Stresstest stellt europäischen Banken Gesundheitszeugnis aus

Von Stefan Steinberg
27. Juli 2010

Der gespannt erwartete Bericht über den Stresstest europäischer Banken, der am Freitag vom Ausschuss der europäischen Bankenaufsichten (CEBS) veröffentlicht wurde, läuft auf einen Persilschein für die großen Finanzinstitute hinaus. Der CEBS zögerte die Bekanntgabe seines Berichts über die Bilanzen von 91 europäischen Banken bis nach dem Schließen der europäischen Märkte hinaus.

Der Bericht legte dar, dass nur sieben europäische Banken den Stresstest nicht bestanden hätten. Vorausgesagt wurde von vielen Analysten zehn bis fünfzehn Banken. Nur eine deutsche Bank fiel durch, die Hypo Real Estate (HRE), sowie fünf spanische Sparkassen und eine griechische Bank.

Das Vorbild des europäischen Banken-Stresstests waren ähnliche Tests in den USA im vergangenen Jahr an. Die US-Notenbank hatte ähnliche manipulierte Tests der großen amerikanischen Banken durchgeführt, um das Vertrauen der Märkte wiederherzustellen und den Banken einen Persilschein auszustellen.

Vor der Veröffentlichung der Ergebnisse der europäischen Tests am Freitag hatte ein erfahrener Marktanalyst erklärt: „Wenn die HRE die einzige [deutsche] Bank ist, die den Test nicht besteht, dann diskreditiert das den Test vollständig – nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa.“ Nach dem drohenden Zusammenbruch der HRE im Jahr 2008 wurde sie von der deutschen Regierung verstaatlicht und erhielt Kapitalspritzen in Höhe von über 100 Mrd. Euro.

Vor einer Woche schätzten Analysten, dass zwischen 50 und 100 Milliarden Euro notwendig wären, um die Banken zu rekapitalisieren, die beim Stresstest durchfallen. Der CEBS zufolge sind jetzt jedoch nur noch 3,5 Mrd. Euro an zusätzlichem Kapital notwendig, um die sieben durchgefallenen Banken zu stabilisieren.

Vor einem Jahr waren nur für 25 europäische Banken Stresstests geplant worden, und die Ergebnisse sollten vertraulich bleiben. Dann explodierte Anfang des Jahres die griechische Schuldenkrise und dehnte sich schnell auf andere europäische Länder wie Spanien und Portugal aus. Da die bloße Existenz des Euro selbst jetzt auf dem Spiel stand, vereinbarten die führenden europäischen Politiker und der Internationale Währungsfond einen 750-Mrd.-Euro-Fond als Garantie für die Staatsschulden der Länder der Eurozone und um die Gemeinschaftswährung zu stabilisieren.

Auf beträchtlichen Druck amerikanischer und asiatischer Finanzkreise und Politiker, die Sicherheiten für ihre Investitionen in der Eurozone verlangten, stimmten die europäischen Behörden zögernd einem Stresstest für insgesamt 91 europäische Banken zu.

Es ist jetzt klar, dass die Banken den Rahmen der Stresstests weitgehend selbst bestimmten. Der Spiegel berichtete vergangene Woche, die vierzehn getesteten deutschen Banken hätten erfahren, dass „sie wenig zu befürchten hätten, weil die Kriterien für den Test in den hektischen Verhandlungen zwischen der Europäischen Zentralbank, der Europäischen Kommission und den europäischen Bankenkontrollinstitutionen verwässert worden seien.“

Nach der Veröffentlichung der Testergebnisse gab die Frankfurter Rundschau eine vernichtende Einschätzung. Die Zeitung schrieb in einem Leitartikel: „Eigentlich sollten die Stresstests beweisen, dass die europäischen Banken stabil sind. Stattdessen haben sie gnadenlos die Impotenz der europäischen Bankenaufsicht entlarvt.“

Die Zeitung stellt fest, dass der Ausschuss der europäischen Bankenaufsichten gerade einmal 25 Personen beschäftige und „schlicht überfordert von der Herkulesaufgabe“ war, 91 Banken zu beurteilen. Nationale Bankenaufsichten erwiesen sich als problematisch. Das deutsche Bundesamt für Finanzdienstleistungen schrieb einen Brief an die Chefs der vierzehn beteiligten deutschen Banken und wollte von ihnen wissen, welche Eigenkapitalquote sie zu benötigen glaubten, um den Test zu bestehen und die Märkte zu beruhigen.

„Es ist so, als fordere man den Räuber auf, die Polizeimethoden zu verbessern”, schloss die Zeitung.

Finanzexperten kritisierten die Stresstests nicht nur, weil die Banken selbst die Daten über ihre Bilanzen an die Kontrolleure lieferten, sondern auch noch aus anderen Gründen. Die CEBS ging von einem Szenario aus, bei dem Europa in eine zweijährige Rezession stürzt und die Börsen um zwanzig Prozent einbrechen. Der Test berücksichtigte aber nicht die Möglichkeit, dass ein Staat, wie Griechenland, zahlungsunfähig wird und seine Schulden nicht bedienen kann.

Außerdem interessierte sich der Test nur für das Haupthandelsbuch der Bank und nicht für ihre gesamte Bilanz. Das ermöglichte Banken Wertstellungen von einem Buch in andere zu schieben. Der Internationale Währungsfond erklärte vergangene Woche, dass er die CEBS- Tests nicht für streng genug halte.

Der Marktstratege von Cantor, Stephen Pope, bemerkte: „Ich kann an diesem Test nichts von Stress feststellen. Es ist wie ein Ausflugs-Wochenende für die Banken.“ Dem Ökonomen Neil MacKinnon von VTB Capital zufolge, „sieht es wie Schönfärberei aus und die erste Reaktion der Märkte ist Skepsis.“

Die europäischen Behörden begrüßten die Tests freudig als Beweis für die Stärke des europäischen Bankensektors. Tatsächlich hängen aber noch mehr als ein Drittel der getesteten Banken am Tropf von Regierungsgeldern. Der CEBS fand heraus, dass von den 91 Banken noch 38 von der weiteren Unterstützung ihrer jeweiligen Regierung in Höhe von insgesamt 170 Mrd. Euro abhängig sind.

Nach dem Finanzkrach von 2008 wurde in europäischen Finanzkreisen und in der Politik viel über die Notwendigkeit von Institutionen gesprochen, die mit der Macht ausgestattet sind, um sicherzustellen, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt. Der CEBS-Bericht zeigt, dass sich für die großen Aktienbesitzer und Investoren nichts geändert hat. Sie haben grünes Licht erhalten, weiterzumachen wie bisher. Sie können sicher sein, dass die Regierungen sie wieder heraushauen und ihre Spielschulden übernehmen werden.