Ein Briefwechsel zu "Socialism 2010":

Die Politik der International Socialist Organisation"

Von David Walsh
6. Juli 2010

Zu dem zweiteiligen Artikel "Socialism 2010" ("Die ISO und die Linke der amerikanischen Mittelklasse" und "Die ISO und Barack Obama"), der der "International Socialist Organisation" und ihren Konferenzen gewidmet war, hat die WSWS eine Reihe von Briefen erhalten. Etliche davon unterstützen unsere Auffassung, andere waren kritisch.

Wir veröffentlichen hier die Übersetzung einer E-Mail zur ISO und ihren Konferenzen, mit unserer Antwort:

Hallo zusammen!

Komme gerade zurück von "Socialism 2010" in Chicago. Ich bin ein großer Fan der wsws.org und lese sie seit mehr als einem Jahr mit großem Interesse. Ich war im letzten halben Jahr auch bei einigen ISO-Treffen und habe an mehreren politischen Aktionen, die von der Gruppe organisiert wurden, teilgenommen. Ich würde gern einige Kommentare zu diesem Artikel abgeben.

Zuerst einmal denke ich, dass eure Redakteure Recht haben, wenn sie die ISO und die Redner, die jüngst auf der Konferenz zu Wort kamen, für ihren naiven Glauben kritisieren, dass die Wahl Barack Obamas ein in irgendeiner Weise historischer oder umwälzender Vorgang in der amerikanischen Geschichte und ihren Klassenbeziehungen gewesen ist.

Trotzdem ist es weder zutreffend noch fair, die Organisation selbst nur als den verlängerten Arm der demokratischen Partei zu bezeichnen. Darüber hinaus ist die Annahme, die ISO sei als Organisation nicht im Kampf für den Aufbau einer wirklich sozialistischen und demokratischen Gesellschaft verwurzelt oder sich der historischen Fallstricke des Reformismus nicht bewusst, eine grobe Unterschätzung und Verfälschung der Tatsachen.

Die Mitglieder der ISO predigen vor allem eines immer wieder: "Dass Bewegungen nicht als radikal geboren werden, sondern dass die Menschen sich im Verlauf des Kampfes radikalisieren." Es gehört zur Kernphilosophie der ISO, dass revolutionäre Sozialisten an allen Bewegungen zum Wohl der Arbeiterklasse teilnehmen müssen, wenn sie die Menschen schlussendlich für ihr Lager gewinnen und in einer sich verändernden Gesellschaft Einfluss nehmen wollen.

Was die Wahl von 2008 anbetrifft, so lagen sie mit Sicherheit falsch, denn sie unterstützten eine Partei, die derzeit der mächtigste Feind der internationalen Arbeiterklasse ist.

Ein solch ernster Fehler enthüllt eine Schwachstelle in der Partei. Er bedarf einer gründlicheren Untersuchung und kann in der Tat auf die im Wesentlichen kleinbürgerliche Zusammensetzung der Organisation zurückgeführt werden.

Dennoch haben 99,9 Prozent der Aktivitäten der ISO absolut nichts mit der Demokratischen Partei zu tun. Im Gegenteil. Die ISO kämpft darum, die Menschen sowohl in der Theorie als auch der Geschichte des Marxismus zu erziehen. Die Gründe, aus denen sie in den Sog von Bewegungen mit weniger demokratischen / radikalen Zielen geraten, sind in meinen Augen taktischer Natur und haben etwas damit zu tun, dass man nicht von der Seitenlinie aus zuschauen will, wenn Menschen zu Aktionen wachgerüttelt werden.

Hat die ISO Fehler gemacht? Auf jeden Fall. Gibt es in den Ansichten der Partei Widersprüche und Mängel? Sicherlich. Sie aber einfach als Handlanger der Demokratischen Partei zu denunzieren, ist eine kindliche eindimensionale Einschätzung, die die produktive und wichtige Rolle übersieht, die sie als Studenten, Historiker, Erzieher und Aktivisten in der marxistischen Tradition spielen können.

JS 21. Juni 2010

David Walsh antwortet:

Danke für deinen Kommentar. Freut mich, dass du Leser des WSWS bist. Lass mich auf deine Einwendungen antworten.

Du kritisierst unsere Einschätzung der International Socialist Organisation und ihrer Treffen, aber dein Brief unterstreicht genau unsere Argumentation.

Im ersten Teil argumentierten wir, dass "kleinbürgerliche ‚linke’ Politik der ISO-Variante charakterisiert wird durch theoretische Formlosigkeit, das Fehlen einer Perspektive, pragmatische Anpassung an den herrschenden politischen Druck und politische Unernsthaftigkeit."

Die Beschreibung, die du lieferst, bekräftigt genau das. Du schreibst: "Die Mitglieder der ISO werden dir immer wieder sagen, dass "Bewegungen niemals radikal geboren werden - die Leute radikalisieren sich im Verlauf des Kampfes."

Dies ist ein Rezept für ungebremsten Opportunismus. Die ISO beruft sich auf das, was sie für den gegenwärtigen Stand des öffentlichen Bewusstseins hält, um ihre Anpassung an die Demokratische Partei und die politische Situation als Ganzes zu rechtfertigen. In anderen Worten: Sie entledigt sich der Verantwortung eine eigene klare Haltung gegenüber der Obama-Administration und den Demokraten einzunehmen, indem sie sie der Arbeiterklasse und den Studenten überlässt, genauer gesagt: Sie verhilft den Demokraten zu einem quasi-"linken" Deckmantel.

Du fährst fort: "Dies bildet einen Teil der Kernphilosophie der ISO, dass revolutionäre Sozialisten an allen Bewegungen zum Vorteil der arbeitenden Bevölkerung teilnehmen müssen, wenn sie die Leute schlussendlich für ihr eigenes Lager gewinnen und in einer sich verändernden Gesellschaft Einfluss nehmen wollen."

Du verwechselst hier Teilnahme mit Opportunismus. Sie sind nicht dasselbe. Auf welcher Grundlage beteiligen sich die ISO und ihre Mitglieder? Sie verfolgen mit Sicherheit eine politische Linie, aber sie tun das unaufrichtig und opportunistisch. Sie intervenieren mit dem Ziel, der Demokratischen Partei und ihren Anhängern indirekte, versteckte, aber sehr reale Unterstützung zu bieten. Sie nehmen teil, um die Unterordnung der Arbeiterklasse unter diese bürgerliche Partei aufrechtzuerhalten.

Seit Januar 2009 hat die ISO ihre Bemühungen darauf konzentriert, zu behaupten, dass die Obama-Administration nach links gedrängt werden könne, wenn nur genügend starker Druck ausgeübt wird. Ich habe dazu im ursprünglichen Artikel eine Menge Beweismaterial dazu angeführt, aber wenn es nötig erscheint, kann ich auch noch mehr liefern.

Du nennst sie "revolutionäre Sozialisten", aber du versäumst, genau das zu belegen. Was macht Menschen zu "revolutionären Sozialisten", wenn nicht ihr Programm? Wenn sie sich einfach nur vorherrschenden Illusionen anpassen, dann haben sie nicht das Recht, so genannt zu werden.

Sozialisten entwickeln ihre Haltung zu den großen Fragen bewusst und das bildet die feste Grundlage ihrer politischen Aktivitäten - den gegenwärtigen Stand des Bewusstseins nicht zu ignorieren, sondern Methoden zu seiner Herausforderung zu entwickeln und es mit der objektiven Wirklichkeit in Einklang zu bringen.

Was du über die ISO und Obama schreibst, ist für die Organisation vernichtend. Du kommentierst: "Was die Wahl von 2008 anbetrifft, so lagen sie mit Sicherheit falsch, denn sie verliehen der Partei Legitimität, die derzeit der mächtigste Feind der internationalen Arbeiterklasse ist.

Was soll ich dazu noch sagen? Du gibst zu, dass die ISO "dem mächtigsten Gegner der internationalen Arbeiterklasse""Legitimität verliehen" hat. Man sollte doch annehmen, dass das als Argument ausreicht, um sich von einer solchen Organisation so weit wie möglich fernzuhalten und eine Kampagne zu ihrer Entlarvung zu starten."

Nach deinen früheren Bemerkungen über den "naiven Glauben" der ISO-Führung, "dass die Wahl Barack Obamas ein in irgendeiner Weise historischer oder umwälzender Vorgang in der amerikanischen Geschichte und ihren Klassenbeziehungen gewesen ist", kann ich nur mutmaßen, dass du die Politik von 2008 als unschuldigen Fehler siehst, der sich (wie du später schreibst) aus dem Wunsch der ISO ergab, "nicht von der Seitenlinie aus zuzuschauen, wenn Menschen zu Aktionen wachgerüttelt werden". In anderen Worten: Die ISO hat angesichts der Obama-Hysterie ganz einfach den Verstand verloren und sich in blindem Aktionismus verfangen.

Wieso hältst du solch ein Verhalten für naiv? Entschuldige, aber ich glaube, der Naive bist du. Leute, die einen Beruf daraus machen, dem Großkapital zu helfen und zu dienen, sind alles andere als unschuldig. Wie würdest du das Verhalten der Kommunistischen Partei der USA charakterisieren? Ist sie seit 1936 einfach nur naiv gewesen?

Die Führer der ISO sind Leute mit einer langen, teilweise jahrzehntelangen, politischen Geschichte. Du glaubst ihnen aufs Wort, ohne ihren Werdegang, ihr Programm zu untersuchen. Das ist ein großer Fehler. In unseren Augen wussten diese Leute haargenau, was sie taten, denn ihr Verhalten ist nur die Konsequenz ihrer Geschichte opportunistischer Manöver im Umfeld der Demokratischen Partei, der Gewerkschaften und der verschiedenen Protestbewegungen.

Du schreibt über ihre Unterstützung für Obama: " Ein solch ernster Fehler enthüllt eine Schwachstelle in der Partei. Er bedarf einer gründlicheren Untersuchung und kann in der Tat auf die im Wesentlichen kleinbürgerliche Zusammensetzung der Organisation zurückgeführt werden."

Aber wie war so ein Fehler möglich, wo es doch ausgerechnet um die Demokratische Partei geht? Ernsthafte sozialistische Politik in den USA fängt damit an, die Arbeiterklasse zum Bruch mit der Demokratischen Partei zu bewegen, insbesondere mit ihrem liberalen Flügel. Dieser Kampf hat eine lange Geschichte, den die ISO bestreitet. Sie haben sich den Verrat der Kommunistischen Partei zu Eigen gemacht, der von Trotzki und Cannon gebrandmarkt wurde.

Du gibst den Fehler wenigstens zu, die Führung der ISO tut das nicht. Wo hat sie ihre unsäglich falsche Haltung gegenüber Obama und seiner Administration eingestanden? Wo bleibt die Analyse jener Politik, wo ihre Zurückweisung?

Siehst du nicht, dass ihre Unterstützung Obamas haargenau mit dem Argument übereinstimmt, das du noch immer verteidigst - das man "Menschen während des Kampfes" in Frieden lassen sollte? Sie werden sich ganz von allein "radikalisieren". Da viele Leute Obama unterstützten, musste die ISO sich dieser Linie anschließen. Aber warum versucht man es nicht einmal anders herum und sagt ihnen die Wahrheit? Natürlich macht man sich kurzfristig gesehen nicht gerade beliebt, wenn man kaltes Wasser auf die Illusionen der Menschen schüttet. Aber es ist der einzige Weg, eine revolutionäre Bewegung aufzubauen.

Die ISO verfolgt jedenfalls im Wesentlichen immer die gleiche politische Linie. Am 10. Februar dieses Jahres hieß es im Socialist Worker immer noch, dass das Wesen der Obama-Administration ein Geheimnis sei. "Wenn sie nicht von Millionen von Menschen, die einen Wechsel wollen, unter Druck gesetzt wird, wird die Obama-Administration dem unbarmherzigen Druck, dem sie von oben ausgesetzt ist, nachgeben."

Der Leitartikel vom 10. März diesen Jahres verwies auf den "Druck von unten, der Präsident Franklin Roosevelt veranlasste, große soziale Reformen durchzuführen, die bis heute erhalten sind." Am 21. April 2010 beschwerte sich der Socialist Worker nur noch darüber, dass Obama "viel von dem Optimismus vergeudet" habe, mit dem die Bevölkerung seine Wahl begrüßt hatte. Kein Wort über die unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen diese Regierung und die Demokraten!

Du schreibst, "99 Prozent dessen, was die ISO tut und weshalb sie sich organisiert, hat nichts mit der Demokratischen Partei zu tun". Wenn du nur einen Moment lang ernsthaft darüber nachdenkst, wirst du sehen, was das für eine lächerliche Behauptung ist. Es würde heißen, dass der Hauptteil der Aktivitäten der ISO nichts mit den zentralen Fragen des amerikanischen politischen Lebens zu tun hat. Welche Frage stellt sich denn für Sozialisten, wenn nicht die nach der Dringlichkeit eines Bruches mit bürgerlicher Politik, nach der Bekämpfung des Kapitalismus?

Du schreibst, ohne dir dessen bewusst zu werden, dass der Hauptteil der Aktivitäten der ISO darin besteht, der Dominanz bürgerlicher Politik in den verschiedenen Protestbewegungen und den Gewerkschaften Tag für Tag auszuweichen und dann, wenn eine Wahlkampagne ansteht, "legitimiert" die Organisation die Demokraten. Gibt es ein erbärmlicheres Armutszeugnis, ein schillernderes Beispiel für Opportunismus?

Wie dem auch sei, wir haben nie behauptet, dass die ISO und die Demokraten ein und dasselbe seien. Welchem Ziel würde das vom Standpunkt der Verhinderung einer revolutionären Bewegung dienen? Hier gibt es eine politische Arbeitsteilung. Solche "linken" Organisationen existieren, um wachsenden Widerstand gegen den Kapitalismus zu umgarnen und ihn dann daran zu hindern, mit bürgerlicher Politik zu brechen.

Auch die Kommunistische Partei hat in ihrer Glanzzeit, als sie beträchtliche politische Unterstützung erfuhr, nie direkt als ein Flügel der Demokraten funktioniert. Ihre Aufgabe war es, ihre "linke" Glaubwürdigkeit zu nutzen, um gesellschaftlichen Widerstand in Unterstützung für Roosevelt und andere bürgerliche Politiker umzumünzen.

Schließlich schreibst du, wir ignorierten "die produktive und wichtige Rolle, die sie als Studenten, Historiker, Erzieher und Aktivisten in der marxistischen Tradition spielen können."

Von welcher Tradition sprichst du? Leute worin zu erziehen? Es ist die ausdrückliche Politik der ISO, kein sozialistisches Programm zu verfolgen, weil es manche Menschen vor den Kopf stoßen könnte. Ist das marxistische Tradition? Warum hat Marx "Das Kapital" geschrieben? Warum Lenin "Was tun?" Oder Trotzki "Die verratene Revolution"? Warum hat sich Rosa Luxemburg mit "Reform oder Revolution" und dem Kampf gegen die Bernstein-Anhänger abgegeben? Wo in der "marxistischen Tradition" findet man eine Rechtfertigung für die pragmatische, kurzsichtige, opportunistische Politik der ISO?

Dies sind wichtige Fragen und ich empfehle dir dringend, darüber nachzudenken.

David Walsh

Siehe auch:
"Socialism 2010": Die Politik der International Socialist Organisation
(29. Juni 2010)