Wie kann man praktisch eine revolutionäre Partei aufbauen?

21. Juni 2006

Wir veröffentlichen hier einen Leserbrief zum Artikel "Die Berliner WASG, die SAV und der Trotzkismus" und eine Antwort des Autors.

Sehr geehrte Redaktion der WSWS,

zuvorderst möchte ich Ihnen für die zumeist sehr differenzierte Analyse aktueller Tagespolitik danken, die Sie in Ihren Artikeln unternehmen. Ich lese die WSWS seit mehreren Jahren sehr interessiert. Weiter so!

Ich möchte ohne große Umschweife direkt zu meiner Frage bezüglich Ihres Artikels "Die Berliner WASG, die SAV und der Trotzkismus" kommen:

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist der Hauptkritikpunkt, den Sie bezüglich der politischen Praxis (mal ganz abgesehen von etwaigen theoretischen Differenzen) der SAV anbringen, der, dass in Ihren Augen eine Umwandlung der bestehenden "großen Arbeiterparteien" in offen revolutionäre, sozialistische Parteien, wie sie die SAV - nach ihrem Programm zu urteilen - offensichtlich anstrebt, unmöglich sei und dass jegliche Versuche in diese Richtung rein opportunistischer Natur seien.

Zunächst möchte ich dazu sagen, dass ich Ihre Einschätzung im Grundsatz durchaus teile. Dennoch stellt sich hier für mich folgende Frage: Wie sieht Ihre Taktik bezüglich des Aufbaus einer solchen, neuen, wahrhaft sozialistischen Partei aus? Wir müssen uns nichts vormachen: Der Trotzkismus hat leider im Moment in Deutschland und weltweit nicht die breite Anhängerschaft, die nötig wäre, um eine solche Partei aufzubauen. In der Hinsicht teile ich die Ansicht der SAV: Die Mehrheit der Menschen ist leider immer noch von der Reformierbarkeit des Kapitalismus überzeugt. Lange Rede, kurzer Sinn: Wie kann man praktisch eine revolutionäre Partei aufbauen, die in der Lage ist, die Menschen auf einen Umsturz vorzubereiten? Theoretische Abhandlungen und Analysen in allen Ehren - sie sind durchaus essentiell - aber welche praktischen Möglichkeiten gibt es, eine bis zum letzten kampfbereite Arbeiterschaft zu formieren?

Ich habe viel über diese Frage nachgedacht, ohne bisher eine für mich überzeugende Antwort zu finden. Ich hoffe, Sie können mir in dieser Hinsicht weiterhelfen.

Mit sozialistischen Grüßen

SB

* * *

Lieber SB,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Wir freuen uns sehr über Ihr Interesse an der WSWS.

Sie fragen, wie man "praktisch eine revolutionäre Partei aufbauen" kann, und sehen das Hauptproblem darin, dass "die Mehrheit der Menschen leider immer noch von der Reformierbarkeit des Kapitalismus überzeugt" ist. So stellt sich das Problem aber in Wirklichkeit nicht.

Millionen Arbeiter und Jugendliche haben in den vergangenen Jahren bittere Erfahrungen mit den reformistischen Parteien und Gewerkschaften gemacht. Bisher haben sie darüber vorwiegend mit den Füssen abgestimmt: durch Stimmenthaltung und Austritt. Die SPD und die Gewerkschaften sind nur noch leere bürokratische Hülsen, bestehend aus Karrieristen und Funktionären. Aktive Mitglieder findet man darin nicht mehr. Soweit Arbeiter noch ihre Gewerkschaftsbeiträge entrichten, betrachten sie das als eine Art Versicherungsschutz - so wie man dem ADAC beitritt, um Anspruch auf Pannenhilfe zu haben, und nicht, weil man seine Lobbyarbeit für die Autoindustrie unterstützt.

Viele Arbeiter fühlen sich in der Sackgasse. Sie sind von ihren alten Organisationen verlassen und verraten worden, aber sie haben noch kein Vertrauen in eine revolutionäre Alternative. Die Verantwortung dafür tragen die Sozialdemokratie und der Stalinismus, die die einst starken sozialistischen Traditionen der Arbeiterbewegung über Jahrzehnte hinweg angegriffen und unterdrückt haben.

An Wut, Empörung und Kampfbereitschaft fehlt es dagegen nicht. Das haben unter anderem die Proteste gegen Hartz IV, die Streiks der Ärzte und der Beschäftigten der Länder sowie - im internationalen Maßstab - die Massendemonstrationen gegen den Irakkrieg oder die Bewegung gegen den Ersteinstellungsvertrag in Frankreich gezeigt. Aber all diese Bewegungen waren letzten Endes erfolglos, weil sie von den reformistischen Organisationen unter Kontrolle gebracht, sabotiert und ausverkauft wurden.

Weitere, erbitterte Klassenkämpfe sind dennoch unausweichlich. Anders als nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Kapitalismus keine Möglichkeit mehr, sie durch soziale Zugeständnisse zu dämpfen. Die Globalisierung der Produktion hat der Politik der sozialen Reformen den Boden entzogen.

Revolutionäre Kämpfe erwachsen aus den grundlegenden Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft, sie sind nicht das Ergebnis der Agitation oder des Willens von Revolutionären. Diese Widersprüche finden heute ihren Ausdruck wieder in imperialistischen Kriegen, Massenarmut und dem rasch voranschreitenden Abbau sozialer und demokratischer Rechte. Sie bringen die elementaren Lebensinteressen der Arbeiter in unversöhnlichen Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft.

Unsere Aufgabe besteht darin, die bevorstehenden Klassenkämpfe politisch vorzubereiten. Das erfordert vor allem zwei Dinge:

Erstens: Eine systematische Hebung des politischen Bewusstseins der Arbeiterklasse. Sie muss sich der Unversöhnlichkeit ihrer gesellschaftlichen Interessen mit den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen bewusst werden.

Lenin hatte vor über hundert Jahren geschrieben: "Um Sozialdemokrat [d.h. Marxist] zu werden, muss der Arbeiter eine klare Vorstellung haben von dem ökonomischen Wesen und dem sozialen und politischen Gesicht des Gutsbesitzers und des Pfaffen, des hohen Beamten und des Bauern, des Studenten und des Lumpenproletariers, muss er ihre starken und schwachen Seiten kennen, muss er sich in den landläufigen Phrasen und all den Sophistereien auskennen, mit denen jede Klasse und jede Schicht ihre egoistischen Neigungen und ihr wahres ‚Innere’ verhüllt, muss er sich darin auskennen, welche Institutionen und welche Gesetze diese oder jene Interessen zum Ausdruck bringen und in welcher Weise sie es tun." ("Was tun?")

Dasselbe gilt in der heutigen Situation: Der Arbeiter muss eine klare Vorstellung von den wichtigsten Ereignissen der Weltpolitik, den Auswirkungen der Globalisierung, der Lage von Immigranten, den verschiedenen politischen Strömungen, den Lehren aus der Geschichte, usw. haben.

Als Zweites muss sich die Arbeiterklasse völlig vom politischen Einfluss der SPD, der Linkspartei.PDS und den reformistischen Gewerkschaften lösen, die sie den Interessen des Kapitals unterordnen und jedem Kampf in den Rücken fallen.

Beides steht im Mittelpunkt der Arbeit der World Socialist Web Site. Sie analysiert Tag für Tag die wichtigsten internationalen Ereignisse, veröffentlicht Artikel zu kulturellen, historischen und theoretischen Fragen und kämpft gegen den Einfluss der reformistischen Parteien. Auch wenn wir in Arbeitskämpfe eingreifen, taktische Forderungen entwickeln oder uns an Wahlen beteiligen, tun wir dies immer vom Standpunkt aus, das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse zu heben und ihre Unabhängigkeit von den reformistischen Organisationen zu stärken.

Leo Trotzki hat die Wechselbeziehung zwischen der Arbeiterklasse und der revolutionären Partei im Vorwort zu seiner "Geschichte der russischen Revolution" sehr prägnant zusammengefasst. "Die Massen gehen in die Revolution nicht mit einem fertigen Plan der gesellschaftlichen Neuordnung hinein", schrieb er, "sondern mit dem scharfen Gefühl der Unmöglichkeit, die alte Gesellschaft länger zu dulden. Nur die führende Schicht der Klasse hat ein politisches Programm, das jedoch noch der Nachprüfung durch die Ereignisse und der Billigung durch die Massen bedarf. Der grundlegende politische Prozess der Revolution besteht eben in der Erfassung der sich aus der sozialen Krise ergebenden Aufgaben durch die Klasse und der aktiven Orientierung der Masse nach der Methode sukzessiver Annäherungen."

Die erste und wichtigste Aufgabe einer revolutionären Partei besteht darin, auszusprechen was ist. Das bedeutet, den rechten, verfaulten Charakter der Linkspartei und der WASG offen beim Namen zu nennen. Nur so kann die Arbeiterklasse die "sich aus der sozialen Krise ergebenden Aufgaben" erfassen und zur Grundlage ihres Handelns machen.

Eben das lehnt die SAV entschieden ab. Während wir uns bemühen, die Arbeiter vom Einfluss von SPD und Linkspartei zu lösen, um sie auf die kommenden revolutionären Auseinandersetzungen vorzubereiten, versucht die SAV, der WASG ein linkes Feigenblatt umzuhängen. Durch ihre aktive Mitarbeit in dieser Organisation und ihre Bemühungen, der WASG einen linken Anstrich zu verpassen, streut sie den Arbeitern Sand in die Augen. So bemüht sie sich zu verhindern, dass die Arbeiterklasse "sich aus der sozialen Krise ergebenden Aufgaben" erfasst, und bereitet damit weiteren Niederlagen und Frustration unter den Arbeitern den Weg.

Wohin diese Politik führt, kann man in Brasilien und Italien sehen. Dort haben radikale Organisationen mit ähnlichen Argumenten wie die SAV die Arbeiterpartei Lulas bzw. die Partei Rifondazione Comunista unterstützt, die auch der Linkspartei als Vorbild galt. Heute sitzen sie als Minister in Regierungen, die über das volle Vertrauen des internationalen Finanzkapitals verfügen und eine arbeiterfeindliche Politik durchsetzen.

Um die Antwort auf ihre Frage noch einmal kurz zusammenzufassen: Der praktische Aufbau einer revolutionären Partei erfordert die ständige Klärung und Entwicklung politischer Perspektiven durch die Entwicklung der World Socialist Web Site. Eine strikte Trennung zwischen "theoretischen Abhandlungen" und "praktischen Möglichkeiten", wie sie in ihrem Brief zum Ausdruck kommt, lässt sich in diesem Zusammenhang übrigens nicht vornehmen. Die tagtägliche Praxis einer marxistischen Partei ist immer von ihrer theoretischen Perspektive angeleitet. Alle praktischen Aufgaben erwachsen unmittelbar aus einer politischen Analyse. Insofern lassen sich Theorie und Praxis einer revolutionären Partei nicht voneinander trennen.

Bei den Opportunisten ist eine solche Trennung hingegen überaus verbreitet. Sie stellt eine willkommene Rechtfertigung dar, um den notwendigen politischen Aufgaben aus dem Wege zu gehen. Das beste Beispiel dafür ist das Selbstverständnis der SAV, eine revolutionäre Partei für die Arbeiterklasse aufzubauen zu können, indem man für reformistische Parteien wirbt, die sich die Rettung der bürgerlichen Ordnung zum Ziel gesetzt haben.

Ich hoffe, ihre Frage beantwortet zu haben, und würde mich freuen, weiter von Ihnen zu hören.

Mit freundlichen Grüßen,

Lucas Adler

Siehe auch:
Die Berliner WASG
(3. Mai 2006)