Tariq Ali auf der Konferenz "Socialism 2010"

Von David Walsh
1. Juli 2010

Ist eine politische Versammlung danach zu beurteilen, wer als Redner auftritt, dann ist die Teilnahme von Tariq Ali an der Konferenz "Socialism 2010" recht aufschlussreich. Ali ist ein Opportunist der schlimmsten Sorte, wie sich an seiner jahrzehntelangen Politikerlaufbahn deutlich ablesen lässt.

Als Spross einer gehobenen Familie in Lahore, dessen Onkel den pakistanischen Militärgeheimdienst leitete, ging Ali zum Studium nach Oxford. Hier wurde er 1968 Mitglied der International Marxist Group (IMG), der britischen Sektion der pablistischen Bewegung. Diese Gruppe war für politische Provokationen berüchtigt, und das waren keine "dummen Jungenstreiche". In Mao-Mützen und dem entsprechenden Outfit tauchten ihre Anhänger gelegentlich bei Streikposten oder in Arbeiterwohnvierteln auf; doch die meiste Zeit über blieben sie auf dem Universitätscampus, wo sie sich an der Herstellung von Zeitschriften wie Black Dwarf [Schwarzer Zwerg] und Red Mole [Roter Maulwurf] beteiligten.

Damals fanden die Labour Party und die Gewerkschaften noch Unterstützung in der Arbeiterklasse, und Marxisten mussten sich einer durchdachten Taktik bedienen, um die Illusionen der Arbeiter in diese Organisationen zu zerstören. Die IMG jedoch schlug alle derartigen Bemühungen in den Wind. Während der Wahlkampagne 1970 trat Robin Blackburn von der IMG öffentlich dafür ein, Veranstaltungen der Labour Party zu sprengen, ein Beispiel dafür, wie leichtfertig diese Leute waren.

Im Juni 1974 spielte das Abenteurertum der IMG unmittelbar der Polizei und dem Staat in die Hände. Am Red Lion Square in London provozierte die IMG während einer Demonstration gegen die faschistische National Front ein Scharmützel mit der Polizei, die nur allzu gern darauf einging. Die Konfrontation führte zum Tod des 20-jährigen Studenten Kevin Gately. Dies war in Großbritannien seit 55 Jahren der erste Tote bei einer Demonstration.

Ebenso niederträchtig verhielt sich ein nicht identifiziertes IMG-Mitglied bei der Untersuchung des Vorfalls durch Lordrichter Scarman. Die IMG-Führung und Tariq Ali persönlich ließen es zu, dass dieser Zeuge anonym blieb. Er versorgte das Gericht mit Informationen, die den ursprünglichen Aussagen von IMG-Mitgliedern widersprachen. Seine Aussage ermöglichte dem Staat eine überraschende Wende, die dazu führte, dass die Polizei von jeglicher Verantwortung für den Tod von Kevin Gately freigesprochen wurde.

Als der Radikalismus der 1970er Jahre nachließ, beendete Ali sein kurzes Gastspiel im linken Milieu. Die IMG löste sich 1981 als selbständige Organisation auf, und ihre Mitglieder versuchten, in der Labour Party unterzukommen, der gleichen Partei, die sie zehn Jahre zuvor angeblich noch heftig bekämpft hatten. Ali unterstützte den langjährigen Labourlinken Tony Benn, als dieser für den stellvertretenden Vorsitz der Labour Party kandidierte.

Auf der Suche nach einem grüneren Anstrich wandte sich Ali einer Karriere als Journalist für die bürgerlichen Medien zu. Seine "Jahre des Straßenkampfs" (der Titel seiner angeberischen Autobiographie) waren jetzt vorbei. Er wurde Romanautor und Politkritiker. Im Mai 2010 sprach er mit dem Guardian über ein "Problem, mit dem die Menschen auch schon früher in der Geschichte fertig werden mussten: Was kann man tun in einer Zeit der Niederlagen?"

So spricht ein Freibeuter des Kleinbürgertums, der sein Publikum verloren hat. Ali firmiert jetzt offiziell als "ehemaliger Marxist" und übernimmt noch weniger Verantwortung für die Arbeiterklasse als zu der Zeit, als er noch Vorstandsmitglied des "Vereinigten Sekretariats" der pablistischen Vierten Internationale war.

An keiner Stelle hat Ali jemals über seine politischen Wandlungen Rechenschaft abgelegt. Warum schloss er sich Ende der 1960er Jahre angeblich dem Trotzkismus an? Und warum wandte er sich einige Jahre danach wieder davon ab? Warum wollte er erst die Versammlungen der Labour Party stören, und versuchte später, dort Mitglied zu werden? Er ist die Fleisch gewordene französische Redensart: "Bis dreißig Revolutionär, danach ein Schwein"! Allerdings hat sich die Schweinerei bei ihm früher herausgebildet und nur noch zugenommen.

Ende der 1980er Jahre wurde Ali durch Gorbatschow und die Perestroika in der Sowjetunion wiederbelebt, die er als großen Fortschritt für den Sozialismus ansah. Sein Buch Revolution From Above: Where Is the Soviet Union Going? [ Revolution von oben: Wohin geht die Sowjetunion? ], das 1988 erschien, widmete er Boris Jelzin, dem Mann, der als Präsident später die kapitalistische Restauration der UdSSR durchsetzte. In seiner Widmung heißt es über Jelzin: "Sein politischer Mut hat ihn im ganzen Land zu einem wichtigen Symbol gemacht." Ali behauptete: "Das Ausmaß der Gorbatschowschen Aktivitäten erinnert in der Tat an die Verdienste eines amerikanischen Präsidenten des 19. Jahrhunderts, an Abraham Lincoln."

Bezeichnenderweise unterhielt Ali Beziehungen zu Benazir Bhutto, der Tochter des früheren pakistanischen Premierministers Zulfikar Ali Bhutto, die selbst im Laufe der Jahrzehnte eine führende kapitalistische Politikerin wurde. In seinem Buch The Duel: Pakistan on the Flight Path of American Power [Das Duell: Pakistan in der Flugbahn amerikanischer Macht] schrieb Ali: Ich kenne sie [Benazir Bhutto] seit vielen Jahren sehr gut."

Ende der 1980er Jahre, nachdem Bhutto vor der Diktatur Zia ul-Haqs nach London geflohen war, fungierte Ali als ihr inoffizieller Berater. Das blieb er auch, als sie 1988 Premierministerin wurde. Wie er in seinem Nachruf auf Bhutto bemerkte, der im Guardian erschien: "Sie veränderte sich wieder, nachdem sie Premierministerin geworden war."(29. Dezember 2007)

Derselbe Artikel schließt damit, dass Ali sich bemüht, Illusionen in die Pakistanische Volkspartei zu schüren, eine der führenden bürgerlichen Parteien des Landes und der käuflichen herrschenden Elite Pakistans:

"Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass diese Tragödie gut ausgeht, aber die Möglichkeit besteht. Pakistan benötigt dringend eine politische Partei, die die sozialen Bedürfnisse der Masse der Bevölkerung ausspricht. Die von Zulfikar Ali Bhutto gegründete Volkspartei wurde von Aktivisten der einzigen Massenbewegung des Landes aufgebaut: von Studenten, Bauern und Arbeitern, die 1968-69 drei Monate lang kämpften, um den ersten Militärdiktator des Landes zu stürzen....

Die Volkspartei muss als eine moderne und demokratische Organisation neu gegründet werden. Sie muss sich für ehrliche Auseinandersetzungen und Diskussionen öffnen und die sozialen und Menschenrechte verteidigen. Sie muss die vielen verschiedenen Gruppen und Individuen Pakistans vereinen, die verzweifelt nach einer halbwegs anständigen Alternative suchen und mit konkreten Vorschlägen aufwarten, um das besetzte und vom Krieg zerrissene Afghanistan zu stabilisieren. All dies könnte und sollte getan werden."

Um 2000 schrieb Ali: "Ende des letzten Jahrhunderts war der Triumph des Kapitalismus sensationell. Der Zusammenbruch aller Alternativen zu diesem System ist deutlich sichtbar."

2004 unterstütze er den Kandidaten der Demokraten, John Kerry, einen Kriegsbefürworter, mit dem Argument: "Eine Niederlage der kriegstreiberischen Regierung (von George W. Bush) wäre als ein Schritt vorwärts anzusehen.... Mehr sage ich nicht, aber ich zweifle nicht daran, dass er weltweite Bedeutung haben würde."

Auf der Konferenz "Socialism 2010", dessen sind wir sicher, wird niemand so unhöflich sein, Ali nach dem Red Lion Square, nach Boris Jelzin oder nach seiner Rolle als Ratgeber führender pakistanischer Kreise zu fragen.

Siehe auch:
Das Amerikanische Sozialforum in Detroit
(23. Juni 2010)