Achter Vortrag: Die 1920er Jahre - Weg zu Depression und Faschismus

Teil 2

Von Nick Beams
29. Dezember 2005

Dies ist der zweite Teil des Vortrags "Die 1920er Jahre - Weg zu Depression und Faschismus" von Nick Beams. Beams ist der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in Australien und Mitglied der WSWS-Redaktion. Er hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand

Die Krise des Kapitalismus, politische Perspektiven und revolutionäre Führung

Worauf muss sich eine wissenschaftliche Herangehensweise gründen, mit der wir geschichtliche Ereignisse im Licht der Gesetze der politischen Ökonomie untersuchen wollen? In der Einleitung zu seinen Vorlesungen über Geschichtsphilosophie bemerkte Hegel, dass es "die Sehnsucht nach vernünftiger Einsicht und nicht bloß die Anhäufung einer Masse von Daten ist, die den Geist dessen beherrscht, der sich mit Wissenschaft beschäftigt".

In einer Würdigung von Marx weist der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter auf "eine Sache von grundsätzlicher Bedeutung" hin, die dieser erreicht habe. "Die Ökonomen haben immer entweder selbst wirtschaftsgeschichtlich gearbeitet oder sonst die historische Arbeit anderer verwendet. Doch die Tatsachen der Wirtschaftsgeschichte wurden in eine gesonderte Abteilung verwiesen. Wenn sie überhaupt in die Theorie Einlass fanden, dann bloß in der Rolle von Illustrationen oder möglicherweise zur Verifikation von Ergebnissen. Sie vermischten sich mit ihr nur mechanisch. Nun, Marxens Mischung ist chemisch; das heißt: er führte sie in das Argument selbst ein, das die Resultate zeitigt. Er war der erste Ökonom von Spitzenrang, der sah und systematisch lehrte, wie ökonomische Theorie in historische Analyse und wie die historische Erzählung in histoire raisonnée verwandelt werden kann." [13]

Wenn man die Geschichte des industriellen Kapitalismus während der vergangenen 200 Jahre untersucht, dann wird deutlich, dass sich das Wirtschaftswachstum mittels einer Reihe von Schwankungen entwickelte. Der Konjunkturzyklus, bestehend aus Perioden des Booms, der Stagnation und der Rezession und akzentuiert durch Krisen, ist ein beständiger Teil der kapitalistischen Wirtschaftsweise - trotz der periodisch wiederkehrenden Behauptungen, dieser Zyklus sei abgeschafft.

Ebenso ist klar, dass es längere Perioden gibt, die ihre eigenen Charakteristika und Besonderheiten aufweisen. So unterscheidet sich z.B. die Periode von 1849, dem Beginn des Booms Mitte der viktorianischen Ära, bis zum finanziellen Zusammenbruch von 1873 von der Periode von 1873 bis 1896, die als große Depression des 19. Jahrhunderts in die Wirtschaftsgeschichte einging. Ebenso sind die 1920er und 30er Jahre sehr verschieden vom Nachkriegsboom der 1950er und 60er Jahre, und diese Periode unterscheidet sich wiederum sehr stark von der heutigen. In all diesen Perioden wirkte der Konjunkturzyklus, und doch verlief die wirtschaftliche Entwicklung jeweils sehr unterschiedlich. Hier sind offensichtlich Prozesse am Werk, die die Wirkungsweise des Konjunkturzyklus prägen und den Rahmen schaffen, in dem sich die längerfristige wirtschaftliche Entwicklung vollzieht.

Das Verhältnis zwischen Konjunktur und längerfristigen historischen Perioden der "kapitalistischen Entwicklungskurve" war Thema eines Berichts, den Leo Trotzki im Juni/Juli 1921 vor dem Dritten Kongress der Kommunistischen Internationale hielt. Auch zahlreiche Reden und Artikel Trotzkis während der folgenden Jahre, die sich mit Fragen der Perspektive beschäftigten, drehten sich um dieses Thema.

Als der Dritte Kongress zusammentrat, ebbte der anfängliche revolutionäre Aufschwung nach dem Ersten Weltkrieg bereits deutlich ab. Es war der deutschen Arbeiterklasse nicht gelungen, die Macht zu erobern, die ungarische Revolution war niedergeschlagen worden und es gab Anzeichen einer gewissen wirtschaftlichen Wiederbelebung nach der tiefen Krise von 1919/20. Diese Entwicklungen stellten die revolutionäre Bewegung vor neue Herausforderungen bei der Entwicklung ihrer Perspektiven.

Die Sozialdemokraten, die sich gegen die Russische Revolution gewandt, diese für "verfrüht" erklärt und die Konterrevolution gegen die deutsche Arbeiterklasse organisiert hatten, begrüßten von einem rechten Standpunkt aus den Aufschwung der Konjunktur, da er ihre Haltung zu rechtfertigten schien. Der Aufschwung zeige, behaupteten sie, dass die Machteroberung der Bolschewiki aus marxistischer Sicht unzulässig gewesen sei und einen "Putsch" darstelle, da die Produktivkräfte noch immer in der Lage seien, sich innerhalb kapitalistischer Verhältnisse weiter zu entwickeln. Die Perspektive der Machteroberung durch die Arbeiterklasse wurde damit in ebenso unbestimmte Zukunft verschoben wie vor dem Krieg.

Auf der anderen Seite vertraten zahlreiche linke Tendenzen die so genannte Offensivtheorie. Ihrer Perspektive zufolge bestand keinerlei Möglichkeit eines Aufschwungs der kapitalistischen Wirtschaft. Die Wirtschaftskrise der unmittelbaren Nachkriegszeit würde sich kontinuierlich vertiefen und unausweichlich zur Machtergreifung der Arbeiterklasse führen.

Trotzki legte mit seiner Analyse dar, dass der Kapitalismus kein neues Gleichgewicht etablieren konnte und daher die Perspektive der Sozialdemokraten falsch war. Der Krieg und die Russische Revolution waren keine Zufälle gewesen - sie bedeuteten vielmehr, dass das kapitalistische System in eine Periode tiefen Ungleichgewichts eingetreten war, die anhalten würde.

Gleichzeitig beschäftigte er sich mit den "Linken", die den Abschwung der Konjunktur nach dem Ersten Weltkrieg mit der historischen Krise der kapitalistischen Wirtschaft gleichsetzten. Die Situation war weitaus komplexer. Im Jahre 1921 war klar, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung stattfand. Das bedeutete aber nicht, dass ein neues Gleichgewicht geschaffen war.

Trotzki wandte sich gegen die "Linken" und ihrer Gleichsetzung des Konjunkturabschwungs mit der historischen Krise des Kapitalismus. Er erklärte, würde man eine Kurve zeichnen, welche die Entwicklung des Kapitalismus darstellt, dann sähe man, dass diese "aus zwei Bewegungen besteht: Einer vorrangigen Bewegung, die den allgemeinen Aufwärtstrend des Kapitalismus ausdrückt, und einer zweiten Bewegung, die aus den ständigen periodischen Schwankungen besteht, die den verschiedenen Wirtschaftszyklen entsprechen." [14]

Das Verhältnis dieser beiden Bewegungen stellte sich nach Trotzki folgendermaßen dar: "In Perioden schneller kapitalistischer Entwicklung sind die Krisen ihrem Wesen nach kurz und oberflächlich, während die Zeiten der Hochkonjunktur länger und umfassender sind. In Zeiten des kapitalistischen Niedergangs ziehen sich die Krisen in die Länge und die Hochkonjunktur ist unbeständig, oberflächlich und spekulativ. In Perioden der Stagnation ereignen sich die Schwankungen auf ein und demselben Niveau." [15]

Entgegen den Behauptungen, die Wirtschaftskrise von 1919/20 werde sich stetig verschlimmern bis schließlich die Arbeiterklasse die Macht erobert, betonte Trotzki, dass der Kapitalismus, so lange er besteht, immer zyklisch schwanken werde, so wie ein Mensch auch auf seinem Sterbebett noch atmet. Unabhängig davon, unter welchen allgemeinen Bedingungen sie stattfinde, werde eine Handelskrise immer die Überproduktion beseitigen, das bestehendes Kapital entwerten und aus diesem Grund die Möglichkeit einer industriellen und kommerziellen Wiederbelebung schaffen.

Das bedeutete jedoch keineswegs, dass der Kapitalismus in der Lage sein werde, zu einem neuen Gleichgewicht zu finden bzw. zu den Bedingungen zurückzukehren, die das Wachstum der Vorkriegsepoche ermöglicht hatten. "Ganz im Gegenteil", erklärte Trotzki, " ist es sogar recht wahrscheinlich, dass dieser Boom nach seinen ersten Erfolgen auf die durch den Krieg aufgeworfenen wirtschaftlichen Gräben stoßen wird." [16]

Doch was, wenn der Kapitalismus fortbestehen würde? Bestand die Möglichkeit, dass der Kapitalismus zu einem zukünftigen Zeitpunkt ein neues Gleichgewicht finden und ein allgemeines Wachstum sicherstellen würde, wie dies im 19. Jahrhundert und den ersten zehn Jahren des 20. Jahrhunderts geschehen war? In seinem Bericht an den Dritten Kongress schloss Trotzki eine derartige Perspektive nicht aus, machte jedoch deutlich, dass sie nur unter ganz bestimmten Bedingungen möglich war.

"Wenn wir voraussetzen - und setzen wir einen Moment lang voraus - dass die Arbeiterklasse sich im revolutionären Kampf nicht durchsetzt, sondern der Bourgeoisie gestattet, die Geschicke der Welt noch für lange Jahre, sagen wir zwei oder drei Jahrzehnte zu bestimmen, dann wird mit Sicherheit eine Art neues Gleichgewicht geschaffen. Millionen europäischer Arbeiter werden aufgrund von Arbeitslosigkeit und Unterernährung sterben. Die Vereinigten Staaten werden gezwungen sein, sich auf dem Weltmarkt neu zu orientieren, ihre Industrie umzubauen und sich für eine beträchtliche Periode zu beschränken. Später, nachdem eine neue Weltarbeitsteilung durch 15 oder 20 oder 25 schmerzliche Jahre eingerichtet worden ist, könnte vielleicht eine neue Epoche des kapitalistischen Aufschwungs erfolgen." [17]

Als er sechs Monate später in einer Rede, die sich in der Folge tragischerweise als Voraussage des Schicksals der europäischen und internationalen Arbeiterklasse erweisen sollte, erneut auf diesen Punkt zurückkam, betonte er abermals, dass es hierbei nicht um ein automatisches Zusammenwirken ökonomischer Faktoren ging. Nur wenn die Arbeiterklasse passiv bleiben und die Kommunistische Partei ein ums andere Mal versagen sollte, würde es möglich sein, dass die wirtschaftlichen Kräfte "langfristig eine Art neues Gleichgewicht auf den Knochen von Millionen und Abermillionen europäischer Arbeiter und durch die Verwüstung einer ganzen Reihe von Ländern wieder herstellen. In zwei oder drei Jahrzehnten würde ein neues kapitalistisches Gleichgewicht errichtet sein, doch dies würde gleichzeitig die Auslöschung ganzer Generationen, den Niedergang der europäischen Kultur und so weiter bedeuten. Dies ist eine rein abstrakte Herangehensweise, die die wichtigsten und grundlegendsten Faktoren außer Acht lässt, nämlich die Arbeiterklasse unter der Führung der Kommunistischen Partei." [18]

Diese Bemerkung Trotzkis ist von immenser methodologischer Bedeutung. Im Gegensatz zu den Positionen Hardings kann die historische Entwicklung des Kapitalismus nicht unabhängig von der Entwicklung des Klassenkampfs und der Rolle der Parteien und Tendenzen innerhalb der Arbeiterbewegung betrachtet werden.

Mit anderen Worten: Die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft führt nicht an und für sich zu einem einzigen, unvermeidlichen historischen Ergebnis. Vielmehr ist sie die Grundlage, auf der der Klassenkampf ausgefochten wird - ein Kampf, in dem der subjektive Faktor, die revolutionäre Führung, von entscheidender Bedeutung ist.

Sollte die Arbeiterklasse aufgrund der Politik ihrer Führung nicht imstande sein, die Bourgeoisie zu stürzen, dann wäre ein neues Gleichgewicht möglich- zu einem schrecklichen Preis. Doch das Eintreten einer solchen Situation würde nicht bedeuten, dass dem kapitalistischen System weiterhin eine fortschrittliche historische Rolle zukäme, sondern vielmehr, dass die revolutionäre Klasse - das Proletariat - nicht in der Lage war, es zu stürzen. Unter den Bedingungen einer anderen Führung und einer anderen Politik, wäre ein völlig anderes Ergebnis auf Basis der gleichen ökonomischen Voraussetzungen möglich.

Dieselben Fragen stellen sich, wenn man den historischen Prozess vom Standpunkt der Bourgeoisie betrachtet. Sie blieb nicht aufgrund der automatischen Auswirkungen der objektiven Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft im Sattel. Die historische Krise der kapitalistischen Produktionsweise bedeutete vielmehr, dass das Schicksal der Bourgeoisie von ihrem eigenen Eingreifen abhing.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[13] Joseph Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen 1993, S. 78f.

[14] Leo Trotzki, Report on the World Economic Crises and the New Tasks of the Communist International , 23. Juni 1921, in: ders., The First Five Years of the Communist International, New York 1972, Bd. 1, S. 200f (aus dem Englischen).

[15] Ebd., S. 201f.

[16] Trotzki, Flood-Tide. The Economic Conjuncture and the World Labor Movement, 21. Dezember 1921, in: ders., The First Five Years of the Communist International, a.a.O., Bd. 2, S. 81.

[17] Trotzki, Report on the World Economic Crises and the New Tasks of the Communist International , a.a.O., S. 211.

[18] Trotzki, Speech on Comrade Zinoviev’s Report on the Tactic of the Communist International at the 1921 all-Russian Conference, Dezember 1921, in: ders., The First Five Years of the Communist International, a.a.O., Bd. 2, S. 61.

Siehe auch:
Achter Vortrag - Teil 1
(28. Dezember 2005)
Weitere Vorträge der SEP-Sommerschule