Die Oscar-Verleihung 2013: Weitestgehende Mittelmäßigkeit in ihrer schlimmsten Form

Von David Walsh
1. März 2013

Es war eine Qual, die Acadamy-Awards-Feier 2013, d. h. die Oscar-Verleihung, zu betrachten, die Samstagnacht in Los Angeles über die Bühne ging. Dies war eine jener öffentlichen Veranstaltungen, die praktisch jeden Beteiligten demütigen, mehr oder weniger „unschuldige Zuschauer“ eingeschlossen.

Schließlich fiel die Wahl der Akademiemitglieder auf einen sich für die CIA verwendenden Film: auf Ben Afflecks gehaltlosen und müßigen Argo, während ein anderer Film dieser Sorte, Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty, zurückgewiesen wurde. Allgemeine Begeisterung herrschte für Quentin Tarantinos gewalttätig-rassistisches Fantasiestück Django Unchained, und der Regisseur, der das Drehbuch selbst schrieb, erhielt den Preis für das beste Originaldrehbuch. Der wirre, mystische und mit vielen multikulturellen Untertönen aufspielende Film Life of Pi gewann vier Preise, darunter den für den besten Regisseur, der an Ang Lee ging.

Wie erwartet, erhielt Daniel Day-Lewis für seine Darstellung in Lincoln den Preis für den besten Schauspieler. Jennifer Lawrence, eine talentierte Künstlerin, wurde für ihre Leistung in David O. Russells schwachem und konventionellem Silver Linings Playbook als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Alles in allem handelte es sich, mit Ausnahme des beinahe unvermeidlichen Preises für Day-Lewis, um eine armselige und schäbige Zurschaustellung.

Als Sahnehäubchen wurde der Auftritt von Michelle Obama im Weißen Haus serviert, bei dem sie vor einer Reihe dekorierter Militärs stehend, den Gewinner des Preises für dem besten Film verlas. Die Gattin des Mannes, der allwöchentlich der Vorbereitung gesetzeswidriger „Todeslisten“ für ausgewählte Drohnenmorde vorsitzt, erklärte, sie wäre gekommen, um „die Filme auszuzeichnen, die unsere Stimmung heben, unseren Geist öffnen und uns an Orte versetzen, die uns zuvor unvorstellbar waren.“

Einen Tag zuvor erhielt Argo, der von der Rettung von sechs Diplomaten aus Teheran im Januar 1980 handelt, öffentliche Unterstützung des neuen Außenministers John Kerry.

Nach den Feierlichkeiten vom Sonntag und den dazugehörigen Ereignissen zu urteilen, besteht der offizielle Hollywood-Liberalismus in einem Bündnis aufgeblasener Mittelmäßigkeit mit dem militärisch-geheimdienstlichen Apparat. Diese Kreise, aufgequollen von Wohlstand und Selbstzufriedenheit, können sich keinen größeren Triumph denken, als die Anerkennung des amerikanischen Staates – besonders mit einem afro-amerikanischen Präsidenten im Weißen Haus –, während dieser damit beschäftigt ist, die Welt zu unterjochen.

Hollywoods Zelebranten ließen sich ihre Liebesromanze mit CIA und Militär nicht von Enthüllungen vermiesen, die am Samstag bekannt wurden: US-Special Forces sich haben solch ausufernder Tötungen und Folterungen in zwei afghanischen Provinzen schuldig gemacht, dass die Marionettenregierung des Landes nicht darum herum kommt, ihren Abzug zu fordern.

Von der einfalls- und geschmacklosen Moderation des Gastgebers Seth MacFarlane bis hin zu den faden Musiknummern und selbstbezogenen Dankesreden war das Prozedere von einer schauderhaft farblosen und erstickenden Atmosphäre umgeben.

Ein leitendes Prinzip herrschte Sonntagabend vor: es durfte keine Erwähnung irgendeines Problems des heutigen Lebens fallen. Tatsächlich konnte man deutlich wahrnehmen, dass ein kraftvolles Filtersystem in der Halle am Werk war, das die Realität nicht herein ließ. Nichts über Krieg, Rezession, Armut, nichts über irgendetwas außerhalb des Raumes und der Filmindustrie. Die meisten dieser Leute waren und haben einander diszipliniert.

Die Erläuterung der Medien zum Sieg Argos über Steven Spielbergs Lincoln, einem Werk mit weit größerem künstlerischen und historischen Gewicht, ist entlarvend. Die Los Angeles Times schrieb zu Afflecks Film: “Ein Wohlfühlfilm, in welchem der amerikanische Triumph über iranische Fanatiker umso befriedigender ist, als er die Vereinigten Staaten zu einer Zeit mit einem kleinen Sieg in der Hand darstellt, als das Land erniedrigend machtlos schien (…) Große Themen, scheint es, hatten die Akademiewähler nicht im Sinn. Entscheidend bei ihrer Wahl könnte die Art und Weise gewesen sein, wie dem beliebten Affleck eine Nominierung für die Regisseurkategorie verweigert wurde.“

Eine Medienwebsite bemerkte, dass obwohl Lincoln “selbstverständlich das Kaliber für einen Oscarpreisträger hat, er aber nicht genug von einer Vergnügungsreise an sich hat, um es an die Spitze zu schaffen.“ Der Guardian machte geltend: „Gegen Ende des Jahres 2012 machte sich die Ahnung breit, dass Lincoln ein Film sei, den die Leute eher bewundern, als dass sie ihn liebten, und dies verdichtete sich zu einer unumstößlichen Tatsache, als die Saison zu Ende gegangen war.“

Mit anderen Worten war Lincoln den Akademiejuroren einfach zu intensiv und zu ernsthaft. Er warf, zumindest indirekt, alle möglichen komplizierten und schwierigen Fragen auf. Er ermutigte zum Nachdenken, gar zur Beschäftigung mit der Geschichte. Spielberg repräsentiert, bis zu einem gewissen Grade, einen altmodischen Liberalismus. Der Filmmacher hat es unternommen, sich auf seine eigene begrenzte Weise mit wirklichen historischen Fragen auseinanderzusetzen.

Auf der anderen Seite involviert Argo, der von einem CIA-Plan handelt, sechs versteckte US-Diplomaten als Crew-Mitglieder einer nicht existierenden Filmproduktion aus Teheran entkommen zu lassen, die Kooperation Hollywoods mit dem Staat. Indem sie Argo auszeichneten, haben die Wähler also sowohl ihre Loyalität zur militärisch-geheimdienstlichen Gemeinschaft und ihrem Chefgeheimagenten gezeigt als auch sich selbst dafür auf die Schulter geklopft. Es ist besonders beschämend, dass ein solcher Film während unablässiger Vorbereitungen für den Krieg gegen den Iran erscheint – und sich diesen andient.

Affleck schickt seinem Film einen Prolog voraus, in dem er etwas zu Machenschaften der Vereinigten Staaten im Iran im Jahr 1953 und zu Washingtons Verantwortlichkeit für das Schah-Regime erklärt. Es scheint, er glaubt, damit hätte er der Verantwortung Genüge getan, einen Kontext für das Drama zu liefern und der Film könne fortfahren, als hätte Geschichte keine weiteren Konsequenzen.

Die amerikanische Regierung und die CIA haben dabei geholfen, den Iran für 25 Jahre in ein Konzentrationslager voller Unterdrückung, Folter und Mord zu verwandeln. Die Massen von Iranern, die in Argo zu sehen sind, haben allen Grund entrüstet zu sein. Der Film nimmt Sympathien der Zuschauer für die sechs Diplomaten als gegeben hin und sieht keine Veranlassung, eine solche Stimmung dramatisch aufzubauen. Tatsächlich fühlt man sehr wenig für sie, noch weniger tut dies der von Affleck gespielte Charakter, der langjährige CIA-Agent Tony Mendez.

Bei weitem nicht jeder, der bei der Preisverleihung zugegen war, ist ein Dummkopf – oder war es zumindest schon immer. Im Jahr 2005 spielte George Clooney in dem Streifen Syriana einen CIA-Agenten – keinen Mendez ähnlichen–, der in Komplotte im Nahen Osten verwickelt war, darunter auch gegen den Iran. Wir schrieben auf der WSWS, dass Stephan Gaghans komplexer Film, den Clooney mitproduzierte, ein „erschreckendes Porträt des permanenten Ringens der gigantischen US-Konzerne und ihrer CIA-Sponsoren zur Errichtung eines Würgegriffs über die weltweite Ölversorgung“ war.

Samstagnacht war Clooney auch auf der Bühne, um sich für den Preis als bester Film zu bedanken, denn er war ebenfalls Ko-Produzent des miserablen Argo, mit dem die selben Verschwörer reingewachsen wurden, die Syriana acht Jahre zuvor so vernichtend porträtiert hatte.

Dieses besondere Milieu, sich im Golde wälzend und von der Bevölkerung durch einen Abgrund getrennt, ist der schärfste Ausdruck der Verfälschung dessen, was in den USA als „links“ durchgehen kann. Konformismus ist ein Element in ihrer Anpassung an den gegenwärtigen Stand der Dinge, doch sie haben auch aufgehört, durch die Verpackung des amerikanischen Imperialismus hindurchzuschauen, wenn sie es jemals ernsthaft taten. Nachdem ihre kulturellen und ihre Lebensstilkonflikte mit der Bush-Regierung erledigt worden sind, sind sie bereit, noch schlimmere Verbrechen mitzutragen. Diese Leute haben sich aufgegeben – sie haben ihren Frieden mit dem Zeitalter Obamas geschlossen.

Wandel in der Filmwelt – und Wandel wird es geben – wird nicht von innerhalb dieser gesellschaftlichen und kulturellen Schicht kommen. Selbst in dem Saal am Samstagabend gab es wohl jene, die angewidert waren, doch unter denen, die nicht anwesend waren, gibt es weit mehr mit sehr festen Überzeugungen.