Die 55. Frankfurter Buchmesse

Arbeiterpresse Verlag veröffentlicht Essays von Alexander K. Woronski

Von Marianne Arens
16. Oktober 2003

Der Arbeiterpresse Verlag, der eng mit der Partei für Soziale Gleichheit zusammen arbeitet, war auch in diesem Jahr wieder mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse vom 8.-13. Oktober vertreten. Er beging sein 25-jähriges Bestehen mit der Präsentation der deutschen Erstveröffentlichung der Essays von Alexander K. Woronski in dem Band "Die Kunst, die Welt zu sehen".

Woronski, Herausgeber der wichtigsten russischen Literaturzeitschrift in den zwanziger Jahren, hatte Leo Trotzki und die Linke Opposition in ihrem Kampf gegen den Stalinismus unterstützt und war deshalb 1937 während Stalins großem Terror hingerichtet worden. Der neue Band, der in wenigen Wochen ausgeliefert wird, stieß bei den Besuchern der Buchmesse auf reges Interesse.

Die 55. Frankfurter Buchmesse verzeichnete mit rund 300.000 Besuchern und über 6.600 Ausstellern aus 102 Ländern ein neu erwachtes Interesse am Bücherlesen. Den Erwartungen zum Trotz war jedoch das Niveau der Neuerscheinungen nicht immer hoch, und das Spektrum der Events, die den größten Büchermarkt der Welt begleiteten, war äußerst heterogen. Es reichte von einer Veranstaltung mit Günter Grass, die immerhin 1.200 Besucher anlockte, über die Präsentation des Boxweltmeisters Muhammad Ali mit seinem neuen Buch "GOAT - Greatest Of All Time" und einer 5.000 Teilnehmer starken "Russen-Disco" mit Wladimir Kaminer, bis hin zum Auftreten des skandalträchtigen Popsängers Dieter Bohlen.

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, der jedes Jahr während der Buchmesse in der Frankfurter Paulskirche verliehen wird, ging diesmal an die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, die in der Verleihungsurkunde als "intellektuelle Botschafterin zwischen den beiden Kontinenten" bezeichnet wurde.

Sontag, die 1999 den Nato-Krieg gegen Jugoslawien nach als "gerechten Krieg gegen das radikal Böse" unterstützt hatte, war in jüngster Zeit wiederholt als Gegnerin der Bush-Regierung und des Irak-Kriegs in Erscheinung getreten. Wohl aus diesem Grund blieb der amerikanische Botschafter Daniel Coates der Preisverleihung fern, was Susan Sontag zur Bemerkung veranlasste, er sei "mehr daran interessiert, auf der ideologischen Haltung und grollenden Reaktion der Bush-Administration zu bestehen, als eine normale diplomatische Pflicht zu erfüllen".

Wer von Sontag eine "provozierende Rede" erwartete, wie sie es vorher selbst angekündigt hatte, sah sich allerdings getäuscht. Sie dozierte in der Paulskirche über die Kluft zwischen den USA und Europa, die sie bis zu den Anfängen der USA zurückverfolgte, und versah damit den gegenwärtigen außenpolitischen Konflikt mit einer kulturhistorischen Dimension.

Der Konflikt habe "tiefe Wurzeln", sagte sie. Die Autoren, die in jüngster Zeit die Vorstellung von einem Zusammenprall europäischer und amerikanischer Interessen und Werte entwickelt hätten, hätten diese Antithese nicht erfunden. "Der Antagonismus - denn es besteht ein Antagonismus - lässt sich in der unmittelbaren Zukunft nicht lösen, allem guten Willen vieler Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks zum Trotz." Man müsse aber diejenigen verurteilen, die diese Unterschiede noch vergrößern wollten.

Weitere Veranstaltungen kultureller und politischer Art, Lesungen, Ausstellungen, Buchpräsentationen, Konzerte, Filme und Diskussionen fanden auf der Buchmesse und ihren dreizehn Foren in der Stadt Frankfurt und in ganz Hessen statt.

Auf einer Versammlung im Frankfurter Gewerkschaftshaus diskutierte der israelische Knesseth-Abgeordnete Uri Avnery gemeinsam mit der palästinensischen Professorin Sumaya Farhat-Nasser über Perspektiven "für einen gerechten Frieden im Nahen Osten". Der große Saal war überfüllt, und es gab enorme Unterstützung für den Vorschlag einer internationalen Kampagne gegen die Trennungsmauer, die gegenwärtig von der Scharon-Regierung im Westjordanland hochgezogen wird, um die Palästinensergebiete weiter zu isolieren.

Gastland und Themenschwerpunkt der Buchmesse war in diesem Jahr Russland, im kommenden Jahr wird es die arabische Welt sein.

Unter dem Motto "Russland - Neue Seiten" wurden Hunderte Veranstaltungen angeboten, die Einblick in die moderne russische Kultur geben sollten; aber ein Teil davon roch verdächtig alt und abgestanden nach einem Wiederaufleben des vorrevolutionären, zaristischen Russlands. Präsentiert wurden viele Ikonen und Holz-Matroschkas, der Schamanismus, das Bernsteinzimmer und eine Ausstellung über die Brieffreundschaft zwischen dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und dem Zaren Nikolaus II.

Star der Buchmesse war Tatjana Tolstaja, die Großnichte von Lew Tolstoj und Enkelin des Grafen Alexeij Tolstoj, die politisch die "Reformer" um Boris Jelzin unterstützt, die nach der Auflösung der Sowjetunion einer ungeheuren privaten Bereicherung Einzelner auf Kosten der Bevölkerung Tür und Tor geöffnet haben. Dazu befragt, sagte Tolstaja: "Es gibt starke Bestrebungen, die Privatisierungen von damals rückgängig zu machen und die reichen Leute wieder zu enteignen. Das sind dumme Ideen, weil sie nur dazu führen, dass die Leute ihr Geld ins Ausland schaffen."

Die zentrale Ausstellung, die das Gastland Russland im Forum der Buchmesse vorstellen sollte, wirkte mager und einfallslos. Interessant war nur die Bücherschau, die vom Börsenverein des deutschen Buchhandels selbst gestellt worden war. Darunter konnte man im Bücherregal zur zeitgenössischen Geschichte auch mehrere Bücher des Arbeiterpresse Verlags - einige Werke Leo Trotzkis, sowie mehrere Bände des russischen Historikers Wadim S. Rogowin - entdecken.

Siehe auch:
Der Arbeiterpresse Verlag im Internet
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - November/Dezember 2003 enthalten.)

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