Die Sehnsucht nach der starken Hand - oder wie die Süddeutsche Zeitung Bush als Visionär entdeckt

Von Ulrich Rippert
2. Oktober 2002

Unter der Überschrift "Ein Moralist im Weißen Haus" erschien am vergangenen Samstag ein Kommentar der Süddeutschen Zeitung, der mit folgenden Worten beginnt: "Was hat man George Bush in Europa nicht alles geschimpft? Cowboy und Rambo, Bully und religiösen Berserker". Nur drei Begriffe die den Präsidenten eigentlich am besten beschreiben, habe man bisher nicht gehört, und das sei schade, denn: "George Bush ist ein Revolutionär, ein Visionär und ein Moralist."

Der Autor Wolfgang Koydl ist langjähriges Redaktionsmitglied dieser Zeitung, die sich als liberal-demokratisches Sprachrohr versteht. Um dem überraschten Leser den Wind aus den Segeln zu nehmen, wirft Koydl selbst die offensichtlichen Fragen auf: "Was kann revolutionär sein an einem verwöhnten Millionärssöhnchen? Und wo, bitte, sind Visionen bei einem Mann, der seine Lehrjahre im Big Business abgeleistet hat?" Und welche Moral könne man von einem Präsidenten erwarten, "der bei jedem zweiten Satz über die rechte Schulter hinüber schielt zu Amerikas selbstgerechten und bigotten Fundi-Christen, denen er seine Wahl verdankt?"

Dann folgt die Erklärung. Früher seien die "Entrechteten und Entmündigten" Repräsentanten von Revolution, Vision und Moral gewesen. Doch in den vergangen zwei Jahrzehnten seien irgend wann die Pole zwischen Rechts und Links vertauscht worden, und nun seien es die "politischen Enkelkinder von Margaret Thatcher und Ronald Reagan", welche die "verkrusteten Gesellschaftsstrukturen" aufbrechen und umwälzen.

Während in Europa in bekannter Manier weitergewurstelt werde und die Maxime laute: "Nur keine Experimente", habe der amerikanische Präsident erkannt, dass radikale Zeiten auch radikale Antworten erforderten. Grundprämisse seiner Politik sei es, "dass die Welt sich seit dem Fall des Kommunismus und abermals seit dem 11. September 2001 grundsätzlich geändert hat und daher radikale Antworten nötig sind, um Frieden, Freiheit und Wohlstand auch für künftige Generationen zu sichern. Fast alle Maßnahmen, die Bush in den ersten zwei Jahren seiner Präsidentschaft traf und die den lautesten Protest aus Europa hervorriefen, basierten auf dieser Annahme."

Wirklich? Derselbe Bush, der vor zwei Jahren durch Wahlmanipulation und Gangstermethoden an die Macht kam und dessen Politik durch die engstirnigen Interessen einer reichen Clique von Ölmagnaten bestimmt wird, derselbe Bush, der um jeden Preis einen Krieg gegen den Irak vom Zaum brechen will, steht als Garant für "Frieden, Freiheit und Wohlstand auch für künftige Generationen"?

Was ist passiert, dass sich die Töne aus der Münchner Redaktionsstube der Süddeutschen derart verändern?

In der selben Zeitung sind bisher viele, nicht selten kritische Artikel über die Politik der Bush-Regierung erschienen. Selbst Wolfgang Koydl schrieb vor nicht allzu langer Zeit noch anders. Als Bush, kaum im Amt, internationalen Organisationen den Geldhahn zudrehte, die weltweite Programme zur Geburtenkontrolle durchführen und dabei auch Abtreibung unterstützen, kommentierte er scharf und bissig: "Mit solchen Vorschlägen macht Bush zwar den fundamentalistischen Flügel der Republikaner glücklich; in Europa und dem Rest der Welt hingegen schürt er das Vorurteil von einem bigotten, selbstverliebten Amerika." Der Präsident nenne dies "westliche Werte", meine damit allerdings die "Vorstellungen des konservativen Westens der USA", so Koydl im März vergangenen Jahres.

Seitdem hat sich vor allem eines verändert. Die Bush-Administration hat klar gemacht, dass sie ihre politischen Ziele mit äußerster Brutalität und Rücksichtslosigkeit verfolgt - gegenüber Feind und "Freund". Die Wut, mit der sie in den letzten Wochen über die Regierung Schröder herzog, weil sich diese ihrer Irakpolitik widersetzte, hat einige Journalisten und Politiker tief beeindruckt... und fasziniert. Es ist zwar unangenehm, wenn mit der Faust auf den Tisch gehauen wird, aber es imponiert.

Die Begeisterung für die starke Hand ist im deutschen Bildungsbürgertum nicht neu. Man denke nur an den Ende des 19. Jahrhunderts grassierenden Bismarckkult. Als die Expansion des Reichs auf äußere Hindernisse stieß und sich die inneren Konflikte durch das Wachstum der Sozialdemokratie verschärften, suchten die zutiefst verunsicherten und verängstigten gebildeten Klassen neuen Halt, indem sie den brutalen, zynischen und reaktionären Reichsgründer zum Mythos erhoben. Hunderte von steinernen Bismarcktürmen, die unwillkürlich an Verliese erinnern, mahnen bis heute an diesen Kult, der schließlich in Nationalismus, Antisemitismus und Kriegsbegeisterung mündete.

Verunsicherung und Angst dürften auch Motive für Koydls Lobgesang auf Bush sein. Mit Kaltem Krieg und Mauer sind auch alte politische Gewissheiten weggebrochen. Die Aggressivität, mit der die US-Regierung ihren Anspruch auf Weltherrschaft durchsetzt, hat die deutsche und europäische Elite zu tiefst beunruhigt, schließlich gehörte die transatlantische Partnerschaft zu den Grundpfeilern der Nachkriegsstabilität. Sie weiß im Grunde nicht, wie sie mit der Unberechenbarkeit und Rücksichtslosigkeit umgehen soll, die Bush, Cheney, Rumsfeld und Co. an den Tag legen.

Die europäische Politik ist noch stark von den Nachkriegsverhältnissen geprägt und setzt auf Ausgleich statt auf Konfrontation. Auf Gewalt in Form von Handelskriegen und militärischen Auseinandersetzungen ist sie nur mangelhaft vorbereitet. Hinzu kommt, dass die sozialen Gegensätze mit jedem Tag, an dem Aktienkurse und Steuereinnahmen weiter einbrechen, schärfer werden. Was also tun?

Koydls Lobrede auf Bush ist letztlich ein Aufruf an die Regierungen Europas, mit gleicher Münze Politik zu machen. "Heute werden die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt, und Amerika liegt nicht nur technologisch, sondern auch in Sachen Problembewusstsein in Führung," schließt sein Kommentar. "Wenn Europa ein weiteres amerikanisches Jahrhundert verhindern will, dann muss es endlich selber etwas tun anstatt zu jammern über den Sheriff im Weißen Haus."

Und genau darin besteht die Gefahr. Bereits jetzt wird hinter der diplomatischen Fassade systematisch nach innen und außen aufgerüstet. Das setzt eine Entwicklung in Gang, die auf heftige Zusammenstöße zwischen den Großmächten hinaus läuft.

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