Endloser Bombenkrieg der USA fordert weitere afghanische Opfer

Von Peter Symonds
11. Januar 2002

Angesichts der ständig wachsenden Anzahl ziviler Opfer steigt der Druck auf die Interimsregierung von Afghanistan und ihren Vorsitzenden Hamid Karzai, von den USA die Beendigung ihres Bombenkriegs zu verlangen.

Pressemeldungen zufolge starben bei dem jüngsten Bombenangriff auf das Dorf Qalaye Niazi in der Provinz Paktia, nördlich der Provinzhauptstadt Gardez, am letzten Wochenende über hundert Menschen, darunter auch Frauen und Kinder. Die USA behaupteten, der Angriff habe sich gegen eine Siedlung gerichtet, in der Mitglieder des ehemaligen Taliban-Regimes und des al-Qaida-Netzes Osama bin Ladens untergebracht gewesen seien.

Aufgebrachte Anwohner widersprachen allerdings den Behauptungen der USA. Haji Saifullah, Oberhaupt des Stammesrats dieser Region, erklärte gegenüber der Presseagentur Reuters, dem Überfall seien 107 Personen zum Opfer gefallen, ausnahmslos Zivilisten. Keiner von ihnen sei Mitglied der Taliban oder von al-Qaida gewesen. "Die Angriffe müssen aufhören. Die Amerikaner sollten die Bombardierung stoppen", sagte er. Ein Kameramann von Reuters bestätigte, tiefe Bombenkrater in dem getroffenen Dorf, sowie Körperteile, Blutlachen und Knäuel von menschlichem Haar in den Trümmern gesehen zu haben.

Janat Gul, ein Dorfbewohner, berichtete der Presse, dass 24 Mitglieder seiner Familie getötet worden seien. Er nannte den Angriff einen schrecklichen Fehler: "Es gibt hier überhaupt keine al-Qaida- oder Talibanleute. Die Menschen sind zutiefst erschüttert darüber, was hier passiert." Auf dem Dorffriedhof zeigten Anwohner ein frisches Massengrab, wo 50 Opfer bestattet worden waren. Sie sagten, die übrigen Getöteten hätten zu halb-nomadischen Familien gehört, und ihre Leichen seien in die Bergregion Khost zurückgebracht worden.

Die New York Times zitierte aus einem Vor-Ort-Bericht von Angehörigen einer internationaler Hilfsorganisation, demzufolge die Taliban möglicherweise in diesem Gebiet Waffen versteckt hätten, als sie im November aus Kabul fliehen mussten. Doch seither waren sie weiter gezogen und hatten nur unbrauchbare Restbestände zurückgelassen. Die Luftangriffe, die um drei Uhr nachts erfolgten, hielten zwei Stunden lang an und machten fünf Anwesen dem Erdboden gleich. Dorfbewohner berichteten, dass einige Überlebende, auch Frauen und Kinder, nach dem ersten Angriff zu fliehen versucht hätten, doch sie seien von Kampfhubschraubern verfolgt und niedergemetzelt worden.

"Die Dorfbewohner, fast alles Hinterbliebene der Opfer und ihre Nachbarn, räumten die Trümmer beiseite und bargen die Leichen mit Hilfe von Spaten und Traktoren", heißt es im Bericht. Ortsansässige hätten hier die Überreste von "17 Männern, 10 Frauen und 25 Kindern" gefunden.

Ursprünglich stritt die US-Armee rundheraus ab, dass es irgendwelche zivilen Opfer gegeben habe. Der Kommandant Matthew Klee bestätigte, dass zwei B1-Bomber und eine B-52 eine "bekannte Taliban- und al-Qaida-Siedlung" mit Präzisionswaffen angegriffen hätten, aber kein Dorf. "Alle Bomben erreichten ihr anvisiertes Zielobjekt. Wir trafen genau was wir beabsichtigt hatten, und nichts weiter", sagte er.

Klee behauptete, dass Boden-Luft-Raketen in Richtung der Bomber abgeschossen worden seien, und dass sekundäre Explosionen beobachtet worden seien, die auf das Vorhandensein von Waffen oder eines Treibstofflagers hindeuteten. Aber weder er noch andere US-Sprecher haben ihre Behauptungen durch irgendwelche Beweise untermauert. Die US-Armee hat die Lage nicht in Augenschein genommen, und deshalb hat sie auch keine Möglichkeit, zu überprüfen, wer durch ihre Bomben getötet wurde.

Ein weiterer Sprecher, Major Bill Harrison, versuchte es mit einer anderen Masche. "Es wäre mit Sicherheit eine Tragödie", sagte er, "wenn sich die Berichte über tote Zivilisten als wahr erwiesen. Aber falls unschuldige Zivilisten getötet worden sind", fügte Harrison hinzu, "dann wäre das ihre [der Taliban] eigene Schuld, weil sie Zivilisten dadurch in Lebensgefahr bringen, dass sie direkt neben ihnen Quartier beziehen." Das bekannte Standardargument des "zivilen Schutzschildes" soll die US-Armee von jeder Verantwortung entlasten, doch es liefert keine Erklärung dafür, wie oder warum gerade dieses Zielobjekt ausgewählt wurde, oder ob überhaupt irgendwelche Erwägungen über mögliche zivile Opfer angestellt worden waren.

Der Luftangriff auf Qalaye Niazi ist nun schon der dritte Zwischenfall in der Provinz Paktia, der Berichten zufolge eine erhebliche Zahl ziviler Opfer forderte. Am 27. Dezember wurden mindestens vierzig Menschen im Dorf Naka getötet, als es von amerikanischen B-52-Bombern und einem AC-130 Kampfhubschrauber angegriffen wurde. Nur eine Woche zuvor war ein Konvoi mit etwa hundert Personen in der Nähe des Dorfes Asmani Kilai attackiert worden, wobei über sechzig Menschen getötet wurden. In beiden Fällen stritten die Einwohner strikt ab, dass irgendwelche führenden Taliban- oder al-Quaida-Kämpfer dabei gewesen seien.

Auf einer Pressekonferenz erklärte Abdul Hakum Munib letzte Woche, der Stammesrat von Paktia, dem er vorsteht, "drängt darauf, dass die Interimsregierung von Afghanistan und die Weltallianz gegen den Terrorismus die Bombenangriffe auf Paktia stoppen." Er sagte, unter den im Konvoi Getöteten seien 15 Stammesführer aus der Region Khost in Paktia gewesen, die sich auf dem Weg nach Kabul befunden hätten, um der Amtseinsetzung der neuen Regierung beizuwohnen. "Es waren alles Stammesälteste mit weißen Bärten, die Karzai gratulieren wollten und die aus Versehen bombardiert worden sind", sagte er.

Am 28. Dezember sagte der Verteidigungsminister, General Mohammad Fahim, es gebe keinen Grund, die Bombenangriffe fortzusetzen, da al-Quaida und die Taliban annähernd eliminiert seien und bin Laden wahrscheinlich schon aus dem Land geflüchtet sei. Mohammad Habeel, ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, wurde sogar noch direkter und forderte die Beendigung der Bombardierungen.

Washington jedoch hat jede Einschränkung seiner Militäroperationen in Afghanistan vehement zurückgewiesen. Der US-Kommandant General Tommy Franks erklärte von Präsident Bushs Ranch aus: "Wir werden uns nicht dazu drängen lassen, irgendetwas zu tun, das unseren nationalen Zielen widerspricht, und wir werden uns solange Zeit nehmen wie nötig." Er sagte, er gehe davon aus, dass die US-Kräfte "noch eine ziemlich lange Zeit in Afghanistan bleiben werden".

Der Druck auf Karzai, der enge Beziehungen zu den USA unterhält, steigt, von Washington die Einstellung des Krieges zu verlangen. Letzte Woche traf er sich mit einem Überlebenden aus dem bombardierten Konvoi. Laut dem Stammesführer Munib aus Paktia gab Karzai zu verstehen, er werde auf ein Ende der US-Bombardierungen hinwirken. Aber in einem Interview mit der New York Times am Dienstag unterstützte der afghanische Regierungschef die Fortsetzung der amerikanischen Militäroperationen. "Wir wollen die Terroristen in Afghanistan fertig machen - wir wollen sie bis zum Letzten auslöschen", sagte er, und fügte lediglich die wertlose Einschränkung an: "Aber wir müssen sicherstellen, dass unsere Zivilisten nicht darunter leiden."

Wechselnde Loyalitäten

Allein die Frage, wer in der Schusslinie der US-Armee steht, ist vollkommen unklar. Über die Bombardierung des Konvois am 20. Dezember sind verschiedene Berichte erschienen, die sich je nach den örtlichen Loyalitäten und Rivalitäten unterscheiden. Der Paktia-Führer Munib, der die US-Attacke als einen Fehler bezeichnete, war im gleichen Interview recht offen über seine Verbindungen zu den Taliban. "Ich selbst war unter der Talibanregierung stellvertretender Minister für Kommunikation, Grenzen und Transport. Sie waren auf Seiten der Taliban. Ich war auf Seiten der Taliban. Alle Menschen, die Sie hier sehen, waren auf Seiten der Taliban."

Munibs Verbindungen zu den Taliban waren nicht ungewöhnlich. Nach Jahren interner Konflikte brachten die paschtunischen Stämme den Taliban eine gewisse Sympathie entgegen, wenn auch nicht notwendigerweise aktive Unterstützung. Außerdem war die schnelle Ausbreitung des Taliban-Regimes nach ihrer Gründung 1994 teilweise den massiven Bestechungsgeldern geschuldet, die sie an lokale Stammesführer und Milizkommandeure bezahlten, die dann "Taliban-Vertreter" in ihrer Region wurden. Jetzt haben Munib und seine Unterstützer erkannt, aus welcher Richtung der politische Wind weht, und sie haben ihre Loyalitäten entsprechend geändert, wie es Stammesführer in der Vergangenheit oft getan haben.

Wie ein Artikel der New York Times bemerkte: "In dem Konvoi, der von den Amerikanern angegriffen wurde, könnten sich einige frühere Taliban-Mitglieder befunden haben, doch sie waren in Kabul eindeutig willkommen. Als ihre Route umgeleitet und sie über eine gefährliche Landstraße durch das Gelände eines rivalisierenden Stammes geleitet wurden, versuchten einige Konvoi-Teilnehmer Herrn Karzai zu erreichen und die Zusicherung zu erhalten, nicht bombardiert zu werden, wie Herr Munib sagte. Sie benutzten auch ihre Satellitentelefone, um amerikanische Politiker zu erreichen, sagte er, obwohl er nicht wusste, um welche Politiker es sich dabei handelte."

Munib und andere beschuldigten einen rivalisierenden Stammesführer, Pacha Khan Zadran, durch die Information von US-Vertretern, im Konvoi befänden sich Taliban- und al-Quaida-Führer, zu diesem Angriff angestiftet zu haben. Sein Bruder Ammanulah war einer der handverlesenen Delegierten auf der UN-gesponserten Afghanistan-Konferenz in Bonn und ist jetzt Minister für Grenzen und Stämme in der neuen Regierung. Pacha Khan möchte gerne Gouverneur von Paktia, Paktika und Khost werden, weil er dadurch seinen Einflussbereich in der Region festigen könnte.

Pacha Khan leugnet, der US-Armee Informationen übermittelt zu haben, ist aber recht offenherzig bei der Verleumdung seiner Rivalen. Die Opposition, sagte er, bestehe aus früheren Anhängern der al-Qaida, und der Führer des Stammesrates sei "die Nummer eins unter den al-Qaida-Unterstützern" gewesen. "Sie sind zusammen mit al-Qaida-Leuten in Gardez. Es sind Araber und Tschetschenen." Seiner Meinung nach habe "Amerika bei seinen Bombenangriffen keinen Fehler gemacht". Die Zadran-Brüder sind offensichtlich zum Schluss gekommen, dass der sicherste Weg, im Afghanistan der Nach-Taliban-Zeit mit seinen Feinden abzurechnen, darin besteht, sie als "Leute von al-Qaida" zu denunzieren und den Rest der US-Armee zu überlassen.

Die USA haben auch letzte Woche noch rundheraus abgestritten, bei der Bombardierung des Konvois irgend einen Fehler gemacht zu haben. Der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs, General Richard Myers, erklärte am 28. Dezember: "Wir haben nichts anderes anzugeben, als was wir schon vorher sagten, und dass der Konvoi, ich wiederhole es, aus Führern bestand, die in diesem Krieg gegen Terrorismus eine Rolle spielten." Myers Erklärung legt nicht nur Zeugnis für seine abgebrühte Verachtung von Menschenleben ab, sondern sie wirft außerdem grundlegende Fragen auf.

Wer sind denn diese "Terroristen" in einer Region, wo Loyalitäten üblicherweise austauschbar und von finanziellen Zuwendung abhängig sind? Ist jeder Paschtunen-Führer und jedes Stammesoberhaupt, das die Taliban je unterstützte oder einen niedereren Posten in ihrer Administration bekleidete, für die Angriffe vom 11. September auf New York und Washington verantwortlich zu machen? Wenn das der Fall wäre, könnte Karzai, den die USA doch unterstützen, gerade so gut als Terrorist gebrandmarkt werden, weil er die Taliban zu Beginn ihres Regimes mit Geld und Waffen ausgerüstet hatte.

Die offensichtliche Verwaschenheit, die dem Begriff "Terrorist" hier anhaftet, unterstreicht seinen politischen Zweck - den Vorwand für die uneingeschränkte Operation der US-Armee in einem Krieg zu liefern, der sogar mit dem vorgeblichen Ziel, der "Ausrottung" der al-Qaida- und der Talibanführung, immer weniger zu tun hat. Selbst wenn bin Laden und der Talibanführer Mullah Omar gefangen oder getötet werden, kann Washington immer noch zweit- oder drittrangige Taliban-Vertreter als Vorwand benutzen, um seine Militäroperationen fortzusetzen, die in Wirklichkeit ganz anderen Zielen dienen: der Strategie und den wirtschaftlichen Zielen der USA in Zentralasien und den politischen Bedürfnissen der Bush-Regierung im Inland.

Diejenigen, die letztlich die Schläge des "Kriegs gegen Terrorismus" ertragen müssen, sind die Hunderte Afghanen, die getötet, verstümmelt oder in die Obdachlosigkeit getrieben werden.

Siehe auch:
The US War in Afghanistan

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