„Es wird nie mehr so sein wie zuvor“

Interview mit einem Augenzeugen

Von unseren Korrespondenten
30. Juli 2010

Wir trafen Christof Holona am Westeingang zum Tunnel Karl-Lehr-Straße. Er war am Samstag mitten in dem tödlichen Gedränge, hat miterlebt, wie Menschen um ihn her gestorben sind. Obwohl Christof offensichtlich noch traumatisiert ist, versucht er, so sachlich wie möglich zu berichten, was geschah.

Christof Holona Christof Holona

„Als ich vom Bahnhof her kam, wurde man von dieser Seite her überhaupt nicht auf das Gelände gelassen. Alle mussten weit außen herum und durch den Tunnel. Vor dem Tunnel kamen die Einzeleingänge. An diesen Schleusen, kontrollierten Ordner, dass keiner mit einer Glasflasche reinkommt. Unter der Brücke kamen weitere Schleusen, und an jeder Schleuse haben wir gewartet: Mal zehn bis fünfzehn Minuten, mal noch länger, bis es weiterging.

Mitten im Tunnel ging’s dann links über eine Rampe hoch zum Veranstaltungsgelände. Hier hatte sich schon eine große Gruppe angestaut. Da standen wir nun alle, und nichts ging mehr. Erst haben wir noch getanzt, und einige Leute kletterten an einem Beleuchtungsmast hoch, um endlich auf das Gelände zu kommen. Auf der linken Seite war die schmale Steintreppe hinter einer Absperrung, da standen Ordner mit blauen Hemden, doch die haben wir später nicht mehr gesehen.

Ein paar Leute kletterten über den Zaun, um über die Treppe nach oben zu gelangen, denn es dauerte ewig. Auf einmal setzte von hinten, aus dem großen Tunnel her, eine Bewegung in Richtung Treppe ein und wir wurden in die Mitte des Platzes gedrückt. Dann wieder ein Stoß aus der andern Tunnelrichtung. Die Leute schrien: „Eh, was soll das? Ich kriege keine Luft.“ Der Zaun an der Treppe knickte ein. In dem Moment kam ein gewaltiger Stoß von oben, vom Rampenausgang her.

Das war der Moment, als Panik ausbrach. Der Druck kam jetzt von allen Seiten, und ich wurde in den Zwischenraum zwischen Treppe und Plakatwand hineingedrückt. Keiner konnte sich mehr rühren. Neben mir schrie jemand, dass hier Leute sterben. Und es gab Tote neben mir, die steckten zwischen den andern Menschen fest. Sie kriegten keine Luft mehr, sie erstickten.

Einige begannen, über unsere Köpfe hochzuklettern, und ich wurde von einem Schuh am Kinn getroffen. Diese sind auch über die Toten getrampelt und trafen sie am Kopf und im Gesicht. Das hat die Panik noch verstärkt.

Ich sagte zu mir selbst: „Hier kommst du nicht mehr heil raus.“ Als dann die Polizisten nach und nach die Menge auflösten, fielen die Toten zu Boden. Bei einigen versuchte man noch, sie zu reanimieren, aber für viele kam die Hilfe zu spät. Ich war zum Glück alleine.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber es waren viele Stunden. Sobald ich mich wieder rühren konnte, rief ich meine Frau an, die es schon im Fernsehen gesehen hatte. Sie hatte mich nicht erreichen können.

Weil ich so schmutzig war, fragten mich ein paar Leute, ob ich auf dem Boden gelegen hätte. Sie konnten sich nicht vorstellen, was passiert war und wie das war. Später musste ich wegen Lungenproblemen zum Arzt.

Für die Menschen, die das erlebt haben, wird es nie mehr so sein wie zuvor. Wer lebend aus dieser Hölle rausgekommen ist, der hat nur seinen Körper gerettet. Die Seele ist gestorben. Am liebsten möchte man tot sein mit den Toten.

Seither bin ich schon zweimal wieder hierher gekommen, und so langsam geht es mir besser. Ich werde wieder ruhiger, denn es wird jetzt klarer, was hier wirklich los war. Die ganze Sache war falsch und vollkommen dilettantisch geplant.“