Drastischer Mitgliederschwund der britischen Labour Party

Von Julie Hyland
22. April 2004

Nach den zuletzt veröffentlichten Zahlen steht die Partei mit 248.294 eingetragenen Mitgliedern nun hinter den Konservativen - mit ausgewiesenen 300.000 Mitgliedern - obwohl der Vertrauensverlust, den die Tories in der letzten Dekade erfahren haben, auch ihnen einen neuen Tiefpunkt beschert hat.

Der Guardian brachte am 12. April Details über die als düster beschriebene Situation an die Öffentlichkeit. Inzwischen gebe es in der Partei schon eine Gruppe "Rettet die Labour Partei" (SLP), die das Drama angehen will.

Die Gruppe ist besorgt darüber, dass die Partei bei durchschnittlich weniger als 390 Mitgliedern pro Wahlkreis keine effektive Wahlkampagne mehr auf die Füße stellen kann. Es gebe nicht einmal genügend Freiwillige für die Wahlwerbung und um in Briefaktionen die Post versandreif zu machen. In manchen Ortsverbänden gebe es faktisch keine Versammlungen oder Beschlussfassungen mehr. Die Situation sei derart, dass sie die Wahlchancen in den näher rückenden Europawahlen und Kommunalwahlen am 10. Juni 2004 bedrohe.

Selbst die letzten veröffentlichten Mitgliederzahlen sind laut SLP überhöht, da sie inzwischen beendete Mitgliedschaften noch mit erfassten. Die Zahlen halten den Stand von Ende 2002 fest. Die Austritte, die wegen der Haltung der Partei zum Irakkrieg im Jahre 2003 erfolgten, sind nicht berücksichtigt. Hierzu gibt es keine offiziellen Zahlen, aber es ist aus verschiedenen Quellen zu hören, dass Tausende allein wegen des Irakkrieges ihrer Partei den Rücken kehrten.

Aus ehemaligen Labour-Hochburgen, wie beispielsweise Sheffield, kommen Klagen, dass die Partei Probleme habe sicherzustellen, dass jedes Wahlbüro besetzt sei. Einem Bericht zufolge sei die Partei in den letzten Wahlen nicht einmal in der Lage gewesen, fünf Wahlbüros in der Stadt zu besetzen.

Eine Untersuchung in acht Wahlbezirken, so der Guardian, deckte auf, dass von den geführten Mitgliedern fast 12 Prozent seit mehr als sechs Monaten mit ihren Mitgliedsbeiträgen im Rückstand seien und ihre Mitgliedschaft damit erloschen sei. Man kann davon ausgehen, dass die tatsächliche Mitgliederzahl um etwa 30.000 geringer liegt, als die veröffentlichte. Labour liegt somit auf einem Niveau, wie letztmalig in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Der Vorsitzende der Gruppe SLP, Peter Kenyon sagte, seine Gruppe sei der Meinung, es sei politisch gefährlich, sich auf den geschönten Zahlen auszuruhen. "Die jüngsten Zahlen sind eine schreiende Anklage gegen die jetzige Generation der politischen Führer Englands und im Besonderen New Labours unter Blair", sagte Kenyon. "Wenn wir jetzt schweigen, ist das für unsere Wahlchancen viel gefährlicher, als wenn wir auf die Probleme aufmerksam machen."

1994 wurde Blair Parteichef und 1997 Premierminister. Labour räumt nun ein, dass die jüngste Mitgliederzahl weit unter den im Jahr 1997 angegebenen 405.000 Mitgliedern der Partei liegen und sogar unter den 265.000, die man 1994 auswies.

Die Erhöhung der Mitgliederzahlen zwischen 1994 und 1997 wurde weitgehend dadurch ermöglicht, dass Blair sich für geringere Beitragssätze entschied, um sich eine eigene Machtbasis innerhalb der Partei zu schaffen, die es ihm ermöglichte, die Verbindungen Labours zur Arbeiterklasse zu kappen.

Blair machte Labour zur bevorzugten Partei des großen Geldes. Er setzte mehr auf die privilegierten Schichten der Mittelklasse und auf desillusionierte Konservative, und lockte sie an, indem er das Loblied auf den freien Markt und das globale Kapital sang. In der Wahl von 1997 bekam er bereits die Unterstützung des stramm konservativen Blattes Sun. Die Passivität der sogenannten "Linken" in England tat ein Übriges dazu.

Die Unterstützung dieser Schichten reichte aus, um Blair an die Macht zu bringen, aber sie waren nicht in der Lage, die Labour Partei als lebens- und entwicklungsfähige politische Organisation zu erhalten.

Es passt ins Bild, dass man auf Labours Schicksal nun in gleicher Weise reagiert, wie auf das Schicksal vom Aussterben bedrohter Arten - nämlich durch die Gründung einer speziellen Gruppierung, die ihr Überleben in einer ansonsten feindlichen Umgebung sichern soll.

Die Begeisterung Labours für Privatisierungen, die Attacken auf demokratische Rechte, die Kriegsbegeisterung unter Missachtung der öffentlichen Meinung haben dem Ruf der Partei ernstlichen Schaden zugefügt. Der Verlust einer einst treuen Mitgliedschaft durch den Irakkrieg ist nur ein besonderer Ausdruck der Entfremdung weiter Kreise der Bevölkerung von Blair und seinem Monster namens New Labour.

Weder die besorgten Anstrengungen der SLP, noch Rupert Murdochs Medienimperium werden den Niedergang dieser Partei aufhalten können, der seine Ursache in der Zunahme der Klassengegensätze und der sozialen Ungleichheit hat, zu denen die Politik der Blair-Regierung kräftig beigetragen hat.

Labours kreativste Idee um Mitglieder zurückzugewinnen besteht nun darin, Blair einen persönlichen Brief an die 40.000 seit 2001 ausgetretenen Mitglieder senden zu lassen, um sie wieder ins Boot zu holen. Die Partei ist so weit von den Sorgen und Gedanken der Lohnabhängigen entfernt, dass der Premierminister von der Parteiführung immer noch als ihr größter Trumpf, statt als größte Belastung angesehen wird.

Siehe auch:
Blair will Rebellion gegen Studiengebühren niederschlagen
(27. Januar 2004)
Labour-Parteitag wirft sich Blair zu Füßen
( 8. Oktober 2004)

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