Christopher Hitchens, Journalist und Politschurke, stirbt mit 62

Von David Walsh
20. Dezember 2011

Am 15. Dezember verstarb der britischstämmige Journalist Christopher Hitchens im M.D. Anderson Krebszentrum in Houston, Texas. Er wurde 62 Jahre alt. Die Medien nahmen seinen Tod weltweit zum Anlass, sein Lebenswerk zu würdigen und ihn mit Lob zu überschütten. Die New York Times meldete seinen Tod auf der ersten Seite, in ihrer Onlineausgabe war zeitweilig ein ausführlicher Artikel über ihn zu lesen.

Diese Lawine der Bewunderung ist, gelinde gesagt, mehr als Hitchens für seine Leistungen und Bedeutung zustünde. Er begann seine Karriere als „linker“ Journalist in Großbritannien und entwickelte sich, scheinbar ohne Gewissensbisse, im Verlauf der Zeit zu einem Befürworter imperialistischer Kriege und politischer Gewalt mit Wohnsitz in Washington, DC.

Diejenigen, die Hitchens in ihren Nachrufen Tribut zollen, verteidigen hauptsächlich ihre eigene Ergebenheit gegenüber Geld und Macht, und zwar heute und morgen. Für die Times und ihre Schreiber ist sein Tod ein besonders wichtiges Ereignis, denn Hitchens verkörperte einen Menschenschlag, den diese Leute bewundern.

Im weitesten Sinne ähnelt Hitchens‘ Laufbahn der vieler seiner Zeitgenossen aus der „Protestgeneration.“ Seine Entwicklung war zwar besonders spektakulär und schmutzig, aber der Unterschied zwischen einem wie Hitchens und den meisten linken Prominenten - auch denen, die ab und zu noch Widerstand gegen die bestehende Ordnung vortäuschen - ist nur gering. Am charakteristischsten für diese Mittelschichts-Elemente ist ihr Mangel an Ernst gegenüber den großen und lebenswichtigen Fragen unserer Zeit.

Das Gerede, Hitchens sei ein „Querdenker“ und „Bilderstürmer“ gewesen, und Vergleiche mit George Orwell sind absurd, selbst wenn man an Orwells schlechteste Momente denkt. Während Washington seinen mörderischen Eroberungsfeldzug um den Globus begann, stand Hitchens in den letzten zehn Jahren seines Lebens fest auf der Seite des amerikanischen Staates, der CIA und des Militärs,

Die christliche Rechte ist nicht die einzige zeitgenössische Form von Reaktion. Dass Hitchens ihre Bigotterie und ihren Fanatismus anprangerte, macht es nicht weniger verwerflich, dass er den Einmarsch im Irak unterstützte, der zur Zerstörung der irakischen Gesellschaft und dem Tod von etwa einer Million Menschen geführt hat. Auch billigte er andere imperialistische Verbrechen, wie die ungestrafte Ermordung des amerikanischen Staatsbürgers Anwar al-Awlaki, und den Aufbau eines Polizeistaates in den Vereinigten Staaten. Hitchens starb als reueloser Befürworter des „weltweiten Kriegs gegen den Terror“ und des Kreuzzugs gegen den „Islamischen Faschismus“. Mit genau dieser rassistischen und chauvinistischen Rechtfertigung wurden die Rohstoffvorkommen des Nahen Ostens von den USA und ihren Verbündeten erobert.

Hitchens war ein Privatschul-„Linker“, wie sie die britische Gesellschaft häufig hervorbringt. Im Grunde sind sie Snobs und Karrieristen, die ihre ehemaligen „Genossen“ im Stich lassen, sobald sich der Wind dreht oder sich etwas Besseres ergibt. In den Siebzigern war er mit der „staatskapitalistischen“ Gruppe International Socialists verbunden, später mit dem Magazin „The Nation.“

Seine Autobiografie ist der peinliche Versuch, mit den Namen bekannter Personen Eindruck zu schinden und sich selbst zu vermarkten. Besonders geschmacklos ist die Beschreibung, wie er als junger Journalist die frisch gewählte konservative Parteichefin Margaret Thatcher trifft, deren neokolonialen Falklandkrieg er später unterstützen wird: „Sowie wir einander die Hand schüttelten, wusste ich, dass [Thatcher] mich kannte und mich vielleicht mit der sozialistischen Wochenzeitung in Verbindung brachte, in der sie vor kurzem als ziemlich sexy bezeichnet wurde [Hitchens selbst schrieb das im New Statesman] Während sie rührend mit ihrer Verwirrung kämpfte…“ Was soll man von solchen Sätzen halten?

In den späten 1990ern, als Hitchens sein linkes Getue größtenteils aufgegeben hatte, beschrieb die Washington Post sehr offen und direkt die Kreise, in denen er in der amerikanischen Hauptstadt verkehrte: „Eine kleine Elite der Washingtoner Gesellschaft – Journalisten, Intellektuelle, Autoren und Entscheidungsträger, die meisten zwischen dreißig und vierzig. Sie gehen regelmäßig zusammen essen und bewirten einander.“ In einem weiteren Artikel in der Post hieß es damals: „Eine abgehobene Welt, in der die Spitzen aus Politik und Bürokratie mit der Elite von Medien und Literatur auf exklusiven Dinner-Partys speisen. Ein gemütlicher kleiner Club aus vertraulichen Quellen und unverbindlichem Vertrauen.“

Wahrlich ein einzigartiger „beißender Polemiker“, wie ihn die New York Times nannte!

2002 gaben die Anschläge vom 11. September ihm die Gelegenheit, seine Beziehungen zu den Ultrarechten zu festigen. Damals schrieb die WSWS, Hitchens sei ein „ehemaliger ‚Linker‘, der sich in den vergangenen Jahren offen und scharf nach rechts bewegt habe. Während der Kampagne für Bill Clintons Amtsenthebung von 1998-99, die von der extremen Rechten organisiert wurde, berichtete Hitchens mit Schaum vor dem Mund über Clintons Sünden. Einmal beteiligte er sich sogar aktiv daran. Er spielte eine kleine, aber dreckige Rolle und tat sein Bestes, um einem Berater von Clinton [Sidney Blumenthal] einen Meineid anzuhängen. Während des Wahlbetrugs von 2000, durch den Bush an die Macht kam, machte Hitchens wieder gemeinsame Sache mit der extremen Rechten und warf den Demokraten vor, sich über die Betrügereien und das brutale Vorgehen von Bushs Lager zu beschweren. Nach den Anschlägen vom 11. September wurde der Kolumnist der Nation zu einem lautstarken Befürworter des Afghanistankrieges.

Ein Befürworter neokolonialer Kriege, ein Spitzel und Verbündeter der reaktionärsten Elemente der amerikanischen Politik – was für ein ungewöhnlicher „Querdenker“!

Wir haben in den späten Neunzigern und frühen 2000ern einige Artikel über Hitchens geschrieben, in denen wir tiefer auf die Karriere und Entwicklung des Journalisten eingehen, und die wir dem interessierten Leser empfehlen:

(Links)

Seit damals hat die WSWS nicht mehr viel über Hitchens geschrieben. Es hat uns einfach nicht mehr interessiert, was er sagte und tat, während er durch die Korridore des Establishments amerikanischer Politik und Medien zog, oft als Held der halbfaschistischen Rechten.

Allerdings wäre es falsch, Hitchens als „Abtrünnigen“ darzustellen, denn das wäre eine Fehleinschätzung der „linken“ Kreise, in denen er verkehrte. In diesen Kreisen ist er nie völlig in Ungnade gefallen. In verschiedenen Würdigungen von „linken“ und liberalen Kommentatoren taucht immer das gleiche Muster auf: Hitchens und Person X oder Person Y zerstreiten sich, vertragen sich, gehen zusammen einen trinken und erweisen sich gegenseitig Respekt, und das trotz angeblich scharfer politischer Konflikte.

Beispielsweise schreibt D.D. Guttenplan in der Nation: „Ich habe Christopher das letzte Mal im Sommer 2009 gesehen, als er im Publikum auftauchte, vor dem ich in Washington einen Vortrag über Politik und Prosa gehalten habe. Unsere Beziehung war wegen verschiedener Fragen angespannt, teilweise politischer, teilweise privater Natur, und ich war sehr gerührt, dass er kam. Nachdem wir uns geküsst hatten, fragte er, ob ich mit ihm essen wolle. Ich erklärte, ich wolle mit meiner Cousine und ihrer Tochter ausgehen… Über die Jahre hinweg war es unmöglich, mit Christopher in allen Fragen einer Meinung zu sein oder ihm in allen Fragen zu widersprechen. Aber es war immer leicht, ihn zu lieben.“

Im Atlantic erinnert sich Benjamin Schwartz: „Ich traf Christopher (niemals Chris) im Jahr 1997. Perry Anderson, ein gemeinsamer Freund, hatte ihn eingeladen, um darüber zu debattieren, ob die amerikanische Intervention auf dem Balkan eine kluge Entscheidung war. Es überraschte mich nicht, dass wir geteilter Meinung waren – eine Position, die alle seine Freunde schon erlebt haben, formell und informell… Danach unterhielten wir uns bei Essen und Martinis hauptsächlich über [den Schriftsteller Nathaniel] Hawthorne… In den folgenden drei Jahren waren wir uns wegen Monica Lewinsky einig, ließen den Kosovokrieg außen vor und redeten hauptsächlich über Bücher und Geschichte.“ Der erwähnte Perry Anderson ist ein linker Akademiker, treuer Anhänger des New Left Review und des westlichen Marxismus.

Sie sind eine große, wenn schon nicht glückliche, dann aber doch versöhnliche und liebenswerte Familie. Warum sollten sich Freunde wegen Fragen zerstreiten, bei denen es um den Tod und die Unterdrückung von zehntausenden oder noch mehr Menschen geht?

Nichts davon hat auch nur im Entferntesten etwas mit dem Kampf für Sozialismus oder dem Aufbau einer Bewegung der Arbeiterklasse für den unversöhnlichen Kampf gegen den Status Quo zu tun.

Wenn Hitchens in Nachrufen als ehemaliger „Trotzkist“ bezeichnet wird, bezieht sich das auf seine Mitgliedschaft bei den International Socialists und ist nicht mehr als ein tragikomisches Missverständnis. Die Organisation wurde gegründet, um Trotzkis Verteidigung der Russischen Revolution und seine Orientierung an der revolutionären Rolle der Arbeiterklasse zurückzuweisen. Allerdings haben Hitchens‘ politische Ursprünge eine gewisse Bedeutung. Es ist allgemein bekannt, dass die IS damals eine Reihe von prinzipien- und verantwortungslosen Angehörigen der Mittelschicht aufgenommen haben, darunter Hitchens selbst oder Paul Foot, der später beim Satire- und Nachrichtenmagazin Private Eye Karriere machte. Dass Hitchens sich ohne Brüche so weit nach rechts entwickeln konnte, zeigt den essenziell antikommunistischen Charakter der „staatskapitalistischen“ Theorien der IS und ihrer damaligen Gesinnungsgenossen in den USA und Großbritannien.

Tatsächlich unterstreicht Hitchens‘ Entwicklung ebenso wie das freundschaftliche Verhältnis, das seine ehemaligen „linken“ Zeitgenossen ihm bewahrt haben, eine der wichtigsten gesellschaftlichen Tatsachen unserer Zeit, die von vielen noch immer nicht begriffen wird: Die linke Mittelschicht ist ein wichtiges Zahnrad in der politischen Maschinerie der Bourgeoisie.

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