Aktienverkäufe in Japan sind ein Zeichen für wachsende finanzielle Instabilität

29. Mai 2013

Der Nikkei-Index sank am Freitag um sieben Prozent und reagierte danach sehr empfindlich; zum Ende des Tages lag er nur unwesentlich höher. In den USA verzeichneten die Aktienmärkte ihren ersten Wochenverlust nach einmonatigen Höchstständen. Einer der Gründe für den Absturz in Japan war ein Rückgang der Produktion in China, ein wichtiges Element war jedoch auch die Angst vor einer großen Krise, falls die amerikanische Federal Reserve ihre Politik der „quantitativen Lockerung“ einstellen oder deutlich abschwächen sollte. Damit ist die Flutung der Finanzmärkte mit 85 Mrd. Dollar im Monat gemeint.

Am Mittwoch deutete Ben Bernanke, der Vorsitzende der Federal Reserve, an, die Fed erwäge, den Kauf von Wertpapieren stark einzuschränken, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen in den USA verbesserten. Die Finanzmärkte sind so stark von dem billigen Geld der Fed und anderer Zentralbanken abhängig, dass die bloße Andeutung, das Programm könnte eingeschränkt werden, Kursverluste verursacht, obwohl er sich zu nichts verpflichtete und kein Datum nannte.

Der Chefökonom von HSBC, Stephen King, sagte über die Aktienverkäufe, sie seien ein Anzeichen für die wachsende Diskrepanz zwischen den Hoffnungen der Finanzmärkte und der wirtschaftlichen Realität. Er sagte: „Zu Beginn des Jahres gab es die Hoffnung, dass sich die Weltwirtschaft durch kräftige Geldspritzen, den Aufschwung in den USA und die Stärke Chinas aus ihrer Erstarrung lösen könnte. Die Geldspritzen waren jedoch nur Halluzinogene.“

Die Turbulenzen in Japan sind besonders bemerkenswert, da das Programm von Premierminister Shinzo Abe und der Bank von Japan die extremste Form der „quantitativen Lockerung“ darstellt. Sie haben die Verdopplung der Geldmenge des Landes innerhalb von zwei Jahren beschlossen

Es wird geschätzt, dass die Bank von Japan seit Beginn des Programms Anfang April etwa 70 Prozent der neu ausgegebenen Staatsanleihen gekauft hat. Das erklärte Ziel dieser Politik ist es, die Zinsen zu senken, die Inflation zu stimulieren und die wirtschaftliche Aktivität zu verstärken.

Eines der unausgesprochenen Ziele ist es, Japans wirtschaftliche Rivalen wie Korea und China zu schwächen, indem sie den Yen im Vergleich zu deren Währungen schwächer macht und so Japans Exporte stärkt. Dies führt zu scharfen Spannungen zwischen den Großmächten, da alle Mächte versuchen, auf Kosten der anderen durch Geldentwertung einen Vorteil zu erlangen. Diese Spannungen verschärfen die gefährliche strategische Lage in Japan, die schon dadurch angeheizt wird, dass die Obama-Regierung Japan in seiner aggressiven Haltung gegenüber China in Territorialstreitigkeiten in der Region unterstützt.

Die Abe-Regierung beabsichtigt auch, ihr Programm der quantitativen Lockerung zu nutzen, um Wirtschaftsreformen zu finanzieren und durchzudrücken, die sich gegen die Arbeiterklasse richten: Rentenkürzungen, Erhöhungen der Mehrwertsteuer, Umstrukturierungen der Industrie und andere reaktionäre Maßnahmen. Das ähnelt der Politik in den USA und Europa, wo die quantitative Lockerung mit tiefen Sozialkürzungen, Massenentlassungen und starken Lohnsenkungen und Produktivitätssteigerungen einhergeht.

Die unmittelbare Folge des Programms der japanischen Zentralbank war ein schneller Anstieg der Aktienkurse. Dies führte zu der Befürchtung, dass die Politik der Bank von Japan nicht die japanische Wirtschaft beleben, sondern die Bedingungen für eine große Finanzkrise schaffen werde.

Ein Ziel dieser Politik ist es, die Preise für Staatsanleihen durch Ankäufe der Zentralbank zu erhöhen, was zu niedrigeren Zinssätzen führen würde. Aber statt zu sinken, wie es erwartet wurde, sind die Preise für Anleihen im letzten Monat gestiegen, was darauf hindeutet, dass Großinvestoren möglicherweise versuchen, ihre Geschäfte mit Staatsschulden zu reduzieren, da sie in der näheren Zukunft einen starken Abschwung auf dem Anleihenmarkt fürchten. Wenn sich diese Fluktuation verstärkt, könnte sie eine schwere Finanzkrise auslösen.

Die japanischen Staatsschulden von etwa 245 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) wurden von Investmentunternehmen und aus inländischen Ersparnissen finanziert. Aber das geht so vielleicht nicht weiter. Ein Entwurf des Berichtes eines Regierungsausschusses hat angeblich davor gewarnt, es gebe absolut keine Garantie“, dass inländische Investoren weiterhin die Schulden der Regierung finanzieren werden.

Der Gouverneur der Bank von Japan, Haruhiko Kuroda, warnte am Sonntag in einer Rede auf einem Symposium, dass die großen Finanzinstitute mit ihren Anleihen Verluste machen könnten, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen nicht verbessern und die Zinssätze aufgrund der Befürchtungen über den Zustand der Finanzen der Regierung weiter steigen sollten. Die Bank von Japan schätzt, dass ein Anstieg der Zinssätze um nur ein Prozent zu Marktverlusten in Höhe von zehn Prozent des Kernkapitals der Großbanken und von zwanzig Prozent des Kapitals der kleineren regionalen Banken führen würde.

Kuroda behauptete zwar, die Banken wären in der Lage, mit steigenden Zinssätzen zurechtzukommen, wenn sich die Wirtschaftslage erst einmal verbessere. Die von ihm geäußerten Sorgen über die Staatsschulden hatten jedoch einen eindeutigen politischen Zweck. Das japanische und internationale Finanzkapital beharrt darauf, dass die Höhe der Staatsschulden untragbar geworden ist und die Regierung ein Sparprogramm auflegen muss, dass sich gegen die Arbeiterklasse richtet.

Allerdings hat die Abe-Regierung mit ihrer Politik einen bekannten internationalen Verbündeten gewonnen: den Kolumnisten der New York Times Paul Krugman. Er bezeichnete Abes Maßnahmen als „Gegengift“ gegen den „wirtschaftlichen Defätismus“ der westlichen Welt.

„Wenn die Abenomics funktionieren, haben sie zwei Zwecke: sie kurbeln erstens Japans Wirtschaft an, und sind zweitens für den Rest der Welt ein Gegenmittel gegen politische Lethargie, das sie so dringend braucht wie nie zuvor,“ schrieb er.

Krugmans Begeisterung für das Programm der quantitativen Lockerung der Abe-Regierung ist ein deutlicher Beweis für den völligen Bankrott der Schule der liberalen keynesianischen Ökonomie, die er repräsentiert, und die behauptet, die Wirtschaftskrise ließe sich mit einer „aufgeklärteren“ Politik lösen.

Zum einen lässt sich die Politik der „Abenomics“ nicht von der politischen Agenda seiner Regierung trennen: d.h. einer immer aggressiveren Außenpolitik zur Sicherung der Interessen der herrschenden Elite Japans in der Region und schärferen Angriffen auf die Arbeiterklasse im eigenen Land.

Die Schwankungen auf den Aktienmärkten zeigen, dass die „Abenomics“ kein „Vorbild“ für die USA und den Rest der Welt sind, sondern ein weiterer Ausdruck der zunehmenden Krise des ganzen weltweiten kapitalistischen Systems.

Nick Beams