Zweiter Vertrauter von Karzai in Afghanistan ermordet

Von James Cogan
26. Juli 2011

Jan Mohammad Khan, einer der engsten Vertrauten des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, wurde Sonntagnacht in seinem Wohnsitz in Kabul ermordet. Trotz strengster Sicherheitsmaßnahmen gelang es drei schwer bewaffneten Männer um etwa 19.30 Uhr in das Anwesen einzudringen. Neben Khan gehören mehrere Leibwächter und Hashem Watanwal, ein Mitglied des afghanischen Parlaments aus der Provinz Uruzgan und zu den Toten. Laut Zeugen hielten die Mörder bis in die frühen Morgenstunden des Montags gegen neuseeländische und afghanische Spezialeinheiten aus, bevor sie niedergeschossen wurden.

Ein Sprecher der Exil-Regierung der Taliban bekannte sich zu dem Mord. Der Mord ereignete sich nur sieben Tage, nachdem Karzais Halbbruder, Ahmad Wali Karzai, von einem langjährigen Leibwächter in seinem Haus in der Provinz Kandahar erschossen worden war. Auch hier bekannten sich die Taliban zu der Tat und behaupteten, der Leibwächter, der den US-Streitkräften und der CIA bekannt war, sei schon immer ein aufständischer Schläfer gewesen.

Der Tod von Karzais Halbbruder und von Khan sind erhebliche Schläge gegen das US-Marionetten-Regime in Kabul. Beide waren mächtige Persönlichkeiten in Karzais Volksstamm der Popolzai, und standen an der Spitze eines von Vetternwirtschaft gekennzeichneten Netzes von Geschäftsinteressen – sowohl legaler als auch illegaler Art – und von Stammeszugehörigkeiten, auf die der Präsident sich bei der Ausübung seiner Macht in Süd-Afghanistan stützt. Die US-amerikanischen und die Nato-Streitkräfte, die im Süden operieren, haben gegenüber der Kriminalität der Karzai-freundlichen Pashtun-Kriegsherren ein Auge zugedrückt, um ihre Unterstützung für Operationen gegen die besatzungsfeindlichen Aufständischen sicherzustellen.

Ahmad Wali Karzai war offiziell der Vorsitzende des Provinzrats von Kandahar; er leitete ein Netzwerk aus Unternehmen, das große Beträge aus internationalen „Wiederaufbau-„ und „Hilfs“-Verträgen einkassierte. Er unterhielt private Sicherheitsfirmen und Milizen, die regelmäßig beschuldigt wurden, an Opium-Produktion und -Handel beteiligt zu sein. Es wurde allgemein angenommen, dass er den massiven Wahlbetrug in Kadahar und anderen südlichen Regionen gesteuert hat, der Hamid Karzai in den Wahlen zweimal die Präsidentschaft verschafft hat.

Jan Mohammad Khan, steht sei langer Zeit in Verbindung mit der Karzai-Familie. Khans Familie beherrscht einen großen Teil der Provinz Uruzgan. Nach der US-Invasion wurde er Gouverneur von Uruzgan; er wurde beschuldigt potentielle Rivalen beseitigt zu haben, indem er sie anprangerte Verbindungen zum früheren Taliban-Regime gehabt zu haben. Während seiner Zeit als Gouverneur wuchs laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung die Opium-Produktion in der Provinz um mehr als das Dreifache. Dorfbewohner behaupteten, dass von den Vereinten Nationen finanzierte Drogenbekämpfungsprogramme benutzt wurden, um die Ernte von Erzeugern zu vernichten, die nicht die notwendigen Zahlungen an die von Kahn kontrollierten Behörden entrichteten.

2006 ließ Hamid Karzai Khan nach Kabul kommen, um sein Berater zu werden. Holländische Streitkräfte, denen die militärische Kontrolle über Uruzgan übertragen worden war, hatten sich beim US-Militär beschwert, dass seine brutale Unterdrückung von Stammesrivalen, seine Korruption und seine mutmaßliche Kontrolle über den Opium-Handel den Aufstand schürten.

Khan war damit einverstanden, die Provinz zu verlassen, sein Einfluss in Uruzgan blieb jedoch weiter bestehen. Sein Neffe, Matiullah Khan, trat als Führer einer 2000 Mann starken Miliz mit engen Beziehungen zu den australischen Streitkräften, die in der Provinz stationiert sind, in Erscheinung. In den letzten Jahren haben US-amerikanische und australische Zeitungen Anschuldigungen gegen Khans Milizen belegt; dazu gehören das Erheben von „Schutz“-Geldern von Fahrzeugen, die die Provinz durchqueren, Entführungen und die Beteiligung am Drogenhandel. Die Mitglieder der Miliz tragen einen Schulteraufnäher mit einer Kombination aus afghanischer und australischer Flagge und unterstützen die Kampfeinsätze der australischen und US-amerikanischen Spezialeinheiten

Die Ermordungen Karzais und Khans sind nur die prominentesten Hinrichtungen in diesem Jahr. Die Taliban und andere aufständische Organisationen haben ihre Operationen gegen das besatzerfreundliche Regime intensiviert und die Verantwortung für eine Welle von Mordanschlägen an afghanischen Polizei- und Armee-Kommandeuren, Mitgliedern der nationalen und Provinz-Parlamente und Stammesführern übernommen.

Zu den weiteren Opfern in diesem Jahr gehören Kandahars stellvertretender Gouverneur, Kandahars Polizeichef und Mohammad Daoud Daoud, ein Veteran der Anti-Taliban-Allianz und Chef der Polizei von acht Provinzen im Norden Afghanistans. Der Gouverneur der Provinz Helmand, die zusammen mit Kandahar als Frontlinie des Aufstands gilt, überlebte im Mai nur knapp einen Bombenanschlag an einer Straße. Im Jahr 2010 wurden, laut Uno, mindestens 140 Regierungsbeamte umgebracht.

Zum einen ist die Kampagne der gezielten Tötungen eine Vergeltung für die ununterbrochene Ermordung von Führern und Sympathisanten der Aufständischen durch die amerikanischen, britischen und australischen Spezialeinheiten und die regelmäßigen Raketenangriffe auf angebliche Verstecke in Pakistans Stammesgebieten durch ferngelenkte Drohnen. Es gibt zwar keine genauen Zahlen, dennoch geht die Zahl der Afghanen, die von den Besatzungsmächten ermordet wurden, in die Tausende.

Die schnell wachsende Gewalt steht in krassem Widerspruch zu den Behauptungen der Regierung Obama und verschiedener Nato-Länder, dass das verstärkte Vorgehen von zusätzlichen Truppen im Verlauf der letzten zwei Jahre das Land unter Kontrolle bringt. Die Prognose, die die Nato- und die US-Streitkräfte stellen, behauptet, dass die afghanische Armee und Polizei bis Ende 2014 in der Lage sein wird, auf sich gestellt die Reste der aufständischen Aktivitäten zu bekämpfen; was den meisten ausländischen Truppen erlauben würde, das Land zu verlassen

In Wirklichkeit beweist die Aufstandsbewegung deutlich, dass sie die verstärkten, von den USA angeführten Operationen überlebt hat und infolge des weit verbreiteten Hasses auf die ausländische militärische Besatzung und das korrupte und zerrüttete Karzai-Regime weiter anwächst.

Die Ermordung von Khan in seinem gesicherten Kabuler Haus, nur Wochen nachdem Militante in das schwer bewachte Intercontinental Hotel in der Innenstadt eingedrungen sind, deutet auf ein hohes Maß an Zusammenarbeit mit der Aufstandsbewegung innerhalb der afghanischen Regierung und der Sicherheitskräfte hin. Es hat die Befürchtung verstärkt, dass die Aufständischen überall hinkommen können.

Haroun Mir, der Direktor des afghanischen Zentrums für politische Forschung und Studien in Kabul erklärte gegenüber der Australian Broadcasting Corporation, dass die Welle von gezielten Tötungen „bei vielen Menschen in Afghanistan sicherlich Panik ausgelöst hat, und viele Menschen befürchten, dass sie die nächsten auf der Liste der Taliban sein könnten“. Er behauptete, eine ganze Reihe von hochrangigen Regierungspersönlichkeiten hätten entweder mit ihrer Familie das Land verlassen oder würden sich weigern, ihre bewachten Anwesen in Kabul zu verlassen.

Thomas Ruttig vom Afghan Analysts Network, das in Kabul ansässig ist, erklärte gegenüber dem britischen Guardian, das solche öffentlichen Angriffe den Eindruck verstärkten, dass die Regierung Karzai und die Besatzungsmächte „ihre engsten Verbündeten nicht schützen“ können. Ruttig bemerkt: „Die Menschen werden sich nach allen Seiten absichern, für den Fall, dass die Taliban eines Tages wieder an die Macht kommen. Sie werden Absprachen treffen, damit sie das überleben können. Mit dem Abzug der westlichen Soldaten verbreitet sich eine Atmosphäre von Sorge und Angst ... Sie vertrauen nicht darauf, dass die Regierungsbehörden tragfähig genug sind, um zu überleben.“

Der jüngste Bericht der in Europa ansässigen Internationalen Krisengruppe deutet an, dass Mitglieder des afghanischen Establishments sich tatsächlich nach allen Seiten absichern. Er behauptet, dass seine Untersuchungen bewiesen, es gebe weit verbreitete Absprachen zwischen Geschäftsleuten, Regierungsbeamten und diversen Organisationen der Aufständischen. Der Bericht behauptet, dass geschäftliche Tätigkeiten vom Baugewerbe bis zum Bergbau und dem Apfelanbau gegen Zahlungen an die Taliban mit deren Genehmigung stattfinden. Es wird außerdem behauptet, dass militante Haqqani-Netzwerk betreibe in Kabul seine eigenen Geschäfte

Trotz Obamas Behauptung, es gäbe „Fortschritte“, gibt es Anzeichen dafür, dass die USA und andere Besatzungsmächte ein Friedensabkommen mit der Aufstandsbewegung, die sie militärisch nicht besiegen können, anstreben. Der britische Außenminister William Hague bestätigte, dass es Gespräche gegeben habe. Die Washington Post und die New York Times haben in diesem Monat ebenfalls berichtet, dass US-Vertreter kürzlich Gespräche geführt haben.