Die Ermordung von Karzais Bruder verschärft die Krise der USA in Afghanistan

Von Bill Van Auken
14. Juli 2011

Die Ermordung von Ahmed Wali Karzai, dem Halbbruder des afghanischen Präsidenten, am Dienstag ist ein schwerer Schlag gegen die amerikanische Strategie für die wichtige südafghanische Provinz Kandahar.

Der mächtige Warlord und langjährige CIA-Mitarbeiter aus Kandahar wurde von einem seiner Leibwächter in Brust und Kopf geschossen. Der Mann wurde von Geschäftspartnern als einer der vertrauenswürdigsten Kommandeure der bewaffneten Milizen angesehen, die Karzai loyal ergeben sind.

Die Taliban übernahmen die Verantwortung für das Attentat; sie behaupteten, der Auftragskiller namens Sardar Mohammad wäre bereits „vor langer Zeit“ angeworben worden und hatte an dem Tag „endlich die Chance bekommen und sein Ziel erreicht.“ Sie bezeichneten die Ermordung als einen ihrer „größten Erfolge.“ Mohammad wurde sofort nach der Ermordung Karzais von anderen Leibwächtern getötet.

Mohammad hat angeblich seit sieben Jahren für Karzai gearbeitet. Er befehligte die Milizionäre, die die Straßensperren rund um das Dorf der Familie im Distrikt Dand, südlich der Stadt Kandahar, bewachen.

Anfangs gab es Andeutungen, dass die Ermordung von einem persönlichen Streit motiviert sein könnte. Allerdings beschrieb General Abdul Raziq, der Polizeichef von Kandahar, den Mörder als „guten Freund“ Karzais, und gab auf einer Pressekonferenz bekannt, dass mehrere Verdächtige im Zusammenhang mit der Ermordung verhaftet wurden und zurzeit verhört würden.

Raziq, der sein Amt, nach der Ermordung seines Vorgängers am 15. April durch einen Taliban-Agenten antrat, sagte, es sei nicht auszuschließen, dass „fremde Mächte“ bei dieser jüngsten Ermordung die Hände im Spiel hätten, und nannte den Tod Karzais einen „großen Verlust.“

Raziq ist ein Liebling der US-Besatzungsmacht – wie auch Karzai selbst – und wird mit dem profitablen Opiumhandel in der Region in Verbindung gebracht. Kritiker werfen ihm vor, systematisch „Aufständische“ ohne vorherige Gerichtsverhandlung hinrichten zu lassen.

Tooryalai Wesa, der Gouverneur des Distrikts Kandahar, ging noch weiter. Er nannte die Ermordung eine „Katastrophe für alle“, und behauptete, Karzai hätte „geholfen, der Region Frieden und Stabilität zu bringen.“

In Wirklichkeit agierte Karzai als de-facto-Gouverneur der Provinz, und als noch etwas Höheres. Sein offizieller Titel war der des Vorsitzenden des Provinzrates von Kandahar; er wurde auch „König von Kandahar“ genannt. Seine Macht beruhte allerdings vor allem auf seinen Beziehungen zur Zentralregierung seines Bruders, und auf seiner Kontrolle über eine Reihe von privaten Sicherheitsfirmen, die praktisch ein Monopol auf Sicherheitsoperationen für Nachschubkonvois und Privatfirmen innehatten.

Zu den bewaffneten Milizen unter seinem Kommando gehörte auch die Kandahar Strike Force, eine verschworene Vereinigung, die mit der CIA und den amerikanischen Special Forces zusammenarbeitete und in der Art von Todesschwadronen gegen vermeintliche Aufständische vorging.

Ahmed Karzai wurde ebenfalls beschuldigt, Millionen mit der Erpressung von Vertragsfirmen zu verdienen, sich lukrative Land- und Wasserressourcen anzueignen und ein Monopol auf ausländische Kredite und Subventionen zu halten.

Er unterstütze außerdem seinen älteren Bruder, Präsident Hamid Karzai, in erheblichem Maße dabei, im Jahr 2009 die Wahlergebnisse so zu manipulieren, dass er wiedergewählt wurde.

In einem diplomatischen Telegramm vom Juni 2009, das WikiLeaks letzten Dezember veröffentlichte, gaben US-Repräsentanten eine offene Einschätzung des Bruders des Präsidenten ab. In dem Telegramm heißt es: „Als wichtigster Mann in Kandahar dominiert Ahmed Wali Karzai (AWK) den Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen, zu Vetternwirtschaft und Protektion.“ „Ein Großteil der Geschäfte, die Kandahar wirklich am Laufen halten, findet hinter verschlossenen Türen statt, wo AWK neben den offiziellen Regierungsstrukturen auch ein Netzwerk von politischen Clans beherrscht, das die staatlichen Institutionen benutzt, sich abzusichern und legalen und illegalen Geschäften nachzugehen.“

In dem Telegramm wird der jüngere Karzai als der „unumstrittene Machthaber“ von Kandahar beschrieben; gleichzeitig wird auch eingeräumt, dass er aufgrund seiner hochgradigen Korruptheit in Kandahar „höchst unbeliebt“ sei. Laut dem Telegramm ist es „sein übergeordnetes Ziel als Vorsitzender des Provinzrates von Kandahar und als persönlicher Repräsentant des Präsidenten im Süden, den Karzai-Clan zu bereichern, seine Macht zu erweitern und seine Existenz zu sichern.“

Im Oktober 2009 zitierte die New York Times anonyme Quellen aus der US-Regierung, die detaillierte Informationen lieferten, dass Karzai tief in den Heroinhandel verwickelt sei, und dass er seit 2001 auf der Gehaltsliste der CIA stehe. Vertreter des amerikanischen Militärs und der Regierung drückten ihren Wunsch aus, der jüngere Karzai möge das Land verlassen, und fürchteten, dass seine korrupten Aktivitäten dem Hass auf die amerikanische Besatzungsmacht und Karzais Regierung weitere Nahrung gäben.

Ein zweites von WikiLeaks veröffentlichtes Telegramm vom Februar 2010 beschreibt ein Treffen von amerikanischen Diplomaten, Militärs und Geheimdienstlern, in dem es darum ging, welche Maßnahmen gegen „kriminelle und korrupte afghanische Funktionäre“ ergriffen werden sollten. Besonderes Gewicht wurde auf Aktionen gegen „drei prominente schädliche afghanische Elemente“ gelegt: den derzeitigen Polizeichef von Kandahar, Abdul Raziq; Ahmed Wali Karzai (ermordet) und den damaligen Polizeichef der benachbarten Provinz Helmand, Asadullah Sherzad.

Einen Monat später sagte ein anonymer „hochrangiger US-Militär“ der Nachrichtenagentur Reuters, er hätte Ahmed Karzai „weghaben wollen“, weil er „zu sehr polarisiert.“ Er fügte hinzu, dass das Militär nur dann etwas hätte unternehmen können, wenn man ihn „mit den Aufständischen hätte in Verbindung bringen“ können. Wenn das der Fall wäre, sagte er, „können wir ihn auf die Liste setzen, ihn fangen und töten.“

Letzten Juni berichtete die Washington Post über ein Treffen im März 2010, bei dem General Stanley McChrystal, dem damaligen US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, detaillierte Dossiers über Ahmed Wali Karzais Korruption vorgelegt wurden. Laut der Post wies McChrystal am Ende des Treffens seine Untergebenen an, „aufzuhören, schlecht über AWK zu reden“, und stattdessen mit ihm zusammenzuarbeiten.

Dies war auch die Linie von General David Petraeus, der kurze Zeit später McChrystals Kommando übernahm und es jetzt selbst abgegeben hat, um Direktor der CIA zu werden.

Als eine seiner letzten Amtshandlungen drückte Petraeus dem afghanischen Präsidenten sein „persönliches Beileid und seine Anteilnahme“ über den Tod seines Bruders, des Warlords aus Kandahar, aus, und schwor, dass die US-Besatzungsmacht „alles in ihrer Macht stehende tun werde“ um alle, die an der Ermordung beteiligt waren, zur Verantwortung zu ziehen.

Als die Obama-Regierung die Truppen um 30.000 Mann aufstockte, die überwiegend in die südlichen Provinzen Kandahar und Helmand geschickt wurden, kamen Petraeus, McChrystal und andere US-Militärs zu dem Schluss, dass Ahmed Karzai ein unverzichtbarer Verbündeter sei, obwohl seine offene Korruption den bewaffneten Widerstandsgruppen, die gegen Karzai und die Besatzungstruppen kämpfen, Zulauf brachte.

Letztes Jahr sagte ein amerikanischer Regierungsvertreter in der Washington Post: „Wenn man Karzai ausschaltet, haben wir dort keine bessere Regierung, sondern gar keine Regierung. Er hat sehr gute Arbeit für die Vereinigten Staaten geleistet. Er ist sehr effektiv.“

Die Tatsache, dass Washington nach zehn Jahren Krieg auf eine solche Person angewiesen ist, ist ein unbestreitbarer Beweis für den kriminellen und halbkolonialen Charakter dieses Krieges, und für den Mangel an echtem Rückhalt im Volk für das ausländische Besatzungsregime oder die korrupte Regierung, die es in Kabul eingesetzt hat.

Jetzt ist er „ausgeschaltet“, und die Aussichten, dass sein Tod für eine „bessere Regierung“ sorgt, sind bei Null.

Es ist unklar, ob die Taliban, die in der Vergangenheit mehrfach versucht haben, Ahmed Karzai zu töten, wirklich für das Attentat vom Dienstag verantwortlich sind. Sie haben auch in der Vergangenheit schon die Verantwortung für Taten übernommen, die andere begangen haben, und sicher haben auch viele andere ihre Gründe, den Warlord töten zu wollen – Konkurrenten im Drogenhandel, rivalisierende Stammesführer, und vielleicht sogar Mitglieder seiner eigenen Organisation, die, wie unter Gangstern, durch seine Ermordung seinen Platz einnehmen wollten.

Die New York Times berichtete mit Sorge, dass durch den Tod des jüngeren Karzai ein „Autoritätsvakuum“ in den Paschtunengebieten in Südafghanistan droht, ein „Kampf um die Kontrolle“ und „vielleicht noch größeres Blutvergießen“, wenn rivalisierende Clans um die Herrschaft kämpfen.

Egal wer für Karzais Ermordung verantwortlich ist, nach dem Angriff auf das Inter-Continental-Hotel in Kabul vor zwei Wochen und den Ermordungen des Polizeichefs von Kandahar und anderer wichtiger Persönlichkeiten, bestätigt das Attentat den allgemeinen Eindruck, dass die Regierung und die ausländischen Besatzungstruppen nicht in der Lage sind, Top-Funktionäre und Anhänger zu beschützen.

Die Ermordung zeigt auch die Krise der Obama-Regierung und des US-Militärs, die den Abzug von 33.000 US-Truppen bis Ende nächsten Jahres vorbereiten. Zwar werden fast 70.000 US-Soldaten und Marines in dem besetzten Land bleiben, aber der Abzugsplan sieht vor, dass die afghanischen Sicherheitskräfte und die afghanische Regierung größere Verantwortung für die Unterdrückung des Widerstandes übernehmen. Dass eine Persönlichkeit wie Ahmed Karzai eine so wichtige Rolle spielt und sein Tod eine solche Krise auslöst, demonstriert die vollkommene Verdorbenheit und Machtlosigkeit dieser Regierung, die Washington durch den Einmarsch in Afghanistan an die Macht gebracht hat.

Am gleichen Tag, an dem Ahmed Karzai ermordet wurde, bestätigten die Behörden in der östlichen Provinz Logar, dass bei einem Nato-Luftangriff am vorherigen Tag mindestens sechzehn Menschen getötet wurden.

„Gestern Nacht wurden zwölf Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, getötet, als Kampflugzeuge der Nato zwei Häuser unter Beschuss nahmen“, sagte ein örtlicher Polizeichef der Nachrichtenagentur AFP. Der Beamte behauptete, dass vier mutmaßliche Mitglieder der Taliban ebenfalls bei dem Angriff ums Leben gekommen seien. Berichten zufolge war der Angriff gegen ein Haus gerichtet, in dem sich Mitglieder der Taliban trafen, allerdings wurde auch das Nachbarhaus zerstört.

Der tödliche Angriff geschah nur Tage nach einem weiteren Luftangriff in der südöstlichen Provinz Khost, bei dem weitere dreizehn Zivilisten getötet wurden, darunter acht Kinder und drei Frauen.

Seit der Erhöhung der Truppenstärke hat die Zahl der Luftangriffe von amerikanischen und Nato-Kampfflugzeugen stark zugenommen. Durch den teilweisen Abzug der US-Bodentruppen wird sie vermutlich noch weiter zunehmen, weil die Besatzungsmacht abhängiger von ihrer Lufthoheit wird.

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