Die New York Times und Flug MH17

Von Bill Van Auken
2. September 2014

In ihrem Leitartikel vom 29. August ruft die New York Times die Vereinigten Staaten und die Nato zu einer Vergeltungspolitik gegenüber Russland auf, da dieses angeblich „eine umfangreiche und nicht hinnehmbare Ausweitung der Aggression gegen die Ukraine“ betreibe. In einem Nebensatz behauptet die Zeitung, nachdem Rebellen in der Ostukraine „ein malaysisches Passagierflugzeug mit einer russischen Rakete abgeschossen hatten“, sei „Russlands Verstrickung noch offenkundiger geworden“.

Eine erstaunliche Behauptung, besonders wenn man bedenkt, dass die Times und fast alle westlichen Medien einen ganzen Monat lang Stillschweigen über das Thema wahrten. Sie verloren kein Wort mehr über Flug MH17, obwohl die Ermittler doch die wichtigsten Beweismittel, darunter den Flugschreiber des Flugzeugs, zur Verfügung hatten.

Wie kann die Times es heute als nicht hinterfragbare Tatsache hinstellen, dass die Kiew-feindlichen Kräfte in der Ukraine und Russland selbst für den Abschuss des Flugzeugs verantwortlich seien?

Zur Tragödie des Flugs MH17 liegen unbestreitbare Fakten vor. Das Flugzeug, das sich am 17. Juli auf der Route Amsterdam-Kuala Lumpur befand, stürzte in der Kriegszone der Ostukraine ab, und alle 298 Passagiere mitsamt der Bordbesatzung verloren ihr Leben.

Über diese Fakten hinaus existieren verschiedene Hypothesen über die Ursache des Absturzes. Eine Hypothese, die schon Stunden nach der Katastrophe aufgestellt wurde, aber nur durch höchst fragwürdige Äußerungen in den sozialen Netzwerken gestützt wurde, lautete, dass die Kiew-feindlichen Rebellen in der Ostukraine das Flugzeug mit einer von Russland gelieferten Buk abgeschossen hätten, einer Boden-Luft-Rakete. Die Rebellen dagegen sagten, sie seien nicht im Besitz einer solchen oder verfügten nicht über die Fähigkeit, sie einzusetzen.

Die Schlussfolgerung liegt sehr nahe, dass die Times und praktisch alle westlichen Medien diese erste Hypothese hauptsächlich deshalb sofort übernahmen, weil sie so maßgeschneidert zu einer ganz bestimmten außenpolitischen Agenda Washingtons und seiner Verbündeten passte, die sich gegen Russland richtet.

Es gibt aber auch andere Hypothesen. Die New Straits Times beispielsweise, Malaysias wichtigste englischsprachige Tageszeitung, berichtete am 7. August von zwingenden Beweisen, die darauf hindeuteten, dass das Flugzeug von einer Luft-Luft-Rakete und von Maschinengewehrfeuer aus einem ukrainischen Suchoi-25-Kampfjet abgeschossen worden sei. Der Bericht zitiert amerikanische Geheimdienstanalytiker und Ermittler vor Ort mit der Aussage, der Schaden am Flugzeugrumpf deute darauf hin, dass die Boeing „von einer Luft-Luft-Rakete schwer beschädigt und danach mit Maschinengewehrfeuer (…) zerstört wurde“.

Die Quelle dieses Artikels macht ihn höchst bemerkenswert. Die New Straits Times ist eine Zeitung, die die Ansichten der herrschenden Partei und der Regierung von Malaysia reflektiert. Dieser Staat hat 43 seiner Bürger bei dem Absturz verloren, nur die Niederlande hatten mehr Menschleben zu beklagen. Die Fluglinie selbst gehört Malaysia. Der Bericht wurde von der New York Times indessen ausgeblendet, ebenso wie von der überwiegenden Mehrheit der westlichen Medien.

Die World Socialist Web Site behauptet nicht, sie besitze unwiderlegbare Beweise, welche die MH17-Katastrophe in der einen oder anderen Weise erklären könnten. Es ist jedoch verblüffend, in welchem Ausmaß die Medien und insbesondere das „Referenzblatt“ New York Times unfähig sind, die vorliegenden Fakten dieser schrecklichen Tragödie zu berücksichtigen. Sie unternehmen nicht einmal den Versuch einer Recherche von der Art, wie man sie bei jedem größeren Tötungsdelikt erwarten könnte. Stattdessen beten sie lediglich die von der Obama-Regierung und dem US-Außenministerium vorgegebene Linie nach.

Die Berichterstattung der Times über dieses Ereignis zeichnet sich durch den vollständigen Verzicht auf kritische Distanz zur amerikanischen Regierung und zum herrschenden politischen Establishment aus. Tatsächlich gilt dies für jedes Ereignis, das die fundamentalen Interessen des amerikanischen Imperialismus berührt.

Die Zeitung ist weder ein “Wächter” noch ein “vierte Instanz”, die eine kritische und gegnerische Haltung gegenüber dem Staat einnehmen würde, sondern sie arbeitet als Partner und Lakai der Regierung. Diese Haltung findet man seit einiger Zeit bei jedem größeren Ereignis, vom 11. September 2001 über die Vorbereitung auf den Angriffskrieg gegen den Irak bis hin zu den jüngeren Interventionen und Provokationen in Libyen, Syrien und heute in der Ukraine.

Die inzestuöse Beziehung der führenden Kolumnisten und Journalisten der Times (Thomas Friedman, Roger Cohen etc.) zu jenen, die im Zentrum der Macht stehen, wird nicht verhehlt, sondern gründet sich auf das Eigeninteresse dieser wohlhabenden Schicht. Dieses Interesse durchdringt die Politik, die sich im gesamten Blatt wiederfindet. Sie macht die Zeitung zu einer willigen Hilfskraft, um der Auslegung von Ereignissen, die Washingtons Plänen dienen, Gehör zu verschaffen.

Der Wahlspruch, der das Impressum der Zeitung ziert – All the news that’s fit to print (Alle Nachrichten, die druckreif sind) –, sollte der Wahrheit entsprechend abgeändert werden. Es müsste heißen: „Alle Nachrichten, die reif für die Propaganda der US-Regierung sind“. Wie der Flug MH17 zeigt, werden Nachrichten, die diesem Kriterium nicht entsprechen, nicht gebracht.

Der schreckliche Preis, der bezahlt werden muss, wenn Medien sich dazu hingeben, eine solche Rolle zu spielen, zeigt die Hetzkampagne der Times auf der Basis von Lügen über „Massenvernichtungswaffen“, um die amerikanische Bevölkerung in den Irakkrieg zu treiben. Eine Million Iraker und fast 4.500 amerikanische Soldaten wurden in jenem Krieg getötet, sowie Zehntausende Menschen verwundet. Im Falle des Fluges MH17, der potenziell den Keim zu einem Dritten Weltkrieg legen könnte, ist diese Rolle besonders heimtückisch und todesgefährlich.

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