Auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert

Von Peter Schwarz
12. Januar 2000

Am 14. Januar erscheint die Januar/Februar-Ausgabe der Zeitschrift "gleichheit". Wir dokumentieren im folgenden das Editorial der neuen Ausgabe.

Runden Jahreszahlen hängt zugegebenermaßen etwas Zufälliges an. Der Gang der Geschichte richtet sich nicht nach dem Gregorianischen Kalender. Trotzdem bietet der Jahrhundertwechsel Gelegenheit zu einem Rückblick - und zu einem Blick in die Zukunft. Wie ist das zwanzigste Jahrhundert einzuschätzen? Worin besteht seine historische Bedeutung? Und was ist vom kommenden einundzwanzigsten zu erwarten?

Der Wechsel vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert war, wie Zeitzeugen übereinstimmend berichten, von einer Stimmung der Zuversicht und des Aufbruchs geprägt. In der Wissenschaft löste eine epochemachende Entdeckung die andere ab. In der Kultur - Musik, Malerei, Literatur und dem eben erst geborenen Film - jagten sich die Neuerungen. Telegraf und leistungsfähige Transportmittel verringerten die Distanzen. Dem menschlichen Erfinder- und Entdeckergeist schienen keine Grenzen gesetzt. Gekrönt wurde das Ganze durch eine zuversichtliche und selbstbewusste Arbeiterbewegung, was den marxistischen Theoretiker Franz Mehring zu der Bemerkung veranlasste, das zwanzigste Jahrhundert werde "ein Jahrhundert der Erfüllung sein, wie das neunzehnte Jahrhundert ein Jahrhundert der Hoffnung war".

Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ist von dieser Aufbruchsstimmung nichts mehr zu verspüren. Der bombastische Aufwand und die gewaltigen Mengen an Feuerwerk, mit denen das Millennium begangen wurden, wirkten eher als Akt der Verdrängung denn als Zeichen der Zuversicht. Aus den Politikerreden zum Jahreswechsel war außer moralischen Appellen und Gemeinplätzen wenig Zukunftsweisendes zu vernehmen. Die Beschwörung von Freiheit, Frieden, Menschenwürde, Eigenverantwortung und - nicht zu vergessen - Eigentum, welche die offiziellen Reden zum Jahreswechsel prägte, nahm sich angesichts der weitverbreiteten sozialen Not und Unsicherheit äußerst schal aus. Man hörte einen deutlichen Unterton des "Augen zu und durch", der Hoffnung, dass man vielleicht doch noch einmal durchkommt, ohne genau zu wissen wie.

Welche Ängste etwas nachdenklichere Vertreter der Oberschicht quälen, macht ein Artikel über die jüngsten Entwicklungen der Weltwirtschaft deutlich, den der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz, Edzard Reuter, unter der Überschrift "Ratlose Zauberlehrlinge" in der Zeit vom 9. Dezember veröffentlichte. "Das Gefühl wächst," schreibt Reuter, "es liege nicht mehr in den eigenen Händen, das zu erreichen, wonach jeder Mensch strebt: gesichertes Auskommen im Beruf und im Alter, gute Erziehung für die Kinder, ein anständiges Dach über dem Kopf und eine gesunde Umwelt. Damit einher geht ein Vertrauensverlust gegenüber den demokratischen Institutionen. Kann es da überraschen, wenn so viele Autoren darüber nachsinnen, ob Marx und Engels nicht doch vor 150 Jahren mit ihrem Kommunistischen Manifest den Finger in die richtige Wunde gelegt haben?"

Aber wo liegt der Ausweg? Von jener weitverbreiteten Hoffnung, dass sich die Gesellschaft beherrschen und zum Besseren verändern lasse, die Franz Mehring vor hundert Jahren so zuversichtlich stimmte, ist heute wenig zu finden. Vor allem in intellektuellen Kreisen, bis tief in die sogenannte "Linke" hinein, wird eifrig die Vorstellung geschürt, die stalinistische Entartung der Sowjetunion und ihr letztendlicher Zusammenbruch hätten jede gesellschaftliche Utopie für immer diskreditiert.

Typisch ist ein Beitrag von André Brie, einem der theoretischen Köpfe der PDS, der im vergangenen Februar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien. Brie schreibt über die Ursachen des Stalinismus: "So widerspruchsvoll es sein mag - es war in nicht geringem Maße sogar die humanistische Vision, die Ausgangspunkt staatssozialistischen Totalitarismus war, denn zum einen lief sie auf die Unterordnung der Individuen, der sozialen Klassen, politischen Kräfte, der Wirtschaft und Kultur unter die Verwirklichung einer Utopie hinaus. Zum anderen wurde der unauflösbare Widerspruch zwischen der Wunschgestalt einer harmonischen, widerspruchsfreien, undifferenzierten Gesellschaft und der völlig anderen Wirklichkeit gesellschaftlicher und individueller Entwicklung eine der Ursachen, warum kommunistische Macht ohne totalen Machtanspruch über die gesamte Gesellschaft niemals aufrecht erhalten werden konnte."

Man kann diese Zeilen drehen und wenden wie man will, sie laufen auf eine Verurteilung jeder fortschrittlichen gesellschaftlichen Perspektive und auf die Heiligsprechung der bestehenden Verhältnisse hinaus. Hätte sich die Menschheit Bries Auffassung zu eigen gemacht, lebte sie heute noch auf Bäumen oder in primitiven Stammesgesellschaften. Kein gesellschaftlicher Fortschritt ist denkbar, ohne dass entsprechende fortschrittliche Ideen ("Utopien") entwickelt werden, denen sich "Individuen, soziale Klassen," usw. unterordnen. Wenn sich Brie gleichzeitig die Schaffung einer "harmonischen, widerspruchsfreien Gesellschaft" nur mit Hilfe des Polizeiknüppels ("totalem Machtanspruch") vorstellen kann, dann sagt das viel über seine eigene stalinistische Erziehung, aber wenig über den Marxismus, der eine klassenlose Gesellschaft mittels einer allmählichen Überwindung der sozialen Ungleichheit anstrebt.

Letztlich sind Bries Zeilen nur eine unter Tausenden Variationen, die die Oktoberrevolution von 1917 und die Politik ihrer Führer, Lenin und Trotzki, für die spätere Degeneration der Sowjetunion unter Stalin verantwortlich machen. Man könnte sie getrost beiseite legen, würden sie nicht zeigen, wie wichtig es ist, dass die Lehren aus dem zwanzigsten Jahrhundert gezogen und breiten Schichten bewusst gemacht werden. Nicht zuletzt davon wird die Entwicklung des neuen Jahrhunderts abhängen.

Die Oktoberrevolution war und bleibt das wichtigste Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts. Es war der erste Versuch des internationalen Proletariats, in einem Land die Macht zu erobern und die Gesellschaft nach seinem Willen umzugestalten. Niemand wusste das damals besser zu würdigen, als Rosa Luxemburg, die Lenin in einigen Fragen kritisch gegenüberstand und deshalb fälschlicherweise oft als Kronzeugin gegen die Oktoberrevolution angeführt wird. "Dass die Bolschewiki ihre Politik gänzlich auf die Weltrevolution des Proletariats stellten, ist gerade das glänzendste Zeugnis ihres Weitblicks und ihrer grundsätzlichen Treue, des kühnen Wurfs ihrer Politik," schrieb sie 1918 in dem Artikel "Zur russischen Revolution".

Die Oktoberrevolution entartete und scheiterte nicht, weil ihr Ansatz und ihr Ziel falsch waren, sondern weil sie auf mächtige Hindernisse stieß, die sie im ersten Anlauf nicht überwinden konnte. Die junge Sowjetunion wurde von 17 Interventionsarmeen umkreist und eingekesselt, durch das Scheitern der deutschen Revolution wurde sie international isoliert und schließlich hatte sie mit der ererbten wirtschaftlichen und kulturellen Rückständigkeit Russlands zu kämpfen. Als Haupthindernis entpuppte sich aber die gesellschaftliche Reaktion, die in Form des Stalinismus in ihrem Innern erwuchs.

Der Historiker Wadim Rogowin hat dies folgendermaßen charakterisiert: "Die Oktoberrevolution als untrennbarer Bestandteil der sozialistischen Weltrevolution war ein derart machtvolles historisches Ereignis, dass die bürokratische Reaktion darauf (der Stalinismus) ebenfalls monumentalen Charakter annahm, indem sie eine in der Geschichte noch nie dagewesene Anhäufung von Lügen und Repressionen hervorbrachte."

Auch wenn der Stalinismus auf einer ganz anderen gesellschaftlichen Grundlage erwuchs, als der Faschismus, so hat er doch eines mit diesem gemeinsam - in letzter Analyse retteten beide die Weltbourgeoisie vor der Gefährdung ihrer Herrschaft durch die Oktoberrevolution und die internationale kommunistische Bewegung. Langfristig gesehen war der Stalinismus dabei erfolgreicher. Er liquidierte - wie Stalin selbst einmal prahlte - mehr Kommunisten als alle faschistischen Regime zusammengenommen, und er fügte den sozialistischen Traditionen der Arbeiterbewegung - die er verfälschte, missbrauchte und diskreditierte - nachhaltigen Schaden zu.

Vom Standpunkt des Marxismus kommt ein solcher Rückschlag nicht unerwartet. Marx hatte schon vor 150 Jahren im "Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte" bemerkt: "Proletarische Revolutionen... kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte..."

So gesehen wird das zwanzigste Jahrhundert als der erste heroische Versuch der arbeitenden Bevölkerung in die Geschichte eingehen, die Staatsmacht zu erobern und ihre Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen. Dieser Versuch ist gescheitert, aber er enthält einen Reichtum an politischen Erfahrungen, der bewusst gemacht und, als Grundlage für einen neuen Versuch, von breiten Schichten angeeignet werden muss.

Dann wird - in Anlehnung an Mehring - das neunzehnte Jahrhundert als Jahrhundert der Hoffnung, das zwanzigste als Jahrhundert der Erfahrung, und das einundzwanzigste als Jahrhundert der Erfüllung in die Geschichte eingehen. Der Kapitalismus jedenfalls, das haben die beiden Weltkriege, Faschismus und Holocaust ebenso wie die gegenwärtige Ausbreitung von Armut und Elend gezeigt, hat der Menschheit keine Zukunft zu bieten.