Gazastreifen

Zahl der Todesopfer verdoppelt sich in vier Tagen

Von Patrick Martin
23. Juli 2014

Die Zahl der Todesopfer im Gazastreifen durch israelische Gewalt näherte sich laut Berichten von Krankenhäusern und Notdienstbeschäftigten in dem belagerten Gebiet bis Dienstagmorgen Ortszeit der 600-Marke. Die UN schätzt, dass drei Viertel der Toten Zivilisten waren, darunter mehr als einhundert Kinder jeden Alters.

Am Sonntag wurden mehr als 120 Menschen getötet, die meisten davon im Stadtteil Shujaiya im Osten von Gaza, und viele weitere am Montag, bei einem Angriff, den Beobachter als den heftigsten seit dem Sechstagekrieg 1967 bezeichneten, in dem Israel erstmals die Kontrolle über den Gazastreifen erlangt hatte.

Besonders schrecklich war das Massaker an ganzen Familien, darunter 28 Mitglieder der Familie Abu Jami, die bei einem Luftangriff nahe Khan Yunis im Süden von Gaza getötet wurden; nur vier Mitglieder der Familie überlebten. In Rafah nahe der ägyptischen Grenze wurden elf Mitglieder der Familie Siyam getötet, darunter sieben Kinder.

Am Montag schossen israelische Panzer auf ein Krankenhaus in der Innenstadt von Gaza, dabei wurden mindestens fünf Menschen getötet und weitere 60 verwundet, die Hälfte davon medizinisches Personal. Zwölf Granaten schlugen im Al Aqsa-Krankenhaus ein und zerstörten laut palästinensischen Gesundheitsbeamten das Verwaltungsgebäude, die Intensivstation und die chirurgische Abteilung.

Angesichts der hohen Zahl von Geschossen, die auf das Krankenhaus abgefeuert wurden, ist es eindeutig, dass es sich um ein vorsätzliches Kriegsverbrechen handelte, und nicht um einen "Fehler," wir die israelische Regierung behauptet – und wie es von den internationalen Medien nachgeplappert wird.

Ein Sprecher von Amnesty International verurteilte Israels Vorgehen und erklärte: "Statt medizinische Einrichtungen anzugreifen – ein Verstoß gegen das Völkerrecht – müssen die israelischen Truppen Ärzte und Patienten schützen und sicherstellen, dass Verletzte medizinische Einrichtungen in Gaza, und nötigenfalls außerhalb des Gazastreifens erreichen können."

Die französische Wohltätigkeitsorganisation Ärzte ohne Grenzen drängte Israel dazu, aufzuhören, "Zivilisten zu bombardieren, die im Gazastreifen gefangen sind," und wies darauf hin, dass die Mehrheit der Verletzten im Al-Shifa-Krankenhaus, wo die Opfer der Massaker von Shujaiya hingebracht wurden, Frauen und Kinder waren. "Die offizielle Position dazu ist, dass das Ziel der Bodenoffensive die Zerstörung von Tunneln sei, aber wir sehen vor Ort, dass wahllos Gebäude bombardiert werden, und dass die Sterbenden Zivilisten sind," erklärte die Gruppe in einer Stellungnahme.

Die Bedingungen in Shujaiya waren so höllisch, dass sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-Moon, der bisher die israelisch-amerikanische Propagandakampagne gegen die Hamas offen unterstützt hatte, den Angriff Israels als "grauenhafte Tat" verurteilte.

Al-Jazeera brachte Augenzeugenberichte von Überlebenden, die aus Shujaiya geflohen waren; sie erklärten: "Einwohner benutzten alle Arten von weißen Tüchern, die sie finden konnten als Friedensflaggen – Hemden, Unterhemden, Tischtücher. Sie wollten aus dem Zielgebiet heraus, wo sie ständig von den Israelis beschossen werden. Aber die meisten weißen Tücher wurden entweder zerrissen oder mit Blut bespritzt."

Die dreifache Mutter Iman Mansur sagte Al Jazeera: "Man kann sich nirgendwo verstecken." Ihre drei Kinder wurden alle verletzt und liegen jetzt im Krankenhaus. "Wir mussten unser Haus verlassen, weil die Panzergranaten wie heiße Regentropfen fielen," sagte sie.

Der Bericht von Al Jazeera fährt mit einer Beschreibung der Bedingungen in dem Krankenhaus fort:

"Im Al-Shifa riecht es nach verbranntem Menschenfleisch (burned human flesh) Die Leichenhalle ist voll mit allen Arten von Verletzungen – Leichenteilen, Gliedmaßen, verbrannten Leichen, darunter auch Leichen mit starken Verbrennungen und tote Kinder.

Die Leichenhalle ist überfüllt mit Leichen. Viele der Opfer sind bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Diejenigen, die nach ihren Angehörigen suchen, müssen sich an bestimmte körperliche Details erinnern – Hautfarbe, alte Narben, Gesichtsform, Frisur oder Größe und Gewicht, Kleidungsfetzen – um die ansonsten schwer verstümmelten Leichen zu identifizieren.“

Die Vereinten Nationen erklärten, mehr als 100.000 Einwohner würden in 67 Unterkünften Zuflucht suchen, ein Sprecher bezeichnete die Situation der Zivilisten als "unvorstellbar."

Sogar die amerikanischen Fernsehsender gaben am Montagabend einen Einblick in die schrecklichen Bedingungen in Krankenhäusern im Gazastreifen. NBC führte ein Interview mit einem europäischen Arzt, der die Gegend besuchte; dieser zeigte auf ein kleines Kind, das Opfer israelischer Bombenangriffe und sagte wütend: "Sie hat ein schlimmes Verbrechen begangen – als Palästinenserin im Gazastreifen auf die Welt gekommen zu sein."

Die Logik hinter der israelischen Invasion ist, dass die Zahl Todesopfer auf der palästinensischen Seite stark ansteigen wird, da die Bevölkerung des Gazastreifens in ein immer kleineres Gebiet gedrängt wird, wo sie zum Ziel immer weiterer israelischer Granaten, Bomben und Raketen wird. Was die Behauptung angeht, Israel versuche, die Zahl der zivilen Todesopfer möglichst klein zu halten, so sollte man darauf hinweisen, dass die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Gazastreifens jünger als achtzehn Jahre ist – 900.000 Kinder in einer winzigen Enklave, die von einer der bestbewaffneten Armeen der Welt angegriffen werden.

US-Präsident Barack Obama äußerte sich am Montagmorgen, kurz vor einer Stellungnahme, in der er die prorussischen Separatisten in der Ukraine verurteilte, über das Blutbad im Gazastreifen – um den wachsenden Widerstand der Bevölkerung, auch innerhalb der USA, zu beruhigen. Er behauptete, er habe "ernsthafte Bedenken wegen der wachsenden Zahl von palästinensischen zivilen Todesopfern und dem Verlust israelischer Leben" und bestätigte, dass Außenminister John Kerry zu weiteren Verhandlungen über einen Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel nach Ägypten aufgebrochen war.

Trotz der Krokodilstränen über palästinensische Todesopfer ist Obama als Partner an den israelischen Kriegsverbrechen im Gazastreifen beteiligt, da er sowohl die anfänglichen Luftangriffe als auch den Bodenangriff unterstützt hat. Die USA bewaffnen und finanzieren die israelische Kriegsmaschinerie, die seit langem die Speerspitze des amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten bildet.

Die israelische Regierung stellt das einseitige Massaker an palästinensischen Zivilisten weiterhin als "Verteidigung" gegen Raketenabschussstellungen und Tunnel der Hamas dar, aus denen Aufständische Angriffe auf Israel durchgeführt haben. Premierminister Benjamin Netanjahu traf sich am Montagmorgen mit der Militärführung und erklärte, die Operation würde ausgeweitet werden, "um die Ruhe für israelische Bürger wiederherzustellen."

Netanjahu behauptet zwar, der Einmarsch im Gazastreifen sei eine Reaktion auf Raketenangriffe der Hamas, doch die New York Times meldete am Montag: "Israel hat eine Taskforce eingerichtet, die die Tunnel seit einem Jahr studiert." Mit anderen Worten, die Israelischen Verteidigungskräfte haben diese Operation schon lange geplant und die Entführung und Ermordung von drei jungen israelischen Siedlern im Westjordanland als Vorwand ausgenutzt, um Spannungen mit der Hamas zu schüren und einen offenen Krieg zu provozieren.

Presseberichte von israelischer Seite werden zwar vom Militär zensiert und israelische Soldaten haben die Anweisung, nicht über ihre Erlebnisse während der Invasion zu reden, aber es wird sogar aus den bruchstückhaften Schilderungen deutlich, dass der Widerstand der Hamas in Shujaiya viel heftiger war, als es das israelische Militär erwartet hat. Der Grund dafür ist zum Teil die Brutalität, mit der Israel das Stadtviertel bombardiert hat, um sich an der ganzen palästinensischen Bevölkerung für den Tod von dreizehn israelischen Soldaten in dem Gebiet zu rächen.

Die Washington Post zitierte einen ranghohen israelischen Militärfunktionär, der erklärte: "Es war eine sehr harte Schlacht dort. Ich muss zugeben, der Gegner hat gut gekämpft." Er erklärte, die Hamas-Kämpfer seien "gut ausgebildet" und "sehr gut" mit leichten Waffen und ein paar Granatwerfern ausgerüstet gewesen. Die Hamas-Truppen kämpften mehr als sieben Stunden erbittert mit den Israelischen Streitkräften. Die New York Times berichtete, das Haus in Shujaiya, in dem die Golani-Brigade operierte – die Einheit mit den meisten Todesopfern – sei von einer Panzerabwehrrakete getroffen worden und zusammengebrochen.

Derweil begannen die Palästinenser im Westjordanland eine dreitägige Trauer für die Opfer im Gazastreifen, das Gebiet wurde von einem Generalstreik lahmgelegt. In Einzelfällen warfen palästinensische Jugendliche in Ostjerusalem mit Steinen. Ein einundzwanzigjähriger Palästinenser namens Mahmud Shawamreh wurde bei Ramallah von israelischen Soldaten erschossen.