiter", d. h. er schult
auf andere Jobs um.
Für schwer vermittelbare Arbeitslose werden Teilzeitjobs
unter Tarif angeboten. Da auch Jugendliche unter der Drohung jeglicher
Unterstützungsverweigerung gezwungen werden, einen Ausbildungsplatz
anzunehmen, und sei es nur in einer der überbetrieblichen
Beschäftigungsstätten, ist die Arbeitslosenrate in Dänemark
in den letzten vier Jahren von 12 auf 6 Prozent halbiert worden.
In vielen Branchen werden Arbeitskräfte gesucht. Mehr als
drei Viertel aller 15 bis 64jährigen Dänen arbeiten.
Das Wirtschaftswachstum beträgt 3 Prozent. Doch unter der
Oberfläche dieser Zahlen verbirgt sich eine nicht ganz so
rosige Realität für Arbeiter. Viele sind gezwungen in
Berufen zu arbeiten, die sie nicht vorhatten auszuüben. Einen
Arbeitsplatz fürs Leben, das gibt es nicht mehr. Das ist
die bittere Einsicht der dänischen Arbeiter, einschließlich
der Akademiker.
Unter diesen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, daß
die Forderung nach mehr Freizeit zunehmend an Bedeutung gewinnt
und im vergangenen Streik Auslöser für den Protestbeweis
der Beschäftigten gegen die Gewerkschaftsbürokratie
sein konnte.
Mit zunehmender Dauer des Streiks kamen Gewerkschaft, Regierung
und Arbeitgeber immer mehr unter Druck. Die beiden Tarifparteien
wollten sich nicht auf eine Einigung verpflichten lassen. Auch
wenn der LO-Vorsitzende Hans Jensen in öffentlichen Reden
am 1. Mai auf den Abbruch des Streiks vorbereitete, indem er die
Forderung nach einer zusätzlichen Woche Urlaub unrealistisch",
unklug" und nicht förderlich für die
Beschäftigung" nannte, zögerte er mit der Vorlage
eines neuen Abschlusses - aus Angst vor einem erneuten Nej"
(dänisch: Nein) seitens der Basis und dem Verlust der Kontrolle
über den Streik. Doch auch Rasmussen zögerte vor einem
gesetzlichen Eingriff zur Beendigung.
Der Grund für die zögerliche Haltung der beiden Tarifparteien
wie auch der Regierung ist das Referendum am 28. Mai über
den im Juni letzten Jahres in Amsterdam abgeschlossenen Vertrag
zur weiteren europäischen Einigung. Denn Regierung, Gewerkschaft
und Industrie sind sich einig: im internationalen Wettbewerb ist
die weitere Integration der dänischen Wirtschaft in den europäischen
Markt notwendig. Eine Ablehnung am 28. Mai würde diesen Prozeß
aber auch den gesamteuropäischen Integrationsprozeß
erheblich verzögern, da der Vertrag von Amsterdam die Ratifizierung
aller beteiligten europäischen Länder bedarf. Alle waren
daher bedacht, die Emotionen während des Streiks nicht hoch
zu kochen und die Kontrolle über die Arbeiter zu bewahren.
Denn mit dem wachsenden Selbstbewußtsein seitens der Arbeiter
im Streikverlauf wuchs gleichermaßen die Bereitschaft auch
am 28. Mai mit einem Nej" den Herrschenden einen Strich
durch ihre Rechnung zu machen. Rasmussen befand sich so in einer
Zwickmühle. Greift er ein und beendet den Streik per Gesetz,
ist die Gefahr einer Ablehnung des Amsterdamer Vertrags groß.
Greift er nicht ein, ist die Gefahr groß, daß die
Gewerkschaft nach einem Kompromiß die Kontrolle über
die Arbeiter verliert - und die ist für die weiteren Einschnitte
ins soziale Netz unerläßlich.
Am 6. Mai entschloß sich Rasmussen daher nun doch einzugreifen
- und dabei es allen Recht zu machen. Den Beschäftigten der
Privatindustrie sollen zwei zusätzliche Urlaubstage gewährt
werden, Familien mit Kindern unter 14 Jahren werden drei weitere
Betreuungstage" zugestanden. Die Arbeitgeber werden
entschädigt, indem eine für alle Beschäftigten
zu zahlende Krankensteuer abgeschafft wird und ihre Pensionsbeiträge
in geringerem Maße ansteigen als vorgesehen. Einen Tag später
ratifizierte das Parlament diesen Kompromiß.
Welche Folgen dieser Schritt haben wird bleibt abzuwarten.
Schon jetzt haben Arbeiter zu Tausenden vor dem Parlamentsgebäude
in Kopenhagen demonstriert und angekündigt, sich nicht dem
Diktat Rasmussens unterzuordnen und den Streik wild",
d. h. ohne die Unterstützung der Gewerkschaft, weiterzuführen.
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