Norwegisches Festival setzt nach Gesprächen mit italienischen Regierungsvertretern Dokumentarfilm über Berlusconi ab

Von Richard Phillips
3. April 2004

Am letzten Freitag, zwei Tage vor Beginn des 3. Europäischen Dokumentarfilmfestivals im norwegischen Oslo, erklärte die Direktorin des Filminstitutes (NFI), Vigdis Lian, der Film Citizen Berlusconi (Bürger Berlusconi), ein 56-minütiger Dokumentarfilm über den italienischen Ministerpräsidenten, werde auf dem Festival nicht zur Aufführung kommen. Lian traf diese Entscheidung nach einem Gespräch mit Vertretern der italienischen Botschaft.

Die amerikanisch-europäische Gemeinschaftsproduktion unter der Regie von Susan Gray, deren Titel eine Anspielung auf Orson Welles Meisterwerk über einen US-Medienmogul, Citizen Kane, ist, wurde in mehreren Ländern aufgeführt und in den letzten sechs Monaten in den USA, in Australien und Norwegen im Fernsehen gezeigt. In Italien kam sie nie zur Aufführung, weil die Filmemacher dort mit juristischer Verfolgung und Gefängnis rechnen müssten.

Liam sagte, ihre Entscheidung bedeute "keine Zensur", niemand habe sie "instruiert", den Berlusconi-Dokumentarfilm abzusetzen: "Es war meine eigene Entscheidung". Weiter behauptete Liam, Citizen Berlusconi sei ein "persönlicher Frontalangriff" auf den italienischen Ministerpräsidenten, und es wäre "sehr ungeschickt, diesen Film zu zeigen", da das Festival in Zusammenarbeit mit der italienischen und anderen Botschaften arrangiert worden sei.

Der Dokumentarfilm ist aber keine persönliche Attacke gegen Berlusconi, sondern eine Untersuchung von Berlusconis Aufstieg zum Ministerpräsidenten, seiner Monopolstellung in den italienischen Medien und der gefährlichen Angriffe auf demokratische Grundrechte, die seine Regierung seither verübt hat. Detailliert werden darin die zahlreichen Anklagen wegen Korruption und Bestechungsbeschuldigungen gegen Berlusconi genannt und viele Fragen über seine Geschäftsmethoden aufgeworfen, wie zum Beispiel die nach seinen frühen Verbindungen zum Sozialistenführer Bettino Craxi oder zur Mafia, die ihm für den Abschluss lukrativer Verträge nützlich waren. Der Film nimmt auch die Berlusconi-Partei Forza Italia unter die Lupe und untersucht ihre Regierungskoalition mit der rechtsextremen Nationalen Allianz und der separatistischen Lega Nord, sowie deren beispiellosen Gesetzesänderungen, die nur dazu da sind, das Geschäftsimperium des Ministerpräsidenten zu beschützen und zu vergrößern.

Die Entscheidung, den Film vom Festival abzusetzen, die einen ernsten Angriff auf demokratische Rechte und Meinungsfreiheit darstellt, schockierte die Förderer des norwegischen Festivals und provozierte ärgerliche Kommentare mehrerer Zeitungskolumnisten und des Koproduzenten von Citizen Berlusconi, Stefano Tealdi.

Tealdi sagte der Zeitung Dagsavisen : "Wir haben die skandinavischen Länder immer als die demokratischsten der Welt betrachtet. [Aber] das hier ist genau das gleiche, was in Italien geschieht, wo man versucht, die Meinungsfreiheit einzuschränken." Mode Steinkjer, der für Dagsavisen schreibt, erklärte: "Dies zerstört nicht nur jede Glaubwürdigkeit dieses debattierfreudigen Festivals, sondern es zeigt auch, wie sehr die Meinungsfreiheit in Europa unter Druck ist."

Schon vor der Zensur von Citizen Berlusconi wurde Ende Februar ein anti-zionistisches Gemälde aus der Kunstgalerie von Oslo entfernt. Der Galeriebesitzer Andreas Engelstad hängte ein Bild des bekannten politischen Künstlers Chris Reddy ab, nachdem die israelische Botschafterin Liora Herzel interveniert hatte. Das Gemälde, in dem in den Wörtern "Israel" und "USA" der Buchstabe "S" in Hakenkreuzform dargestellt ist, wirke laut Herzel "anstößig" auf Juden, Israelis und Amerikaner und habe deshalb "keinen Platz in der Ausstellung".

Obwohl nicht bekannt ist, was die italienischen Diplomaten letzte Woche zur NFI-Direktorin Liam sagten, ist die Entscheidung, den Film abzusetzen, eine Kapitulation vor ihren Forderungen und ein beredtes Beispiel für die Methoden, die das Berlusconi-Regime anwendet, um italienische Künstler, Filmemacher und Schriftsteller zum Schweigen zu bringen.

Berlusconi, der reichste Mann Italiens, kontrolliert zur Zeit 90 Prozent des italienischen Fernsehens, beherrscht das Radio, die Zeitungen und die Werbung und übt somit gewaltige Macht über alles aus, was gesendet und gedruckt wird. In den letzten drei Jahren sind fünf Fernsehsendungen abgesetzt, Zeitungsherausgeber entlassen und Journalisten, Künstler und Stückeschreiber vor Gericht gezerrt und mit Gefängnis bedroht worden, weil sie es gewagt hatten, Berlusconi zu kritisieren. Der Medienkommentator Giovanni Sartori bemerkt in Citizen Berlusconi : "In Italien ist die Meinungsfreiheit in Gefahr".

So groß ist das Ausmaß politischer Einschüchterung gegen Journalisten und Künstler, dass die Medienorganisation Reporter Ohne Grenzen Italien auf ihrem Index für Pressefreiheit ganz ans Ende der Liste der EU-Länder rückte.

Im Jahr 2002 setzte die staatliche Agentur RAI zwei ihrer erfolgreichsten Fernsehsendungen ab - "Il Fatto" und "Sciuscia" - weil sie Berlusconi-kritisch waren. Im April jenes Jahres beschuldigte der Ministerpräsident "Sciuscia"-Journalisten, sie hätten "kriminellen Gebrauch vom öffentlichen Fernsehen" gemacht, nachdem sie vermutete Verbindungen zwischen der Mafia und einem von Berlusconis engsten Verbündeten untersucht hatten. Im Oktober 2002 wurde eine Folge der satirischen Reihe "Blob" zensiert, weil sie sich über Berlusconi lustig machte. Unter dem Titel "Berlusconi gegen alle" nahm die Show das gezierte Getue des Ministerpräsidenten auf Pressekonferenzen und in Fernsehsendungen aufs Korn.

Letztes Jahr setzte RAI die satirische Reihe "Raiot" ab, die sich hin und wieder Scherze über Berlusconi erlaubt hatte. Die Entscheidung fiel, nachdem Berlusconis Fernsehgesellschaft Mediaset eine Diffamierungsklage gegen RAI erhoben hatte, weil eine "Raiot"-Episode sich mit den Massenmedien in Italien befasst hatte.

In den letzten drei Jahren haben italienische Gerichte auch gegen Medienstandards der Vereinten Nationen verstoßen, indem sie zwei Journalisten wegen Diffamierung zu 18-monatigen Gefängnisstrafen verurteilten. Unter dem Vorwand, gegen den Terrorismus zu kämpfen, führt die italienische Polizei immer häufiger Razzien in Zeitungsredaktionen und Privatwohnungen von Journalisten durch.

Die Antiterror-Polizei durchsuchte letztes Jahr die Wohnungen zweier Journalisten der Tageszeitung Il Messaggero, nachdem Artikel über Polizeigewalt während des G8-Gipfels in Genua 2001 erschienen waren. Die Journalisten wurden beschuldigt, Auszüge aus einem geheimen Polizeibericht über den jungen Demonstranten Carlo Giuliani zitiert zu haben, der während der Proteste getötet worden war.

Diese Angriffe sind nicht auf Fernsehen und Zeitungen beschränkt. Der italienische Filmemacher Marco Giusti sagte auf dem Cannes Filmfestival 2002, italienische Regierungsvertreter hätten versucht, seinen Dokumentarfilm über Polizeibrutalität beim G8-Gipfel in Genua zu unterdrücken. Im Mai desselben Jahres erhielt Luca Ronconi, eine der bekanntesten Theaterdirektorinnen, von Regierungsvertretern den Befehl, fünf Meter große Karikaturen von Berlusconi und anderen Ministern aus ihrer Theaterproduktion zu entfernen. Die Karikaturen gehörten zu einer Aufführung von "Die Frösche", einem griechischen Stück von Aristophanes aus dem fünften Jahrhundert B.C., das in Syrakus, Sizilien aufgeführt werden sollte.

Der Literaturnobelpreisträger Dario Fo wird zur Zeit wegen seines neuen Stücks "L'anomalo bicefalo" (Der zweiköpfige Anomale), einer Satire über Berlusconi, auf eine Million Euro verklagt. Dario Fo und seine Frau Franca Rame stellen darin den italienischen Ministerpräsidenten und seine Frau Veronica Lario dar, die früher eine zweitklassige Filmschauspielerin war. Der Gerichtsprozess wird auf Betreiben des Senators Marcello Dell'Utri (Forza Italia) geführt, der behauptet, der 77-jährige Stückeschreiber "verfolge" Berlusconi. Dell'Utri, ein Mitgründer von Forza Italia, steht selbst vor Gericht, weil er in Berlusconis Werbekonzern Publitalia Mafiagelder gewaschen haben soll. Er steht unter Anklage, die Mafia Anfang der neunziger Jahre für die Unterstützung von Forza Italia gewonnen zu haben.

Siehe auch:
"Alle für einen einer für sich" - Ein Porträt der Regierung Berlusconi
(28. März 2002)
Berlusconi verschärft Angriffe auf die Justiz
( 17. September 2003)

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