Vierter Vortrag: Marxismus, Geschichte und Wissenschaft der Perspektive

Teil 6

Von David North
14. Oktober 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Trotzki und die Permanente Revolution

Gegen Ende des Jahres 1904, am Vorabend der revolutionären Erhebungen, die wenig später das Land erschüttern sollten, entwarf der 25-jährige Leo Trotzki eine verblüffend originelle Analyse der sozioökonomischen und politischen Dynamik des antizaristischen Kampfes in Russland. Bei der Ausarbeitung von Perspektiven für Russland lehnte er jede formalistische Herangehensweise ab. Die demokratische Revolution im Russland des frühen 20. Jahrhunderts konnte nach Trotzki nicht einfach die Formen nachahmen, die antiautokratische Revolutionen fünfzig oder gar hundert Jahre zuvor angenommen hatten. Vor allem war die Entwicklung des Kapitalismus in Europa und weltweit auf einem unvergleichlich höheren Stand als in den vorangegangenen historischen Perioden. Sogar der russische Kapitalismus, der im Vergleich zu den fortgeschrittensten europäischen Staaten ökonomisch hinterherhinkte, zeichnete sich durch eine kapitalistische Industrie aus, die im Vergleich zu der des 19. oder gar 18. Jahrhunderts unendlich viel höher entwickelt war.

Die Entwicklung der russischen Industrie, die durch französisches, englisches und deutsches Kapital finanziert wurde, konzentrierte sich in hohem Maße auf einige Schlüsselindustrien in wenigen Großstädten. Die dadurch entstandene Arbeiterklasse spielte, wenngleich sie nur einen geringen prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung des Landes ausmachte, eine immense Rolle in dessen Wirtschaftsleben. Darüber hinaus hatte die russische Arbeiterbewegung seit Mitte der 1890er Jahre einen äußerst militanten Charakter angenommen, ein hohes Maß an Klassenbewusstsein entwickelt und spielte mittlerweile eine weitaus gewichtigere und beständigere Rolle im Kampf gegen die zaristische Autokratie.

Gegen Plechanows Zweistufentheorie wie auch Lenins Annahme einer demokratischen Diktatur wandte Trotzki ein, dass beide Konzepte der Arbeiterklasse eine Selbstbeschränkung auferlegten, die sich im tatsächlichen Verlauf der Revolution als völlig unrealistisch erweisen würde. Die Annahme, das bürgerliche und das sozialistisches Stadium der Revolution seien vollständig voneinander getrennt und die Arbeiterklasse werde, nachdem sie den Zaren gestürzt habe, ihre sozialen Kämpfe auf das innerhalb des kapitalistischen Systems Akzeptable beschränken, war höchst fragwürdig. Bei ihrem Versuch, die Errungenschaften der demokratischen Revolution zu verteidigen, sie weiter auszubauen und ihre eigenen sozialen Interessen zu verfolgen, würde die Arbeiterklasse unweigerlich in Konflikt mit den Interessen der Unternehmer und dem kapitalistischen System als Ganzem kommen. Wenn eine solcher Fall einträte, beispielsweise ein erbitterter Streik von Arbeitern gegen einen reaktionären und unnachgiebigen Kapitalisten - welche Haltung würden die in der "Demokratischen Diktatur" mit verantwortungsvollen Posten betrauten Abgeordneten oder Minister der Arbeiterklasse einnehmen? Würden sie sich auf die Seite der Unternehmer stellen, den Arbeitern sagen, ihre Forderungen gingen über das hinaus, was im kapitalistischen Rahmen zulässig sei, und sie anweisen, ihren Kampf zu beenden?

Der Standpunkt Plechanows und - nach der Spaltung in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) im Jahr 1903 - der Menschewiki war, dass die Sozialisten dieses politische Dilemma vermeiden würden, indem sie die Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung nach dem Sturz des Zaren verweigern. Die Perspektive ihrer Zweistufentheorie erforderte prinzipiell politische Enthaltsamkeit.

Dies lief darauf hinaus, aus Gründen historischer und politischer Notwendigkeit alle politische Macht der Bourgeoisie zu überlassen. Abgesehen davon, dass er schematisch und formalistisch war, ignorierte dieser Standpunkt den politischen Umstand, dass die politischen Schlussfolgerungen aus der Zweistufentheorie aller Wahrscheinlichkeit nach zum Scheitern der demokratischen Revolution selbst führen würden. Angesichts des feigen Charakters der russischen Bourgeoisie, ihrer krankhaften Angst vor der Arbeiterklasse sowie ihrer zwiespältigen, kapitulationsbereiten Haltung gegenüber dem Zarismus bestand Trotzki zufolge kein Grund zu der Annahme, dass sich die russischen Liberalen gegenüber der Revolution weniger verräterisch verhalten würden als die deutsche Bourgeoisie in den Jahren 1848/49.

Was die Formel Lenins anbelangte, so sah diese eine revolutionäre Diktatur vor, in der sich die Sozialisten die Macht mit den Vertretern der Bauernschaft teilen würden. Doch sie zeigte weder auf, welche Klasse in diesem Verhältnis die führende Rolle spielen, noch wie man mit den inneren Spannungen umgehen würde, die angesichts der sozialistischen Bestrebungen der Arbeiterklasse und der bürgerlich-kapitalistischen Beschränkungen der demokratischen Diktatur aufkommen mussten. Trotzki beharrte darauf, dass sich auf kapitalistischer Grundlage und innerhalb des Rahmens der von Lenin vorgeschlagenen demokratischen Diktatur kein Ausweg aus diesem Dilemma finden ließe.

Ein tragfähiges politisches Programm für die Arbeiterklasse musste davon ausgehen, dass die soziale und politische Dynamik der russischen Revolution unumgänglich zur Machteroberung durch die Arbeiterklasse führt, dass die demokratische Revolution in Russland - und allgemein in Ländern mit verspäteter bürgerlicher Entwicklung - nur dann vollendet, verteidigt und gefestigt werden kann, wenn die Arbeiterklasse mit Unterstützung der Bauernschaft die Staatsmacht übernimmt. In einer solchen Situation würden schwere Eingriffe in das bürgerliche Eigentum unvermeidlich sein: Die demokratische Revolution würde zunehmend einen sozialistischen Charakter annehmen.

Es lässt sich, vor allem hundert Jahre später, nur schwer ermessen, welch einen Eindruck Trotzkis Argumente auf russische und auch europäische Sozialisten machte. Seine Argumentation, dass die Arbeiterklasse im rückständigen Russland die Eroberung der politischen Macht ansteuern sollte und dass die kommende Revolution einen sozialistischen Charakter annehmen würde, schien allem zuwider zu laufen, was Marxisten als objektive ökonomische Voraussetzungen für den Sozialismus betrachtet hatten. Das wirtschaftlich fortgeschrittene Großbritannien mochte reif für den Sozialismus sein (auch wenn seine Arbeiterklasse in Europa zu den konservativsten zählte). Frankreich oder Deutschland vielleicht. Aber das rückständige Russland? Unmöglich! Ein Irrsinn!

Trotzkis Vorwegnahme einer sozialistischen Revolution in Russland war sicherlich ein intellektueller Kraftakt. Aber noch außergewöhnlicher war das theoretische Verständnis, mit dem er den Einwand gegen eine Machteroberung durch die Arbeiterklasse und gegen eine sozialistische anstatt bürgerlich-demokratische Entwicklung der Revolution widerlegte, der bisher allgemein als unbestreitbar gegolten hatte, nämlich das Fehlen der ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus in Russland.

Dieser Einwand war nicht zu entkräften, solange man die Aussichten für den Sozialismus in Russland lediglich innerhalb des Rahmens der nationalen Entwicklung dieses Landes betrachtete. Dass die nationale Entwicklung der russischen Wirtschaft keinen für den Aufbau des Sozialismus erforderlichen Stand erreicht hatte, war nicht zu bestreiten. Doch was, wenn man Russland nicht einfach als nationale Einheit, sondern als integralen Teil der Weltwirtschaft ansah? Und in der Tat konnte die russische Entwicklung insofern, als das Anwachsen des russischen Kapitalismus vom Zufluss internationalen Kapitals abhängig war, nur als Ausdruck eines komplexen und einheitlichen Weltprozesses verstanden werden.

Als sich die Russische Revolution 1905 entwickelte, erklärte Trotzki, der Kapitalismus habe "die ganze Welt in einen einzigen ökonomischen und politischen Organismus verwandelt. [...] Das verleiht den sich entwickelnden Ereignissen von Anfang an einen internationalen Charakter und eröffnet eine große Perspektive: die politische Emanzipation, geleitet von der Arbeiterklasse Russlands, hebt diese ihre Führerin auf eine in der Geschichte bisher unbekannte Höhe, legt kolossale Kräfte und Mittel in ihre Hand, lässt sie die Vernichtung des Kapitalismus beginnen, für die die Geschichte alle objektiven Voraussetzungen geschaffen hat." [18]

Lasst mich zitieren, was ich bereits vor einigen Jahren zu Trotzkis Analyse der Triebkräfte der russischen und internationalen Revolution geschrieben hatte:

"Trotzkis Herangehensweise stellte einen erstaunlichen theoretischen Durchbruch dar. Genau wie Einsteins Relativitätstheorie - ein weiteres Geschenk des Jahres 1905 an die Menschheit - den Begriffsrahmen für die Sicht des Universums grundlegend und unwiderruflich änderte und Probleme lösbar machte, auf die es in der Zwangsjacke der klassischen Newtonschen Physik keine Antworten gegeben hatte, so führte auch Trotzkis Theorie der permanenten Revolution zu einer grundlegenden Verschiebung der analytischen Perspektive, unter der revolutionäre Prozesse betrachtet wurden. Vor 1905 wurden Revolutionen als Resultat fortschreitender nationaler Ereignisse aufgefasst, deren Ergebnis von der Logik ihrer inneren sozioökonomischen Struktur und Beziehungen bestimmt wurde. Trotzki trat für eine andere Herangehensweise ein: Die Revolution sollte in der modernen Epoche als ein im Wesentlichen welthistorischer Prozess aufgefasst werden, ein Prozess des Übergangs von der Klassengesellschaft, die politisch in Nationalstaaten verwurzelt war, zu einer klassenlosen Gesellschaft, die sich auf der Grundlage einer global integrierten Wirtschaft und der international vereinten Menschheit entwickelt.

Die Analogie zu Einstein ist meiner Meinung nach nicht weit hergeholt. Es bestand eine Parallele zwischen den Erkenntnisproblemen, die sich den Theoretikern der Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten, und denjenigen der Physiker. In ganz Europa ergaben Experimente Resultate, die nicht mit den vertrauten Formeln der klassischen Newtonschen Physik erklärt werden konnte. Die Materie verhielt sich, zumindest auf der Ebene der subatomaren Teilchen, nicht so, wie sie es nach Herrn Newton eigentlich sollte. Einsteins Relativitätstheorie lieferte den begrifflichen Rahmen für das Verständnis des materiellen Universums.

In ähnlicher Weise war die sozialistische Bewegung mit einer Flut sozioökonomischer und politischer Daten konfrontiert, die innerhalb des bestehenden theoretischen Rahmens nicht angemessen verarbeitet werden konnten. Wegen ihrer schieren Komplexität entzog sich die moderne Weltwirtschaft simplifizierenden Definitionen. Die Entwicklung der Weltwirtschaft schlug sich mit bis dahin unbekannter Stärke innerhalb jeder nationalen Wirtschaft nieder. Selbst rückständige Ökonomien wiesen - infolge von Investitionen aus dem Ausland - einige hoch entwickelte Merkmale auf. Es gab feudalistische oder semi-feudalistische Regime, deren politische Strukturen in Überbleibseln des Mittelalters verhaftet waren, während die Wirtschaft der von ihnen beherrschten Länder stark von der Schwerindustrie geprägt war. Es war auch nicht ungewöhnlich, dass man in Ländern mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung auf eine Bourgeoisie traf, die weniger Interesse am Erfolg ‚ihrer’ demokratischen Revolution an den Tag legte als die einheimische Arbeiterklasse. Diese Anomalitäten passten nicht in formalstrategische Schemata, die in ihren Prognosen von gesellschaftlichen Phänomen ausgingen, die weniger von inneren Widersprüchen zerrissen waren.

Trotzkis große Leistung bestand in der Ausarbeitung eines neuen Theorierahmens, der den neuen sozialen, ökonomischen und politischen Komplexitäten gerecht wurde. Es war nichts Utopisches an Trotzkis Ansatz. Er entsprang vielmehr einer tiefen Einsicht in die Auswirkungen der Weltwirtschaft auf das gesellschaftliche und politische Leben. Eine realistische Herangehensweise an die Politik und die Erarbeitung einer wirkungsvollen revolutionären Strategie hing davon ab, dass die sozialistischen Parteien vom objektiv gegebenen Primat des Internationalen gegenüber dem Nationalen ausgingen. Dies erschöpfte sich nicht im Eintreten für internationale proletarische Solidarität. Ohne ein Verständnis ihrer wesentlichen, objektiven Grundlage in der Weltwirtschaft, und ohne die objektive Realität der Weltwirtschaft zur Grundlage des strategischen Denkens zu machen, würde der proletarische Internationalismus ein utopisches Ideal bleiben, das keinen inneren Zusammenhang zu Programm und Praxis national basierter sozialistischer Parteien aufwies.

Ausgehend von der Realität des Weltkapitalismus und in Anerkenntnis der objektiven Abhängigkeit der russischen Ereignisse von der internationalen ökonomischen und politischen Entwicklung sah Trotzki voraus, dass die russische Revolution unweigerlich eine sozialistische Richtung einschlagen musste. Die russische Arbeiterklasse würde gezwungen sein, die Macht zu erobern und bis zu einem gewissen Grad Maßnahmen sozialistischen Charakters zu ergreifen. Doch auf dem einmal eingeschlagenen sozialistischen Kurs würde die Arbeiterklasse in Russland unvermeidlich an die Schranken der nationalen Umgebung stoßen. Wie würde sie dieses Dilemma lösen? Indem sie ihr Schicksal mit der europäischen und der Weltrevolution verknüpfte, deren Manifestation ihr eigener Kampf letztlich war.

Diese Zusammenhänge erkannte ein Mann, der, wie Einstein, gerade erst 26 Jahre alt geworden war. Trotzkis Theorie der permanenten Revolution ermöglichte eine realistische Konzeption der Weltrevolution. Das Zeitalter der nationalen Revolutionen war zu Ende - oder, um genauer zu sein, nationale Revolutionen konnten nur noch im Rahmen der internationalen sozialistischen Revolution verstanden werden." [19]

Zusammengefasst hatte Trotzkis Perspektive der permanenten Revolution den folgenden Inhalt: Ob in Russland oder einem anderen Land die ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus vorhanden waren oder nicht, argumentierte er, hing letzten Endes weniger von dessen eigenem nationalen wirtschaftlichen Entwicklungsstand ab, als von dem allgemeinen Grad, den das Wachstum der Produktivkräfte und die Vertiefung der kapitalistischen Widersprüche weltweit erreicht hatten. In Ländern verzögerter kapitalistischer Entwicklung wie Russland, wo die Bourgeoisie sowohl unfähig als auch unwillig war, ihre eigene demokratische Revolution durchzuführen, würde die Arbeiterklasse als revolutionäre Kraft auftreten, die Bauernschaft und alle anderen progressiven Elemente der Gesellschaft um sich scharen, die Macht in die eigenen Hände nehmen und ihre revolutionäre Diktatur errichten müssen. Dann würde sie den jeweiligen Umständen entsprechend in das bürgerliche Eigentum eingreifen und Maßnahmen sozialistischen Charakters einleiten. Die demokratische Revolution würde damit in die sozialistische Revolution hinüber wachsen und den Charakter einer "Revolution in Permanenz" annehmen, die alle Hindernisse zur Befreiung der Arbeiterklasse niederreißen und überwinden würde. Da ihr jedoch im nationalen Rahmen die für den Sozialismus notwendigen ökonomischen Ressourcen fehlten, würde die Arbeiterklasse Unterstützung für ihre Revolution im internationalen Maßstab suchen müssen.

Diese Erwartung basierte nicht auf utopische Hoffnungen - vielmehr würde die sich entfaltende Revolution trotz ihrer nationalen Anfänge ein internationales Echo hervorrufen, sie würde die internationalen Klassenspannungen auf die Spitze treiben und zur Radikalisierung der Arbeiter auf der ganzen Welt beitragen. Daher bestand Trotzki darauf:

"Der Abschluss einer sozialistischen Revolution ist im nationalen Rahmen undenkbar. [...] Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: sie findet ihren Abschluss nicht vor dem endgültigen Siege der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten." [20]

Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, nach der die demokratische Revolution nur durchgeführt werden konnte, wenn die Arbeiterklasse mit Unterstützung der Bauernschaft die politische Macht eroberte, warf die Grundannahmen der russischen Sozialdemokratie über den Haufen. Sogar im Jahre 1905, als die Revolution sich mit einer Energie entwickelte, die ganz Europa überraschte, verspottete die menschewistische Fraktion der SDAPR Trotzkis Perspektive als eine gefährlich, abenteuerliche Übertreibung der politischen Möglichkeiten, die sich der Arbeiterklasse eröffneten. Die menschewistische Position fasste Martynow in einer Broschüre zusammen:

"Welche Form könnte dieser Kampf um die revolutionäre Hegemonie zwischen Bourgeoisie und Proletariat annehmen? Machen wir uns nichts vor. Die kommende Revolution wird eine Revolution der Bourgeoisie sein: das heißt, sie wird bei allen Wechselfällen, selbst wenn sich das Proletariat vorübergehend an der Macht befinden würde, die Herrschaft der bürgerlichen Klassen oder eines Teils der bürgerlichen Klassen mehr oder minder sichern. Selbst beim größtmöglichen Erfolg, selbst wenn sie die zaristische Autokratie mit einer bürgerlichen Republik ersetzte, selbst dann würde sie die vollkommene Herrschaft der Bourgeoisie sichern. Das Proletariat kann weder die ganze politische Macht im Staat noch einen Teil von ihr erlangen, solange es nicht die sozialistische Revolution durchgeführt hat. Das ist jener unwiderlegbare Grundsatz, der uns vom opportunistischen Jaurèsismus trennt. Wenn dem aber so ist, so liegt es auf der Hand, dass die bevorstehende Revolution keinerlei politische Formen gegen den Willen der gesamten Bourgeoisie realisieren kann, denn sie wird Herr des morgigen Tages sein. Wenn dem so ist, dann kann der revolutionäre Kampf des Proletariats durch einfache Einschüchterung der Mehrheit der bürgerlichen Elemente nur zu einem führen: zur Wiederherstellung des Absolutismus in seiner ursprünglichen Gestalt. Das Proletariat wird natürlich vor diesem eventuellen Resultat nicht haltmachen, es wird im schlimmsten Fall nicht von einer Einschüchterung der Bourgeoisie Abstand nehmen, nämlich dann, wenn die Dinge entschieden dahin treiben, dass die im Zerfall begriffene Selbstherrschaft durch ein scheinkonstitutionelles Zugeständnis belebt und gefestigt werden soll. Doch das Proletariat hat, wenn es in den Kampf zieht, selbstverständlich nicht diesen schlimmsten Fall im Auge." [21]

Martynows Broschüre brachte mit einer beinahe peinlichen Offenheit die politische Psychologie der Menschewiki zum Ausdruck - die nicht nur auf den bürgerlichen Charakter der Revolution bestanden, sondern sogar eine offene Konfrontation mit der Bourgeoisie als Unglück betrachteten. Eine solche Konfrontation sei bedauerlich, weil sie gegen die unverletzlichen bürgerlichen Beschränkungen der Revolution verstieße. Im Gegensatz zu Trotzki bestanden die Menschwiki darauf, dass die sozialdemokratische Bewegung in Russland "kein Recht hat, sich den Illusionen der Macht hinzugeben".

Es ist im Rahmen dieser Vorlesung nicht möglich, auf die gesamte Kontroverse einzugehen, die Trotzkis Perspektive auslöste und die über ein Jahrzehnt hinweg anhielt. Ich will mich daher auf die wichtigsten Punkte beschränken. Die Menschewiki wiesen die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution in Russland kategorisch zurück, während die Bolschewiki zwar jede Form der politischen Anpassung an die liberale Bourgeoisie ablehnten, aber ebenfalls vom objektiv bürgerlichen Charakter der Revolution ausgingen.

Wie ist demnach der Wechsel in der politischen Linie der Bolschewiki zu erklären, der die Machteroberung im Jahre 1917 möglich machte? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, muss man sich meiner Meinung anschauen, wie sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf Lenins Einschätzung der Dynamik der russischen Revolution auswirkte. Lenin verstand, dass der Krieg einen Wendepunkt in der Entwicklung und Krise des Kapitalismus als Weltsystem darstellte, und sah sich gezwungen, seine Perspektive der demokratischen Diktatur in Russland zu überdenken. Die Verwicklung Russlands in den imperialistischen Krieg war Ausdruck der Vorherrschaft der internationalen über die nationalen Voraussetzungen. Die russische Bourgeoisie, die auf wirtschaftlicher und politischer Ebene untrennbar in das reaktionäre Netz imperialistischer Beziehungen eingebunden war, stand der Demokratie organisch feindlich gegenüber. Die Durchführung der ungelösten demokratischen Aufgaben, die in Russland auf der Tagesordnung stand, fiel der Arbeiterklasse zu, der die Bauernschaft den Rücken stärken würde. Und obwohl in einem isolierten Russland die ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus nicht existierten, schuf die Krise des europäischen Kapitalismus - die Existenz einer herangereiften revolutionären Krise, die im Krieg selbst auf eine verzerrte und reaktionäre Art zum Ausdruck kam - ein internationales politisches Umfeld, in dem die Verknüpfung der russischen mit der europaweiten Revolution möglich wurde.

Die revolutionären Aufstände in Russland waren ein mächtiger Impuls für den Ausbruch der Weltrevolution. Als Lenin im April 1917 nach Russland zurückkehrte, führte er einen politischen Kampf, um die Bolschewistische Partei auf der Grundlage einer internationalen Perspektive neu zu orientieren, die sich in allen wichtigen Fragen auf Trotzkis Theorie der permanenten Revolution stützte. Dieser Wechsel legte die politische Basis für das Bündnis zwischen Lenin und Trotzki und für den Sieg der Oktoberrevolution im Jahre 1917.

Auch wenn Herr Popper behauptet, es sei unmöglich die Zukunft vorauszusagen, entwickelten sich die Ereignisse 1905, 1917 und in folgenden Revolutionen des 20. Jahrhunderts doch hartnäckig so, wie Trotzki es vorhergesehen hatte: In Ländern mit verspäteter bürgerlicher Entwicklung bewies die nationale Kapitalistenklasse wieder und wieder, dass sie unfähig war, ihre eigene demokratische Revolution durchzuführen. Die Arbeiterklasse war mit der Aufgabe konfrontiert, die Staatsmacht zu erobern, die Verantwortung für die Vollendung der demokratischen Revolution zu übernehmen und dabei die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft anzugreifen und die sozialistische Umgestaltung der Wirtschaft zu beginnen. Immer wieder, in einem Land nach dem anderen - in Russland 1917, in Spanien 1936/37, in China, Indochina und Indien während der 1940er Jahre, in Indonesien während der 1960er, in Chile und Lateinamerika während der 1970er, im Iran 1979 und in zahllosen Ländern des Mittleren Ostens und Afrikas während der ausgedehnten postkolonialen Periode - hing das Schicksal der Arbeiterklasse davon ab, wie weit sie die Logik der sozioökonomischen und politischen Entwicklungen, wie sie Trotzki zu Beginn des 20. Jahrhunderts analysiert hatte, erkannte und zur Grundlage ihres Handelns machte. Tragischerweise stand in den meisten Fällen die Bürokratie, die in diesen Ländern über die Arbeiterklasse dominierte, in Opposition zu dieser Analyse. Das Ergebnis war nicht nur die Niederlage des Sozialismus, sondern das Scheitern der demokratischen Revolution selbst.

Doch wie tragisch diese Erfahrungen auch gewesen sein mögen, so bezeugen sie doch die außergewöhnliche Weitsicht von Trotzkis Analyse, ihre anhaltende Relevanz, und schließlich die überaus wichtige, über Leben und Tod entscheidende Bedeutung des Marxismus als Wissenschaft der revolutionären Perspektive.

Anmerkungen:

[18] Trotzki, Die Permanente Revolution, Essen 1993, S. 267f.

[19] North, Ein Beitrag zur Neubewertung von Vermächtnis und Stellenwert Leo Trotzkis in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, World Socialist Web Site, 6. Juli 2001, (http://www.wsws.org/de/2001/jul2001/trot-j06.shtml).

[20] Trotzki, Die Permanente Revolution, a.a.O., S. 185f.

[21] Martynow, Dve Diktatury, Genf 1905, S. 57f. (aus dem Englischen; teilweise zitiert aus Lenin, Sozialdemokratie und provisorische revolutionäre Regierung, Werke Bd. 8, S. 247 f.)

Siehe auch:
Weiter Vorträge der WSWS/SEP Sommerschule